Fliegen für den Weltfrieden

Wie man mit Yoga Frieden nach Außen schafft und wie man mit Glaube und Hingabe Grenzen überwinden kann, zeigt uns Swami Vishnu-devanandas Mut, mit dem er sich für den Frieden und die Einheit unserer Welt einsetzte.

Niemals hatte ich Vorbilder. Während meine Freundinnen ihre Wände mit Boygroups tapezierten, blieben meine Weiß. Natürlich hörte und höre ich gerne Musik, aber der Hype um die dazugehörigen Künstler ist mir bis heute fremd.

Stattdessen habe ich mich schon immer darüber gewundert, warum Menschen, die z.B. singen oder schauspielern eine so große Entlohnung und Anerkennung für ihre Tätigkeit bekommen, während so viele andere Menschen, die sich sozial engagieren, dafür entweder gar nicht oder nur unverhältnismäßig entlohnt werden. Damit meine ich Menschen, die sich dem Dienst an der Menschheit verschrieben haben und dessen Motor durch selbstlose Liebe betrieben wird. Karma Yogis par excellence, die mit hohen Idealen und in liebevoller Mission versuchen, unsere Welt ein kleines Stückchen besser zu machen.

„Ein Gramm Praxis wiegt mehr als eine Tonne Theorie“

Wie z.B. Swami Vishnu-devananda, ein bedeutender Yogameister des 20. Jahrhunderts und direkter Schüler von Swami Sivananda, der eine Integration aller bekannten Yogawege, den Yoga der Synthese, lehrte.

Einer der bekanntesten Schüler von Swami Vishnu-devananda ist Sukadev Bretz, der Gründer von Yoga Vidya. Über einen zufällig im Mülleimer entdeckten Flugzettel fand Swami Vishnu seinen Weg zu Swami Sivananda. Auf diesem standen die Zeilen Swami Sivanandas: „Ein Gramm Praxis wiegt mehr als eine Tonne Theorie“, die Swami Vishnu so stark berührten, dass er sich auf eine 36-stündige Reise nach Rishikesh machte, um Swami Sivananda zu treffen. Und wer einmal in Indien mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs gewesen ist, weiß, dass dies sicherlich keine 5 Sterne Kreuzfahrt für ihn war. Stark beeindruckt von dieser ersten Begegnung, nahm sich Swami Vishnu vor, schnellstmöglich zurück nach Rishikesh zu kommen, um dann schließlich zehn Jahre lang seinem Meister zu dienen und von ihm in allen Facetten des Yoga ausgebildet zu werden. Alte Hatha Yoga Fotos beweisen die unglaubliche Flexibilität von Swami Vishnu-devananda, die ihn sanft in alle möglichen Asanas hineingleiten ließ. Nachdem er im März 1957 den Auftrag seines Meisters bekam, Yoga in den Westen zu bringen, machte er sich mit 10 Rupien Startkapital (was weniger als ein Dollar war) und Swami Sivanandas Segen – der ihn wohl tatsächlich zum Ziel gebracht hat – auf den Weg nach Amerika. Dort angekommen, gründete er 1959 in Kanada das erste Sivananda Yoga Vedanta Center und 1962 den ersten Sivananda Yoga Vedanta Ashram, von denen es mittlerweile zahlreiche auf der ganzen Welt gibt.

Ein Ashram befindet sich in Südindien, umrundet von einem wunderschönen Waldgebiet mit zahlreichen Tierarten, von denen vor allem Affen sehr gerne den Ashram besuchen, um sich an den YogaAsanas der spirituellen Aspiranten zu ergötzen. Nie vergessen werde ich eines Abends, als wir einen Film über Swami Vishnu schauten, der von seiner Friedensmission handelte. Bei dieser überflog er ab den 70er Jahren mit einem selbstgebastelten „Planet Erde“ Pass und einem
bunten Flugzeug Krisengebiete, um sie mit Blumen, Flugblättern und dem Mantra „Om Namo Narayanaya“ zu „bombardieren“.

