Asanas der Yoga Vidya Grundreihe: Shirsasana, der Kopfstand

Shirsasana (auch: Shirshasana ), der Kopfstand, lehrt mich nicht nur das Gefühl des Meisterns. Oft ist es besonders das Scheitern woran ich arbeiten kann – und der Umgang mit meinen eigenen körperlichen Grenzen. Manch einer steht sofort im Kopfstand, aber die meisten müssen sich überwinden. Voller Bewunderung habe ich den andern zugeschaut, wie sie majestätisch in der Königshaltung stehen. Ich selber habe immer Hilfe gebraucht, mein Gleichgewicht noch nicht gefunden. Erst jetzt, nach vielen Monaten Muskelaufbau, bekomme ich langsam ein Gefühl dafür, wie es gehen könnte, habe aber immer noch Nackenschmerzen, wenn ich zu ehrgeizig bin. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf. Warum? Kopfstand ist Kopfsache. Wer sich traut auf dem Kopf zu stehen, steht auch zu sich selbst. Er erhebt sich über seine Grenzen, überwindet sie, indem er seine Angst überwindet. Diese Angst zu fallen, zu schwanken, nicht allein bestehen zu können.

Im Kopfstand steht die Welt auf dem Kopf, wir drehen die Naturgesetze um, erheben uns über die Schwerkraft. Unsere Füße, die uns durchs ganze Leben tragen, dürfen ihre empfindlichen Sohlen nach oben recken, dem Himmel entgegen, vielleicht nehmen sie etwas auf, das die Augen nicht sehen, die Seele aber fühlen kann. Mit dem Kopf, den wir sonst nach oben strecken, aufrecht und stolz, der den Körper sonst krönt, der über Augen und Ohren Außenreize aufnimmt, haben wir jetzt Bodenhaftung und nehmen die Energie der Erde auf. Gleichzeitig aber geben wir auch alles Negative und Belastende nach unten ab, werden frei und klar.

Wir stehen stabil auf Kopf und Ellenbogen, brauchen aber alle Muskeln des Körpers, um die Asana ruhig halten zu können. Unsere Muskeln in Rücken, Bauch und Beinen arbeiten, um das Gleichgewicht zu halten. Wir freuen uns an ihrer Kraft und ihrer Kooperationsfähigkeit, am Wunder des Zusammenspiels von Muskeln und Nerven. Gerade weil diese Stellung nicht jedem gleich leicht fällt, gibt sie dieses königliche Gefühl, wenn sie gemeistert wird.

Shirsasana, das ist Selbstbewusstsein, Mut und Kraft. Aber auch Eigenständigkeit, Unabhängigkeit von der Norm, von kulturellen Gewohnheiten. Der Kopfstand bedeutet, sich neu auszuprobieren in ungewohnter Haltung, sich zu fordern ohne den gewohnten Halt der Füße. Mut zum Innehalten zu haben, zum Stehenbleiben, zum Stillstand.

Festverwurzelt gibt es keinen Drang zur Bewegung, die Welt um uns bewegt sich, wir bleiben fest:
Auch auf dem Kopf gehalten von der Erde unter uns und vom Himmel über uns geschützt.

Ein Text von Angelika Jüngst.

In der Kategorie „Hatha Yoga“ findest du weitere Beiträge von Angelika Jüngst zu den verschiedenen Asanas der Yoga Vidya Grundreihe.

 

Über die Autorin:

Om Namah Shivaya!

