Podiumsdiskussion: Ayurveda und vegane Lebensweise

Auf dem 9. Ayurveda Kongress bei Yoga Vidya in Bad Meinberg gab es eine interessante Podiumsdiskussion zum Thema „Ayurveda vegan“. Dazu trafen sich einige Referenten des Ayurvedakongresses zur Diskussionsrunde für die Erörterung der Fragestellung, ob traditioneller Ayurveda mit einer veganen Lebensweise vereinbar ist.

Moderiert wurde die Runde von Kongress-Organisatorin Shanti WadeDr. Hans Heinrich Rhyner, Dr. Harsha Gramminger, Dr. Aruna Rajendran, Julia Lang und Lara-M. Vucemilovic tauschten zu diesem Thema Erfahrungen aus der eigenen Praxis aus und nahmen Stellung zur Bedeutung der veganen Entwicklung und die Integration des Sattwa-Aspektes bei Ayurvedischen Anwendungen.

Besonders die Anwendung von Produkten tierischen Ursprungs, wie z.B. Butter-Ghee, das im traditionellen ayurvedischen Gesundheitssystem bei vielen Anwendungen, insbesondere bei der Panchakarma Kur, einen festen Stellenwert einnimmt, wird angesichts ethischer Gesichtspunkte in Frage gestellt.

Ghee [Hindi: ghī, Sanskrit: ghṛta] bedeutet soviel wie Öl, jede Art von flüssigem Fett. Das kann sowohl pflanzlich als auch tierlichen Ursprungs sein. Heutzutage wird Ghee jedoch meist in Verbindung mit Schmelzbutter, also gereinigter geschmolzener Butter in Verbindung gebracht. Geklärte Butter zählt im Ayurveda zu den Substanzen denen besondere Eigenschaften zugeschrieben werden. So wird Ghee traditionell in der Panchakarma-Kur eingesetzt um den Körper zu entgiften und Schlackstoffe auszuleiten. Besonders interessant für die Anwender ist die Eigenschaft, alle Körpergewebe durchdringen zu können, was für den Erfolg der Kur eine Rolle spielt.

Dr. Gramminger berichtet jedoch, dass es bei Teilnehmerninnen und Teilnehmern der Panchakarma Kuren, bei denen Ghee angewendet wird, eine Erhöhung der Cholesterinwerte erfolgt. Seit Dr. Gramminger die Kuren mit pflanzlichem Öl durchführt, bleiben die Cholesterinwerte auf einem normalen Niveau. Das Gute: Die positiven Ergebnisse der Panchakarma-Kur werden dadurch nicht beeinträchtigt. Grund für diese Umstellung war der gesundheitliche Aspekt der Teilnehmer. Dass es sich bei der alternativen Lösung auch um eine ethisch verantwortbare Lösung handelt, war darüberhinaus eine begrüßenswerter Effekt.

ayurveda_obstDr. Rhyner betont, dass es sich bei der Frage um ethische Wertigkeit insbesondere um einen hohen Anteil an Sattwa handelt. Dies wirke auch gesundheitlich noch vor der körperlichen Ebene. Auf der anderen Seite sind positive Ergebnisse auch mit Substanzen tierischer Herkunft nicht abzustreiten und er erwähnt in diesem Zusammenhang auch Heilerfolge, die mit einer Milchdiät erzielt wurden. Generell warnt er vor schwarz-weiß-Malerei und stellt in diesem Zusammenhang auch die Gefühlsebene in den Vordergrund. Sattwa sollte im Vordergrund stehen, da dies auch auf argumentativer Ebene den höchsten Stellenwert hat. Es sollte jedoch nicht dazu führen, Patienten zu verunsichern oder Angst zu erzeugen, da auch Gedankenkraft einen großen Einfluss auf die Genesung hat.

Dr. Rajendran führt, seit sie in Deutschland praktiziert, in der veganen Ayurveda Oase bei Yoga Vidya die Panchakarma Kuren mit pflanzlichen Ölen durch – die Ergebnisse sind ihrer Ansicht nach gut und förderlich, differieren jedoch von Anwendungen mit Schmelzbutter (Ghee). In manchen Fällen hat sie das Gefühl, eine Anwendung mit Ghee wäre wirkungsvoller. Nicht auszuschließen ist jedoch, dass es bei machen Personen die Kur auch unter Anwendung von Ghee nicht zu den gewünschten Effekten geführt hätte. Ansonsten sei die Durchführung der Panchakarma Kur mit Leinöl sehr positiv zu beurteilen, so Dr. Rajendran.