Unendliches Gottvertrauen und Hingabe sind der Schlüssel zur Überwindung des Egos

Swami Vishnu-devananda war nicht nur der festen Überzeugung, dass äußerer Frieden nur mit innerem Frieden beginnen kann, sondern auch, dass Grenzen jeglicher Art nur mentale Konstrukte sind. Damit meinte er geistige Grenzen, die uns hindern Dinge zu tun, die wir gerne machen würden, aber auch nationale Grenzen, die uns von unseren Mitmenschen trennen und ein Gefühl von Andersartigkeit und Distanz, anstatt ein Gefühl von Einheit entstehen lassen. Um uns unseren geistigen „Knast“ zu verdeutlichen, sah es Swami Vishnu-devananda als seine Mission an, so genannte Krisenherde zu überfliegen, um damit deutlich zu machen, dass unendliches Gottvertrauen und Hingabe der Schlüssel zur Überwindung der vom Ego gesetzten Grenzen sind.

Seine Message war dabei: „Der Mensch ist frei wie ein Vogel, überwindet Grenzen mit Blumen und Liebe, nicht mit Bomben und Gewehren.“

Als ein Reporter ihn fragte, ob seine Mission, Blumen über Kriegsgebiete zu streuen, nicht verrückt wäre, erwiderte Swami Vishnu, dass er ganz normal sei, es aber mehr als verrückt wäre, Kriege zu führen, um Menschen zu bombardieren.

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Chrysanthemenblüten für Ost-Berlin und ein Käsebrot für Swami Vishnu-devananda

Eine Mission für den Frieden führte ihn dabei im Jahre 1983 auch nach Deutschland, um mit einem selbstgebastelten Drachenflieger von West nach Ost Berlin zu fliegen. Dort angekommen verstreute er als Zeichen des Friedens und der Liebe Chrysanthemenblüten und wurde daraufhin 4 Stunden von doch sehr verwunderten DDR Beamten vernommen, die ihn mit einem Käsebrot als Proviant und der U-Bahn zurück nach Westberlin schickten. Wie erstaunt und berührt ich war, gerade in Indien von Swami Vishnu-devanandas Einsatz für die deutsche Wiedervereinigung zu erfahren, liegt sicherlich auf der Hand. Seine große Hingabe transzendierte seine individuellen Bedürfnisse zu reinem Mitgefühl und selbstlosem Dienst an der Menschheit.

„Und so kam die Mission, Grenzen zu überwinden. Es zeigte der Welt symbolisch, dass unser Planet klein ist. Entweder wir leben zusammen oder wir sterben zusammen. Es war die Zeit gekommen, dass Nationalismus und Patriotismus verschwanden und nur noch Einheit existierte.“ (Swami Vishnu-devananda)

Die Symbolkraft seiner Worte liegt gewiss darin, dass eigene Begrenzungen von uns selbst geschaffen und überwindbar sind und ist damit eine stetig aktuelle Botschaft für den eigenen Yogaweg. Denn so lange Trennung oder noch ein Gefühl von Abgrenzung besteht, kann der Samen der Einheit nicht keimen. Wir alle sind miteinander verbundene Teile des Ganzen, auch wenn Glaubenskonzepte unterschiedlich sind, bleibt der Kern der Verehrung gleich.

Swami Vishnu-devananda ist mit seinen hohen Idealen ein gutes Vorbild, wenn man sich eine Welt in Frieden und Einklang mit seinen Nächsten, der Umwelt und sich selbst wünscht. Er steht aber auch dafür, dass es immer möglich ist, über seine eigenen mentalen Begrenzungen hinauszuwachsen, Neues auszuprobieren und seinen eigenen Zustand immer wieder durch Gottvertrauen zu transformieren.

Auch wenn meine Wände heute immer noch weitgehendst weiß sind, so schmücken sie einige wenige Bilder, die mich als meine alltäglichen Inspirationen begleiten. Dass Swami Vishnu-devananda mich von dort aus jeden Morgen anlächelt, versteht sich da von selbst.

 

Niedballa-Maria-MaMaria Ma Niedballa ist Bloggerin und arbeitet als freie Autorin.

Nach ihrem Diplom in Sozialer Arbeit hat sie ein Jahr in Indien gelebt und gearbeitet, wo sie tief in das Konzept des Yoga eintauchen durfte und außerdem ihre Reiki-Ausbildung gemacht hat. Ihre Erfahrungswerte spiegeln sich auf ihrem Blog “ganzherzig” wieder – ein Online-Magazin über Yoga, Persönlichkeitsentwicklung und vegane Ernährung.

Website: www.ganzherzig.de

 

Dieser Artikel ist erschienen im Yoga Vidya Journal – Ausgabe Nr.  29

 

Video des Flugstarts 1983 vom Flug über die „Berliner Mauer“: 

 

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