Entschuldigung! Warum das rechte Maß heilt

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Von hu
Lesezeit: 11 Min

Es scheint schwierig für uns Menschen zu sein, das richtige Maß zu finden. Auch beim Entschuldigen. Deswegen habe ich für dich und mich diesen kleinen spirituellen Wegweiser zusammengeschrieben, auf das wir lernen, Entschuldigung zur Reinigung des Geistes zu nutzen.

In letzter Zeit habe ich eine Beobachtung gemacht, die mich beschäftigt: Meine Art, mich zu entschuldigen, pendelt zwischen zwei Polen.

Manchmal wirke ich durch meine Entschuldigung fast unterwürfig. Als wäre mein Selbstwert davon abhängig, mich kleinzumachen. Und manchmal, wenn ich keinen Fehler bei mir sehe, wirke ich plötzlich hart – vielleicht sogar herablassend. So nach dem Motto: „Jetzt wo ich mich einmal richtig im Recht fühle, entschuldige ich mich aber ganz überhaupt und bestimmt gar nie nicht!“

Interessanterweise spiegeln sich darin widersprüchliche Erwartungen, die ich von außen bekomme:

  • Von Männern habe ich in letzter Zeit öfter gehört: „Hör auf, dich ständig zu entschuldigen!“
  • Von Frauen eher: „Du hast dich dafür überhaupt nicht bei mir entschuldigt.“

Natürlich ist das keine absolute Regel – nur meine Beobachtung in meinem Umfeld.

Die Falle der Erziehung

Viele Menschen wurden darauf geprägt, Entschuldigung entweder als Schwäche oder als soziale Pflicht zu verstehen. Die einen erleben sie als Verlust von Autorität. Die anderen als notwendige Beziehungspflege.

Die einen wurden geprägt, Entschuldigung als Schwäche zu betrachten. Das Ego wird mit Stärke gleichgesetzt. Einen Fehler zuzugeben geht einher mit Statusverlust. Bitten solche Menschen mich, mich weniger zu entschuldigen, ist es vielleicht, weil ihnen meine scheinbare Unterwürfigkeit unangenehm ist.

Andere wurden erzogen, Entschuldigung als Zeichen der Höflichkeit und Beziehungspflege zu verstehen. Hier dient das „Entschuldigen“ dazu, soziale Harmonie zu erhalten. Wenn solche Menschen mich bitten, mich mehr zu entschuldigen, spiegelt sich ihr Wunsch nach konfliktfreier Atmosphäre wider.

Und je nachdem, wie die religiöse Erziehung war, wird Schuld nicht nur als Ergebnis des eigenen Handelns definiert, sondern als Zustand aus dem es kein Entkommen gibt.

Ich stehe genau in diesem Spannungsfeld: Zu viel Entschuldigung verletzt meine Wahrheit. Zu wenig macht mich hart und stärkt das Ego. Aber eigentlich fühle ich mich immer ein bisschen schuldig, ein bisschen verantwortlich.

Der spirituelle Sinn von Entschuldigung

Swami mit ausgebreiteten Armen in minimalistischer Illustration als Symbol für Vergebung und innere Weite

Mir ist klar geworden: Es kann beim Entschuldigen nicht darum gehen kann, äußere Erwartungen zu erfüllen. Der wahre Sinn liegt viel tiefer.

Im Vedanta reinigen wir damit den Geist. Wenn ich einen Fehler erkenne und mich ehrlich entschuldige, dann tue ich das nicht, damit andere mich wieder nett finden. Sondern weil jedes uneingestandene Fehlverhalten eine Spur im Geist hinterlässt – ein Samskara, eine kleine innere Verhärtung. Diese wird durch echte Reue und ernstgemeinte Entschuldigung geheilt.

Swami Sivananda formulierte das sehr direkt:

„Recognize your mistake, feel remorse, and seek forgiveness. This cleanses the mind.“ (Erkenne deinen Fehler, empfinde Reue und bitte um Vergebung. Dies reinigt den Geist.)

Jede unechte Entschuldigung hinterlässt eine mentale Narbe.

Warum Wahrhaftigkeit (Satya) unverzichtbar ist

Doch was ist, wenn ich keinen Fehler sehe? Wenn ich innerlich weiß, dass ich im Recht bin?

