Von der Erschöpfung zurück ins Gleichgewicht

hu
Von hu
Lesezeit: 13 Min

Eine bleierne Schwere in den Beinen. Alles fällt schwer. Die Aufgaben, die vor dir liegen, wirken plötzlich wie ein unüberwindbarer Berg. Selbst #Konzentration kostet Kraft. Am liebsten würdest du einfach nur liegen bleiben. Tiefe Erschöpfung hat von die Besitz ergriffen. Kennst du das?

Das Titelbild und dieser Beitrag wurden mit Unterstützung von KI erstellt und illustriert.

Aber das Liegen bringt kaum Erleichterung. Während du versuchst, dich auszuruhen, kreisen die Gedanken schon wieder um all das, was noch erledigt werden muss. Der Berg wird gefühlt immer größer. Nach und nach kommt die Kraft langsam zurück. Und kaum geht es dir besser, stürzt du dich auf alles, was liegen geblieben ist. Schließlich muss es jetzt schnell gehen. Und so findest du dich kurze Zeit später im selben Erschöpfungsloch wieder

Ich kenne sie diese Schleife nur zu gut. Jahrzehntelang habe ich mich genau darin bewegt. Kaffee und Zucker, um mich zu pushen. Deftiges Essen oder ein Glas Wein, um wieder herunterzukommen. Nächte durcharbeiten oder durchtanzen. Zur Arbeit zwingen, obwohl ich kaum noch stehen kann. Heute tappe ich immer noch gelegentlich in dieselbe, aber jetzt wesentlich sanftere und sattvigere Falle.

Denn ich arbeite gern. Ich mag es, konzentriert zu sein, mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen und richtig ins Tun zu kommen. Genau das ist aber auch die Gefahr. Je mehr ich funktioniere, desto weniger spüre ich meinen Körper. Erst im Nachhinein merke ich dann, dass ich längst über meine Grenzen gegangen bin.

Geheilt bin ich davon also nicht. Aber ich habe gelernt, die Warnzeichen früher wahrzunehmen. Meine Erkenntnisse dazu möchte ich hier mit dir teilen. Früher habe ich mich in solchen Phasen immer gefragt: Wie bekomme ich wieder mehr Energie? Heute stelle ich mir eine andere Frage: Wo kann meine Energie gerade nicht mehr frei fließen?

Für mich ist Energie nichts, was verloren geht oder neu beschafft werden muss. Sie ist da. Ich kann sie durch eine sattvige Ernährung, ausreichend Schlaf oder Yoga unterstützen. Entscheidend ist aber etwas anderes: Erschöpfung zeigt oft, dass der natürliche Fluss dieser Energie gestört ist. Deshalb sehe ich Erschöpfung heute nicht mehr als Gegner, sondern als Botschaft.

Erschöpfung als Botschaft

Im Yoga betrachten wir Körper, Geist und Lebensenergie als Einheit. Leben wir dauerhaft gegen unsere Bedürfnisse, übergehen Warnsignale oder halten an alten Mustern fest, geraten wir aus dem Gleichgewicht. Erschöpfung ist dann kein Fehler des Körpers. Sie ist eine Rückmeldung.

Der Körper versucht nicht, uns auszubremsen oder unser Leben zu sabotieren. Er macht auf etwas aufmerksam, das wir übersehen haben. Oft hören wir erst zu, wenn er nicht mehr leise spricht, sondern mit Pauken und Trompeten die rote Flagge hisst. Und genau hier beginnt der Weg aus der Erschöpfung. Nicht mit der Frage, wie wir möglichst schnell wieder funktionieren. Sondern mit der Bereitschaft, ehrlich hin zuschauen.

Zur Ruhe kommen

Der nächste Schritt ist einfach und gleichzeitig herausfordernd: zur Ruhe kommen. Wirklich zur Ruhe kommen. Denn: Erschöpfung braucht nicht nur weniger Aufgaben. Sie braucht Momente, in denen unser ganzes System herunterfahren kann. Das ist gar nicht so leicht. Selbst wenn wir erschöpft auf dem Sofa oder im Bett liegen, scrollen wir oft durch soziale Medien, schauen einen Film oder hören einen Podcast. Wir möchten die Erschöpfung gar nicht spüren.

Dabei sind auch das Reize. Unsere Sinnesorgane bleiben beschäftigt, das Gehirn verarbeitet weiter Informationen und das Nervensystem kommt nicht wirklich zur Ruhe. Versteh mich nicht falsch: Gegen Ablenkung ist nichts einzuwenden. Auch ein Podcast kann entspannen, aber nicht in dem gleichen Maß, wie reines Sein lassen. Es lohnt sich da mal ehrlich hin zuschauen.

