Vom Charakter – eine Geschichte

Der Meister begab sich zusammen mit vier seiner jüngeren Schüler an den Rand eines großen Beckens, das mit Wasser befüllt war und fürchterlich dampfte. Von einer Seite hin zur gegenüberliegenden führte eine hölzerne Planke über das Becken.

Der Meister erklärte: „Die Aufgabe wird sein, dass ein tapferer Schüler das Becken überquert, um tatsächlich Mut zu beweisen.“

Der Meister fuhr fort: „Hört! Gibt es jemanden unter euch, der diese Aufgabe freiwillig übernehmen möchte?“

Nach kurzer Zeit trat Schüler Achala hervor.

Der Meister fragte: „Achala, wieso bist du hervorgetreten?“

Achala gab zur Antwort: „Weil ich von niemandem verlangen möchte, das zu tun, was ich selbst nicht tun will. So ist es mir lieber, dass ich persönlich diese schwierige Aufgabe übernehme.“

Der Meister sprach: „Wohl hast du entschieden, Achala. Nun aber bist du von der Aufgabe befreit.“

Alle Schüler waren daraufhin sehr erstaunt und machten große Augen.

Sodann fragte der Meister die drei Verbliebenen: „Gibt es jemanden unter euch, der sich jetzt dieser schwierigen Probe stellen möchte?“

Der Schüler Ishta trat hervor.

Der Meister fragte: „Ishta, weswegen bist du hervorgetreten?“

Ishta antwortete: „Weil ich mich schäme, es Achala nicht gleichgetan zu haben, und um nun durch die Prüfung mein ruhiges Gewissen wiederherzustellen.“

Der Meister sprach: „Ishta, auch dich entbinde ich von der Aufgabe.“

Abermals fragte der Meister die beiden noch in der Reihe verbliebenen Schüler, wer sich der Aufgabe nun stellen mochte. Da trat der Knabe Jivan hervor. Der Meister fragte auch ihn nach dem Grund für seine Meldung.

Jivan antwortete: „Meister, weil auch ich gerne von dieser schrecklichen Aufgabe befreit werden will. Da ich nun annehme, ihr werdet denjenigen auswählen, der zuletzt übrigbleibt, habe ich mich gemeldet.“

Der Meister lächelte und sprach: „Nein Jivan, niemand von euch muss sich der Prüfung stellen, über das dampfende Wasser hinwegzugehen. Ihr sollt wissen: Meine Schüler sind mir äußerst lieb. Aber eine Prüfung hattet ihr trotzdem zu verrichten. Haltet euch das heutige Ereignis noch lange vor Augen und fragt euch selbst, welche Lehren ihr daraus ziehen könnt.“

Der Meister wandte sich ab und ließ seine Schüler nachdenklich zurück.

~dg

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