Vata, Pitta oder einfach du?

von  Marie Meera Karanath

“Ich bin Vata, Pitta, aber vor allem Vata”. Ich hörte diese typische Ashram Aussage vor einigen Tagen in der Nähe des Cafe Maya.

Ich weiß, dass ich nicht die Konversation anderer Leute belauschen soll, aber ich konnte mich nicht daran hindern, dies zu hören, so wie mich nichts daran hindern konnte, nun diesen Artikel zu schreiben. Die wahre Inspiration kommt eh aus dem täglichen Leben!

Die Begriffe Vata, Pitta (selten Kapha– nur Gott weiß, weshalb), Karma und Hochsensibilität sind im spirituellen Milieu Teile der täglichen Konversation geworden, mit denen man die eigene Persönlichkeit beschreibt. Manchmal wollen die Menschen einen Grund finden, um sich nicht zu ändern. Ein weiser Spruch lautet: „Die, die sich nicht ändern wollen, schauen nach Gründen, diejenigen, die sich verändern wollen, suchen nach anderen Wegen“.

HSP als Überlebensstrategie

Auf der einen Seite wenden wir uns der Spiritualität zu um Eindrücke und Definitionen, die wir von uns selbst haben, zu beseitigen, und auf der anderen Seite ersetzen wir diese mit anderen Definitionen wie vata, pitta usw.

Der Begriff Hypersensibilität wurde zuerst von Dr. Aron in den 90-ern definiert:

 “Sensory Processing Sensitivity (SPS, HSP, oder hoch sensible Person) ist kein Zustand, keine Krankheit, keine Diagnose. Es ist ein neutrales Merkmal in 20 % der Menschen und auch in vielen nicht menschlichen Arten. In einigen Situationen bietet diese Überlebensstrategie einen Überlebensvorteil. Diese Überlebensstrategie beinhaltet Informationen (Stimulierungen) sorgfältiger zu verarbeiten als es andere tun, wofür es sichtbare Beweise gibt.

Das kann zu Überstimulierung führen und zu möglichen Bemühungen sich selbst zu schützen. SPS ist keine Krankheit, sondern eine vernünftige Strategie.“

Sollte nun diese “Diagnose” eine Rechtfertigung für unsere Gemütsschwankungen und zerstörerischen Gewohnheiten sein?

Faktoren, die zu HSP führen

Wenn ich auf meine Kindheit zurückblicke und den modernen Lebensstil heute, dann gibt es vergleichsweise viele Faktoren, die zur Entwicklung von Hypersensibilität führen. Du findest freies öffentliches WLan in fast jeder europäischen Stadt. Heutzutage merke ich, dass ich ohne Google Maps meinen Weg nicht mehr finde. Soziale Medien haben persönliche Freundschaften ersetzt. Sind wir überhaupt in der Lage einfach zu SEIN, in der Stille ohne Handy, Fernseher oder andere Formen der Unterhaltung?

Aus diesem Grund habe ich Indien als mein Zuhause gewählt, nicht einmal wegen mir, sondern vor allem wegen meiner Tochter. Ich möchte, dass sie weiß, dass Milch von einer Kuh kommt (und dank unserer Parvati weiß sie das), dass Wasser vom Regen kommt und nicht vom Hahn, dass Elektrizität ein Produkt der Menschen ist, dass viele der Kinderprodukte schädlich sind für Kinder, dass es viel Arbeit und Geduld braucht, um ein Endprodukt zu erhalten und nicht nur einen Mausklick.

Back to the basics

Ist nicht das das primäre Yoga, das wir praktizieren sollten, bevor wir über Chakras (Energiezentren), Energien und übernatürliche Kräfte sprechen?

In anderen Worten: zurück zu den Grundlagen oder „back to the basics“.

Das heißt nicht, dass wir nun alle auf dem Land leben und unsere eigene Nahrung selber anbauen sollten, aber wir sollten unser Möglichstes tun und auch dankbar sein für die Dinge, die wir bereits haben. Denn während du beim Zähneputzen den Wasserhahn voll aufdrehst, kann auf der anderen Seite der Erde jemand verdursten.

Wenn du das oben Genannte realisierst und praktizierst, dann wirst du erkennen, dass die moderne Technologie das Leben komplizierter macht und nicht einfacher. Eine moderne Lösung schafft zehn weitere Probleme, die dann auch wieder gelöst werden müssen. Auf diese Weise wird unser Geist überstimuliert und so entwickelt sich Hypersensibilität. Wir werden emotional unausgeglichen, unfähig weise Entscheidungen zu treffen.

