Yoga Nidra – mehr als einfach nur Entspannung

Wer Yoga übt, praktiziert wahrscheinlich auch regelmäßig Entspannungsverfahren. Zumindest am Ende jeder Yogastunde wird empfohlen, für wenigstens 10 Minuten in Shavasana, der Totenhaltung, zu verweilen, damit der Körper ausruhen und regenerieren kann und sich die durch die Asanapraxis freigesetzten Energien harmonisch im System verteilen können.

Shavasana wird als eine der schwierigsten Asanas betrachtet, da nicht nur der Körper unbewegt ist, sondern auch der Geist ruhig bleiben soll. Dabei bleibst Du bei vollem Bewusstsein. Shavasana ist eine der Asanas, die im ersten Kapitel der Hatha Yoga Pradipika erwähnt werden.

Bei Shavasana geht es also darum, den Körper zu entspannen, damit er sich von der Asanapraxis erholt und die Gedanken zur Ruhe zu bringen, damit Du danach erfrischt in den weiteren Tag gehen kannst. Yoga Nidra geht noch etwas tiefer.

Bei Yoga Nidra geht es auch um körperliche und geistige Entspannung. Dieser Zustand der Entspannung wird dann dazu genutzt, in das Unterbewusstsein vorzudringen und hier Blockaden und Ängste aufzulösen.

Durch den Einsatz eines Sankalpas (Vorsatz) kannst Du Deine Persönlichkeit positiv verändern oder Deinem Leben eine positive Richtung geben. Mit Hilfe von Yoga Nidra kann die Dualität überwunden und Samadhi, der überbewusste Zustand, erreicht werden.

Was ist Yoga Nidra?

Die Methode des Yoga Nidra stammt von Swami Satyananda Saraswati, der zwölf Jahre bei seinem Guru Swami Sivananda verbrachte und 1963 die Bihar School of Yoga gründete. Yoga Nidra ist eine systematische Entspannungsmethode für Körper, Geist und Seele, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht.

Viele Menschen glauben zu entspannen, wenn sie sich einfach eine Weile hinlegen oder schlafen. In den meisten Fällen ist das jedoch nicht so. Wenn wir uns zum Schlafen hinlegen, sind meistens noch Spannungen geistiger und emotionaler Art, sowie auch in Form von Muskelanspannungen im Körper vorhanden. Diese nehmen wir mit in die Nacht und wundern uns, warum wir uns am nächsten Morgen nicht wirklich erholt fühlen.

Mit Hilfe von Yoga Nidra ist es möglich, nicht nur Muskelspannungen zu lösen, sondern auch geistig und emotional zu entspannen und so zu einer ganzheitlichen Entspannung zu kommen. In diesem Zustand kann der Körper regenerieren, Gedanken kommen zur Ruhe und der Geist richtet sich nach Innen.

Somit ist Yoga Nidra der fünften Stufe des Ashtanga Yoga nach Pantanjali zuzuordnen: Pratyahara. Zur Erinnerung hier noch einmal alle acht Stufen des Raja Yoga Pfades:

  1. Yama (Ethische Regeln für den Umgang mit anderen)
  2. Niyama (Empfehlungen für den Umgang mit sich selbst)
  3. Asana (Körperhaltung)
  4. Pranayama (Atmung, Kontrolle von Prana)
  5. Pratyahara (Lösung der Sinne von äußeren Objekten, Ausrichtung des Geistes nach Innen)
  6. Dharana (Konzentration)
  7. Dhyana (Meditaion)
  8. Samadhi (Selbsterkenntnis, Aufgehen im alles durchdringenden Bewusstsein)

Bewusster Schlaf

Yoga heißt Vereinigung oder auf einen Punkt ausgerichtet sein. Nidra bedeutet Schlaf. In Yoga Nidra geht es darum, bewusst zu schlafen. Während Yoga Nidra scheinst Du zu schlafen, bleibst jedoch die ganze Zeit achtsam.

Du bewegst Dich während der Übung auf der Schwelle zwischen Wach- und Traumzustand. In diesem Zustand schwingt das Gehirn im Alpha-Wellen-Bereich. Dieser Bereich ist sehr entspannend, regenerativ und heilsam und wird so lange wie möglich aufrecht erhalten.

