Asteya: Nicht stehlen – Yama (Teil 3)

Asteya heißt nicht stehlen und meint mehr als nur das mitnehmen von physischen Objekten.

 „Ist Nicht stehlen fest begründet, kommen alle Kostbarkeiten wie von selbst“ lautet der 37. Vers im zweiten Kapitel von Patanjalis Yoga Sutra. Er hängt zusammen mit dem Gesetz der Entsagung. Wir sollen weder etwas begehren, dass uns nicht gehört, noch an etwas hängen, dass wir bereits besitzen. Eine ziemlich rigorose Forderung, die Yoga an uns stellt. Aber schaut man hinter die Kulissen, gleicht Asteya eigentlich mehr einem Versprechen der Fürsorge als einem wirklichen Verbot.

Im Laufe des Lebens eignen wir uns viele Sachen an und vermutlich genau so viele Dinge werden uns wieder genommen. Von Essen über Büromaterialien bis hin zu Zeit können wir viele Dinge unrechtmäßig mitnehmen, aber davon gleich mehr. Sukadev weist in seinem Buch „Die Yogaweisheit des Patanjali für Menschen von heute“ auf die Gesetze des Karmas hin. Wenn wir jemandem etwas wegnehmen, so wird auch uns etwas weggenommen. Das muss nicht nur auf der materiellen Ebene sein. Manchmal wird uns emotional etwas genommen wie Freundschaft, Sicherheit oder (und da sind wir offensichtlich der eigene Auslöser) ein reines Gewissen.

Ebenen von Asteya

Im Yoga nach Swami Sivanada ist der Glaube fest verankert, dass um uns gesorgt wird, solange wir auf der Erde leben. Allerdings funktioniert das nur, wenn wir uns der Fülle öffnen. Das tun wir, indem wir nichts begehren, sondern einfach Dinge zu uns kommen lassen. Eventuell hast du schon einmal von dem Lakshmi Prinzip gehört. Es bedeutet kurzgesagt: Je mehr wir geben, desto mehr bekommen wir. Dabei verschwimmen die Ebenen oft. Wir schenken eventuell eine CD, bekommen Vertrauen geschenkt. Wir geben ein offenes Ohr, bekommen einen Geschenkgutschein für einen Yogakurs.

Asteya meint in diesem Sinne auch Zurückhaltung. Wenn noch 30 Leute hinter einem stehen und der Nachtisch reicht nur für 20 heißt Asteya auch, eine kleinere Portion zu nehmen, als man eigentlich möchte. Wie du schon sehen kannst, geht es also nicht nur um das physische Stehlen. Vielmehr umfasst Asteya das ganze Leben, wie eigentlich immer im Yoga. Es bedeutet auch, nicht auf der Arbeit rumzustehen und zu quatschen oder zu trödeln. Dann dauert die Arbeit länger und wir stehlen unseren Kollegen die Zeit. Auch unordentlich zu handeln, wie das Geschirr nicht richtig sauber zu machen ist Asteya, wenn es unseren Mitmenschen Nerven raubt.

Die Ordnung aufrechterhalten

Wie Ahimsa (Gewaltlosigkeit) und Satya (Wahrhaftigkeit) ist auch dieses Prinzip ein ganz Gesellschaftliches. Es kommt mindestens in zwei Geschmacksrichtungen. Das mag nun etwas komisch klingen, aber unter dem Gesicht von Asteya ist es zum einen durchaus gefordert zu sagen, dass wir unsere Besitztümer vor anderen schützen sollen. Gelegenheit macht Diebe, heißt es so schön. Wenn wir unseren Mitmenschen das liebevolle Handeln leichter machen wollen, kann das Verschließen von Wertsachen einen großen Teil dazu beitragen. Aus dem „Vater unser“ kennen wir die Zeile „Führe uns nicht in Versuchung“. Wenn überall 100 Euro Scheine rumliegen, ist es viel schwieriger, keinen einzustecken, als wenn wir dafür extra eine Bank überfallen müssen. Wir entwickeln Mitgefühl für Diebe und helfen ihnen, leichter die richtige Entscheidung zu treffen.

Nudging heißt Anstubsen und meint das gezielte Beeinflussen von Entscheidungen

Nudging ist ein Begriff aus der Psychologie. Beim Nudging versuchen wir das Verhalten von Menschen auf bestimmte Weise zu beeinflussen (Lembcke et al. 2019). Beispielsweise wissen wir, dass Menschen eher das kaufen, was auf Augenhöhe ist. Ein Supermarkt muss ohnehin angeordnet werden, warum also nicht das gesunde Gemüse auf Augenhöhe platzieren. Ähnlich verhält es sich mit Diebstählen. Je leichter etwas zu bekommen ist, was wir haben wollen, desto eher werden wir es nehmen. Sicherheitskameras und Stahlschlösser senken also den Impuls zum spontanen Diebstahl.

Auf der anderen Seite heißt Asteya aber auch, nichts anzunehmen, was einem nicht zusteht. Viele kennen diese Handlung als Bestechung, nur ist uns oft nicht klar, dass es auch im kleinen Rahmen passiert. Wenn jeder Bestechungsgelder annehmen würde, wäre das das Ende für ein demokratisches System, wie viele Soziologen ausreichend erklärt haben. Die Strukturen werden umgangen, die Reichen werden bevorzugt und es bilden sich undurchdringbare Schichten (Nève 2011).

