Die geistige Symbolik der Asanas – Raja Yoga auf der Yogamatte – Teil 2

Namasté zum zweiten Teil dieser Artikelreihe. Im letzten Artikel über die geistige Symbolik der Asanas ging es um die Symbolik des Namasté Grußes, Tadasana und der Heldenstellung Virabhatrasana.

Heute gehen wir auf die erste Hälfte der Asanas der Yoga Vidya Grundreihe, bzw. der Rishikesh-Reihe ein.

Die Yoga Vidya Grundreihe – oder auch: die Yoga Vidya Reihe – ist eine Reihe von Yoga Übungen, die alle sieben Hauptchakras im menschlichen Körper anspricht und dadurch Körper, Geist und Seele ins Gleichgewicht bringt.

Beginnen wir also mit der ersten Asana der Yoga Vidya Reihe, dem Kopfstand: 

Shirshasana (Kopfstand)

Sirsasana wird auch als der König der Asanas bezeichnet. Der Kopfstand hat viele positive körperliche Wirkungen und hebt unser Energie-Level. Auf der geistigen Ebene schult er königliche Tugenden in uns:

Wenn Du mit der Kopfstand-Übung beginnst, ist es zunächst einmal wichtig die notwendige Kraft in Armen, Schultern und der gesamten Rumpfmuskulatur aufzubauen. Dafür brauchst Du Geduld und Durchhaltevermögen sowie den nötigen Biss, um auch mal schweißtreibende Übungen durchzuhalten.

Um Sirsasana kontrolliert aufzubauen, braucht es eine gute Vorwärtsbeuge, denn nur, wenn das Becken über die Schultern kommt, ist es möglich, ohne zu springen die Füße vom Boden zu lösen. Das heißt also geduldig und ehrlich Vorwärtsbeugen üben.

Dann kommt irgendwann der Zeitpunkt, an dem der Körper bereit ist, in den Kopfstand zu gehen. Die nötige Kraft und Beweglichkeit sind vorhanden und – es klappt trotzdem nicht. Das Nervensystem ist überfordert, weil es die Position und die Bewegung nicht kennt und es kommen Unsicherheit oder Angst auf.

Das ist toll! Denn jetzt kannst Du üben Mut und Vertrauen zu haben. Mut, die Füße vom Boden zu heben und Vertrauen in den/die YogalehrerIn, der/die hinter Dir steht und Dich hält. Du wirst unsicher sein und wackeln. Vielleicht fühlst Du Dich wie ein kleines Kind, das Laufen lernt.

Dein Ego wird tausend Gründe finden, warum der Kopfstand nicht gut für Dich ist. Vielleicht wirst Du sauer oder wütend oder ärgerst Dich über Dich selbst. Auch das ist super, denn hier kannst Du üben Gedanken los zu lassen, die nicht hilfreich sind und einfach weiter üben. Denn Dein Nervensystem lernt dazu und bald wirst Du auf dem Kopf stehen. Mach einfach weiter!

Ein Kind, das gerade Laufen lernt und nach dem dritten Hinfallen meint, dass Laufen nicht das Richtige für es sei, wird ein Leben lang kriechen. Aber Kinder machen sowas nicht. Sie stehen immer wieder auf und probieren es so oft, bis es klappt. Beständiges Üben (abhyasa) und Leidenschaftslosigkeit (vairagya).

Garbasana (Stellung des Kindes)

Wie oft verstricken wir uns in Ängsten und Sorgen über die verschiedensten Dinge? Das Leben erscheint dann schwer und sinnlos, weil wir blind werden für die Wunder, die vor unserer Nase liegen. Für ein Kind ist nichts selbstverständlich. Kinder erkennen die Wunder in den kleinsten Dingen und erfreuen sich daran.

Warum wollen Kinder oft nicht schlafen gehen? Weil es eben nicht selbstverständlich ist, morgens wieder auf zu wachen! Wir erwachen in einem warmen Bett, in einem beheizten Raum, gehen ganz selbstverständlich in ein Badezimmer, in dem warmes sauberes Wasser aus der Leitung kommt. Gehen zum Kühlschrank, nehmen etwas zu essen raus, machen Tee usw.

Alles, was da ist – und das Leben selbst – sind Geschenke des Himmels! Dankbarkeit ist ein Schlüssel zum Glück. Erkennst Du das Wunder und die Geschenke jedes Tages? Schau Dir Deine Welt mit Kinderaugen an und Dankbarkeit ist unausweichlich.

Sarvangasana (Schulterstand)

Sarvangasana wird auch als Königin aller Asanas bezeichnet. Man könnte auch Mutter aller Asanas sagen, denn wie eine Mutter sich um Harmonie und Gesundheit in der Familie bemüht, so stellt auch Sarvangasana Gesundheit und Harmonie im gesamten Organismus her, indem sie die Schilddrüse, die für die Stoffwechselvorgänge verantwortlich ist, harmonisiert.

