Satya: Wahrhaftigkeit – Yama (Teil 2)

Satya heißt Wahrhaftigkeit

Die Wahrhaftigkeit Satya wird als zweites Yama im Yoga Sutra von Patanjali aufgeführt. Es braucht viel Mut, um diesen Teil des Yogas in das Leben zu integrieren. Mit jeder einzelnen Tat, jedem Gedanken und jedem Wort können wir uns täglich neu für die Wahrhaftigkeit entscheiden. Allerdings braucht es noch etwas mehr als nur Ehrlichkeit. Auch Unterscheidungsvermögen ist wie immer ein wichtiger Bestandteil für ein sattwiges (reines) Leben.

Hier gehts zum ersten und zweiten Teil der Reihe.

Wenn wir wirklich zu uns stehen, in unserem Element sind und unser ganzes Sein zum Ausdruck bringen, ist Leben federleicht, weil Satya uns den Weg weist. Eventuell kennst du das Gefühl, wenn du dich von einer Lüge befreit hast. Sie mag als Notlüge entstanden sein oder einfach durch Unachtsamkeit rausgerutscht. Wenn wir dann all unseren Mut zusammennehmen und endlich die Wahrheit sprechen, fühlt sich die Welt um einige Tonnen leichter an. Wahrhaftigkeit vereinfacht das Leben, indem wir uns nicht merken müssen, wem wir was erzählt haben oder wer was hören will. Die Yamas sorgen einfach dafür, dass wir uns nicht mit einem schlechten Gewissen rumplagen müssen.

Satya und die Wahrheit

Die Frage nach Wahrhaftigkeit wird manchmal verwechselt mit der Frage nach Wahrheit. In den 10 Geboten heißt es “Du sollst deinem nächsten Gegenüber nicht falsch Zeugnis reden”. Wir interpretieren es oft als das Lügenverbot. Im Yoga ist es etwas komplizierter. Zum einen gibt es kein generelles Verbot der Unwahrheit gegenüber, zum anderen reicht es nicht das Gegenüber zu verschonen. Auch wir selbst sind mit eingeschlossen.

Wahrhaftigkeit hat in verschiedenen Kontexten eine unterschiedliche Bedeutung. Während die Wahrheit das ist, was wir für wahr halten, ist Satya die Haltung, die nur das ausdrücken will, was für wahr gehalten wird. Es geht um den Spruch „Nach bestem Wissen und Gewissen“. Wir wollen so handeln, wie es „das Richtige“ ist. Da Satya das ganze Leben durchdringen soll, gilt dieser Anspruch nicht nur anderen gegenüber, sondern auch uns selbst. Dabei ist sich der Yogi immer bewusst, dass er nicht die ganze Wahrheit erkennen kann.

Unsere Erziehung, Bildung, Glaubenssätze oder Erfahrungen sind Brillen, durch die wir die Welt wahrnehmen. Wir leben in einer Illusion, die Maya genannt wird, und das bedeutet nicht, dass es die Welt nicht gibt. Es heißt lediglich, dass wir keine objektive Wahrheit wahrnehmen können. Der Mensch versucht oft immer näher ran zu kommen und in der Mathematik oder Physik etwa erreichen wir einen sehr hohen Grad der Objektivität. Allerdings gibt es noch viel mehr auf dieser Welt als einige Zahlen. Spätestens wenn es um Gefühle und Emotionen gibt, müssen wir doch oft eingestehen, dass es die Wahrheit an sich in unserer Vorstellung kaum gibt. Dieses Zugeständnis ist bereits der erste Schritt in Richtung wahrhaftig leben.

Warum sind wir nicht ehrlich?

Um einen Schritt in Richtung mehr Wahrhaftigkeit zu gehen, ist es oft hilfreich zu schauen, warum wir nicht so ehrlich sind, wie wir sein könnten. Wenn du magst, kannst du einmal eine Liste erstellen mit Gründen, warum du den Tag über unehrlich bist. Die größte Herausforderung ist dabei, sich selbst offen gegenüber zu stehen. Wenn du dich deines eigenen Verhaltens so sehr schämst, dass du dich selbst belügst, ist dieser Schritt schwer und kann eventuell einige Tage dauern. In deiner Liste darf alles möglich drinstehen.

Von der typischen „mir gehts gut“ Lüge über höfliche Komplimente, die wir nicht ernst meinen, bis hin zu Ausreden, um etwas nicht tun zu müssen, lügen Menschen seht oft am Tag, eine genaue Zahl kann die Wissenschaft leider nicht nennen. Auffällig ist jedoch, wie die Welt berichtet, dass wir situationsabhängig lügen. Es gibt nicht den „generellen Lügner“ wie wir uns das immer vorstellen. Stattdessen ist jeder eingeladen zu schauen, in welchen Situationen wir besonders oft die Unwahrheit sagen und warum. Das warum ist dabei der wichtigste Teil.

