Welche Rolle spielt Unterscheidungsvermögen im Yoga?

Eine wichtige Eigenschaft auf dem spirituellen Weg ist Unterscheidungsvermögen. Vor allem aus dem Jnana und Raja Yoga kennen wir diese Fähigkeit der rechten Unterscheidung als Viveka.

Viveka ist die Kraft, zwischen dem Ewigen und dem Vergänglichen, zwischen dem Selbst und dem nicht-Selbst, zwischen wahrer Freude und kurzfristigem Vergnügen und zwischen ethisch korrektem und ethisch unkorrektem Handeln zu unterscheiden.

Unterscheidung zwischen Selbst und nicht-Selbst

In der Yoga Vedanta Tradition spielt die Frage „Wer bin ich?“ eine ganz zentrale Rolle. Wir sind diejenigen, die wahrnehmen und nicht diejenigen, die wahrgenommen werden. Wir sind also nicht unser Besitz oder das, was uns passiert.

Wenn zum Beispiel mal unser Pullover zerreißt oder wir ihn zu heiß waschen, dann sind wir vielleicht mal kurz verärgert, merken dann aber schnell: Es war nur ein Pullover. Das ist Unterscheidungsvermögen zwischen dem Selbst und dem nicht-Selbst.

Oder unser Fahrrad geht kaputt oder wird gestohlen. Auch hier sind wird wahrscheinlich erstmal verärgert, aber letztlich wissen wir: Dinge kommen und gehen, so wichtig ist es nicht.

Auch wenn ein Schmerz im Körper ist und es weh tut, oder sogar eine Krankheit diagnostiziert wird die chronisch ist, durch Unterscheidungsvermögen wissen wir: Es betrifft nur den Körper, ich bin mehr als das.

Selbst wenn ein psychisches Leid da ist können wir beobachten, das wir nicht das sind. Emotionen sind da, Gedanken und geistige Zustände sind da, aber wir sind das Bewusstsein dahinter, das unsterbliche Selbst.

Dieses Unterscheidungsvermögen zwischen wahrem Selbst und nicht-Selbst ist hier ganz zentral und hilft sehr. Wenn wir dieses haben, werden wir nicht mehr so sehr von den äußeren und inneren Einflüssen beeinflusst.

Unterscheidung zwischen Ewigem und Vergänglichem

Da sind wir auch gleich schon beim nächsten Punkt: Unterscheidung zwischen dem Ewigen und dem Vergänglichen. Letztlich ist immer das nicht-Selbst vergänglich.

Mal ist jemand freundlich zu uns, dann wieder unfreundlich. Weder müssen wir uns zu sehr darüber freuen, wenn wir gut behandelt werden, noch in Verzweiflung geraten, wenn jemand unerwarteterweise schlecht zu uns ist.

Lob und Tadel, Respekt und Missachtung kommt und geht. Genauso ist es mit Erfolg und Misserfolg. So funktioniert einfach die äußere Welt: Dinge kommen und gehen. Menschen treten in unser Leben, aber Menschen gehen auch wieder aus unserem Leben. Alles verändert sich – aber was ist ewig?

Ewig ist das Selbst, ewig ist unser Bewusstsein, ewig ist Gott.

Wenn wir regelmäßig meditieren, können wir das Selbst spüren und das Göttliche erfahren, es richtig fühlen. Im Moment der tiefen Meditation brauchen wir kein Unterscheidungsvermögen – wir erfahren es!

Unterscheidung zwischen Glück und Vergnügen

Das Nächste ist die Unterscheidung zwischen dauerhaftem Glück und vergänglichem Vergnügen.

Vergnügen, das auf Wunscherfüllung und äußeren Dingen beruht, kommt und geht. Mal haben wir Essen das uns schmeckt, mal Essen das uns weniger gut schmeckt. Mal bekommen wir einen Wunsch erfüllt und ein anderes Mal nicht. Erfahrungen können schön und weniger schön sein.

Vergängliches Vergnügen, wie der Name schon sagt, ist vergänglich. Es kommt und geht, ist unbeständig.

