Yoga & Mystik: Was Bruder Klaus uns über innere Stille lehrt

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Kennst du das Gefühl, wenn du deine Matte ausrollst und plötzlich alles ruhiger wird? Der Atem fließt tiefer, der Geist kommt zur Ruhe und für einen Moment scheint die Welt draußen zu pausieren. In Yoga & Mystik begegnet uns genau diese Sehnsucht nach innerem Frieden – im Yoga oft als Shanti bezeichnet. Und doch wissen wir, wie schnell dieser Zustand wieder entgleitet, sobald wir die Matte zusammenrollen und in den Alltag zurückkehren.

Was wäre, wenn uns dabei nicht nur Technik helfen könnte, sondern auch die Inspiration durch Menschen, die diesen Frieden radikal und konsequent gelebt haben – nicht in einem indischen Ashram, sondern mitten in der Schweiz?

Warum diese Verbindung heute so berührt

Viele von uns kommen zunächst über das Körperliche zum Yoga: Flexibilität, Stressabbau, ein besseres Körpergefühl. Doch je tiefer wir in die Praxis eintauchen, desto mehr spüren wir: Es geht um etwas Größeres. Um die Frage, wie wir wirklich leben wollen. Um Stille, Hingabe und die Suche nach dem, was bleibt, wenn alles Äußere wegfällt.

Genau hier öffnet sich eine überraschende Brücke zwischen dem jahrtausendealten Wissen des Yoga und der europäischen Mystik. Denn die Sehnsucht nach Einheit, nach innerem Frieden, nach der direkten Erfahrung des Göttlichen kennt keine Konfessionsgrenzen. Sie ist universell.

Ein Mensch, der diese Suche auf bemerkenswerte Weise verkörpert hat, lebte gar nicht weit von uns: Niklaus von Flüe (1417–1487), bekannt als Bruder Klaus, Schweizer Nationalheiliger und Schutzpatron der Schweiz.

Ein Yogi in der Einsiedelei: Wer war Bruder Klaus?

Niklaus von Flüe wurde 1417 im Flüeli bei Sachseln im Kanton Obwalden geboren. Zunächst lebte er als wohlhabender Bauer, Offizier, Ratsherr und Richter – und als Vater von zehn Kindern. Im Alter von 50 Jahren verließ er mit dem Einverständnis seiner Frau Dorothea Familie und Hof und zog sich in die Einsiedelei im nahen Ranft zurück.

Dort lebte er knapp zwanzig Jahre in tiefer Kontemplation. Zeitgenössische Quellen, darunter sein Beichtvater, der Kernser Pfarrer Oswald Isner, sowie weitere glaubwürdige Zeugen, berichten, dass er in dieser Zeit kaum feste Nahrung zu sich nahm, mit Ausnahme der Eucharistie.

1481 soll er durch seinen Rat das sogenannte Stanser Verkommnis vermittelt und damit den drohenden Zerfall der Eidgenossenschaft verhindert haben. Am 15. Mai 1947 sprach Papst Pius XII. ihn im Petersdom heilig. Bis heute gilt er als einer der bedeutendsten Mystiker des deutschsprachigen Mittelalters.

Was mich daran immer wieder fasziniert: Wenn ich die überlieferten Berichte über ihn lese, erkenne ich darin die Sprache des Yoga. Nicht wörtlich, aber in der Tiefe. Die Entsagung, die Versenkung, das Vertrauen in eine höhere Führung. Im Yoga nennen wir diese Haltung Vairagya, also Nicht-Anhaftung, und Ishvara Pranidhana, die Hingabe an das Göttliche. Bruder Klaus lebte sie auf seine Weise – vollständig.

Christliche Mystik und Yoga: Zwei Wege, eine Sehnsucht

Dabei ist es wichtig, diese Verbindung ehrlich einzuordnen: Yoga und christliche Mystik sind keine identischen Wege. Sie entstammen unterschiedlichen kulturellen und philosophischen Kontexten. Dennoch zeigen Forschende wie der Theologe und Yogalehrer Georg Feuerstein, der sich intensiv mit den Parallelen zwischen kontemplativen Traditionen beschäftigt hat, dass gewisse Erfahrungen – tiefe Stille, Ich-Auflösung, die Einheit mit dem Göttlichen – in nahezu allen Traditionen auftauchen. Der indische Begriff Samadhi und das, was christliche Mystiker als unio mystica beschreiben, berühren denselben Erfahrungsraum.