Fühlst du dich unwohl in einem Bereich deines Lebens? Möchtest du etwas „besser“ können, als es den Anschein macht? Vertuschen wir einen Teil unserer Persönlichkeit, den wir nicht wahrhaben wollen?

Der ein oder andere mag eventuell um seine wahren Gefühle drum rumreden, wenn er bei jemandem besonders gut ankommen will. Dabei ist es doch genau diese Authentizität und Ehrlichkeit, die eine echte Herzensverbindung entstehen lassen kann. Es kostet Mut, ehrlich zu sein, zu sich selbst zu stehen und auch die eigenen Fehler zu akzeptieren. Und ja, manchmal ist das auch verbunden mit Abweisung. Aber es scheint doch keine ehrliche Verbindung zu sein, wenn sie nicht unser ganzes Sein umfasst oder wir dem anderen nicht ehrlich sagen, was wir denken.

auch in der Bhagavadgita gibt es eine Stelle, in der die Helden lügen müssen, um zu gewinnen. Etwa in der Mahabharata ermutigt Krishna die Mitkämpfer zur Lüge, da sie der einzige Ausweg zum Sieg ist. Es braucht viel Unterscheidungskraft (Buddhi) und Verstand, um zu sehen, wann die Unwahrheit die beste Lösung ist. Die ist übrigens nur möglich, weil Ahimsa immer an oberster Stelle stehen soll. (ahimsa paramo dharmah, Nicht verletzen ist die höchste Pflicht. Dieser Satz steht an mehreren Stellen in der Mahabharata.)

Leben aus dem Herzen mit Verstand

Patanjali lädt uns damit allerdings nicht ein, durch die Gegend zu laufen und jedem vor den Kopf zu schleudern, was wir von ihm halten. Im Buch „Die Yogaweisheit des Patanjali für Menschen von heute“ zitiert Sukadev ein arabisches Sprichwort. Bevor etwas gesagt wird, überprüfe drei Fragen: Ist es wahr? Ist es auch hilfreich? Ist es notwendig? Nur wenn etwas wahr, hilfreich und notwendig ist, dann sollten wir etwas sagen. Man sollte keine Unwahrheit sagen, aber auch keine Wahrheit, die andere kränkt, ohne einen Nutzen zu bringen. Wie der letzte Artikel schon erklärt hat, ist Ahimsa, das nicht verletzten, die höchste Pflicht.

Zugegeben, manchmal muss man jemanden verletzten. Einen Diktator zu stützen geht sicher nicht, ohne ihm sein Weltbild zu zerrütten oder seine Anhänger zu verärgern. In solchen Fällen sagt uns Ahimsa, dass wir so gewaltfrei wie möglich sprechen sollen. Über unsere Betonung und Wortwahl können wir einiges an der Wahrnehmung des anderen ändern. Unter Ahimsa fällt auch dem andern nicht unsere Meinung aufzudrücken, sondern ihn so zu akzeptieren, wie er wirklich ist.

Anderen ihre Wahrhaftigkeit zugestehen

Meistens wollen wir so handeln, nur erkennen wir nicht, wie unsere Taten wirklich wirken. Ein gutes Beispiel sind die guten Ratschläge, die wir oft bekommen und andern auch weitergeben. Sie haben eine wichtige Funktion. Durch Ratschläge und Erzählungen wollen wir unserem gegenüber (oder andersrum) ersparen, schmerzhafte Erfahrungen zu machen, indem wir ihm erklären, wie es bei uns war. Da steckt aber genau die Gefahr drin. Wir stecken in unseren Erfahrungen drin und stülpen sie wie eine unumstößliche Universalie über den anderen rüber. Er hat keine Chance, seine eigenen Erfahrungen zu machen und die eigene Persönlichkeit einzubringen.

Gemeinsam mit anderen können wir Satya üben

Stattdessen könnten wir uns auch überlegen, wie wir dem anderen zu seinem wahrhaftigen Sein verhelfen können, sprich zu seinen eigenen Erfahrungen gemäß seinen Gedanken und Gefühlen. Dafür eignen sich Fragen besonders gut. Eine Alternative zu einem Ratschlag könnte eine Fragen-Kette von 1. Was hast du gemacht, über 2. Wie hast du dich gefühlt, bis hin zu 3. Was sind die Alternativen. Diese Fragen können den Raum öffnen für beide Gesprächspartner ohne emotionale Verhaftungen in den eigenen Erfahrungen. Das Gegenüber kann dann frei entscheiden, wie er sich verhalten möchte und was ihm am besten tun könnte.

Wie so oft im Leben ist also auch Satya ausleben ein Balancespiel. Es braucht ein gutes Gleichgewicht zwischen „den anderen im Namen der Wahrheit zu verletzen“ und Ungerechtigkeiten offen darzulegen. Durch Satya können wir Verhaftungen lösen und die Welt aus einem anderen Blickwinkel betrachten in alle der wundervollen Vielfalt, die uns diese Welt zu bieten hat.

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