Frage: Yoga und Organspende

In unserer Blog-Serie ‚Fragen & Antworten‘ geben unsere Yoga Experten hilfreiche Tipps und Ratschläge aus ihrem eigenen Wissens- und Erfahrungsschatz weiter. Heute beantwortet Sukadev Bretz, Gründer und Leiter von Yoga Vidya, eine Frage zum Thema Organspende.

Frage: 

Om Namah Shivaya lieber Sukadev! Ich bin im ersten Jahr meiner 2-Jahres-Yogalehrer-Ausbildung in einem Yoga Vidya Center. Wir haben am Dienstag in der Theorie-Stunde das Thema „Leben nach dem Tod, Reinkarnation, Astralwelten“ gehabt. Da stellte sich uns die Frage, was eigentlich mit der Seele passiert, wenn man körperlich zwar noch lebt, geistig aber – nach ärztlichen Standards – hirntod ist? Das ist nämlich der Fall bei der Organspende: Der Tote ist eigentlich körperlich noch nicht tot, da die Organe ja funktionsfähig entnommen werden/entnommen werden müssen. 

Nach den Schriften befindet sich die Seele in der ersten Ebene, der Bhur Lokah. Was passiert mit dem Organ bzw. der Seele dabei? Es gab ja hin und wieder auch Berichte, die behaupten, dass Personen, die ein Organ erhalten haben teilweise auch Wesens- oder Charaktereigenschaften des Spenders übernommen haben, die sie vorher nicht hatten.

Ich kenne auch einen Artikel, der erzählt, dass man sogar Karma des Spenders übernehmen kann? Stimmt das? Geht womöglich auch ein Teil der Seele mit dem Körper an den anderen Menschen über?

Vielen Dank schon mal für deine Antwort.

Liebe Grüße und OM Shanti :-)))

Antwort von Sukadev: 

Om Namo Narayanaya

Liebe Grit [Name wurde geändert],

zum Thema Organspende kann man viele verschiedene Meinungen haben. Auch vom Yoga her kann man das unterschiedlich betrachten – schließlich gab es dieses Thema nicht in den alten Schriften.

Meine Meinung dazu ist stark geprägt von der Meinung von Swami Vishnudevananda sowie vom Dalai Lama – die, soweit ich das kenne, gleicher Meinung sind bzw. waren. Ich selbst trage einen Organspendeausweis mit mir.

Ich habe mich dazu auch schon mehrmals geäußert, zum Beispiel hier im Internet:

Grundsätzlich gilt: Die Seele ist etwas anderes als der Körper.

Wenn ein Mensch hirntot ist hat die Seele den Körper schon verlassen und bleibt nur mit einer „Prana-Schnur“ mit dem physischen Körper verbunden. Wenn dann die Körperteile vom Körper entnommen werden, kann das sogar hilfreich sein für die Seele, sich vom Körper zu lösen und zügig in die höheren Astralebenen zu gehen.

Organe zu spenden ist eine Form des Dienens, mit der man viel Gutes bewirken kann – und die einem selbst auch hilft.

Desweiteren: Nein! Nach Yogalehre übernimmt man nicht das Karma des Spenders, wenn man ein Organ eines Spenders bekommt. Letztlich ist der Körper nur eine Art Gewand, Kleidungsstück, das man für das physische Leben braucht. Und nein, die Seele ist nicht teilbar. Daher kann man auch keinen Teil der Seele eines anderen bekommen, übernehmen, wegnehmen etc. Hier ist die Bhagavad Gita (2. Kapitel) sehr eindeutig: Die Seele ist nicht teilbar, nicht verletzbar, nicht zerschneidbar etc. Sie ist ewig.

Es [Anm.: das Selbst] wurde nicht geboren und stirbt auch niemals; nachdem Es gewesen ist, hört Es wiederum nicht auf zu sein; da Es ungeboren, ewig, unveränderlich und uralt ist, wird Es nicht getötet, wenn der Körper getötet wird. [Bhagavad Gita, Kapitel II., Vers 19]

Man übernimmt auch nicht das Karma des Schneiders, wenn man ein Kleidungsstück von ihm kauft. Karma erzeugt man nur durch die Art des eigenen Handelns. Man übernimmt kein Karma von jemand anderem.