Auch der Schweizer Psychologe C. G. Jung beschäftigte sich mit Niklaus von Flüe und sah in seinen Visionen eine archetypische, überkonfessionelle Tiefendimension. Aus yogischer Perspektive können solche Deutungen helfen, Brücken zu erkennen, ohne die Eigenständigkeit der Traditionen zu verwischen.

Für unsere Yogapraxis bedeutet das: Wir müssen nicht in eine andere Tradition wechseln. Aber wir können uns inspirieren lassen – von Menschen, die den inneren Weg konsequent gegangen sind, egal unter welchem Dach.

Vier Impulse für deine Yogapraxis

1. Fokus finden mit dem Radbild – Yantra-Meditation

Bruder Klaus meditierte, wie in der Forschung zu seiner Mystik gut dokumentiert ist, über ein kreisförmiges Bild, das heute als sein Radbild oder Betrachtungsbild bekannt ist. Es zeigt ein sechsspeichiges Rad mit dem Haupt Christi in der Mitte – eine Darstellung, die er in einer Vision empfangen haben soll und ihm als Meditationshilfe diente. Bruder Klaus selbst nannte dieses Bild sein „Buch, darin ich lern und suche die Kunst dieser Lehre“.

Was mich dabei berührt: die strukturelle Ähnlichkeit zu einem klassischen Yantra – einem geometrischen Meditationsbild aus der Tantra-Tradition des Yoga. Denn auch dort führt der Blick vom Äußeren ins Zentrum, von der Vielfalt zur Einheit.

Abstraktes Mandala mit geometrischen Linien, blaugrünen Blütenformen und goldenem Zentrum auf hellem Hintergrund

Praxis-Tipp: Nutze ein Mandala oder ein einfaches Kreissymbol für deine nächste Tratak-Übung, also das konzentrierte Anschauen eines Punktes oder Bildes. Diese Praxis hilft dir, die Sinne von der Außenwelt zurückzuziehen und den Geist in einem zentralen Punkt zu sammeln. Du brauchst dafür kein besonderes Bild. Auch eine Kerzenflamme oder ein selbst gezeichneter Kreis wirkt. Bleibe fünf bis zehn Minuten beim Bild, ohne zu werten. Was passiert mit deinem Geist?

2. Hingabe und Loslassen: Bhakti Yoga mit einem europäischen Gebet

Das bekannteste Gebet von Bruder Klaus ist in mehreren historischen Fassungen überliefert und hat Einzug in den Weltkatechismus der Katholischen Kirche gefunden, was die überkonfessionelle Bedeutung unterstreicht. Es wird als „Klausens gewöhnliches Gebet“ bezeichnet und lautet in der heute gebräuchlichen Fassung:

„Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu dir.
Mein Herr und mein Gott, gib alles mir, was mich fördert zu dir.
Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir.“

Diese drei Zeilen gehören für mich zu den präzisesten Formulierungen von Ishvara Pranidhana – der vollständigen Hingabe-, die ich je in europäischer Sprache gelesen habe. Kein Festhalten, kein Fordern. Nur Öffnung. Die drei Bitten folgen dem klassischen mystischen Dreischritt: Reinigung, Erleuchtung, Vereinigung. Im Yoga könnten wir sagen: Loslassen, Empfangen, Einssein.

Praxis-Tipp: Nutze diese Zeilen wie ein Mantra in deiner nächsten regenerativen Yin-Yoga-Einheit oder in Savasana. Du musst sie nicht wörtlich übernehmen. Stattdessen kannst du sie umformulieren, wenn das für dich stimmiger ist. Die eigentliche Frage dahinter lautet: Was halte ich gerade noch fest, das mich eigentlich erschöpft? Und was würde ich empfangen, wenn ich loslassen würde? Das bewusste Loslassen von Ego-Anhaftungen öffnet den Raum für tiefere Praxis.