Im Kleinen sieht es häufig eher so aus, dass wir ein Auge zudrücken. Eigentlich stehen da noch andere Projekte in der Warteschlange, aber wenn jemand so freundlich anruft und es eilig hat… Ja, solche Fälle gibt es und sie sollten schnell bearbeitet werden, aber es wäre nach Asteya besser, das System so zu verändern, dass diese Fälle schneller behandelt werden. Es ist der lange Weg, aber er ist doch besser für alle am Ende. Er nutzt nicht nur den Leuten, die freundlich anrufen können und uns symphytisch oder aufdringlich sind, sondern allen.

Ins Vertrauen gehen

Wenn man sich all diese Dinge anschaut, die Asteya auf diesen unterschiedlichen Ebenen ist, könnte man schnell meinen, dass es unendlich viele Gründe zum Stehlen gibt. Eigentlich sollten wir von unserer Moralvorstellung trotz jeglicher Gründe für das Besitzverlangen davon abgehalten werden. Und tatsächlich, wenn unsere Moral mal aussetzt, aus welchen Gründen auch immer, neigen wir vermehrt zum Diebstahl (Hirtenlehner 2015). Eine Portion Selbstdisziplin ist also schon ein wichtiger Schritt in Richtung Asteya.

Disziplin kann helfen Asteya zu verwirklichen

Warum setzt unsere Moral überhaupt aus? Aus yogischer Sicht wird die Frage in den Yamas leicht beantwortet. Wir verlangen etwas, weil wir davon ausgehen, dass es uns glücklicher macht. Wir sind verhaftet an materiellen Gegenständen. Und weil wir glauben, dass wir heute oder in der Zukunft genau diesen Gegenstand brauchen, um glücklich zu sein in unserer Verhaftung, nehmen wir ihn uns. Unser Glaubenssatz besagt, dass mehr Milchreis glücklicher macht. Dass mehr Musik uns fröhlicher stimmt. Dass uns 20 Euro mehr im Alter über die Runden bringen können. Uns ist dabei nicht bewusst, dass wir unsere Aufrichtigkeit verlieren. Wir drücken beide Augen zu. Das Karma, was wir dadurch sammeln, wird schon nicht so schlimm sein.

Angenommen, wir wüssten mit 100%iger Sicherheit, dass es uns morgen wunderbar geht, würden wir dann auch noch stehlen wollen? Es kann sehr hilfreich sein, sich diese Frage zu stellen, wenn man das nächste Mal etwas mitnehmen oder tun möchte, was einem nicht zusteht. Die Verhaftung an Gegenständen wird geringer, wenn wir wissen, dass sie wieder kommen in einer Weile. Wir setzten dadurch unseren Referenzpunkt neu und können leichter Selbstdisziplin üben. Es wird bald wieder Nachtisch geben, unsere Energie reicht noch bis zur großen Pause und unser Lieblingslied kommt bald wieder im Radio. Eventuell reicht dann jetzt eine kleine Portion Milchreis, vielleicht brauchen wir grade nicht diese Pause auf der Arbeit und möglicherweise können wir CDs einfach legal kaufen.

Asteya und die anderen Yamas

Immer wieder fällt auf, dass sich die Yamas gegenseitig unterstützen. Wie kann jemand wahrhaftig leben und gleichzeitig stehlen? Es ist kaum möglich, gewaltlos zu sein und jemand anderem etwas wegzunehmen. Besonders verbunden ist Asteya mit dem nächsten Yama, dem sinnlichen Maßhalten (Brahmacharya). Hier fällt immer wieder auf, dass die Yamas ein ganzheitliches Konzept sind. Sie leiten uns in allen Fragen des Lebens und in jeder Situation. Deshalb ist es so wichtig, sich selbst dazu zu verpflichten. Es steht nicht immer irgendjemand neben uns, um uns zu tadeln, wenn wir etwas moralisch Fragwürdiges machen. Nur wenn wir selbst dafür sorgen wollen, gut zu handeln, kann es uns gelingen, diesen Vorsatz in die Tat umzusetzen.

Rechtigkeit ist ein wichtiger Teil von Asteya.

Aber wir können uns gegenseitig dabei unterstützen. Wie Asteya zeigt, können wir es potenziellen Dieben schwerer machen. Wir können Gewalttaten offen ansprechen oder Unwahrheiten aufdecken. Bei Freunden und Verwandten können wir Hilfe dafür suchen und müssen diesen Vorsatz nicht allein umsetzen. Ein schöner Spruch besagt: „Wenn sich jeder um sich selbst sorgt, ist für alle gesorgt.“ Schaut er auch noch nach dem Nachbarn, ist für alle doppelt gesorgt. Ohne die anderen zurechtzuweisen oder sie zu maßregeln, können wir ihnen helfen, tugendhaft zu handeln.

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Literaturverzeichnis

Hirtenlehner, Helmut (2015): »Gelegenheit macht Diebe!« oder »Wer raucht, der stiehlt!«. In: Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform 98 (3), S. 257–279. DOI: 10.1515/mks-2015-980306 .

Lembcke, Tim-Benjamin; Engelbrecht, Nils; Brendel, Alfred Benedikt; Kolbe, Lutz (2019): TO NUDGE OR NOT TO NUDGE: ETHICAL CONSIDERATIONS OF DIGITAL NUDGING BASED ON ITS BEHAVIORAL ECONOMICS ROOTS. In: Research Papers. Online verfügbar unter https://aisel.aisnet.org/ecis2019_rp/95.

Nève, Dorothée de (2011): Korruption und Demokratie – Perspektiven der Politikwissenschaft. In: Lukas Achathaler und Aleksandra Djokic (Hg.): Korruptionsbekämpfung als globale Herausforderung. Beiträge aus Praxis und Wissenschaft. 1. Aufl. Wiesbaden: VS Verl. für Sozialwiss, S. 129–147.

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