Dr. Rhyner fügt an dieser Stelle hinzu dass es bei der Suche nach Alternativen nicht darum geht einen 100% Ersatz zu finden, sondern den gewünschten gesundheitlichen Effekt zu erzielen. Viele ayurvedische Mittel können aufgrund ihrer speziellen Beschaffenheit nicht immer durch andere Substanzen ersetzt werden. Daher kann z.B. beim Ersetzen von Ghee durch Leinöl eine Wirkungsweise nicht 1:1 sichergestellt werden. Wenn es den gewünschten Effekt erzielt, stellt es eine Alternative dar, die einen höheren Reinheitsgrad aufweist. Bezüglich der Wirkungsweise verweist er auf einen sehr interessanten Aspekt: In einer sattwigen Umgebung könne auch Sattwa allein eine große positive Wirkung haben. Besteht jedoch ein großes Gefälle zu einer tamassigen Umgebung, so braucht es zusätzlich viel Rajas um eine Wirkung zu erzielen. Sattwa allein könne in diesem Umfeld nicht in gleichem Maße wirken. Dies könne die Unterschiedlichen Behandlungsergebnisse erklären. [zu den Begriffen Rajas, Tamas und Sattva siehe: Guna]

Zur Frage ob Leinöl in gleichem Maße die Zellmembran durchdringen kann wie Ghee gibt es verschiedene Ansichten. Dr. Gramminger betont, dass im Vergleich zur Behandlung mit Schmelzbutter die Indikation nicht in gleichem Maße auf der Haut zu sehen ist, um beurteilen zu können, ob die Einnahme zu beenden ist, jedoch kann man stattdessen eine adäquate Beobachtung des Stuhls durchführen. Julia Lang berichtet in diesem Zusammenhang, dass es möglich ist, die Permeabilität (Durchlässigkeit) der Gewebe für das Öl durch verschiedene Carrier (Transportproteine) zu steigern. Genaue Untersuchungen oder Studien dazu liegen noch nicht vor. Hierbei sollte je nach der Beschaffenheit und Eigenschaften der Öle entschieden werden, welches das richtige ist. Sesamöl eignet sich gut, wenn es um die Substitution von Kräutern – Leinöl, wenn das Hauptaugenmerk auf die Aminosäuren gerichtet ist. Kokosöl sollte nur bei hoher Luftfeuchtigkeit angewendet werden, da es austrocknen kann, es vermag mit einer kühlenden Wirkung wärmende Gewürze auszugleichen.

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Die Frage ob Heilpflanzen aus Indien stammen müssen oder ob nicht aus ökologischen Gesichtspunkten heimische Pflanzen bevorzugt werden sollten, ist zurzeit ein Thema dass bei Ayurveda Therapeuten immer mehr Raum einnimmt. Die grundsätzliche Einstellung, dass es für die Umwelt und die Gesundheit am besten ist regional, saisonal und vor allem biologisch zu kaufen oder sogar selbst anzupflanzen, wird von den Referenten unterstützt . Wenn spezielle Pflanzen notwendig sind, die in unseren klimatischen Verhältnissen nicht wachsen können, sollte beim Kauf ein fairer Handel und ökologisch-biologische Herstellungsprozesse berücksichtigt werden. Bei der Herstellung bestimmter Essenzen können vielfältige Pflanzenarten verwendet werden. Dr. Rhyner fügt hinzu, dass es auch sinnvoll ist, das Potential der Pflanzen aus der eigenen Region zu nutzen, da in jeder Klimazone jene Pflanzen mit genau den Nährstoffen wachsen, wie sie in den klimatischen Verhältnissen von den dort lebenden Individuen benötigt werden.

Der Erfahrungsaustausch der Ayurveda Experten war sehr aufschlussreich und hat gezeigt, dass es wichtig ist, traditionelles Wissen zu hinterfragen und so eine sinnvolle Weiterentwicklung zu ermöglichen. Es konnte aufgezeigt werden, dass viel positives Potential in der veganen Ayurveda-Methodik steckt. Nicht nur aus gesundheitlichen Aspekten, sondern auch, wie Moderatorin Shanti Wade es betont, um den globalen Aspekt ethisch und ökologisch mit einzubeziehen und die Entwicklung des Bewusstseins auf der ganzen Erde zu unterstützen. Der westliche Ayurveda kommt auf jeden Fall in eine interessante Zeit, aus der wahrscheinlich noch viele neue und kreative Behandlungsansätze hervorgehen werden.

[ein Beitrag von Nathalie Dahler]

Weitere Informationen: 

Ayurveda vegan

Interessanter Kurzvortrag von Sukadev über Ghee: 

 

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