Erhole ich mich gerade oder lenke ich mich nur ab?

Ein Spaziergang ohne Podcast im Ohr kann etwas völlig anderes bewirken als ein Spaziergang mit ständigem Input. Ein warmes Bad in Stille fühlt sich oft anders an als eines, bei dem nebenbei gelesen oder durch das Handy gescrollt wird.

Und genau das kann zunächst ungewohnt sein, fühlt sich unangenehm an. Denn wenn es außen still wird, werden die Gedanken und Gefühle hörbar, die im Alltag meist überdeckt werden. Wir begegnen uns und Facetten unseres Ego, die uns nicht bewußt waren. Aber genau diese einfach zu beobachten, hilft uns, uns selbst, unsere Trigger, unsere Handlungen besser zu verstehen und heilsame Veränderungen einzuleiten.

Wenn der Geist keine Ruhe findet

Aquarell einer vierzigjährigen Frau mit geschlossenen Augen, deren Gesicht sich in Lavendel und Blau auflös
Dieses Bild wurde mit Unterstützung von KI erstellt und illustriert.

Haben wir Ruhe im außen, startet dann gern das Gedankenkarussell. Ein stressgeborener Gedanke taucht auf, wir verlieren uns kurz darin, drücken in weg und ist im nächsten Moment ist er lauter wieder da. Wir verlieren uns wieder kurz darin, drücken in wieder weg, und so weiter und so fort.

Den Gedanken wegzudrücken hilft in solchen Momenten also selten. Da ist es leichter, dem Geist eine andere Aufgabe zu geben. Eine wunderbare Möglichkeit ist Japa, die Wiederholung eines Mantras. Das kann ein einfaches Wort wie Ruhe, Stille oder Frieden sein. Es kann aber auch ein Sanskrit-Mantra sein, etwa Om Namah Shivaya.

Zu einem meiner liebsten Mantras bei Erschöpfung ist im Laufe der Jahre Prana Apana Sushumna Hare geworden. Prana steht für die Lebensenergie, Apana für die erdende und loslassende Kraft. Sushumna bezeichnet den zentralen Energiekanal, in dem sich diese beiden Kräfte begegnen.

Verbinde das Mantra mit deinem Atem. Während der Geist mit dem stillen Wiederholen beschäftigt ist, verlieren die kreisenden Gedanken oft ganz von selbst an Kraft.

Die eigenen Grenzen wieder spüren

Viele Menschen verlieren nach langen Phasen des Funktionierens das Gespür für ihre eigenen Grenzen. Nicht, weil sie keine Grenzen mehr hätten, sondern weil sie sie immer wieder überschritten haben. Der Körper meldet sich. Doch statt eine Pause einzulegen, greifen wir zu Kaffee, oder etwas Süßem und schaffen es noch über den nächsten Termin.

Wenn der Körper die Notbremse zieht, fühlt es sich an, als wären wir abrupt ausgeknockt worden. Tatsächlich waren wir die ganze Zeit schon in der roten Zone unterwegs. Hier hilft das sogenannte Pacing. Gemeint ist, die eigene Energie bewusst einzuteilen und rechtzeitig wahrzunehmen, wann eine Belastung zu viel wird. Dazu braucht es Viveka, Unterscheidungskraft, die erst kultiviert werden muss.

Achte auf die kleinen Signale. Lässt deine Konzentration nach? Wird dein Atem flacher? Nimmt die innere Anspannung zu? Entsteht plötzlich das starke Bedürfnis nach Kaffee oder Schokolade? Das alles können Hinweise sein, dass dein Körper eine Pause braucht.

Es lohnt sich, kurz innezuhalten und zu fragen: Brauche ich gerade wirklich einen Energieschub oder brauche ich eigentlich eine Pause? Manchmal reichen schon fünf Minuten am offenen Fenster. Ein paar bewusste Atemzüge. Ein kurzer Gang nach draußen oder zehn Minuten auf einer Parkbank, ohne Handy, ohne Ablenkung. Diese kleinen Unterbrechungen helfen dir, das Gespür für deine eigenen Grenzen nach und nach wiederzugewinnen.

Neben deinen Grenzen lohnt sich eine weitere Frage:

Wo bin ich im Widerstand?

Widerstand ist nicht automatisch etwas Negatives. Er kann zeigen, dass eine Situation nicht mehr zu dir passt. Er kann aber ebenso aus alten Erfahrungen entstehen und mit dem, was gerade passiert, nur wenig zu tun haben. Deshalb lohnt sich ein genauer Blick: Was löst den Widerstand aus? Ist es wirklich die aktuelle Situation oder reagierst du auf einen alten Trigger? Stecken überhöhte Ansprüche dahinter? Erwartungen, die du an dich selbst stellst oder die andere an dich herantragen?

