Asanas der Yoga Vidya Grundreihe: Shavasana – Die Stellung der Toten

Ein Text von Angelika Jüngst:
Die Anfangs- und Endstellung der Grundreihe nennt man Shavasana, seltener Mitrasana, zu deutsch Leichenstellung, Totenstellung oder auch gern Rückenentspannungslage. Dafür liegt man in Rückenlage möglichst flach auf dem Boden, wenn es der Rücken verlangt, durch eine Decke unter dem Kopf oder eine zusammengerollte Yogamatte oder zwei Yogakissen in den Kniekehlen unterstützt. Denn wenn sich die Lenden- oder Halswirbelsäule unangenehm bemerkbar machen, fällt Entspannung verständlicherweise schwer und gemeistert werden kann diese Stellung nur, wenn wir wirklich vollkommen loslassen können.

Es heißt, Shavasana sei die schwierigste Stellung der Grundreihe überhaupt. Diese Aussage sorgt oft für ungläubiges Staunen oder Gelächter. Aber tatsächlich fällt es vielen Menschen schwer, alle Muskeln loszulassen, von oben bis unten komplett zu entspannen – und trotzdem wach und aufmerksam zu bleiben. 

Insbesondere am späteren Abend am Ende einer Yogastunde hört man immer wieder verdächtig gleichmäßiges Atmen oder gar sanftes Schnarchen, ein sicheres Anzeichen dafür, dass die tiefe Entspannung in Schlaf übergegangen ist. Die Kunst ist, körperlich loslassen zu lernen und trotzdem bewußt und wach zu bleiben, obwohl man den Körper in eine Haltung bringt, die, ungleich der Meditations-Haltungen im Sitzen, keinerlei Körperspannung fordert: Der Körper liegt flach an die Matte angeschmiegt auf dem Rücken, der Kopf bequem in Verlängerung der Wirbelsäule, die Füße sind mindestens mattenbreit geöffnet, die Hüften lassen los, die Arme liegen seitlich des Körpers, weit genug abgespreizt, dass auch die Schultern und Arme ganz nachgeben können. Die Hände liegen mit dem Handrücken auf, die Finger rollen sich ganz von allein nach innen, keine Spannung in den Händen, Armen, Fingern ist mehr fühlbar.

Der Körper verlangt keine Aufmerksamkeit mehr, kein Muskel muss kontrolliert werden, die Aufmerksamkeit kann frei fließen oder sich gezielt durch den Körper bewegen. Sie kann den Körper verlassen, indem sich der Geist an andere Orte begibt, das Bewusstsein kann sich ausdehnen, in dem es nach links und rechts und oben und unten die Grenzen des physischen Körpers sprengt. Die Augen geschlossen werden visuelle Reize vermieden und durch innere ersetzt; man kann sich der Führung durch die Stimme des Yogalehrers überlassen, die Verantwortung abgeben, oder die Gedanken schweifen lassen, sich geistig zu selbstgewählten Orten begeben oder den Geist durch selbstgewählte Affirmationen auf die eigenen Ziele einstimmen. Die Entspannung läßt sich auch durch Konzentration auf den eigenen Atem oder ein Mantra vertiefen. Eine Stellung, die vieles möglich macht, viel Freiheit lässt, eine Stellung, die mit 10 bis 15 Minuten während der gesamten Grundreihe am längsten gehalten wird.

