Wer sucht, der findet – Prashna Upanishad

Die Prashna Upanishad ist eine der zehn klassischen Upanishaden und in ihrer Aufmachung sehr einfach gehalten: sechs Schüler sprechen einen Meister an und wollen von ihm die Wahrheit über das Göttliche lernen. Jedes Kapitel, Prashna genannt, behandelt eine dieser Fragen.

Prashna bedeutet übersetzt soviel wie Frage, Erkundigung oder Erforschung. Die Prashna Upanishad behandelt also wichtige Fragen über das Leben, das Selbst und Gott. Dabei regt sie uns dazu an, uns ähnlich wichtige Fragen zu stellen und zu erkunden, wer oder was wir wirklich sind.

Während sich die ersten Fragen mit grundlegenden philosophischen Themen befassen, tauchen die darauffolgenden Fragen tiefer in die praktische Erfahrung der spirituellen Wirklichkeit ein.

Das einleitende Mantra zur Prashna Upanishad

Wie jeder anderer Upanishad wird auch der Prashna ein Mantra vorangestellt, um den Leser auf die Weisheit der Lehre vorzubereiten.

oṁ bhadram karṇebhiḥ śr̥ṇuyāma devāḥ | OM Oh ihr Götter, mögen wir hören, was gut für alle ist.
bhadram paśyema akṣabhiḥ yajatrāḥ | Mögen wir sehen, was gut für alle ist.
sthiraiḥ aṁgaiḥ tuṣṭuvāṁsaḥ tanūbhiḥ | Mögen wir dir, Herr der Liebe, für immer dienen;
vyaśema devahitaṁ yad-āyuḥ | und den Sinn unseres Lebens erfüllen.
svasti na indro vr̥ddhaśravāḥ | Möge Indra uns mit seiner Stärke zur Seite stehen.
svasti naḥ pūṣā viśvavedāḥ | Möge Pūṣa, der die Welt kennt, uns zur Seite stehen.
svasti nas-tārkśyo ariṣṭanemiḥ | Möge Garuda, der voller Eifer ist, uns zur Seite stehen.
svasti naḥ br̥haspatiḥ dadhātu || Möge Br̥haspati, der Lehrer aller Götter, uns wohlwollend beschenken.
oṁ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ || OM Frieden, Frieden, Frieden.

Die sechs Fragen an den Weisen Pippalada

Die Aspiranten Sukesha, Satyakama, Gargya, Kausalya, Bhargava und Kabandhi waren auf der Suche nach Selbstverwirklichung und baten den Weisen Pippalada um Führung auf dem spirituellen Weg.

Da Pippalada jedoch erst herausfinden wollte, ob sie wirklich ernsthaft in ihrer Suche nach der Wirklichkeit sind, forderte er von ihnen, dass sie zuerst ein Jahr mit ihm zusammen leben und sich in Tapas (Selbstkontrolle), Brahmacharya (Enthaltsamkeit) und Shraddha (Glauben) üben. Nach dem Jahr würde er all ihre Fragen beantworten, soweit es ihm möglich ist.

Die erste Frage: Wie begann das Leben?

Als das Jahr dann vorüber war, stellte Kabandhi die erste Frage:

„Meister, wie wurden all diese Kreaturen erschaffen?“

Prashna Upanishad [1.3]

Kabandhi möchte wissen, wie genau die Schöpfung vonstattenging und wodurch alle Lebewesen entstanden sind.

Pippalada erklärt ihm, dass Prajapati, der Schöpfergott und das erste Wesen aus der vedischen Mythologie, das Paar von Materie (Rayi) und Energie (Prana) erschaffen hat. Rayi steht für das Grobstoffliche und den physischen Körper. Prana ist die subtile Energie, die den feinstofflichen Körper ausmacht.

Alle Kreaturen bestehen aus diesem Paar, das den Kräften der Sonne (Prana, männlich) und des Mondes (Rayi, weiblich) entsprechen. Erst durch das Zusammenwirken dieser beider Kräfte, kann das Leben, wie wir es kennen, entstehen. Ohne Prana wäre alles leblos und ohne Rayi gäbe es nichts, was belebt werden könnte.

Der nördliche und der südliche Weg

Pippalada erklärt Kabandhi außerdem zwei Wege, die ein Mensch einschlagen kann: den nördlichen Weg zur Sonne und den südlichen Weg zum Mond. Ersterer führt ins Licht, letzterer in die Dunkelheit.

