Was macht gute Yogalehrer aus? (3) Die innere Intelligenz der Teilnehmer respektieren

Yogalehrer

Je weiter Schüler in ihrer Yogapraxis kommen, desto selbstständiger praktizieren sie. Als Yogalehrer ist es unsere Aufgabe sie dabei zu unterstützen, ihre innere Intelligenz zu schulen und so achtsamer für ihre Bedürfnisse zu werden. Wie fördern wir also Achtsamkeit mit unserem Unterricht – und wie gerade nicht??

Jeder ist einzigartig

Wer kennt es nicht? Du hast die perfekte Stunde konzipiert – und dennoch gibt es immer ein zwei Schüler die bei der Zwischenentspannung schon in der Vorbeuge sind, anstelle der angesagten Rückbeuge vorher noch ausgiebig Vorübungen machen und überhaupt eher ihr Ding durchziehen. Vor der Tiefenentspannung rollen sie dann ihre Matte ein und gehen.

Bringt dich das auch mal aus dem Konzept? Ich denke etwas Ärger und Enttäuschung sind da normal – auch Yogalehrer sind nur Menschen. Dennoch bleibt die Frage: Warum eigentlich? Warum nicht den Eigenheiten der Schüler mit Gelassenheit und Wohlwollen begegnen? Immerhin sind unsere Schüler keine Roboter, sondern jeweils einzigartige Wesen, mit ihren ganz persönlichen Neigungen, anatomischen Voraussetzungen und Bedürfnissen.

Als Yogalehrer gilt es diese Individualität der Teilnehmer in den Yogastunden wertschätzend zu begegnen, ja sogar zu fördern. Nicht umsonst ist der “Respekt vor der inneren Intelligenz des Schülers” eines der elementaren Unterrichtsprinzipien des Yoga Vidya Stils.

Innere Intelligenz gleich Achtsamkeit

Die innere Intelligenz des Schülers ist nichts anderes als gelebte Achtsamkeit während der Yogastunde, also das wahrzunehmen, was jetzt in diesem Moment da ist und sich ausdrücken möchte. Der Schüler möchte keine Rückbeuge machen und befindet sich schon in einer Vorbeuge? Nun, vielleicht ist er müde, hat Rückenschmerzen, Muskelkater oder sehnt sich nach beruhigenden und entspannten Asana.

Dann vorher die Asana zu verlassen oder etwas anderes zu machen, als angesagt wurde, ist nichts anderes als ein Anzeichen fortgeschrittener Praxis: Der achtsame Teilnehmer spürt, was Körper und Geist möchten und handelt entsprechend, anstatt bloß Ansage für Ansage “abzuarbeiten”.

5 Arten wie der Yogaunterricht die innere Intelligenz schult

Als Yogalehrer ist es nicht nur unsere Aufgabe die Unterrichtsprinzipien von Yoga Vidya für die Prüfung auswendig zu lernen, sondern auch zu überlegen, inwiefern sich das in unserer Yogalehre widerspiegelt.

1. Zwischenentspannungen

Vielleicht erinnerst du dich noch selbst an deine Zeit als Yoga Anfänger – deutlich unkonzentrierter und fabelhaft unflexibel, vielleicht aufgrund des ein oder anderen Leidens in den Yogakurs gekommen. In dieser spannenden Anfängerzeit sind oftmals selbst kurz gehaltene Asanas eine körperliche Herausforderung.

Anstrengung, Schwitzen und hohe Ansprüche können die Teilnehmer dabei immer von ihren inneren Fokus abbringen. In Zwischenenstpannungen hingegen können sie wieder zur Ruhe kommen und ganz deutlich den Kontrast von starker Anspannung und vollkommener Ruhe spüren. Dort kommt dann der Aha Effekt, wenn auf die körperliche Ruhe sogleich die geistige Ruhe folgt.

2. Spürhilfen

Zur Schulung der Achtsamkeit ist es auch hilfreich, gute Spürhilfen mit an die Hand zu geben – eine Art inneres Alignment wenn man so will. Dabei können wir die Teilnehmer dazu auffordern, bestimmte Körperteile zu betrachten, Vorgänge wie den Atem zu beobachten oder auch fantasievolle Visualisierungen mit an den Weg zu geben, spüren, wie man sich ausdehnt, sich Licht im Körper vorstellen.