Körperliche und geistige Entspannung mit System

Besonders charakteristisch für Yoga Nidra ist das Kreisen der Wahrnehmung durch den Körper. Dies hat seinen Ursprung in einer tantrischen Übung namens Nyasa, bei der Mantras in verschiedene Körperteile geschickt werden.

Das Kreisen der Wahrnehmung durch die einzelnen Körperteile folgt einem ganz bestimmten Ablauf, der die sensorische Rinde des Gehirns von innen nach außen anspricht und dadurch die Nervenbahnen reinigt. Durch dieses Verfahren entspannen die Körperteile und gleichzeitig auch der Geist.

Die meisten Krankheiten und Leiden des modernen Menschen resultieren aus der übermäßigen Identifikation mit der Außenwelt bzw. mit den Sinnen und den Sinnesobjekten. Durch das Nach-Innen-Wenden der Sinne während Yoga Nidra wird Energie bzw. Prana von den Sinnen abgezogen. Diese Energie steht dann für Regeneration und Heilungsprozesse zur Verfügung.

Persönlichkeitsentwicklung und bewusste Lebenssteuerung

Ein weiteres wichtiges Merkmal von Yoga Nidra ist das Sankalpa, der Vorsatz oder der Entschluss. Ein Sankalpa ist ein kurzer, positiv formulierter Satz, dessen Inhalt Du in Dein Leben integrieren möchtest. Es kann beispielsweise eine Eigenschaft sein, die Du entwickeln möchtest, wie z.B. „Ich bin geduldig.“ oder etwas, was Du in Deinem Leben erreichen möchtest.

Das Sankalpa ist eine Autosuggestion, die ihre Kraft dadurch bekommt, dass sie in dem Moment wiederholt wird, wenn der Verstand inaktiv und das Unterbewusstsein offen und aufnahmebereit ist. Auf diese Weise kannst Du positive Dinge in Deinem Unterbewusstsein installieren, von wo aus sie Dein Leben auf wundersame Weise in eine positive Richtung verändern werden.

Dazu ist es wichtig, dass Du Dein Sankalpa weise wählst und dann dabei bleibst und es immer wieder in Yoga Nidra verwendest.

Mit Yoga Nidra die Dualität überwinden

Ein weiterer Punkt im Verlauf von Yoga Nidra ist das Wachrufen gegensätzlicher Gefühle wie Kälte und Hitze, Schwere und Leichtigkeit, Freude und Schmerz, Liebe und Hass. Beide Gegensatzpartner, die sich jeweils an verschiedenen Stellen im Gehirn befinden, werden in einem entspannten Zustand mit etwas Abstand beobachtet.

Durch diese Technik entstehen Nervenverbindungen, die sich unter normalen Umständen niemals bilden würden. So werden zwei völlig gegensätzliche Empfindungen, die bisher unvereinbar schienen, miteinander verknüpft. Das ermöglicht dem Übenden, sich mit der Zeit vom Festklammern und Ablehnen bestimmter Gefühle zu lösen und die Dualität zu transzendieren.

Im Zustand von Yoga Nidra kann zusätzlich mit Symbolen, Visualisierung und Chakras gearbeitet werden. Dabei können unterdrückte Gefühle, Ängste und dunkle Anteile aus den Tiefen des Bewusstseins aufsteigen und aufgelöst werden. Das Unterbewusstsein wird dadurch gereinigt und der Geist wird im Wachzustand ruhiger und gelassener sein.

Ablauf von Yoga Nidra

Yoga Nidra läuft immer nach dem gleichen Schema ab:

  1. Shavasana, den Körper gut einrichten, Vorsatz sich nicht zu bewegen und wach zu bleiben
  2. Entspannung
  3. Sankalpa
  4. Kreisen der Wahrnehmung durch den Körper in schneller Abfolge
  5. Atem wahrnehmen
  6. Wahrnehmen gegensätzlicher Gefühle
  7. Visualisierung
  8. Sankalpa
  9. Rückholung
  10. Ende

Eine ausführliche Beschreibung der Ansagen findest Du im Buch Yoga Nidra von Swami Satyananda Saraswati, erhältlich u.a. im Yoga Vidya Shop unter Yoga Nidra von Swami Satyananda.

