So oder so? Yoga fürs Leben.

Gut oder schlecht, richtig oder falsch, hilfreich oder hinderlich? Im Regelfall scheint die Welt eine Welt der Polarität, eine Welt der Gegensätze zu sein. Dadurch zeichnet sie sich aus.

Es gibt auch Abstufungen, Nuancen, Teil-Aspekte, Zwischenschritte. Neben heiß und kalt gibt es kühl und warm, zwischen gut und schlecht liegen weniger gutes und besseres; Tag und Nacht sind verbunden durch die Dämmerung. Jahreszeiten gibt es vier. Und an Monaten zählen wir zwölf. Also ist doch nicht alles Schwarz und/oder Weiß? 

Feld der Veränderung

Das irdische Sein ist ein Feld der Veränderungen zwischen den Extremen. Der Mensch wird durch den Intellekt motiviert, die Geschehnisse und Prozesse seines Erlebens zu bewerten, einzuordnen und sie zu definieren. Genau hier liegt die Ursache eines fundamentalen Spannungsfeldes, das sich z.B. auch in der Frage „Ist das Glas halb voll oder halb leer?“ wiederfinden lässt.

Wir können uns die Relativität des irdischen Seins immer wieder vor Augen führen, um uns von radikalen, starren Glaubensmustern zu lösen und in eingefahrenen Situationen offen für Lösungen zu sein, die uns der Verstand vordergründig nicht bietet. Hier sei der Einwurf erlaubt: Die Welt wird zum Dilemma, wenn man sie dazu macht. Eine Weisheit aus Indien besagt:

Nimm es als Vergnügen und es ist Vergnügen. Nimm es als Qual und es ist Qual.

Das, was ich „die Welt“ nenne, ist lediglich eine Deutung, eine Interpretation. Mein inneres Verständnis erzeugt ein Bild, das als solches für mich als „Welt“ erscheint. Die Psyche (im Yoga-Vedanta auch ‚Antahkarana‘) projiziert sozusagen (m)eine innere Deutung auf die äußeren Gegebenheiten. ‚Wahrheit‘ wird für das Individuum subjektiv erfahren. Ein chinesisches Sprichwort lautet daher:

Es gibt drei Wahrheiten: deine Wahrheit, meine Wahrheit und die Wahrheit.

Leben ist Verbindung von Gegensätzen

Ein Baum ist ein Lebewesen. Als ein im Erdboden gekeimter Same strebt er sodann seiner Wesensnatur (Svarupa) entsprechend hin zum Licht, während sein Wurzelwerk in die Tiefe wächst. Das Wachstum findet dahingehend statt, dass der Baum sich fest mit der Erde verbindet, sich gründet und dadurch Halt und Stabilität bekommt. Die inhärente Lebenskraft (Prana, Shakti) schickt ihn allerdings gleichzeitig nach oben, damit er mit wachsendem Umfang mehr Licht aufnehmen kann. Wachstum bedeutet Ausdehnung. Wachstum ist Grenzüberschreitung. Dieses lebens-innewohnende Prinzip verursacht innerhalb menschlicher Bewusstseins-Erfahrung oftmals Spannung. Kinder weinen, wenn Zähne wachsen. Wenn Schule, Studium, Job oder Partnerschaft fordern, ächzt der Mensch. Trotzdem: Wachstum ist ein Segen.

Einheit

In unserer natürlichen Umwelt befinden sich die Gegensätze, ebenso wie alle anderen Elemente, in einer Einheit. Wir erinnern uns an den Baum. Wachsend und sich ausdehnend, verbindet er als Einheit die Gegensätze oben und unten, hell und dunkel. Liegt es da nicht auf der Hand, das Gegensätzliche im Verbund zu sehen und das Sein als ein Bündnis verschiedener Aspekte zu deuten? Im asiatischen Raum wird diese Idee durch das Yin und Yang-Symbol repräsentiert. Aktiv und passiv, männlich und weiblich sind Teile einer Einheit. Das eine wird bedingt durch das andere. Das Ganze ist die Summe seiner Teile – und mehr, so wie ein Blumenstrauß nicht einfach nur die Ansammlung einzelner Blumen ist, sondern darüberhinaus auch die Intensität des Ganzen mitschwingt; sozusagen den einzelnen Teilen in ihrer Verbindung der erfüllende Aspekt der Vollständigkeit beiwohnt.