3. Prana und Nahrung: Ein inspirierender Impuls

Zeitgenössische Zeugen berichten übereinstimmend im Kirchenbuch Sachseln, dass Bruder Klaus in seinen knapp zwanzig Jahren im Ranft kaum feste Nahrung zu sich nahm, mit Ausnahme der Eucharistie. Historisch ist dies weder naturwissenschaftlich erklärbar noch einfach zu widerlegen. Er gehört zu den bemerkenswertesten und meist diskutierten Aspekten seiner Überlieferung.

Auch in der Yoga-Tradition kennen wir das Konzept, dass wir Energie, also Prana, nicht nur durch Essen aufnehmen. Auch Atem, Natur, Schlaf, Stille und bewusste Aufmerksamkeit nähren uns. Das heißt nicht – und das ist wichtig zu betonen –, dass wir weniger essen sollten. Es bedeutet vielmehr, dass wir uns fragen dürfen: Wie und womit nähre ich mich eigentlich – körperlich, energetisch und mental?

Praxis-Tipp: Verbringe deine nächste Pranayama-Praxis bewusst im Freien. Spüre, wie die frische Luft deine Zellen belebt. Wenn du die Möglichkeit hast, in der Natur zu atmen – im Wald, am See, auf einem Hügel –, nutze sie. In vielen Yogatraditionen gilt Prana aus frischer, sauberer Luft als der direkteste Weg zu mehr Vitalität.

4. Stille als Praxis: Mauna und der Rückzug nach innen

Was mich an Bruder Klaus vielleicht am meisten berührt, ist etwas, das sich nicht so leicht in eine Technik übersetzen lässt: die Radikalität seiner Stille. Er hat wirklich aufgehört, auf äußere Erfüllung zu warten. Er hat sich selbst als Quelle der Ruhe erfahren.

Person meditiert auf einem Steg an einem ruhigen See mit Wald und Bergen im Hintergrund

Im Yoga nennen wir diese bewusst gepflegte innere Stille Mauna – ein Schweigen, das über das Nicht-Sprechen hinausgeht. Es ist ein Zustand des Nicht-Reagierens, des Innehaltens.

Praxis-Tipp: Wähle einmal pro Woche einen Moment bewusster Stille – nicht als Meditation mit Anleitung, sondern einfach als Pause. Keine Musik, kein Podcast, kein Scrollen. Fünf Minuten reichen. Sitze mit dir. Beobachte, was auftaucht, ohne es zu bewerten. Diese kleine Praxis ist oft kraftvoller als eine ganze Stunde auf der Matte.

Warum die Umgebung unsere Praxis prägt

Orte, an denen seit Jahrhunderten kontempliert, gebetet und meditiert wird, entwickeln eine besondere Qualität. Die Einsiedelei im Ranft bei Flüeli-Ranft im Kanton Obwalden ist bis heute ein stilles, beeindruckendes Zeugnis dieses Geistes – und einen Besuch wert, wenn du in der Zentralschweiz bist.

Auch die Schweiz als Ganzes trägt etwas in sich: eine Qualität der Ruhe, der Beständigkeit und der Klarheit, die vielleicht auch mit der Landschaft selbst zu tun hat. Die Alpen laden zur Stille ein. Das Wasser ist klar. Es gibt Orte, an denen der Atem von selbst tiefer wird.

Wenn du das nächste Mal auf deiner Matte stehst, stelle dir vor, du wärst an einem solchen Kraftort. Diese innere Schweiz – diese Qualität von Stille und Klarheit – trägt nicht nur die Landschaft in sich. Sie liegt auch in uns. Durch regelmäßige Praxis können wir die Tür dorthin immer wieder öffnen.

Om Shanti.

Sabrina Das, Centerleiterin des Yoga Vidya Centers Wittenbach in der Schweiz

Sabrina Das

Sabrina Das ist Yogalehrerin mit langjähriger Ausbildung in der Tradition von Yoga Vidya und leitet das Yoga Vidya Center in Wittenbach am Bodensee. Ihre Praxis wurzelt in den klassischen Texten des Yoga – von den Yoga Sutras des Patañjali bis zur Hatha Yoga Pradipika – und wird gleichzeitig bereichert durch ihr tiefes Interesse an europäischer Spiritualität und Mystik. Die Frage, wie zeitlose Weisheit im ganz konkreten Alltag der Schweiz lebendig werden kann, begleitet sie seit Jahren – in ihrer eigenen Praxis, in der Arbeit mit Schüler:innen und bei Retreats in der Natur.

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