Da hat jeder Yogalehrer sicherlich seinen eigenen Stil. Eines haben alle Spürhilfen grundlegend gemeinsam, dass sie den Geist des Schülers verankern. Dabei geht es weg vom Alltagsbewusstsein zu Konzentration, Fokus und vielleicht Meditation. Mit zunehmender Erfahrungen der Teilnehmer gilt es, sich dann als Yogalehrer mehr und mehr zurückzuziehen und Stille zuzulassen.

3. Lang und meditativ halten

Die Aktivität des Geistes folgt dem des Körpers – und andersherum. Hält der Körper also still, schaffen wir als Yogalehrer eine gute Grundlage um auch geistige Stille zuzulassen. Wie lange gehalten wird, nimmt dabei optimalerweise mit der Erfahrung zu. Während Anfänger noch eine halbe Minute bis Minute halten, können Fortgeschrittene schon mal 3 bis 5 Minuten in einer Asana bleiben.

4. Variationen einbauen

Für deine Yoga Übungen Variationen zu bieten ist eine wunderbare Methode, um die Achtsamkeit zu schulen. Je nach körperlichen und geistigen Fähigkeiten können die Teilnehmer sich so in unterschiedlichen Variationen einer Asana erleben und zunehmend ein Gefühl dafür entwickeln, auf welche Art und Weise sie üben wollen und was ihnen besonders gut tut.

5. Zunehmende Selbstverantwortung

Dabei fällt auf, das mit fortschreitenden Level der Yogastunde die Präzision der Ansagen im Yoga Vidya Stil abnimmt. Während Yoga Anfänger noch sehr genaue Ansagen dazu bekommen, wie sie sich in den Asanas bewegen sollen, sind Ansagen für Fortgeschrittene deutlich abgespeckt.

Bis dahin haben Teilnehmer Bewegungsabläufe verinnerlicht, oft geübt, durchlebt und wissen meist ganz genau, wie sie sich in einer Asana bewegen müssen, wie sie atmen und welche Visualisierung ihnen hilft, konzentriert zu bleiben. Fortgeschritten zu üben heißt also, achtsam und selbstverantwortlich zu handeln. Als Yogalehrer hingegen weiß man, es gibt eine Asana und viele Wege diese auszuführen.

6. Hilfestellungen als Impulse begreifen

Im Schulterstand ist Gewicht auf der Halswirbelsäule? Der Anfänger springt fröhlich drauflos in den Kopfstand? Keine Frage, als Yogalehrer ist es wichtig, ein offenes Auge zu behalten und mit Hilfestellungen verschleißenden Ausführungen und unfallverdächtigem Verhalten bestimmt und freundlich zu korrigieren.

Viele Hilfestellungen sind allerdings auch als Impulse gedacht, um die Schüler weiter in die Asana zu bringen und als solche sollten wir sie auch begreifen. Als Yogalehrer trimmen wir unsere Schüler nicht in irgendeine Bestform, wir machen ein Angebot über die Grenzen hinaus zu praktizieren und belassen es dabei.

Was gilt es für den Yogalehrer zu tun

Ein wertschätzender Umgang mit der inneren Intelligenz der Teilnehmer hängt nicht nur von der Gestaltung des Unterrichts, sondern auch ganz stark mit dem Mindset des Yogalehrers zusammen.

Empathie: Ein gut ausgeprägtes Mitgefühl ist hilfreich, um sich in seine Teilnehmer hineinzuversetzen und ihre Einzigartigkeit und Bedürfnisse anzunehmen. Wenn jemand auf seine innere Intelligenz hört und seinen Bedürfnissen nachkommt, können wir uns freuen, dass dort jemand offensichtlich gut für sich sorgt.

Offenheit: Obgleich Yogalehrer schon die Stunde führen, bringen sich Teilnehmer mit ihren eigenen Erfahrungen, Techniken und Variationen ein. Vielleicht kommt er auch aus einer ganz anderen Tradition und bringt andere spannende Impulse mit in den Unterricht. Was auch da ist: Es darf sein.

Erwartungen hinterfragen: Oft ist es auch hilfreich zu schauen, wie frei ich als Yogalehrer von meinen Erwartungen an die Teilnehmer bin. Insgeheim kann schon der Wunsch bestehen, gesehen zu werden, zu erwarten das Teilnehmer immer durchhalten, oder sie völlig zu begeistern und zu überzeugen wollen. Hier gilt es, sich achtsam selbst zu beobachten und von seinen Erwartungen loszulassen.

Yogalehrer Ausb