Die Yamas und Niyamas

Die Yamas und Niyamas von Patanjali verraten uns eine ganze Mengen über das gute Leben

Die Raja Yoga Sutras von Patanjali sind eine der wichtigsten Schriften für Yogaübende, die mehr wollen als nur Dehnübungen. Yoga ist ein Lebensstil, der über die Matte hinaus das Leben bereichern kann, wenn wir ihn nur lassen. Der Weg des Raja Yoga führt uns vom Außen ins Innen. Er beginnt bei unseren sozialen Beziehungen zu anderen und endet im Kern des wahren Selbst. Die Yamas und Niyamas sind die ersten beiden Stufen auf dem Weg zur inneren Ruhe in der eigenen Mitte. Was sich dahinter versteckt und wie es zusammenhängt mit dem ganzheitlichen Lebensstil, erfährst du in dieser neuen Blogreihe zum Thema Yamas und Niyamas.

In Patanjalis Yoga Sutras geht es um die menschliche Psyche. Es ist der Weg, der unser Unterbewusstsein erreichen will, unsere Intuition und unseren Verstand schärft und uns dabei hilft, achtsam den Alltag zu erleben. Wer sein Leben in vollem Bewusstsein genießen will, tief in die Meditation eintauchen möchte und sich traut sich selbst ganz und gar verstehen zu lernen, der ist genau an der richtigen Abbiegung angekommen. Insgesamt gibt es 8 Stufen, die uns begleiten, unsere Gedanken zur Ruhe kommen zu lassen, um ein Gefühl von innerem Frieden, Harmonie und Vollkommenheit zu entwickeln.

Die ersten beiden Stufen des Weges nach innen heißen Yama und Niyama. Es geht dabei um Verhaltensregeln und ethische Prinzipien, die wir in allen Lebenslagen befolgen sollten. Viele Yoga- „Neulinge“ sind verwirrt, was Yoga mit Ethik zu tun hat. Die Erklärung ist ganz einfach. Hast du schon mal mit Gewissensbissen versucht zu meditieren? Falls nicht Spoiler Alert: Die Gedanken spielen verrückt und man ist kaum in der Lage, sich ruhig hinzusetzen und die Geschehnisse loszulassen (Hafenbrack, Solal & LaPalme, 2018). Wer verletzt, lügt, stiehlt oder betrügt macht sich viel mehr Sorgen darum, entdeckt zu werden, schuldig zu sein oder gar weniger Wert zu sein. Ethisches Leben ist also eine gute Prävention von einem unruhigen Geist.

Hinter den Kulissen

Diese Prävention finden wir in zwei Teilen. Sie bildet die Basis für unsere spirituelle Entwicklung. Wir können die Asanas noch so gut ausführen, wenn die passende Einstellung dahinter fehlt, dann entfalten sie nur oberflächliche Wirkung. Genau dafür gibt es die Grundsätze für Verhaltensweisen unserer Umwelt, Mitmenschen und uns selbst gegenüber. Die erste Stufe (Yama) bezieht sich auf die Verhaltensweisen gegenüber anderen. Wörtlich übersetzt heißt Yama „Zügel“, „Selbstbeherrschung“ oder „Enthaltung“. Niyamas hingegen sind Richtlinien, wie wir mit uns selbst umgehen sollen. Beide Stufen haben jeweils fünf Gebote.

Jesus, Yoga und Christentum Podcast Cover Art

Apropos: Die Dinge, die hier im uralten Yoga aufgegriffen werden, sind auch dem Christentum nicht ganz fremd. Während wir über die nächsten Wochen die 10 Regeln des Yogas kennenlernen, werden wir immer auch einen Blick auf die 10 Gebote des Christentums werfen. Vor allem in der ersten Stufe können wir dort viel wieder erkennen. Wie dieser beliebte Podcast vermuten lässt, haben Yoga und Jesus eben doch eine ganze Menge gemeinsam.

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Ein achtsamer und aufrichtiger Umgang mit anderen ist für die meisten selbsterklärend wichtig. Aber auch der gesunde Umgang mit sich selber ist von Bedeutung und entscheidend für die innere Ruhe. Diese Regeln sollen dafür sorgen, dass wir zufrieden sind mit uns selbst. Unsere Gedanken kreisen nicht immer um Dinge, die uns fehlen oder was wir tun sollen, um glücklich zu sein. Stattdessen tritt in den Mittelpunkt, was wir schon alles haben und wie glücklich wir sein dürfen. Wir beugen zukünftigen körperlichen wie geistigen Beschwerden vor, indem wir beides gesund halten. Auf dem Weg der Selbsttransformation können viele Schlaglöcher, Ablenkungen und Umleitungen liegen. Durch die Yamas und Niyamas ist es leichter, die Konzentration auf das Wesentliche auszurichten. Sie „entstressen“ das Leben, indem sie es vereinfachen.

Die Welt ist bunt

Auch bei den Yamas und Niyamas gilt, dass die Welt nicht schwarz-weiß ist. Die Grenze zwischen den beiden ist nicht so klar, wie man im ersten Moment vermuten würde. Während sich erstes eher auf den Umgang mit anderen konzentriert, können sie trotzdem auch für uns selbst gelten. Das Beispiel Gewaltlosigkeit, dass uns im nächsten Artikel der Reihe wieder begegnet, zeigt es. Wir sollen anderen gegenüber gewaltlos handeln, aber auch uns selbst mit Liebe begegnen. Wer sich selbst Vorwürfe macht und verurteilt, ist unter Umständen anderen gegenüber ebenfalls harsch. Viele kennen den Spruch „Wie im Innen, so im Außen“ das bedeutet aber auch „Wie im Außen, so im Innen“.