Da-Sein

Es zeigt sich, dass das Leben, die Natur und somit auch das menschliche Da-Sein nicht lediglich eine Sache von entweder-oder ist, sondern gleichermaßen von sowohl-als-auch. Auch hier haben wir es wieder mit einem scheinbaren Gegensatz zu tun. Wenn wir aber die Gültigkeit des einen UND des anderen voraussetzen, wird der Gegensatz dadurch nicht aufgehoben? Das verbindende Element ist somit Anerkennung. Anerkennung kommt im spirituellen Kontext u.a. auch mit Worten wie Liebe oder Vergebung zum Ausdruck.

Wenn ich etwas akzeptieren kann, wie es ist, schwindet dadurch auch die Spannung gegensätzlicher Kräfte. Ärgere ich mich zum Beispiel darüber, dass ich den Job nicht bekomme, für den ich mich beworben habe, dann erlebe ich einen inneren Konflikt. Kann ich hingegen gelassen mit der Situation umgehen, indem ich das Ergebnis gut annehmen kann, dann habe ich Spannung zwischen dem, was ich will, und dem, was sich ereignet, reduziert. Dies ist eine wichtige Voraussetzung für die persönliche Zufriedenheit. Annehmen-Können und Gelassenheit tragen fundamental zur Erfahrung geistigen Friedens bei. Raja Yoga und Karma Yoga bieten uns dahingehend hervorragende Werkzeuge für ein erfülltes, zufriedenes Leben. [» hier erfährst du mehr!]

Frieden

Man kann sagen: Gegensatz ist Einheit und Einheit ist Gegensatz. Und: Gegensatz ist Gegensatz und Einheit ist Einheit. Wer darin seinen Frieden findet, ist wahrlich weit gekommen. Damit wäre eigentlich alles gesagt, oder? 😉

Natürlich ist das recht vage formuliert. Aber innerhalb der Gegensätze gleichzeitig etwas Verbindendes wahrzunehmen und dazwischenliegende Aspekte mit einzubeziehen, verhilft zu einer objektiveren Sichtweise. Und durch Objektivität relativieren wir unser persönliches Schicksal, das u.a. aus einer emotionalen Mischung von Höhen und Tiefen besteht. Die Achterbahnfahrt des Lebens verliert beachtlich an Dramatik, wenn sie in einen übergeordneten Kontext eingeordnet werden kann. Hier helfen uns ganz klar die Betrachtungsweisen aus dem Jnana Yoga und Bhakti, die Hingabe an Gott.

Es gibt keinen Weg zum Frieden, Frieden ist der Weg. – Mahatma Gandhi

So, so und so! Oder so?

Sind wir in unserem Denken festgefahren und zu sehr auf spezielle Sichtweisen fixiert, für nur eine bestimmte Möglichkeit oder einen einzigen Standpunkt offen und wollen dieser Perspektive dann Allgemeingültigkeit zuschreiben, so kollidiert eine allzu starre Einstellung früher oder später mit unseren praktischen Erfahrungen, die wir machen. Dann gibt uns das Leben zu verstehen: Keine Regel ohne Ausnahme. Das gilt für einen Großteil unserer Alltagserfahrungen und verlangt Kompromissbereitschaft. Ein Offen-Sein. Toleranz und Flexibilität. Wie im (Hatha) Yoga.

Das Schiff des Lebens auf dem Ozean der Welt

Yoga ist Geschick im Handeln

verrät Lord Krishna seinem Schüler Arjuna in der Bhagavad Gita. Dieses Geschick bedeutet, den Anforderungen des Lebens gekonnt beizuwohnen – sozusagen das Schiff des Lebens auf dem weiten Ozean der (relativen) Welt verantwortlich zu navigieren – mit Anerkennung eines entscheidenden Faktors: Gott.

Das Meer und der Wind sind gottgegeben. Mein Leben, das Schiff, ist zu einem gewissen Grad mir überlassen und ich kann Segel und Ruder sinnvoll nutzen. Schlussendlich jedoch tragen alle Faktoren dazu bei, wie die Reise vonstattengeht. Einiges kann ich beeinflussen, anderes wiederum nicht. Weisheit besteht in der Verbindung (Yoga) von Kenntnis (Jnana) und Anerkennung (Bhakti). Leben innerhalb der Gegensätze bedeutet Vielfalt – und Vielfalt ist (auch) Einheit, wie bereits oben ausgeführt.

Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit?