Yoga Nidra kann zu jeder Tageszeit praktiziert werden. Es kann am frühen Morgen geübt werden, um frisch in den Tag zu gehen, nach der Arbeit für einen entspannten Übergang in den Feierabend oder vor dem zu Bett gehen, um Spannungen zu lösen und einen erholsamen Schlaf zu fördern.

Es ist ratsam, Yoga Nidra von einem/einer erfahrenen Lehrer/in zu lernen oder mit einer Yoga Nidra Aufnahme (wie z.B. den → Yoga Nidra CDs von der Bihar School of Yoga) zu praktizieren.

Das Schönste an Yoga Nidra ist der Umstand, dass Dir nichts gelingen muss. Es ist ganz gleich, ob Du alles fühlst oder visualisieren kannst, was angesagt wird. Bleibe einfach wach und höre der Stimme zu. Mit der Zeit wird sich alles wie von selbst entwickeln – so wie immer beim Yoga: Einfach machen, alles andere kommt von selbst.

Auch Yoginis und Yogis vernachlässigen oft die Entspannung. Dabei ist es so wichtig, um zu regenerieren und sich zu entwickeln. Yoga Nidra oder zumindest ein ausführliches Shavasana sollten fester Bestandteil einer täglichen Yogapraxis sein.

Hari Om tat sat.

Om Shanti

Ein Artikel von Gauri D. Reich

Seminare mit Gauri bei Yoga Vidya:

  • 06.-08.07.2018 – Energie finden, Trägheit überwinden
  • 26.-28.10.2018 – Yogalehrer Weiterbildung: Neue Stellungen einführen
  • 16.-18.11. 2018 – Asanas anatomisch exakt
  • 23.-25.11. 2018 – Asana intensiv für Achtsamkeit, Geduld und Beweglichkeit
  • 14.-16.12. 2018 – Asana intensiv – Sonnengebete
  • 21.-23.12. 2018 – Asana intensiv – Hingabe an Gott

Alle Seminare mit Gauri auf einen Blick →

Gauri Daniela Reich Yogalehrerin (BYV), Ayurveda Gesundheitsberaterin (BYVG), Vegane-Ernährungsberaterin, Yoga Personal Trainerin, Inner Flow Vinyasa Teacher, Lehrerin für Prävention und Gesundheitsförderung, Ausbildung in Thai Yoga Massage, Diplom Betriebswirtin.

Gauri praktiziert Yoga seit 2011. Nach ihrer zweijährigen Ausbildung im Yoga Vidya Center Darmstadt lebte sie knapp zwei Jahre im Yoga Vidya Ashram Bad Meinberg, wo sie ihre Yogapraxis und Unterrichtserfahrung vertiefte. Ihr Yogaunterricht reicht von therapeutischen Yoga Stunden über schweißtreibende Vinyasa Sequenzen, exakte Ausrichtungs-Prinzipien aus dem Iyengar Yoga Stil bis hin zu klassischen Sivananda oder Yoga Vidya Stunden aller Level, die auch zu Mantrayogastunden werden können.

Quellen:

  • Yoga Nidra, Swami Satyananda Saraswati
  • Licht auf Yoga, B.K.S. Iyengar
  • Asana Pranayama Mudra Bandha, Swami Satyananda Saraswati
  • Das große Hatha Yoga Buch, Yoga Vidya Verlag
  • Hatha Yoga Pradipika, Swatmarama
  • https://de.wikipedia.org/wiki/Yoga_Nidra

Seminare zum Thema Yoga Nidra

  • 22. – 24.06.2018 | Yoga Nidra – Schlaf des Yogi
  • 05. – 12.08.2018 | Yoga Nidra – Yogalehrer Weiterbildung
  • 12. – 19.08.2018 | Yoga Nidra Aufbaukurs – Yogalehrer Weiterbildung

Yoga Nidra Seminare →

1 Kommentar zu “Yoga Nidra – mehr als einfach nur Entspannung

  1. Alexander

    Hallo, kann man das mit der transzendentalen Meditation vergleichen 🤔Liebe Grüße aus Köln von Alexander

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.