Selbstloses Dienen und Grenzenlosigkeit – das ideale Rezept für Missbrauch

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Yogis sind ehrgeizige Menschen, die sich selbst als Aspirant:innen bezeichnen. Der Begriff „Aspiration“ bedeutet, dass sie nach Höherem streben und ihre weltlichen Anhaftungen sowie Wünsche transzendieren möchten. Ihr Weg ist geprägt vom Handeln. Für allzu theoretische spirituelle Ansätze hegen sie oft Geringschätzung. Stattdessen neigen sie dazu, in Aktionismus zu verfallen, getrieben von dem Motto „Mehr ist mehr“. Ihre natürliche rajasige Veranlagung versuchen sie hinter yogischem Gleichmut zu verbergen.

Yogis sind edelherzige Menschen, die Gutes in der Welt bewirken wollen und viele andere auf ihrem spirituellen Weg mitreißen. Ähnlich wie die spirituellen Krieger aus den fernöstlichen Kampfkünsten arbeiten auch sie kontinuierlich an der Vervollkommnung ihres Charakters durch Training.

Selbstloses Dienen oder spirituelles Ego? Schattenseiten des Yogawegs

Es ist naheliegend, dass diese ehrgeizigen Menschen, die sich so sehr der Selbstlosigkeit verschrieben haben, in Wahrheit ein tief verwurzeltes Schattenthema der Gier mit sich tragen. Der Wunsch nach Anerkennung, persönlicher Weiterentwicklung, Wohlstand oder das Ausleben sexueller Wünsche – vieles davon dient nur dem eigenen Ich. Auf dem Yogaweg erfährt man schnell, wie wichtig es ist, diese Wünsche zu kontrollieren, ihnen zu entsagen oder sie bewusst zu steuern.

Yoga basiert auf einer dualistischen spirituellen Sichtweise und besitzt eine weltabgewandte Qualität. Das Ziel ist „Kaivalya“, die spirituelle Alleinstellung. Die Welt selbst wird als Maya betrachtet – eine trügerische Ablenkung von der Glückseligkeit des yogischen Samadhi. Der dunklen Verführung dieser Illusion gilt es sich abzuwenden.

Schattenseiten & Versuchungen

Karma Yoga als selbstloses Dienen

Karma Yoga wird im Yogaweg als „selbstloses Dienen“ verstanden. Es stimmt: Wir wachsen, indem wir unsere enge, selbstzentrierte Orientierung hinter uns lassen, uns an universellen ethischen Prinzipien ausrichten und unsere Identität stetig erweitern. Dieser edle yogische Imperativ kann enorm viel Gutes in der Welt bewirken und zahlreiche Probleme lösen. Dennoch ist selbstloses Dienen keine Idee, die in den Upanishaden verankert ist. In der Brhad Aranyaka Upanishad heißt es, dass der Ehemann nicht um seiner selbst willen geliebt wird, sondern nur für das liebe Selbst. Mit anderen Worten: Die Upanishaden erkennen eine gewisse universelle Selbstzentriertheit im Menschen an. Wir lieben nicht andere aus reiner Selbstlosigkeit, sondern weil wir uns in dieser Rolle gefallen. Alles ist das Selbst – wie könnte es da eine wirklich selbstlose Handlung im Kosmos geben?

Grenzen übertreten im Namen der Selbstlosigkeit

Die Idee des selbstlosen Dienens kann einem Menschen zu großem Wachstum verhelfen und enorme humanitäre Früchte tragen. Problematisch wird diese Vorstellung jedoch, wenn Grenzen mutwillig überschritten werden. Die yogische Annahme, dass Grenzen per se schlecht sind oder transzendiert werden müssen, steht im Widerspruch zu bestimmten psychologischen und sozialen Realitäten unseres Erdendaseins. Grenzen sind gesund und verdienen Anerkennung: Zum einen die Grenzen und Warnsignale unseres Körpers, unserer Psyche, und zum anderen im zwischenmenschlichen Miteinander – denn dort sind Grenzen essenziell, um glücklich miteinander auszukommen. Es ist keineswegs immer das böse Ego, das sich meldet und die Menschen in ihrer Komfortzone einsperrt. Im Gegenteil: All die Signale, die wir durch unseren Körper-Geist-Sinnes-Komplex erfahren, sind Teil der göttlichen Ordnung, die wir Ishvara nennen, und verdienen Respekt.

Wie, du kannst nicht mehr? Dann praktiziere mehr Yoga, damit du mehr dienen kannst. Ach, vor lauter Veränderungen hörst du Stimmen? Dann mach einfach viel Pranayama und überwinde konsequent alle Widerstände. Liebe:r Leser:in was könnte schon schiefgehen? Im Laufe der Zeit in einem Yoga-Ashram lernt man so einige Kuriositäten kennen. Die meisten Menschen haben unbewusste Themen mit Grenzen, und Therapeuten verbringen einen Großteil ihrer Arbeit damit, ihre Klienten für dieses Thema zu sensibilisieren. In der Welt der Namen und Formen sind Grenzen eine Realität, mit der man klug umgehen muss. Yogische Gier muss sich dieser Realität beugen – nur so lässt sich Missbrauch in der Yogaszene wirkungsvoll vorbeugen.

Kavi Daniel Roth

Über den Autor

Kavi ist leidenschaftlicher Astrologe und begeistert von vedischer Rezitation und Advaita Vedanta. Er hat intensiv in der Dayananda-Tradition studiert und verfügt über mehrere Jahre Erfahrung im Integrationsbereich als Sprachwissenschaftler. Nach 9 Monaten als Sevaka in Bad Meinberg machte er sich nun erfolgreich als Berater selbstständig.

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2 Kommentare
  • Danke – ein sehr wertvoller Beitrag! …es soll wohl zeigen, dass auch die besten Absichten manchmal schiefgehen. Meine Frage wäre noch bezgl. der ArtikelÜberschrift: soll es heißen GEGEN Missbrauch (um ihn zu vermeiden) oder FÜR Missbrauch (um ihn zu heilen)? oder ist da auch ein bisschen Ironie im Spiel 😉
    Liebe Grüße!

    • Om Om Om lieber Thomas, ich denke, dass der Verfasser dieses Beitrages ganz viel Ironie im Spiel hat. Aber danke, für deine scharfsinnige Beobachtung und Kommentierung dieses Beitrages. Om Shanti, Omkara

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