Wenn man jemanden tötet, um seine Organe zu entnehmen, oder gegen den Willen von jemandem dessen Organe entwendet oder entwenden lässt  – das schafft definitiv Karma. Wenn man aber ein Organ von einem Spender bekommt, der sowieso gestorben ist, dann kann man ohne Bedenken, aber mit viel Dankbarkeit, sich ein Spendeorgan transplantieren lassen.

Natürlich hat jede Erfahrung auch einen Einfluss auf einen Menschen. Wenn man in eine andere Wohnung einzieht, hat das eine Auswirkung. Wenn man ein Spenderherz bekommt, hat das auch eine Auswirkung. All das sind aber Erfahrungen, an denen man wächst, aber nicht Karma oder Seelen-Teile, die man übernimmt.

Demnach: Aus meiner Sicht spricht nichts gegen Organtransplantation – aber sehr viel dafür, sowohl als Spender als auch als Empfänger.

Ich würde dir empfehlen, mein Buch „Karma und Reinkarnation“ zu lesen – da steht ziemlich ausführlich beschrieben, was die Yogalehre über Körper, Seele und das Leben der Seele nach dem Tod aussagt.

Ich wünsche dir alles Gute und viel Segen.

Om Shanti

Liebe Grüße

Sukadev

Deine Yoga-Fragen. 

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2 Kommentare zu “Frage: Yoga und Organspende

  1. Anonymous

    Om, ausnahmsweise teile ich mal gar nicht die Ansicht von Sukadev. Ich trage einen Nicht-Spender-Ausweis bei mir, in dem steht: „ich bin KEIN Organspender und ich möchte auch kein Fremdorgan“.
    Ich finde es ok, wenn innerhalb der Familie, unter Freunden oder innerhalb einer Gemeinde jemand einem anderen eine Niere spendet. Was ich aber äußerst bedenklich finde, ist jedoch dieses Anonyme, es führt zu schrecklichen kriminellen Geschäften. Kranke fordern mit Nachdruck, weil sie das Gefühl haben, es stehe ihnen zu, ein Organ, das sie brauchen, weil sie sehr oft aufgrund ihres Lebensstils ihr eigenes „verbraucht“ (manchmal auch durch einen Unfall verloren) haben. Und sie wissen kaum, dass es nicht eben eine einfache OP ist und alles ist wieder gut, sondern sie werden hinterher höchstwahrscheinlich ein verkürztes Leben haben als Dauerpatienten mit Dauermedikation, mit Immunsuppression – anfällig für alles: Pilze, banale Infekte, Krebs! Das Fremdorgan bleibt nämlich fremd für den Körper. Das ist die eine Seite.
    Die andere Seite: Organe können nicht von einem toten Körper verpflanzt werden, der „Spender“, also der Körper des „Hirntoten“ muss am Leben erhalten bleiben, er wird beatmet, sein Herz schlägt, um die Organe zu versorgen, er wird bei lebendigem Leib ausgeweidet. Für den noch nicht toten „Spender“ ist es ein Anhalten des Sterbeprozesses, eine Unterbrechung, wir wissen ja, dass sich die Seele normalerweise langsam vom Körper löst….
    Nicht alles, was machbar ist, sollte gemacht werden, ich finde es makaber und gruselig, Frankenstein lässt grüßen.
    Wo bleibt da die Menschenwürde?
    Ich frage mich: Ist die Transplantation nicht nur ein weiteres (für Einige ein sehr lukratives) sehr unethisches Mittel, die Urangst vor dem Tod zu verdrängen?
    Rührselige oder „vernünftige“ Werbekampagnen, scheinbar eine gute Absicht, aber die Wirklichkeit sieht anders aus.
    Wenn sich jemand dafür entscheidet, sollte er sich darüber im Klaren sein, was da passiert. Und die Angehörigen sollten sich ebenso im Klaren darüber sein und am besten nicht den „Restkörper“ nochmal sehen wollen, sondern gleich einäschern lassen.
    Om Shanti
    Mona

  2. Eine sehr anschaulich erklärte und deutliche Antwort auf eine Frage, mit der sich sicherlich viele Yogis beschäftigen. Dankeschön!

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