Feuer ist heiß und Zucker ist süß. Ohne Hitze kein Feuer, kein Zucker ohne Süße. Es gilt zu erkennen, was essenziell ist, und was nicht. Auch hier hat uns Jnana Yoga (Vedānta) mehrere wertvolle Ansätze zu bieten. Laut Vedānta ist nur wirklich, was einen unabhängigen und unveränderlichen Status hat. Und wenn wir ehrlich sind, dann bleibt nicht viel übrig, auf das diese Definition zutrifft. Laut Jnana Yoga ist da im Grunde genommen nur Eines, dass ohne etwas anderes als es selbst sein kann: Reines Sein (Existenz-Bewusstsein-Unendlichkeit). Dieses Eine ist gleichzeitig Alles. So wie Gold in verschiedenen Formen, z.B. als Ring, als Armreif oder als Brosche, in Erscheinung treten kann und die Schmuckstücke vom Gold, also dem essenziellen Faktor, abhängig sind, das Gold jedoch nicht von den verschiedenen Formen seiner Erscheinung.

Das Essenzielle bleibt und verbleibt unbeeinträchtigt. Namen und Formen hingegen sind zeitweilig. Das allgegenwärtige (Bewusst)Sein ist die ewige, unabänderliche Konstante und Grundlage aller Geschehnisse und Objekte. DAS, durch das alles, was ist, gekannt werden kann. Das Licht aller Lichter. Der Urgrund aller Erscheinungen. Das sich selbst kennende Selbst. Es gibt viele Umschreibungen dafür – eine davon lautet Brahman. Das Eine ohne ein Zweites. Das alldruchdringende, allumfassende, absolute Sein.

An diesem Punkt stehen wir sozusagen am Anfang und am Ende unserer Suche nach einer Antwort auf die Frage nach dem Sinn und Werdegang des Lebens.

Yoga der Synthese

Integraler Yoga, die sechs Yogawege, bieten uns Einblicke und Hilfsmöglichkeiten, um unser Leben zu harmonisieren, es praktisch, gesund und zufriedenstellend auszurichten und den menschlichen Bedürfnissen auf den Grund zu gehen. Yoga ist keine Religion. Spiritualität erwächst aus der menschlichen Wesensnatur. Yoga ist ein altes, traditionelles System zur Harmonisierung von Körper, Geist und Seele. Je mehr Raum wir dem Yoga mit all seiner Vielfalt in unserem Leben bieten, desto mehr Verständnis und Lernen kann stattfinden. Entwicklung wird vollzogen. Wachstum geschieht, begleitet von wertvollen Einsichten und wichtigen Erkenntnissen. Frieden und Harmonie festigen sich mit dem Wissen darüber, wer ich wirklich bin. Mich selbst zu kennen hilft mir dabei, das Leben, so wie es ist, anzunehmen und sinnvoll zu gestalten. Dies ist auch ein Zusammenspiel von Dharma und Svadharma, wie es z.B. in der Bhagavad Gita auf meisterhafte Weise thematisiert wird, was ganz sicher ein eigenes Kapitel im Buch des Lebens wert ist.

Svadhyaya – Selbststudium

Wenn dir die Gedankengänge dieses Artikels gefallen haben und du mehr über die yogische Sicht der Dinge erfahren willst, so empfehle ich dir, dich u.a. mit folgenden Schriften bekannt zu machen:

Vielen Dank für deine Aufmerksamkeit –
Om Shanti

asato mā sad gamaya
tamaso mā jyotir gamaya
mṛtyor māmṛtaṅ gamaya //

Vom Nicht-Seienden laß mich zum Seienden gehen,
aus der Dunkelheit laß mich zum Licht gehen,
vom Tod laß mich zur Unsterblichkeit gehen.

2 Kommentare zu “So oder so? Yoga fürs Leben.

  1. Ute M. Mertes

    Danke, liebes Team, für die tollen Texte. Ich bin selbst auch Yoga- und ZEN-Lehrerin und kann das, was Sie schreiben sehr gut nachvollziehen. „Annehmen was ist“ das ist für viele Menschen – manchmal auch für mich – nicht so einfach und leicht. Auch wie Sie schreiben: Wachstum ist ein Segen. Darum geht es in unserem Leben, um so mehr und mehr zu uns selbst, zu unserem Wahren Wesen zu finden.

    Ganz herzlichen Dank und liebe Gedanken

    Ute M. Mertes

  2. Anonymous

    Genau diese Erkenntnis führt uns zu Toleranz und das Streben nach Güte und Liebe zum Leben zur Natur zu Gott
    ANNEHMEN UND BENEHMEN

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