 An dieser universellen Gültigkeit der Yamas fällt auch auf, dass sie keiner bestimmten Reihenfolge nach ausgelebt werden müssen. Beispielsweise sind nicht verletzen und nicht lügen, zwei der fünf Prinzipien und sie gelten gleichermaßen fundamental unabhängig voneinander. Bei den Niyamas sieht es etwas anders aus. Sie folgen einem bestimmten Aufbau. Dieser macht auch durchaus Sinn, wie wir die nächsten Wochen feststellen werden. Beispielsweise ist die erste Stufe sich reinigen und die zweite Stufe zufrieden sein. Wie sollte man jedoch zufrieden sein, wenn man schmutzig ist? Natürlich alles im übertragenen Sinn. Obwohl es grade bei diesem Beispiel auch wörtlich gemeint recht gut funktioniert.

Die Yamas und Niyamas sind eine gute Basis für unsere spirituelle Entwicklung. Wie im Innen so im Außen

Yamas und Niyamas auf freiwilliger Basis

Im Yoga Sutra von Patanjali heißt es, dass die Grundregeln „nicht durch soziale Schicht, Ort, Zeit oder Umstände bedingt [sind]. Sie gelten für alle Ebenen und bilden das große universelle Gelübde“ (Bretz, 2016, Seite 115). Wir halten uns an die Regeln in jeder Lebenslage. Sie durchdringen vollkommen ausgelebt unser denken und handeln in jeder Situation. Trotzdem werden wir ihrer nicht müde, denn kein Ishvara, weder Sita noch Rama und erst recht nicht unser Guru, zwingt uns dazu, die Regeln zu befolgen. Viel mehr sind sie das große universelle Gelübde, dass wir freiwillig ablegen, weil wir unseren Mitmenschen und uns selbst gegenüber liebevoll und aufbauend sein wollen. Durch die Yamas und Niyamas sagen wir „JA“ zu einem respektvollen Umgang, zu freundlichen Gedanken und zu spiritueller Entwicklung.

Wer mitkommen möchte auf die wundervolle Reise durch die Yamas und Niyamas hin zu dem Kern seines ureigenen Wesens ist herzlich eingeladen. Es braucht nicht viel. Kein Rückzug, Schweige-Retreat oder Intensiv Sadhana. Jeder kann die yogischen Prinzipien in seinen eigenen Alltag mehr und mehr integrieren. Am Anfang wird es eventuell schwerfallen oder unnötig erscheinen. Wir geben praktische Tipps zum direkten Umsetzen und erklären, warum jeder einzelne Schritt im Yoga so wichtig ist und wie die einzelnen Sätze zusammen ein großes Ganzes ergeben.

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Zu den bereits veröffentlichten Artikeln kommst du hier:

1 Kommentar zu “Die Yamas und Niyamas

  1. Heinz Noll

    Schöne Anregung für mich als Antwort auf unsere heutige Email-Inspiration,um ein paar Gedanken loszuwerden auch über Shivananda ’s Reaktionen zum Golfsport.
    Nebenbei möchte ich was loswerden:
    In der Ausübung dieses Sportes fand auch ein auf übelste Weise kranker amerikanischer Geist, große Zuflucht, 360 mal im Jahr. Auch er suchte völlig unbedarft den Moment im Hier und Jetzt, zwar unbewusst, um seinen Kampf auf einen einzelnen scheinbar berechenbaren Mitspieler zu reduzieren, sein wahres Selbst. Er hat natürlich keine Erfahrung mit dieser heilbringenden yogischen Essenz, die praktisch jedem Menschen zugänglich ist. Die Zuflucht auf dem Golfplatz dient(e) ihm vielmehr als FLUCHT vor der Wahrheit.
    Nun zu Swami Shivananda und Golf:
    Ich habe zwar Tennis, aber nie richtig Golf gespielt. Beides Ballsportarten, im Tennis eher dynamisch, beim Golf vor dem Abschlag viel mehr statisch. Ich frage mich nun, was beim Golf in dieser statischen Vorbereitungszeit mit Körper und Geist passiert.
    Ich glaube, dass es viel mehr mit Yoga zu tun hat, als man meint. Da man keine spontanen Reaktion des Gegners zu bewältigen hat, fällt die Zeit schon mal heraus. Da ist nur noch die Spürgenauigkeit des Körpers. Mir fällt spontan Patanjali’s 8-Gliedriger Pfad, wobei ich glaube, dass es für die Abschnitte 1,2 und 8 auch eine Interpretation geben mag (vielleicht eine Anregung für dich, der du das liest)…Also Patanjali (3-7):
    3. (Asana), körperlichen Haltung
    4.( Pranayama) der bewusste Atem
    5.(Pratyahara) der Umgang mit den Sinnen
    6. (Dharana) Konzentration und die Verinnerlichung des Raumes
    7.( Dhyana), Meditation, in der dein Ziel völlig erreichbar und quasi zeitlos auf dich wartet.
    Viel Spaß beim Nachdenken, yogische Grüsse,
    Heinz

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