So sagt Krishna in der Bhagavad Gita zu Arjuna:

Die Kontakte der Sinne mit den Objekten, oh Sohn Kuntis, die Hitze und Kälte, Vergnügen und Schmerz hervorrufen, haben einen Anfang und ein Ende; sie sind nicht dauerhaft; ertrage sie tapfer, oh Arjuna.

Kaptitel 2, 14

All die Sinneseindrücke sind also vergängliche Vergnügen. Was aber ist ewiges Vergnügen, wahre Freude?

Ewige Freude kommt aus dem Selbst, kommt aus Gott. Ewige Freude ist bedingungslos und braucht nichts. Wenn wir diese innere Freude spüren können, brauchen wir nichts anderes.

Das also sind die wichtigsten Unterscheidungsvermögen: Zwischen dem Selbst und dem nicht-Selbst, zwischen dem Ewigen und dem Vergänglichen und zwischen kurzfristigen Vergnügen und dauerhafter Freude.

Ethisches Unterscheidungsvermögen

Dann gibt es noch relatives Unterscheidungsvermögen. Zwei Aspekte daraus sind das ethische Unterscheidungsvermögen und das praktische Unterscheidungsvermögen.

Manchmal gibt es klare Kriterien, was ethisch richtig und was ethisch falsch ist. Auch im Yoga gibt es Ethik: Ahimsa (nicht Verletzen), Satya (Wahrhaftigkeit), Asteya (nicht Stehlen), Brahmacharya (Enthaltsamkeit) und Aparigraha (Unbestechlichkeit).

Ethisches Unterscheidungsvermögen zu haben bedeutet, in einer Situation zu wissen, was richtig und was falsch ist.

Zum Beispiel beruflichen Aufstieg so zu bekommen, indem wir jemand anderes schlecht machen, ist ethisch falsch. Oder Dinge zu behaupten, die nicht stimmen, nur damit wir einen persönlichen Vorteil erlangen – auch das ist falsch.

Da gilt es Unterscheidungsvermögen zu haben und zu sich selbst nein sagen zu können.

Praktisches Unterscheidungsvermögen

Zuerst sind da die übergeordneten spirituellen Unterscheidungen, dann als Nächstes die ethischen Unterscheidungen und schließlich kommen die praktischen Unterscheidungen.

Unterscheiden zu können zwischen dem, das in Anbetracht der eigenen Anliegen zielführend ist und was nicht, fällt unter praktisches Unterscheidungsvermögen.

Das heißt, Entscheidungen zu treffen, die den Umgang mit anderen Menschen, die Wohnung, den Beruf, die Freizeit und so weiter angeht. Auch wie wir unseren Tagesablauf gestalten und unsere spirituelle Praxis in unseren Alltag einbauen fällt unser praktisches Unterscheidungsvermögen.

Dieses praktische Unterscheidungsvermögen richtet sich an unseren übergeordneten Zielen und Anliegen aus. Dafür ist es erstmal wichtig, heraus aus der aktuellen Situationen zu gehen und uns von einem übergeordneten Standpunkt zu fragen:

Welche übergeordneten Zielen und Anliegen sind hier von Bedeutung? Und was ist gemessen an diesen die richtige Entscheidung?

Durch dieses Unterscheidungsvermögen können wir lernen, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Sind wir dann in der Lage, all die verschiedenen Unterscheidungsvermögen zu beachten, können wir ein gutes und geordnetes Leben führen.

Doch auch nicht immer funktioniret das. Manchmal müssen wir beten oder spontan sein, die Intuition walten lassen oder auch mit anderen Menschen Absprachen treffen. Aber es hat dennoch einen besonderen Wert, das eigene Unterscheidungsvermögen zu kultivieren.

Deshalb gehört Viveka zu den vier wichtigen Eigenschaften eines Aspiraten, den Sadhana Chatushtaya. Die anderen drei Eigenschaften sind: Vairagya (Verhaftungslosigkeit), Shatsampat (die sechsfachen Tugenden) und Mumukshutva (das Verlangen nach Befreiung).

Wir hoffen der Beitrag hat dir geholfen, dein Unterscheidungsvermögen näher zu entdecken und in Zukunft in deine Entscheidungen mit einzubeziehen.

Om Shanti Shanti Shanti ॐ

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