Brahmacarya: Enthaltsamkeit – Yama (Teil 4)

Brahmacarya heißt Enthaltsamkeit

Wir können uns eine ganze Menge enthalten. Der vielen unnötigen Worte, der Nahrung, der Atmung für eine kurze Zeit oder der Sexualität. Viele denken nur an letztes bei diesem Yama Brahmacarya, aber dabei wird eine ganze Menge ausgelassen. Insgesamt gibt es fünf Energien, die wir alle mehr oder weniger ansammeln können. Viele würden staunen, wenn sie das Potenzial der vielen Energien wahrnehmen würden, die in ihrem Körper fließen. Eine Zeit des Verzichts macht uns diese großen Geschenke oft bewusst.

Hier gehts zur Übersicht der Yamas und Niyamas. Ahimsa, Satya und Asteya sind die ersten vier Teile.

Wer sich mit der Enthaltung beschäftigt, sollte damit anfangen, warum er das tun will. „Einfach drauf los fasten“ ist in den wenigstens Fällen eine Garantie fürs Durchhalten und Gewinnen. Patanjali beschreibt uns in seinen Raja Yoga Sutras den Weg zur spirituellen Verwirklichung. Die Yamas und Niyamas sind also Schritte hin zu einem vollkommenen Leben, geprägt durch tiefe Selbsterfahrungen. Das braucht viel Kraft! Spirituelle Kraft bzw. Energie wird Ojas genannt. Wir brauchen sie, um tiefer in die Meditation zu kommen. Diese Energie muss irgendwo herkommen. Dafür haben wir wie eben schon angedeutet fünf Möglichkeiten.

Wenn wir eine Weile auf Essen, Atmen, Sex, Bewegung oder Kommunikation verzichten, können wir diese Energien in Ojas umwandeln. Die Energie wird also im Körper neu umverteilt, was der Yogi oft unter Sublimieren kennt. Wir haben danach mehr auf beiden Ebenen erklärt Sukadev beispielsweise in seinem Kommentar zu Patanjali. Das können wir allerdings nicht unendlich lange machen. Am Beispiel des Atems wird es deutlich. Wir können nicht von Anfang an 20 Minuten die Luft anhalten. Aber wenn wir beständig Pranayama üben, lernen unsere Herzfrequenz runterzufahren und es dann nochmal versuchen, können wir, wenn man dem Weltrekord Glauben schenkt, auf 17 Minuten kommen.

Brahmacarya heißt auch die Luft anhalten

Auch wenn es in der Bibel “nur” heißt “Du sollst nicht deines nächsten Weib begehren”, bedeutet Brahmacarya in verschiedenen Lebenslagen unterschiedliches. Für den einen ist es vollkommener Verzicht auf irgendetwas, für den nächstes gemäßigtes Ausleben. In seinem Buch „Die Yogaweisheit des Patanjali für Menschen von heute“ übersetzt Sukadev Brahmacarya mit „Vermeidung von sexuellem Fehlverhalten“.

Sexuelles Zurückhalten

Wenn wir auf Sex verzichten, nähren wir die Lebenskraft namens Apana Vayu. Es ist die Kraft hinter der Menstruation, Ausscheidung und Sexualität. Sublimiert wird sie laut Sukadev unter anderem durch Umkehrstellungen und Mulabandha. Das Ganze heißt jedoch nicht wie manchmal angenommen, komplett auf Sexualität zu verzichten. Durch Extreme erreichen wir im Yoga selten irgendetwas. In einer Beziehung wäre es zum Beispiel auch die Entscheidung des Partners, wie viel oder wenig der Beziehung und seinen Bedürfnissen guttut. Der Weg der Mitte ist angesagt. Beispielsweise ist hier sexuelle Mäßigung dem Partner treu zu bleiben.

Diese Stärke der Sublimierung richtet sich nach der Lebensphase, in der jemand ist. Nach einer Beziehung kann die Maßregelung heißen, auf Verkehr zu verzichten, solange man keinen neuen Partner hat. In einer längeren Trennung durch Auslandseinsätze könnte ebenso die ganze Kraft sublimiert werden. Wenn Kinder gewünscht sind, dann ist das wahrscheinlich nicht der beste Zeitpunkt. Im klassischen indischen Lebensphasenmodell soll beispielsweise auf jegliche Aktivität verzichtet werden, bis zur Gründung einer Familie und dann erst wieder ab dem ca. 75 Lebensjahr. Es war also nie so gemeint, dass wir Menschen ganz auf Sexualität verzichten sollen.