Mein Name ist Angelika Jüngst, ich bin 1963 geboren und habe schon immer gern geschrieben. Mein Germanistikstudium habe ich allerdings schon nach einem Semester abgebrochen und lieber mein Diplom in Betriebspsychologie gemacht, dieses Studium erschien mir zum Bestreiten meines Lebensunterhalts besser geeignet. Berufserfahrungen sammeln konnte ich in den Bereichen Eigungsdiagnostik für Azubis, Organisations- und Personalentwicklung. Bis zur Geburt meines ersten Kindes habe ich einen Unternehmensberater, der vor allem als Coach bekannt ist, in einem Buchprojekt unterstützt. Klingt alles rund, aber die Sinnfrage stellte sich mir immer deutlicher, je mehr Ziele erreicht schienen. Nach Heirat, drei Kindern, vielen Sorgen um ihr Wohlergehen und gesundheitlichen Problemen kam ich 2009 endlich zum Yoga. Hier fand sich alles zusammen: Antworten auf meine Fragen nach dem Sinn des Lebens und dem Wesen des Menschen, eigene Weiterentwicklungsmöglichkeiten und Herausforderungen, ein Gefühl von Angekommensein. Und es ergab sich eine für mich unglaublich befriedigende Tätigkeit: Anderen Menschen Yoga nahezubringen.

Die Anfrage, etwas über die Asanas der Yoga Vidya Grundreihe zu schreiben, hat mich gleich angesprochen.

Meine erste Erfahrung mit Yoga fand in einer Turnhalle statt. Die Bewegungen gingen dynamisch ineinander über und ich war als Anfängerin völlig überfordert. Angesagt wurden die Stellungen, aber nicht, wie ich sie am besten einnehme („und jetzt kommt ihr von der schleckenden Katze in den nach unten schauenden Hund“).
So saß ich mit Blick zur Leiterin oder den fortgeschrittenen Teilnehmerinnen schiefhalsig da und versuchte zeitverzögert die Stellungen zu imitieren. Aber selbst so machte mir Yoga Spaß. Als ich hörte, dass man bei Yoga Vidya Hatha Yoga mit genauer Anleitung und mit Hilfestellungen richtig erlernt, die Übungsreihe aus nur 12 Grundstellungen besteht und der Kursleiter selbst nicht mitpraktiziert, sondern ganz für seine Schüler da ist, wusste ich, dass ich bei Yoga Vidya richtig bin. Trotz gesundheitlicher Einschränkungen fühlte ich meine Kraft, meine Beweglichkeit und meine Koordinationsfähigkeit wachsen – als früherer bekennender Sportmuffel ein Wunder.

Kein Wunder war, dass ich neugierig wurde. Wie kann das funktionieren? Was steckt dahinter? In den zwei Jahren der Yogalehrer-Ausbildung wurden zwar viele Fragen beantwortet, aber je intensiver ich mich mit Yoga beschäftige, desto mehr staune ich über die Vielschichtigkeit der Wirkungen.

Sicher habt ihr eigene Assoziationen, Erfahrungen, Einsichten oder gar Eingebungen gehabt, während ihr selbst die Yoga Vidya Grundreihe praktiziert oder unterrichtet. Ich verstehe meine Texte nur als Anregungen und hoffe, euch oder eure Schüler damit zu inspirieren.

Om Shanti!

3 Kommentare zu “Asanas der Yoga Vidya Grundreihe: Shirsasana, der Kopfstand

  1. Liebe Angelika, vielen Dank für den tollen Artikel über den Kopfstand – habe das alles auch so erlebt. Seit fast zwei Jahren (mit einer kurzen Unterbrechung nach einem Verkehrsunfall) übe ich jede Woch den Kopfstand – am Anfang mit Hilfe, später allein an der Wand, jetzt stehe ich etwa 3 – 5 Atemzüge zwar an der Wand, doch fast immer ohne sie zu berühren. Ich bin jedesmal total stolz und froh auf mich. Ich bin 63 Jahre alt und hätte nie geglaubt, dass ich
    das noch schaffe.

    Namaste und viel Glück
    Heidrun

  2. Danke ! Ich finde mich wieder in diesem wunderbaren Beitrag. Danke dafür 🙂

  3. Haripriya

    Danke für diesen wundervollen Beitrag. Das liesst sich sehr schön und es fühlt sich auch tatsächlich so an, das kann ich bestätigen.
    Om shanti und lichtvolle Grüsse von Haripriya-Ramani

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