Auf der geistig-emotionalen Ebene liebt eine Mutter ihr Kind so, wie es ist. Was es auch anstellt– sie liebt es und kümmert sich bedingungslos um sein Wohl.

Schau in Sarvangasana an Deinem Körper hinauf. Liebst du ihn genauso bedingungslos, wie eine Mutter ihr Kind? Kannst du ihn so lieben und annehmen, wie er ist? Kannst du dich gut in ihm fühlen? Erlaubst du dir, seine Stärken zu sehen und sie anzuerkennen genauso, wie seine Schwächen?

Dabei kannst Du Dir bewusst machen, dass der Körper ein Objekt ist, dass Du wahrnehmen kannst. Du bist das Subjekt, das den Körper wahrnimmt. Körperliches Leid entsteht durch Identifikation mit dem Körper. Schönheitswahn und übertriebener sportlicher Ehrgeiz zum Beispiel entstehen durch Identifikation mit dem Körper und führen zu Leid.

Der Körper ist Dein Fahrzeug für und Dein Tor in dieses Leben. Es gilt ihn liebevoll zu umsorgen, gesund und stark zu halten und Dich um ihn zu kümmern, wenn ihm etwas fehlt. Aber Du brauchst nicht zu leiden, wenn der Körper etwas nicht kann oder ein bestimmtes Ideal nicht erfüllt.

Wir alle haben Stärken und Schwächen und sind als Ganzes perfekt. Wenn Du das erkennst, wie eine Mutter das in ihrem Kind erkennt und Dich und Deinen Körper so liebst, kannst Du auf heilsame Weise mit Deiner körperlichen Realität umgehen, ohne darunter zu leiden.

Halasana (Pflug)

Mit einem Pflug wird die Erde eines Feldes gelockert, damit danach die Samen gesät werden können. Um neue Samen auszusäen, wird also erst mal Chaos gemacht und die Erde wird durcheinander geworfen. Im Feld unseres Lebens ist es ähnlich.

Turbulente Zeiten in denen Dein Leben ein einziges Chaos zu sein scheint, sind ein Segen! Denn jetzt erkennst Du die Dinge, die sich verändern dürfen. Im Innen wie im Außen.

Du erkennst falsche Glaubenssätze und blockierende Gedankenmuster, weil sie durch die Herausforderungen des Lebens an die Oberfläche geworfen werden. Jetzt kannst Du sie anschauen, los lassen und neue Samen säen. Aber hab Geduld! Gras wächst nicht schneller, wenn man dran zieht….

Im Außen kannst Du identifizieren, was nicht mehr in Dein Leben gehört und auch das los lassen, um Platz zu schaffen. Jetzt kannst Du Dein Herz öffnen und das Neue einladen, was sich nun manifestieren kann. Und habe Vertrauen. Du bist nicht allein für die Veränderungen verantwortlich. Wie der Bauer kannst Du pflügen, säen, gießen usw. Aber ob und wie die Pflanze wächst, liegt letztendlich nicht in Deiner Hand.

Matsyasana (Fisch)

Matsyasana steht für Herzöffnung und die Entfaltung der bedingungslosen spirituellen Liebe in unserem Herzen. Aber was bedeutet das eigentlich?

Solange wir uns selbst nicht kennen, irren wir durch das Leben auf der Suche nach Glück und Liebe, die die innere Leere füllen sollen und suchen Glück und Liebe in äußeren Dingen. Aber alle greifbaren Objekte – auch andere Menschen – sind vergänglich. Wir finden in ihnen auf Dauer nicht das, was wir suchen und die Suche geht immer weiter.

Wer sich beständig und frei von Erwartungen wach und offen nach Innen wendet, kommt irgendwann in Kontakt mit dem Selbst. Mit dem göttlichen Funken, der in Dir wohnt und der alles miteinander verbindet. Das ist die unvergängliche ewige Quelle von Glück.

Bist Du mit dieser Quelle verbunden, ruhst Du in Deiner Mitte. Es gibt nichts, was Du im Außen suchst oder von anderen haben willst. Du bist frei von Wünschen, weil Du alles in Dir findest. Wenn ein Mensch sich mit dieser inneren Erfülltheit nach Außen wendet und mit anderen in Kontakt geht, gibt es dafür ein Wort: LIEBE.

Diese Liebe will nichts, sucht nichts, verlangt nichts, erwartet nichts und greift nach nichts, denn sie ist völlig frei und handelt aus reinem Herzen und Mitgefühl. Matsyasana lädt Dich ein, Dich nach Innen zu wenden und Dich mit Deinem Selbst, Deiner inneren Quelle von Glück und Zufriedenheit zu verbinden, damit die Liebe aus Deinem Herzen überfließen kann.

Im dritten und letzten Teil dieser Serie werden wir die letzten Asanas der Yoga Vidya Grundreihe genauer anschauen und warum es gut ist, täglich zu üben.