Nicht grundlos: Denn Shavasana hat unglaublich viele positive Wirkungen. Verkrampfte Muskeln lockern sich, noch intensiviert durch vorhergehende Anspannungsphasen, die Durchblutung steigt, weil sich auch die Arterienwände entspannen, die Sauerstoffversorgung wird verbessert. Milchsäure wird abtransportiert, wodurch Muskelkater vermieden wird. Das parasympathische System wird angeregt, Adrenalin und andere Stresshormone werden abgebaut, Glückshormone ausgeschüttet und Schmerzen dadurch gemildert oder gar abgeschaltet. Stressbedingte Krankheiten, wie Magenprobleme, Kopfschmerzen oder Bluthochdruck, können durch regelmäßiges Üben von Shavasana positiv beeinflusst werden oder man kann ihnen vorbeugend entgegenwirken. Das Immunsystem, besonders aktiv in der Tiefschlafphase, fährt auch in dieser relativ kurze Ruhephase schon hoch und so kann man besonders in Zeiten leichter Infekte die körpereigenen Abwehr in der Rückenentspannungslage auch tagsüber zusätzlich unterstützen.

Energetisch betrachtet wird Prana angeregt, gespeichert, harmonisiert, verteilt. Durch Konzentration auf die einzelnen Körperteile kann man diese Verteilung intensivieren. Viele Praktizierende spüren den Energiefluß als Kribbeln oder stellen sich Lichtströme vor. Besonders stark gelingt das in der Wirbelsäule, wenn man sich die Chakren in ihren jeweiligen Farben wie Glühbirnen in einer Lichterkette vorstellt, die von unten nach oben angeschaltet werden.

In Shavasana kann man lernen loszulassen, versuchen, nichts mehr kontrollieren zu wollen, beherrschen zu wollen. Vielleicht stellt sich die Gewissheit ein, gar nichts kontrollieren zu können, Entscheidungsfreiheit, das Konzept des freien Willens wirken wie eine Illusion. Vielleicht kann man Kontakt aufnehmen mit einem höheren Selbst im Innen oder einem höheren göttlichen Wesen im Außen, dem man sich ganz hingeben, ganz überlassen kann. Den Körper ganz loslassen, sich nicht mit ihm identifizieren, ihn beobachten in seiner Funktion, seinen Atem, der ihn beseelt, belebt, schenkt angenehme Distanz. Sich vorstellen, wie es wäre, wenn dieser Körper tatsächlich tot wäre, leblos, kalt, starr, löst in jedem andere Gefühle aus: Es kann Verlustangst auftauchen, Angst vor dem Unbekannten, Ungewohnten, vielleicht aber auch ein Gefühl von Freude und Freiheit. Wer sich nicht kümmern muss um sein leibliches Wohlergehen, keine Bedürfnisse mehr fühlt, keine Schmerzen mehr, nur noch Seele ist oder Bewusstsein oder Atman oder wie auch immer man es nennen will, ist der nicht reine Freude, reines Wissen, reines Bewusstsein, Satchidananada?

Und so können wir lernen den Tod als einen Zustand zu akzeptieren, der das Leben erst fühlbar, erfahrbar, wertvoll macht durch seinen Gegensatz. Wir können das Hier und Jetzt, das Lebendigsein, die Sinnlichkeit, die Körperlichkeit mit all ihren Vor- und Nachteilen genießen lernen, indem wir uns die Endlichkeit des Lebens bewusst machen und gleichzeitig im tiefsten Innern wissen, dass der Tod dieses Körpers nicht das Ende von allem ist.


In der Kategorie “Hatha Yoga” findest du weitere Beiträge von Angelika Jüngst zu den verschiedenen Asanas der Yoga Vidya Grundreihe.

 

Über die Autorin:

Om Namah Shivaya!

Mein Name ist Angelika Jüngst, ich bin 1963 geboren und habe schon immer gern geschrieben. Mein Germanistikstudium habe ich allerdings schon nach einem Semester abgebrochen und lieber mein Diplom in Betriebspsychologie gemacht, dieses Studium erschien mir zum Bestreiten meines Lebensunterhalts besser geeignet. Berufserfahrungen sammeln konnte ich in den Bereichen Eigungsdiagnostik für Azubis, Organisations- und Personalentwicklung. Bis zur Geburt meines ersten Kindes habe ich einen Unternehmensberater, der vor allem als Coach bekannt ist, in e