Jene, die nach Selbstverwirklichung streben, gehen den nördlichen Weg zur Sonne. Die Sonne repräsentiert das höchste Ziel, die ursprüngliche Heimat aller Wesen. Dieser Weg zeichnet sich durch Enthaltsamkeit, Selbstkontrolle und Weisheit aus. Wer ihn geht, ist „jenseits von Furcht und frei vom Kreislauf aus Geburt und Tod.“

Den südlichen Weg, der zum Mond, also in die Dunkelheit führt, gehen all jene, die an die materielle Seite des Lebens gebunden sind. Dieser Weg zeichnet sich durch persönliches Verlangen und äußere Formen der Verehrung aus. Wer ihn geht, sagt Pippalada, wird mit Sicherheit wiedergeboren werden.

Die leuchtende Welt Brahmans gehört jenen, die ohne Verworfenheit, Falschheit und Täuschung sind.

Prashna Upanishad [1.16]

Die zweite Frage: Aus was besteht der Körper?

Danach stellte Bhagava seine Frage:

Meister, welche Kräfte unterstützen diesen Körper? Welche davon manifestieren sich in ihm? Und welche davon ist die mächtigste?

Prashna Upanishad [2.1]

Bhagava knüpft an die Antwort der vorherigen Frage an und fragt Pippalada, in welchen Kräften sich diese Ur-Energien zeigen und welche davon die wichtigste sei.

Der Weise antwortet, dass der Raum, die Luft, das Feuer, das Wasser, die Erde, die Sprache, der Verstand, das Sehen und das Hören diese Kräfte sind. Doch all diesen Kräften lege eine Energie zugrunde, ohne die keine von ihnen Macht hätte. Diese Energie sei Prana, die sich selbst geteilt hat und nun in den verschiedenen Kräften in Erscheinung tritt.

O Prana, die ganze Welt unterliegt deiner Kontrolle. Du bist es, das fest in den drei Welten verankert ist. Beschütze uns, wie eine Mutter ihren Sohn beschützt uns und gib uns Reichtum und Weisheit.

Prashna Upanishad [2.13]

Die dritte Frage: Was genau ist Prana?

Dann war Kausalya an der Reihe und stellte die dritte Frage:

Meister, wo wird dieses Prana geboren? Wie gelangt es in den Körper? Wo verbleibt es, nachdem es sich selbst aufgeteilt hat? Wie geht es heraus? Wie unterstützt es das, was ohne, und all das, was im Körper ist?

Prashna Upanishad [3.1]

Kausalya geht mit seiner Frage noch tiefer und möchte wissen, was die Natur von Prana ist, wo es herkommt und wie genau es funktioniert.

Pippalada antwortet ihm, dass Prana aus dem Selbst geboren wird. So wie eine Person einen Schatten wirft, so „wirft“ das Selbst Prana in den Körper, damit die Bedürfnisse und Ideen, die im Geist entstehen, erfahrbar gemacht werden können.

Dabei unterscheidet die Prashna Upanishad zwischen fünf verschiedenen Arten von Prana: dem Hauptprana, Apana, Samana, Vyana und Udana.

Die fünf Arten von Prana

Das Hauptprana, auch Prana Vayu genannt, befindet sich in Augen, Ohren, Mund und Nase. Es ist zuständig für die Atmung und wird in der Prashna Upanishad einfach nur Prana, Lebensatem, genannt.

Dann gibt es Apana, die nach unten wirkende Kraft. Sie ist zuständig für die Fortpflanzung und Ausscheidung und heißt wörtlich übersetzt die „sich bewegende Luft“.

Samana ist die ausgleichende Kraft in der Mitte des Körpers, die zuständig für die Verdauung ist. Samana absorbiert die Lebensenergie aus der Nahrung, die das Vyana dann weiter über den ganzen Körper verteilt.

Das macht Vyana über die unzähligen Nadis die vom Herz ausgehen, wo das Selbst sitzt, sagt Pippalada. Vyana ist die „sich verbreitende Luft“.

Udana, die fünfte Form des Pranas, symbolisiert das Feuer und sorgt dafür, die Lebensenergie von unten nach oben zu leiten. Udana nimmt in der Prashna Upanishad eine besondere Stellung ein, da es die Kraft ist, die die Wirbelsäule nach oben fließend unsere Entwicklung fördert, aber nach unten gerichtet unsere Entwicklung hemmt.