Wenn dieses Yama für alle zu streng ausgelegt würde, könnten auch schnell die yogischen Ziele verfehlt werden. Zum einen werden sich nur wenige für Yoga begeistern können, wenn es heißt, nie wieder Intimität in dieser Weise zu spüren. Zum anderen würden wir relativ schnell aussterben. Aber auch hier gilt wieder, jeder ist individuell. Der Weg eines Swamis ist der, der Enthaltsamkeit. Wer das Ziel der Selbsterkenntnis nicht aus den Augen verliert, gut auf seinen Körper achtet und sich nach seinem Verstand, nicht seinen Wünschen richtet, wird den richtigen Weg für sich finden. Es geht nicht um die genaueste Umsetzung, sondern die bestmögliche für alle Beteiligten.

Fasten und zur Ruhe kommen

Samana Vayu ist die Energieform der Verdauung. Wenn wir fasten, können wir unser Verdauungsfeuer etwas eindämmen und so dem Körper Zeit zur Regeneration geben. Das Ergebnis ist eine neue und frische Vitalität, die wir gut in Ojas umwandeln können. In der Regel meditieren spirituelle Aspiranten sehr viel während des Fastens. So sublimieren sie direkt zwei Energien. Die physische Bewegung schafft eine Energieform namens Vyana Vayu. Und wer nun noch schweigt während des Fastens übt sich in der Energieform der Kommunikationssysteme Udana Vayu. Sie alle können wir anhalten und umwandeln in spirituelle Entwicklung.

Die wohl alltagstauglichste Enthaltung üben wir jeden Tag. Wenn wir uns erschrecken, sehr entspannt sind oder uns bewusst zum Pranayama hinsetzten. Es ist das Sublimieren des Atmens. Prana Vayu heißt die Energieform, die hinter unserer Atmung steckt. Hier merken wir auch schnell die Kraft, die von Sublimierung ausgehen kann. Schon nach wenigen Minuten Pranayama fühlen sich oft auch schon unerfahrene energetisiert. Das kann jeder ganz einfach zuhause ausprobieren. Beispielsweise kannst du nach dieser Anleitung einige Runden Kapalabhati praktizieren. Wie geht es dir dann? Was hat sich verändert und wo spürst du die Übung?

Voraussetzung für Brahmacarya

Das Sublimieren im Allgemeinen führt nach Sukadev zu einer starken Vitalität, Virya. Damit solche Ergebnisse eintreten, muss der Körper allerdings überhaupt erst in der Lage sein, auf etwas zu verzichten zu können. Jemand mit Untergewicht sollte unter umständen nicht fasten. Wenn jemand den ganzen Tag auf dem Sofa sitzt, soll Enthaltung keine Ausrede sein, sich nicht zu bewegen. Und wenn jemand in einer glücklichen Partnerschaft lebt und beide miteinander schlafen wollen, dann ist auch das okay. Es geht bei Brahmacarya nicht um die Unterdrückung und Verdrängung von Bedürfnissen oder sinnlichen Erfahrungen. Stattdessen soll ein kontrollierter und moderater Umgang mit Essen, Arbeit, Schlaf, Freizeit und co geübt werden, sodass unsere Energien nicht unnötig verschwendet werden.

Es ist zwar eine kleine Wiederholung jede Woche aber: Auch hier gilt wieder der Weg der Mitte. Zu enges Sublimieren raubt alle Lebensfreude, zu ausladende Lebensstile lassen den Geist unruhig werden. Zur gesunden Sublimierung trägt es bei, sich nicht jeden Wunsch zu erfüllen oder auf jeden Impuls einzugehen. Je besser wir uns selbst kennen lernen durch Ausprobieren, desto mehr können wir entscheiden, welcher Impuls uns Kraft gibt und welcher in der Gesamtansicht eher Energiezehrend ist.

Brahmacarya heute

Übertragen wir diese Lehre von vor über 3000 Jahren auf das 21. Jahrhundert, kriegt das Wort Energie gleich eine ganz neue Bedeutung. Wir sollen also keine Energie verschwenden. Das kann im Sinne von Brahmacarya alles Mögliche sein. Kindergartenkinder werden 400 Meter mit dem SUV abgeholt. Yogis trinken Smoothies aus Plastikflaschen. Aauf den sozialen Medien verbringen wir mehrere Stunden durch Bilder zu scrollen, die wir nur liken, weil eine Bekannte zu sehen ist. Hier wird deutlich, dass Brahmacarya wirklich ein Yama ist. Es bezieht sich auch auf unseren Umgang mit anderen, nicht nur mit uns selbst. Die ganze Umwelt darf einbezogen werden. Sei kreativ und schau, welche Handlungen oder Einstellungen du loslassen darfst, um noch mehr in deine energetische Mitte zu kommen.

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1 Kommentar zu “Brahmacarya: Enthaltsamkeit – Yama (Teil 4)

  1. Vichara Monika Jahnke

    Danke für diese wertvolle Erinnerung!

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