Wenn du nicht in der Lage bist, die Veränderung für dich selbst zu vollbringen, dann denke an die zukünftigen Generationen und vollziehe deinen Wandel aus diesem Grund.

Was können wir ändern im Alltag?

Halte dein Kind so lange wie möglich fern von elektronischen Geräten und setze später klare Regeln für deren Gebrauch. Setze dir selber auch Grenzen, wenn du offline bist und nicht erreichbar. Verbringe so viel Zeit wie möglich in einer sattwigen (reinen) Atmosphäre (Natur, Ashram, sattwige Gesellschaft). Werde dir klar über dein eigenes emotionales Wohlbefinden (das ist eine harte Nuss). Mache deine  Ernährungsgewohnheiten sattwig. Klingt einfach? Ist es auch. Die wahre Spiritualität ist nicht kompliziert. Sie ist das Leben selbst, aber wir sollten daran arbeiten, unermüdlich, jeden Tag.

Indien und die Spiritualität haben mich viel gelehrt und mir geholfen, Gewohnheiten und Programme zu beseitigen, die mir nicht mehr hilfreich waren. Wie sehen solche Erkenntnisse aus? Wir sollten den persönlichen Raum nicht so wichtig nehmen und warmes Wasser und Elektrizität nicht als selbstverständlich ansehen.

Mir wird auch erlaubt, Fehler zu machen und die Welt wird nicht davon zusammenbrechen. „Probieren“ ist lediglich ein Versuch und bedeutet bei Fehlschlag nicht automatisch Demütigung. Öffentliche Reden und Aufführungen können Spaß machen, wenn du das machst um mit anderen zu teilen und nicht aus dem Ego heraus. Deine Gesinnung während der Arbeit ist wichtiger als das Resultat. Du musst nicht vata, pitta oder ein Heiliger sein. Sei einfach DU und das ist genug.

Du kannst mehr über uns erfahren und über das, was wir tun unter arshayoga.org oder Yoga Teacher, Training English and Yoga Therapy.

Dieser Artikel ist erschienen im Yoga Vidya Journal – Ausgabe Nr. 39
Das Yoga Vidya Journal ist selbstverständlich kostenlos und liegt ab sofort in allen Yoga Vidya Häusern und Zentren aus.

Online bekommst du es sofort und ohne Umwege, digital als PDF:

P.S.: Ein gedrucktes Exemplar kannst du bestellen unter: adressen@yoga-vidya.de
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Marie Meera KaranathMarie Meera Karanath

in Tschechien geboren. Während ihres Studiums zur Übersetzerin an der Universität Mainz schloss sie ihre Yogalehrer Ausbildung bei Yoga Vidya Speyer in 2006 ab. Später widmete sie sich dem Yogatherapie-Studium. 2009 ging sie mit ihrem Ehemann Harilalji nach Indien, wo sie gemeinsam das Yoga-Zentrum Arsha Yoga gründeten. Sie haben eine Tochter, Gayatri, mittlerweile 6 Jahre alt.

Website: arshayoga.org


Acharya Harilalji mit Tochter und Kalb
HarilajiAcharya Harilalji hat einen Vollzeit-Diplom-Studiengang in Yogatherapie mit Auszeichnung abgeschlossen (Yoga Therapie am Prasanthi Kutir in Bangalore). Thema der Diplomarbeit war “Integrierte Yogatherapie bei Asthma, Heuschnupfen, Arthritis, Rückenschmerzen, Diabetes, Magen-Darmbeschwerden, Bluthochdruck, Angstzuständen & Depressionen und Fettleibigkeit”. Zur Zeit ist er Leiter des ‘Arsha Yoga Gurukulam’ einem Ashram in Kerala, Südindien, sowie Tutor im ‘Nagelil’ Ayurveda Medical College im Idukki-Distrikt, Kerala. Seine Lehrmethode beruht auf dem traditionellenindischen Gurukula-System. Daher legt er seinen Schwerpunkt mehr auf das Erfahren der Weisheit des Yoga als auf reine Wissensvermittlung. Wenn du Ausbildungen mit ihm bei Yoga Vidya besuchen willst, findest du hier:
Infos, Preise & Anmeldung

1 Kommentar zu “Vata, Pitta oder einfach du?

  1. Ganz herzlichen Dank für diesen inspirierenden Beitrag. Ich gehöre auch zu den HSP, was ich aber erst vor einigen Jahren herausfand. Yoga und vor allem die Ausbildung bei euch in Bad Meinberg hat mir unglaublich geholfen. LG

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