Shaucha: Reinheit – Niyama (Teil 6)

Sauca ist die Reinheit und beschreibt, dass wir geistig wie körperlich keine Anhaftungen erleben

Wenn das Haus so richtig sauber ist, macht sogar die Arbeit wieder Spaß. Können wir uns allerdings selbst riechen, ist das Meditieren eher schwer. Reinheit hilft uns, gut gelaunt zu sein und das Leben mit vollem Herzen zu umarmen. Shaucha oder auch Sauca ist die Reinheit und im Yoga das erste Niyama. Es ist eine Regel, die wir für uns befolgen und bildet den Grundstein für alle weiteren Niyamas. Dabei meint Patanjali natürlich nicht nur, dass wir oft Staubputzen sollen und kein Geschirr schmutzig stehen lassen. Wie im innen so im außen, Geist und Körper sollen verhaftungslos und erhaben werden durch die richtige Pflege.

Hier gehts zur Übersicht der Yamas und Niyamas.

Jeder trägt das Göttliche in sich, heißt es im Yoga. Alexander Kobs erklärt in seinem Buch an einem Beispiel gut, dass wir dieses Licht durch Reinheit durchlassen können. Manchmal sitzen wir im Auto und nehmen einen Helligkeitsunterschied zwischen den beiden Scheinwerfern wahr. Der Motor bringt zu beiden genau dieselbe Leistung, aber einer von beiden lässt durch eine Schmutzschicht weniger Licht durch. Machen wir ihn sauber, strahlt er wieder so hell wie der andere. Ähnlich ist es mit uns Menschen. Halten wir Körper und Geist rein, bieten wir unserem inneren Licht die Möglichkeit, in all seiner Schönheit aus uns raus zu strahlen.

Die richtige Reinigung nimmt im Yoga einen hohen Stellenwert ein. Die Hatha Yoga Pradipika ist eine der bekanntesten Schriften und befasst sich im zweiten Kapitel ganz ausführlich mit den verschiedensten Reinigungsübungen, den Kriyas. Wir können allein über unseren Atem eine ganze Menge toxischer Stoffe und auch Gedanken einfach wegpusten. Allerdings greift Sauca sogar noch weiter als das bloße „Saubermachen“. Es geht auch darum, Unreinheiten in Form von Anhaftungen zu verhindern. Sukadev erklärt in seinem Kommentar zu Patanjalis Yoga Sutra, dass mit dem Prinzip von Reinheit ein sattviger Lebensstil als Richtlinie angestrebt wird. Das bedeutet auch keine „schlechten“ Lebensmittel essen, aufrecht sitzen und eine schöne Wohnung.

Sattva und Shaucha

Sattva ist eine der drei Grundeigenschaften, die in allen Dingen zu finden ist. Du kannst mehr darüber hier lesen. Im Yoga Sutra ist der Shaucha das einzige Niyama, dem zwei Verse gewidmet wurde und der zweite Vers dreht sich nur ums Sattva. Es ist im Yoga besonders wichtig, weil es mit der Verhaftungslosigkeit, Konzentrationsfähigkeit und Kontrolle verbunden ist.

Shaucha ist der Zustand der Reinheit, der im Ayurvedischen durch Sattva präsentiert wird.

Während Shaucha die Reinheit an sich ist, heißt Sattva das Wahrhaftige. Es geht also sowohl um innere wie äußere Reinheit als auch Wahrhaftigkeit in der Säuberung. Die Intention macht wieder den entscheidenden Unterschied. Wische nicht, weil du Besuch bekommst und kehre dann den Dreck unter das Sofa. Dann denkst du eventuell beim nächsten Mal an die Fusseln unterm Sofa und kriegst ein schlechtes Gewissen. Ist beispielsweise unser Gewissen nicht ganz rein, können in der Meditation schmerzhafte Erinnerungen oder Zweifel und Abneigungen hochkommen. Wir müssen uns also gut überlegen, was wir in unser Leben und unsere Gedanken einladen wollen. Wische stattdessen lieber, weil du keinen Schmutz in deiner Wohnung haben willst.

Alexander Kobs erklärt in dem wundervollen Buch „Die zehn Lebensempfehlungen des Yoga“, dass Shauca eine gute Übung für das Unterscheidungsvermögen (Buddhi) bedeutet. Wir können uns genau anschauen, welche Handlungsmuster, Denkweisen und Gegenstände uns im Leben eher binden oder eher lösen. Großmutters altes Bild von einer Schlacht mit viel Blut ist sicher nicht so erhebend. Allerdings greift Ahimsa, nicht verletzten, und wir können es nicht einfach wegschmeißen. Stattdessen können wir es eventuell weghängen oder weiterverschenken. Es gibt viele Wege mehr Sattva ins Leben einzuladen, wir müssen sie nur finden.

Reinheit im Alltag

Im Alltag können wir viel tun oder lassen, um mehr Energie und Klarheit ins Leben einzuladen. Du kannst beispielsweise ganz bewusst bei deinem physischen Körper anfangen. Regelmäßig duschen, Zahnseide, ab und zu eine Nasenspülung und Sport halten viele unschöne Dinge sehr effektiv ab. Auch über die Nahrung können wir viel tun. Zwischendurch eine Tüte Chips ist sicher nicht so gut für den Körper wie an einer Möhre knabbern. Für andere ist es leichter, zuerst den Geist zu reinigen. Statt Reality TV könnten wir eine gute Doku schauen. Statt uns über die Kollegen aufzuregen, könnten wir mit den anderen freundlich reden. Auch destruktive Denkweisen wie „ich schaffe das nicht“ gehören nicht mehr zu einem reinen Lebensstil.

Aus Unachtsamkeit entstehen viele Anhaftungen und Verunreinigungen. Isst du beispielsweise aus Zeitgründen einen Donat im Zug statt einem Salat zu Hause? Greifst du vor dem Fernseher zur Schokolade und wunderst dich dann, wo sie geblieben ist? Nicht zuletzt passiert es manchmal in Gesprächen, dass es mit einem Plausch über das Wochenende anfängt und mit gemeinen Kommentaren über den Vorgesetzten endet. All diese Dinge passieren uns im Alltag oft aus Unachtsamkeit und sorgen für ein schlechtes Gewissen, Verschmutzungen im Körper und einen aufgewühlten Geist. Sie fallen auch unter Shaucha.

Für ein reines Gewissen nach Shaucha sollten wir andern helfen.

Im Yoga geht es nicht darum, auf etwas zu verzichten, um sich sauber zu halten. Das „gute Konsumieren“ wird stattdessen in den Vordergrund gerückt. Wir halten nicht den Atem an, sondern wir nutzten ihn zum Reinigen. Anstelle verletzender Gespräche treten Herzensverbindungen. Es ist vollkommen klar, dass der Körper niemals wirklich rein sein wird. In uns leben Millionen Bakterien und Viren, aber die halten uns ebenfalls funktionsfähig. Wir sollten uns nur soweit bemühen, Körper und Geist rein zu halten, als dass wir uns nicht mehr um sie sorgen müssen. Schaffen wir es, sie gesund zu halten, können wir uns leichter von ihnen lösen und in die Meditation eintauchen. Das Wunderbare an den Niyamas ist, dass sie nur für uns sind. Wir kriegen durch Patanjali Werkzeuge an die Hand, uns um uns selbst zu kümmern.

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