Hier kommt Satya ins Spiel. Sie ist nicht nur eine Tugend, sondern der Fundamentstein unseres Seins. Swami Sivananda lehrt uns:

„There is no virtue like that of Truthfulness.“ (Es gibt keine Tugend wie die Wahrhaftigkeit.)

Und noch deutlicher:

„Truth is the seat of God.“ (Die Wahrheit ist der Sitz Gottes.)

Wenn ich mich also für etwas entschuldige, das ich nicht getan habe oder aus Ehrlichkeit gesagt habe, nur um die Erwartung der Höflichkeit zu erfüllen, dann verletze ich mich selbst. Ich lüge mich selbst an. Ich verrate den „Sitz Gottes“ in mir.

Eine falsche Entschuldigung ist nicht nur eine soziale Fassade; sie ist ein Akt der Selbstverleugnung. Sie schafft eine Spaltung zwischen dem, was ich als Wahrheit erkannt habe, und dem, was ich sage. Diese Spaltung ist Maya – die Illusion, die unser Ego stärkt und uns von unserer wahren Natur trennt.

Swami Sivananda warnte davor, die Wahrheit zu opfern:

„Do not sacrifice Truth for the sake of peace. Peace without Truth is not true peace; it is merely silence born of fear.“ (Opfere nicht die Wahrheit um des Friedens willen. Frieden ohne Wahrheit ist kein wahrer Frieden; er ist nur Stille, geboren aus Angst.)

Wenn ich mich also nicht entschuldige, weil ich keinen Fehler sehe, dann sollte das nicht aus Stolz geschehen, sondern aus Treue zur Wahrheit.

Wenn eine Entschuldigung unwahr wäre

Es gibt also Situationen, in denen eine Entschuldigung falsch wäre. Nicht, weil ich unbedingt Recht behalten will. Sondern, weil ich innerlich keinen Fehler erkennen kann. Vielleicht war meine Aussage unbequem, aber wahr. Vielleicht wurde jemand verletzt, obwohl ich ehrlich gesprochen habe. Dann beginnt eine andere Übung: Wie bleibe ich meiner Wahrheit treu, ohne hart zu werden?

Denn wenn ich mich entschuldige, obwohl ich innerlich gar keine Schuld sehe, entsteht etwas Unechtes. Aber Wahrhaftigkeit ist nicht immer gern gesehen, nicht immer willkommen.

Voltaire hält einen Umhang schützend ausgebreitet als Symbol für Wahrheit und vergebende Haltung

Der französische Schriftsteller Voltaire schrieb einmal, man solle die Wahrheit einem Menschen wie einen Mantel anbieten, damit er hineinschlüpfen kann – und sie ihm nicht wie einen nassen Lappen ums Gesicht schlagen.

Vielleicht sagt man so was wie: „Ich sehe meine Aussage weiterhin als wahr an. Aber ich sehe auch, dass sie dich verletzt hat.“ Ohne sich selbst zu verleugnen. Und ohne den anderen abzuwerten. Ich muss also lernen, Satya mit Karuna (Mitgefühl) zu teilen, nicht mit Härte.

„Speak the truth. Speak it gently. Speak it lovingly. Speak it without hatred.“ (Sag die Wahrheit. Sag sie sanft. Sag sie liebevoll. Sag sie ohne Hass.) – Swami Sivananda

Die Frage ist also: „Bin ich stark genug, mich demütig zu entschuldigen? Und bin ich mutig genug, meine Wahrheit sanft zu vertreten?“

„Excuse me“- Entschuldigung als leere Geste

Bei meinem letzten London-Aufenthalt musste ich während der Rush Hour (Hauptverkehrszeit) an der U-Bahn-Station Kings Cross in London umsteigen. Menschenschlangen schieben sich dicht an dicht durch unterirdische Röhren. Hier und da Abzweigungen, die man kaum erreicht, weil der Menschenstrom einen weiterschiebt. Alle versuchen gleichzeitig noch ihren Anschluss zu erreichen. Und um besser voranzukommen, fahren manche Leute ihre Ellenbogen aus und rammen sie ihren Mitmenschen in die Rippen.