Pippalada sagt in diesem Kapitel außerdem, dass der Inhalt unseres Bewusstseins zum Zeitpunkt des Todes – also letztlich die Ausrichtung unseres Pranas –, darüber entscheidet, wo wir wiedergeboren werden.

Wer wahrnimmt, wie Prana entsteht, den Körper betritt und sich in fünf Teile teilt, um dem Selbst zu dienen, der wird nicht sterben; der wird ganz sicher nicht sterben.

Prashna Upanishad [3.12]

Die vierte Frage: Was bleibt beständig im Traum und Tiefschlaf?

Dann fragte Gargya den Weisen:

Meister, wer ist es, der im Mensch schläft; wer, der in ihm aufwacht? Wer ist es, der Träume sieht? Wessen ist diese Glückseligkeit? Von wem hängt all dies ab?

Prashna Upanishad [4.1]

Gargya möchte wissen, wer der beständige Erfahrende ist, der das Wachen, Träumen und Schlafen erlebt.

Pippalada beginnt zu erklären, dass im Traum der Geist die vorherrschende Kraft ist. In ihm spielen sich alte Erfahrungen wieder ab und werden nochmal neu verpackt erlebt: Alles Gesehene und Gehörte, jede Freude und jeder Schmerz. Dabei ist dem Geist nichts unmöglich, da er im Traum zugleich der Schöpfer als auch die Schöpfung selbst ist.

Wenn auch der Geist zur Ruhe kommt, beginnt der Tiefschlaf (Prajna), wo nur noch das wahre Selbst vorhanden ist. In ihm findet alles seine Ruhe, sagt Pippalada; die fünf Elemente, die fünf Wahrnehmungs- sowie die fünf Handlungsorgane (Indryas), alle geistigen Funktionen (Intellekt, Ego, Verstand), das Licht und auch das Prana. Im Tiefschlaf ruht all das in Brahman.

So wie die Vögel zu dem Baum fliegen, der sie schützt, so schreitet auch all dies zum höchsten Selbst fort, um dort zu ruhen.

Prashna Upanishad [4.7]

In der Mandukya Upanishad, in welcher die vier verschiedenen Bewusstseinszustände behandelt werden, wird über den Tiefschlaf gesagt, dass er der Zustand ist, in dem wir unserem wahren Selbst am nächsten sind.

Die Prashna Upanishad sagt dasselbe. Im Tiefschlaf lösen sich die Schichten, die unser wahres Selbst umhüllen auf und was übrig bleibt ist das formlose und reine Selbst, aus dem alles hervorgeht und zu dem alles zurückkommt.

Es ist das Selbst das sieht, hört, riecht, berührt und schmeckt, welches denkt, handelt und reines Bewusstsein ist. Das Selbst ist Brahman, unveränderlich und göttlich.

Prashna Upanishad [4.9]

Die fünfte Frage: Was bringt uns Meditation im Moment des Todes?

Dann stellte Satyakama Pippalada seine Frage:

Meister, welche Welt erlangt jener, der sich bis zum Tode ganz auf Om konzentriert?

Prashna Upanishad [5.1]

Im dritten Kapitel hat Pippalada bereits gesagt, dass der Inhalt des Bewusstseins zum Zeitpunkt des Todes darüber entscheidet, wo man wiedergeboren wird. Nun möchte Satyakama von ihm wissen, was passiert, wenn man in tiefer Meditation stirbt.

Pippalada erklärt ihm zuerst, dass Om das Symbol für das höchste Brahman ist und dass Meditation auf Om bedeutet, seine Bedeutung (Brahman) wirklich zu erfassen. Swami Sivananda erklärt es so:

Meditation auf Om ist das Aufrechterhalten des ständigen Flusses, der einen Idee des höchsten Selbst, wie der Fluss von Öl aus einem Gefäß in ein anderes.

Meditation auf Om bedeutet also nicht nur das einfache Wiederholen der Silbe Om, sondern das wirkliche Erfassen und Sein dessen, wofür Om steht; also Brahman, das Absolute, das wahre Selbst.

Pippalada erklärt weiterhin – wie wir es auch schon aus der Mandukya Upanishad kennen –, dass Om aus drei Buchstaben, nämlich A U M besteht. Das Meditieren über diese einzelnen Aspekte führe schon zu besonderer Größe und spiritueller Entwicklung, aber erst, wenn AUM in seiner Gesamtheit erkannt wird, erreicht der Aspirant die Verwirklichung von Purusha, dem höchsten Bewusstsein.

