46 Das Gute ist in allen

Gelassenheit Entwickeln - Podcast für mehr Gelassenheit im Alltag

Sukadev beschreibt, wie befreiend für ihn die Erkenntnis war: Es gibt das Böse nicht. Es gibt auch im Inneren nichts zu bekämpfen. Er spricht über die drei Quellen für diese nondualistische Weltsicht: Advaita Vedanta: Alles ist Brahman. Bhakti Yoga: Alles ist Manifestation Gottes. Moderne Wissenschaft Biologie/Evolutionsbiologie, Paläoanthropologie. Alles Verhalten ist ist ursprünglich sinnvoll gewesen – sei es in der Steinzeit, sei es in der Kindheit. Verhalten das heute nicht mehr sinnvoll erscheint, war es mal. Sukadev spricht insbesondere darüber, wie Angst und Ärger durchaus gute Funktionen haben. Und wie Lamentieren, Aggression und psychosomatische Erkrankungen in der Kindheit hilfreich gewesen sein kann. Wichtig ist zu erkennen, wie man heute geschickter umgehen kann damit.

Sieber autobiografischer Podcast. – 46. Folge des Yoga Vidya Gelassenheits-Podcast.

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Jetzt zu Neuinterpretation von Raja Yoga, auch unter dem Einfluss von Bhakti Yoga, Jnana Yoga und moderner Wissenschaft. Ich erläutere jetzt ein nondualistisches Weltbild, ein nondualistisches Bild der menschlichen Persönlichkeit. Diese Grundlage eines nichtdualistischen Menschen- und Weltbildes hat drei Quellen: Jnana Yoga und Advaita, Bhakti Yoga und moderne Wissenschaft, Psychologie, Biologie und Psychotherapie, Systemtheorie. Zuerst die nondualistische Weltanschauung von Advaita Vedanta, Jnana Yoga. Diese sagt, es gibt nur Brahman, das Göttliche. Dieses Brahman manifestiert sich auf verschiedene Weisen im Äußeren und im Inneren. Das sagt damit auch, es gibt nur das Gute. Es gibt kein Böses, es gibt keinen Teufel, es gibt nichts zu bekämpfen, es gibt nur ein unendliches Göttliches. Die zweite Quelle ist Bhakti Yoga, der Yoga der Hingabe. Der sagt, Gott ist allgegenwärtig, allmächtig, allwissend, und sagt damit, alles ist Gott.

Gott wohnt im Herzen aller Wesen. Gott manifestiert sich in allem, was kommt. Gott wirkt durch alle, damit auch durch dich. Gott gibt dir Erfahrungen, die dir helfen, zu wachsen. Gott gibt dir Aufgaben, die du zu tun hast. Gott wirkt durch dich, und so wie du bist, bist du jetzt erst mal richtig. So wie du bist, kann Gott durch dich wirken, durch deine Stärken und Schwächen. Du bist dabei in Entwicklung begriffen. Das heißt, du wächst weiter spirituell, und du hast auch die Aufgabe, durchaus an dir zu arbeiten. Aber es gibt nichts in dir, was verdammenswert wäre, es gibt nichts in dir, was schlimm ist, in dir ist das Göttliche. Diese spirituelle Grundsicht verbindet sich dann mit Erkenntnissen der modernen Biologie, Evolutionsbiologie, Evolutionspsychologie und Paläoanthropologie. Was ist das überhaupt? Biologie ist klar. Evolutionsbiologie sagt, dass alles Leben entstanden ist aus dem Survival of the Fittest, aus dem Überleben desjenigen, des Verhaltens, das am besten passt. Im Deutschen falsch übersetzt als „Überleben des Stärksten“. Man kann sagen, das überlebt, was am besten passt. Und diese Evolutionsbiologie sagt, dass alles, was Wesen machen, irgendwann Sinn gemacht hat und dass alles menschliche Verhalten aus vergangenen Erfahrungen beruht. Die Evolutionspsychologie sagt, dass wir aus früheren Leben – nicht eigenen früheren Leben, sondern den ganzen Erfahrungen durch die Tausende von verschiedenen Tierarten, durch die wir hindurchgegangen sind, um Mensch zu werden, auch Erfahrungen in den Genen speichern. Die Paläoanthropologie sagt auch, dass alles Verhalten, das wir heute zeigen, aus der Steinzeit stammt. Paläolithikum ist die Steinzeit, sogar die Altsteinzeit. Es gibt noch das Neolithikum, das ist die Neusteinzeit, in der es schon Landwirtschaft gab. Aber die Paläolithik, das ist die ältere Steinzeit und die hat ja mehrere Zigtausend Jahre, vielleicht sogar mehrere Hunderttausend Jahre gedauert, prägt unser menschliches Verhalten, auch wenn wir heute in der Großstadt leben. Auch wenn wir zum Teil in Millionenstädte leben, zivilisiert leben, ist unser Verhalten dennoch erklärbar aus der Steinzeit. Und so kann man sagen, diese Paläoanthropologie und Evolutionspsychologie sagt, alles menschliche Verhalten hat in irgendeinem Kontext Sinn gemacht, es gibt nichts Böses. Menschen tun das Böse nicht, um das Böse zu bewirken, sondern um das Gute zu bewirken.
Die Erkenntnis der Biologie ist, ein Mensch empfindet, mit Ausnahme von psychisch Kranken, auch keine Freude beim Quälen. Der Mensch ist am glücklichsten, wenn er andere glücklich macht. Ich will noch einen kleinen Ausflug machen in die Paläoanthropologie. Wenn ich eben sage, alles menschliche Verhalten hat in irgendeinem Kontext Sinn gemacht, kann man dort zwei Faktoren unterscheiden: Der eine ist, was von der Biologie erklärbar ist, und der zweite ist, was aus der Erfahrung in diesem Leben erklärbar ist.