Wütender Mann in minimalistischer Illustration mit angespanntem Ausdruck als Symbol für Konflikt und verletzte Eitelkeit

Und dabei rufen sie laut und höflich: „Excuse me! Excuse me! Excuse me!“

Faszinierend. Denn dieses „Excuse me“ bedeutete nicht: „Verzeihung, dürfte ich vielleicht vorbei?“ Es bedeutete eher: „DU BIST IM WEG, ICH MUSS DICH LEIDER AUS MEINER BAHN SCHAFFEN.“

Manchmal ist eine Entschuldigung auch einfach nur sprachlicher Zuckerguss, mit dem wir unser egoistisches Verhalten kaschieren.

Mein persönlicher Schuld-Alarm

Eine ähnlich absurde Manie konnte ich an mir beobachten, wenn ich bei Hochbetrieb durch die Ashramküche muss. Wenn dort richtig Betrieb ist und ich mich zwischen Menschen, Töpfen und Schneidebrettern hindurchbewege, benutze ich meine Entschuldigungen manchmal wie einen Alarm.

Ich laufe durch die Gegend und rufe: „Entschuldigung! Entschuldigung! Entschuldigung!“

Wie jemand mit heißer Pfanne: „Heiß! Heiß! Heiß!“

Nur dass ich eben sage: „Schuld! Schuld! Schuld!“ als wollte ich sagen „Oh, tut mir leid, ich bin im Weg, ich bin ein Fehler, ich bin ein Störfaktor…“

Der Weg dazwischen: Bewusste Wahl statt Reaktion

Ich möchte damit aufhören. Nicht, weil ich rücksichtslos werden will. Sondern weil ich lernen möchte, zwischen echter Verantwortung und anerzogener Selbstverkleinerung zu unterscheiden.

Frau mit roten Wangen und erhobenem Zeigefinger als Symbol für moralische Bewertung und Scham
  1. Wenn ich einen Fehler gemacht habe: Ich entschuldige mich nicht aus Unterwürfigkeit. Ich tue es zur Reinigung von Samskara.
  2. Wenn ich keinen Fehler sehe: Ich weigere mich nicht aus Stolz. Ich bleibe bei meiner Wahrheit (Satya) und formuliere dies mit Sanftmut, auf Augenhöhe.

Vielleicht ist das die wahre Demut: Nicht klein machen, um Konflikte zu vermeiden. Und nicht starr bleiben, um an falschem Ego festzuhalten.

Da! Da! Da! – Meine neue Praxis

Wenn ich künftig durch die Ashram-Küche laufe, sage ich vielleicht passend zum norddeutschen Lokalkolorit: „Moin! Moin! Moin!“

Oder noch einfacher: „Da! Da! Da!“

Wenn ihr also demnächst im Nordsee Ashram hinter euch plötzlich ein „Da! Da! Da!“ hört, dann ist das kein psychotischer Zusammenbruch, sondern Teil meiner spirituellen Praxis.

Und die einzig richtige Antwort darauf lautet selbstverständlich: „didümdüm-dümdüm.“

Wahrheit mit Liebe tragen

Vielleicht liegt genau dort der Weg: Fehler ehrlich zuzugeben, ohne sich selbst kleinzumachen. Und die Wahrheit zu sagen, ohne andere niederzubügeln.

Ich übe jedenfalls weiter. Wer ist dabei?

Om Satya Swarupaya Namaha.

Ich verneige mich vor dem Wesen der Wahrheit.


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Die Autorin hu:

Vor mehr als 20 Jahren zwang mich eine schwere Krankheit dazu, meinen vorgedachten Pfad als Filmemacherin und Autorin zu verlassen und neue Wege zu finden und zu gehen. Diese Reise führte mich zu Heilern und spirituellen Lehrern, zu Hexen, Schamanen, ins Zen-Kloster und in die Einsiedelei. Durch meine Erfahrungen habe ich gelernt, dass wahres Verstehen und Erkennen nicht im Kopf stattfindet, sondern das ganze Wesen, das ganze Sein erfüllt. Seit September 2022 bin ich Sevaka bei Yoga Vidya. 🌻 hu

2 Kommentare
  • Danke für diesen wertvollen Artikel, liebe Hu!
    Ich habe mich und meine Verhaltensweisen darin wiedergefunden und habe mir fest vorgenommen, liebevoller und wahrhaftiger mit mir und meinen Mitmenschen umzugehen. Deine Worte werden mir eine Hilfe sein, danke! 🙏🧡

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