Die sechste Frage: Wo ist dieses höchste Selbst?

Schließlich erzählte Sukesha dem Weisen:

Meister, Hiranyanabha, der Prinz von Kosala, kam auf mich zu und fragte mich: „Sukesha, kennst du das Selbst, das aus sechzehn Teilen besteht?“ Ich sagte zu ihm: „Ich kenne es nicht. Wenn ich es kennen würde, würde ich es dir sagen, denn wahrlich, bis zu den Wurzeln verdorrt der, der die Unwahrheit spricht.“ Lautlos stieg der Prinz auf seinen Wagen und fuhr davon. Nun frage ich dich: Wo ist dieses Selbst?

Prashna Upanishad [6.1]

Pippalada antwortet ihm, dass er das Selbst hier und jetzt, in seinem Körper finden kann. Die 16 Teile sind all die Identifikationen des Selbst, die durch Unwissenheit entstehen. Das wahre Selbst jedoch ist unteilbar, homogen und alldurchdringend. Swami Sivananda ergänzt dazu: „Man muss nicht weit gehen, um ihn (den Atman) zu suchen. Er ist im Lotus des Herzens. Er ist dir sehr nahe, näher als dein Atem.“

So wie Flüsse ihre Namen und Formen verlieren, wenn sie das Meer erreichen, sodass man nur noch von dem Meer allein spricht, so verschwinden all diese sechzehn Formen, wenn das Selbst verwirklicht wird. Dann gibt es für uns keine Namen oder Formen mehr und wir erreichen die Unsterblichkeit.

Prashna Upanishad [6.5]

Aus der Antwort dieser letzten Frage heraus kann man schön die Ähnlichkeit von Vedanta und Sankhya entnehmen. In der Sankhya-Philosophie gibt es zwei Instanzen: Das Unmanifeste (Purusha) und das Manifeste (Prakriti), das Selbst und die Welt – oder hier: Prana und Rayi.

Im Vedanta gibt es diese Trennung nicht, da hier nur Brahman eine wirkliche Existenz gegeben wird. Letztlich endet jedoch auch die anfängliche Dualität der Sankhya-Philosophie in der absoluten Non-Dualität des Vedanta, nämlich mit der Selbstverwirklichung.

Der Weise sagte schließlich: „Es gibt nicht mehr über das Selbst zu sagen; nicht mehr.“

Prashna Upanishad [6.7]

Was wir aus der Prashna Upanishad lernen können

Wir können in der Prashna Upanishad einige Parallelen zur Mandukya finden. Wie auch die Mandukya führt uns die Prashna Schritt für Schritt zur Essenz der Upanishaden: Wir sind das unsterbliche Selbst, das alles ist. Damit sei alles gesagt.

Doch damit wir diese Wahrheit besser verstehen können, beginnt die Prashna Upanishad mit Fragen, die wir uns alle schon mal irgendwie gestellt haben und leitet uns so allmählich zu dieser Wahrheit. Sie erklärt uns durch den Weisen Pippalada, aus welchen Kräften unser Körper besteht und wie sie miteinander funktionieren. Letztlich negiert sie jedoch auch das als eine Erscheinung des Selbst. Die verschiedenen Pranas, die Erscheinungen der Materie, die Funktionen des Geistes; all das ginge auf das Selbst zurück.

Die Prashna Upanishad lehrt uns außerdem:

  • Die richtigen Fragen zu stellen. Nach dem Jahr bei ihrem Lehrer konnten die Schüler ihn fragen, was sie wollen. Sie entschieden sich für weise Fragen, die sie in ihrer spirituellen Entwicklung voranbrachten und durch die sie Erkenntnis erlangen konnten.
  • Geduldig zu sein. Bevor Pippalada die Fragen seiner Schüler beantwortete, mussten sie ein Jahr mit ihm leben, um sich als würdig zu erweisen. Da sie in ihrer Suche jedoch ernsthaft waren, nahmen sie es in Kauf, ein Jahr zu warten.
  • Die Wichtigkeit eines Lehrers. Die Beziehung zwischen Schüler und Lehrer ist ein übergreifendes Thema in den Upanishaden, so z.B. auch in der Katha Upanishad. Dabei ist es immer wichtig, dass man einen authentischen Lehrer findet, der das, was man lernen möchte, selbst erreicht hat.

Om Shanti Shanti Shanti

Weitere Kapitel der Upanishaden kannst du auf unserer Website lesen.


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