Sätze wie „Ich muss das schaffen.“, „Ich darf niemanden enttäuschen.“ oder „Ich bin für alles verantwortlich.“ laufen oft unbemerkt im Hintergrund. Sie kosten Kraft, ohne dass wir sie bewusst wahrnehmen. Allein diese Muster zu erkennen, verändert bereits etwas. Denn erst dann kannst du entscheiden, ob sie heute noch zu deinem Leben passen. Ein hilfreiches Interview mit Erkan Batmaz zu diesem Thema findest du hier: Nieder mit dem Schutzschild: Ein neues Verständnis von Energieschutz

Alte Muster hinterfragen

Viele Verhaltensweisen haben uns einmal geholfen. Sie haben uns durch schwierige Zeiten getragen und waren damals sinnvoll. Doch das Leben verändert sich. Was früher hilfreich war, kann heute zur Belastung werden. Erschöpfung lädt deshalb dazu ein, wirklich hinzuschauen: Welche Rollen trägst du noch mit dir herum? Welche Erwartungen versuchst du zu erfüllen? Welche Verantwortung hast du übernommen, obwohl sie gar nicht bei dir liegt?

Nicht alles, was lange selbstverständlich war, muss auch so bleiben. Leben ist Veränderung. Aus kleinen Kindern werden Erwachsene, die Dynamik im Büro verändert sich mit jedem Weggang, mit jedem Neuzugang.

Beziehungen neu betrachten

Gerade in Beziehungen wird das oft sichtbar. Unausgeglichene Beziehungen kosten Kraft. Wenn immer dieselbe Person Verständnis aufbringt, vermittelt, Konflikte löst oder den Kontakt aufrecht erhält, entsteht ein Ungleichgewicht. Ich habe für mich festgestellt, dass sich manche Dinge verändern, wenn ich nicht sofort reagiere.

Manche Konflikte lösen sich von selbst. Manche Beziehungen finden ein neues Gleichgewicht. Andere zeigen erst dann, dass sie nie im Gleichgewicht waren. Nicht jede Situation verlangt nach einer unmittelbaren Reaktion. Beziehungen brauchen Pflege – von allen Seiten. „Das Thema unausgeglichene Beziehungen ist komplex. Mehr dazu, wie man toxische Dynamiken erkennt und gestaltet, habe ich hier geschrieben: Toxische Beziehungen? Vom Trennen und Treibenlassen auf yogische Art

Erschöpfung als Wegweiser

Früher wollte ich möglichst schnell wieder funktionieren. Heute interessiert mich etwas anderes: Warum bin ich erschöpft? Wo arbeite ich gegen mich selbst? Was möchte gesehen werden? Erschöpfung ist für mich kein Gegner mehr. Sie ist ein Wegweiser. Sie fordert mich auf, innezuhalten und mein Leben ehrlich zu betrachten. Passen meine Aufgaben, meine Beziehungen und meine Erwartungen noch zu dem Menschen, der ich heute bin?

Aquarell einer leeren Yogamatte in einer sonnendurchfluteten Raumecke mit Tee und Pflanze
Dieses Bild wurde mit Unterstützung von KI erstellt und illustriert.

Es geht nicht darum, möglichst schnell wieder leistungsfähig zu sein. Es geht darum, wieder im Einklang mit dir selbst zu leben. Genau darin liegt für mich der eigentliche Weg aus der Erschöpfung.


Du hättest gerne etwas Unterstützung dabei und möchtest deine ersten Schritte mit Gleichgesinnten machen? Da habe ich dir einige Seminare rund um das Thema Regeneration und Entspannung zusammengestellt.


Die Autorin hu:

Vor mehr als 20 Jahren zwang mich eine schwere Krankheit dazu, meinen vorgedachten Pfad als Filmemacherin und Autorin zu verlassen und neue Wege zu finden und zu gehen. Diese Reise führte mich zu Heilern und spirituellen Lehrern, zu Hexen, Schamanen, ins Zen-Kloster und in die Einsiedelei. Durch meine Erfahrungen habe ich gelernt, dass wahres Verstehen und Erkennen nicht im Kopf stattfindet, sondern das ganze Wesen, das ganze Sein erfüllt. Seit September 2022 bin ich Sevaka bei Yoga Vidya. 🌻 hu

Keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

WordPress Cookie Notice by Real Cookie Banner