Bis dahin alles Liebe

Om Shanti

Ein Artikel von Gauri D. Reich

Alle Teile dieser Serie:

Kommende Seminare mit Gauri bei Yoga Vidya:

Alle Seminare mit Gauri auf einen Blick →

Gauri Daniela Reich Yogalehrerin (BYV), Ayurveda Gesundheitsberaterin (BYVG), Vegane-Ernährungsberaterin, Yoga Personal Trainerin, Inner Flow Vinyasa Teacher, Lehrerin für Prävention und Gesundheitsförderung, Ausbildung in Thai Yoga Massage, Diplom Betriebswirtin.

Gauri praktiziert Yoga seit 2011. Nach ihrer zweijährigen Ausbildung im Yoga Vidya Center Darmstadt lebte sie knapp zwei Jahre im Yoga Vidya Ashram Bad Meinberg, wo sie ihre Yogapraxis und Unterrichtserfahrung vertiefte. Ihr Yogaunterricht reicht von therapeutischen Yoga Stunden über schweißtreibende Vinyasa Sequenzen, exakte Ausrichtungs-Prinzipien aus dem Iyengar Yoga Stil bis hin zu klassischen Sivananda oder Yoga Vidya Stunden aller Level, die auch zu Mantrayogastunden werden können.

2 Kommentare zu “Die geistige Symbolik der Asanas – Raja Yoga auf der Yogamatte – Teil 2

  1. Sabine Szimanski

    Sehr geehrte Frau Niebergall,
    dass Sie Ihre Schmerzen u.a. mithilfe von Yoga in den Griff bekommen haben, freut mich sehr!
    Ihr Kommentar zum Artikel „Die geistige Symbolik der Asanas“ verwundert mich allerdings.
    Yoga IST mehr als „Freizeitsport und Mittel zur Gesundheitsförderung“. Es ist eine Lebensphilosophie. Es ist aber auch vollkommen in Ordnung, dass Sie sich nur das herausgegriffen haben, was Sie zur Genesung brauchten.
    Von Ihnen verlangt niemand, den Kopfstand zu erlernen. Im Artikel steht lediglich, wie es meistens abläuft, WENN jemand sich entschließt, ihn lernen zu wollen – und das ist sehr gut beschrieben, wie ich aus eigener, frischer Erfahrung bestätigen kann. Der Vergleich mit dem Laufen lernen ist genau richtig: Nicht entmutigen lassen, Dranbleiben! (Ich bin übrigens 54, übe seit 3,5 Jahren Yoga, war nie besonders gelenkig und kann jetzt tatsächlich auf dem Kopf stehen. Noch vor einem Jahr hielt ich es für unmöglich.)
    Übrigens tut es mir Leid für Sie, dass Sie sich nicht von Ihrem Yogalehrer berühren lassen möchten, sondern dies gleich als „in die Haltung zerren“ auslegen. Berührungen tun gut und schaffen Vertrauen.
    Ich wünsche Ihnen alles Gute!

  2. Margit Niebergall

    Liebe Frau Reich,

    was Sie über die einzelnen Asanas schreiben, ist ja recht interessant.
    Allerdings habe ich nicht zum ersten Mal den Eindruck, dass hier in Yoga sehr viel mehr gesehen wird als ei Freizeitsport und ein Mittel zur Gesundheitsförderung. Mir scheint, als würden Sie eine Haltung fördern und fordern, die in Yoga allgemein und den einzelnen Asanas im Besonderen einen Selbstzweck sieht. Ich kann und will eine solche Einstellung nicht teilen und für Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen erscheint sie mir eher kotraproduktiv.
    Das Erlernen des Kopfstandes mit dem Laufenlernen zu vergleichen finde ich mehr als daneben.
    Nicht laufen zu können stellt eine erhebliche Einschränkung dar, keinen Kopfstand zu können eigentlich nicht. Es ist vielmehr für die meisten Menschen jenseits der 50 der Normalfall.
    Ich habe in den letzten Jahren dank Yoga, Pilates und Feldenkrais meine chronischen Rückenschmerzen lindern können und denke gar nicht daran, mir das durch so eine Wahnsinnsübung wieder kaputt zu machen! Noch etwas zum „Vertrauen in den Yogalehrer, der mich hält“: das fehlte mir noch, dass ich mich von einem Kursleiter oder Trainer in die von ihm gewünschte Haltung zerren oder drücken lasse!
    Dass mein Physiotherapeut mich gelegentlich anfasst, geht in Ordnung. Aber jeder Trainer oder Übungleiter (und ein Yogalehrer ist nichts Anderes) hat seine Hände gefälligst bei sich zu lassen und es zu akzeptieren, wenn ich eine Übung nicht ausführen kann und/oder will. Die Gründe hierfür gehen ihn eigentlich auch nichts an.

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