Nehmen wir Angst. Ist Angst etwas Schlechtes? Angst und Lampenfieber und zum Teil sogar Phobien? Zunächst mal, Angst ist grundsätzlich etwas Gutes, denn Angst hilft dem Organismus, zu überleben. Ohne Angst hätte vielleicht der Mensch in der Steinzeit einen Tiger gesehen, und wenn er keine Angst bekommen hätte vor dem Tiger, hätte der Tiger ihn gefressen. Daher hat die Natur Angst entwickelt als einen Mechanismus, ganz schnell Energie bereitzustellen. Und so haben wir heute vor allem Möglichen Angst und wir können dankbar sein, dass wir ängstlich sind, nur so konnten wir überleben. Man kann sogar weitergehen, manche Menschen haben mehr Angst, manche haben weniger Angst, und das war damals auch sehr sinnvoll in den Zeiten der Steinzeit, denn Menschen haben immer in Gruppen gelebt, Gruppen von zehn bis zwanzig, bis zu dreißig Personen. In diesen Gruppen haben Menschen zusammengelebt und da war es gut, wenn es mal den ein oder anderen gab, der sehr ängstlich war, vielleicht sogar paranoid. Der hat immer aufgepasst: „Es könnte irgendwas schiefgehen und irgendwo lauert der Feind.“ Die waren die Frühwarnsysteme. Und weil es eben manche Menschen gab, die besonders ängstlich waren, konnte es andere geben, die waren eher sorglos. Die konnten sich erfreuen an den Schmetterlingen, an den Vögeln und an dem Laub und an allem, was es so Schönes gab, die konnten sich vielleicht sogar erfreuen, wenn sie plötzlich etwas Schwarz-Gelbes in der Ferne gesehen haben, denn dann gab es den Paranoiden, der hat gesagt: „Vorsicht, da könnte was ein.“ Wenn du zu denen gehörst, die besonders ängstlich sind, sei erst mal dankbar, erkenne das an: „Ist ja großartig. Ich habe in mir die Genetik, die ermöglicht hat, dass ganze Stämme überlebt haben. Wenn es nicht solche gegeben hätte wie mich, dann wäre die Menschheit längst gefressen worden.“ Sei dir bewusst und danke dir. Oder wenn du jemanden kennst, der so ängstlich war oder ängstlich ist, dann sei dem dankbar: „Ja, das ist wie das Frühwarnsystem.“ Der mag dich nerven, weil er ständig denkt, irgendwas Schlimmes passiert, der mag dich auch nerven, weil er diese irrationalen Ängste hat, aber du kannst ihm schon mal dankbar sein: „Ah, in dir ist die Genetik von den Leuten drin, die in früheren Zeiten dafür gesorgt haben, dass meine Vorfahren überlebt haben. Und wenn ich ehrlich bin, werde ich feststellen, ab und zu mal hilft es ja, dass du diese Ängste hast und das ausdrückst und überall das Schlimme siehst.“

Ein weiteres Beispiel, Ärger. Auch etwas, was der Gelassenheit entgegensteht. Du kannst auch feststellen, du bist öfters mal ärgerlich. Ist Ärger etwas Schlechtes? Nein, Ärger ist wiederum nichts Schlechtes, denn Ärger ist auch wieder eine Aktivierung. Über die Aktivierung von Ärger setzt du dich zur Wehr. Ein Beispiel aus der Steinzeit: Wenn die Nahrung verteilt wurde unter den Stammesangehörigen, dann bist du vielleicht übersehen worden. Angenommen, du wärst nicht ärgerlich, dann hättest du das in Kauf genommen, du hättest immer weniger zu essen gehabt und schließlich wärst du gestorben, du hättest dein Erbgut nicht weitergeben können. So war es wichtig, dass du, wenn du übersehen worden bist, ärgerlich geworden bist. Und es war nicht nur wichtig, dass du ärgerlich geworden bist, wenn das dir selbst passiert ist, sondern es war auch wichtig, dass du ärgerlich geworden bist, wenn deine Mitmenschen ungerecht behandelt worden sind. Auch hier gilt wieder, es gibt solche, die haben einen gesteigerten Gerechtigkeitssinn, und diese regen sich schneller auf. Und es ist gut, wenn es Menschen gibt, die sich schneller aufregen. Die helfen dann, dass es im gesamten Stamm gerecht zugeht und sie haben auch dafür gesorgt, dass nicht einer die anderen tyrannisiert hat. Wenn du also zu denen gehörst, die besonders cholerisch sind, kannst du sagen: „Ja, es ist gut, dass es solche wie mich gibt, die das Erbgut transportieren aus Jahrhunderttausenden, und es ist gut, dass es solche wie mich früher gegeben hat, die haben dafür gesorgt, dass immer wieder für Gerechtigkeit gesorgt wurde. Und es ist auch gut, dass ich diesen Ärger in mir habe, so lasse ich mir nicht alles gefallen.“ Natürlich, Ärger kann sich auch sehr destruktiv manifestieren, aber es gilt erst mal anzuerkennen, Ärger an sich ist nichts Schlimmes, Ärger an sich ist evolutionsbiologisch gut.

Auch andere Dinge, die einen aus der Ruhe bringen, können gut und nützlich sein. Z.B., manche Menschen lieben das Süße und Zucker-Fettgemische, man kann es auch Schokolade nennen, aber es gibt auch andere Zucker-Fettgemische, die Menschen lieben. Diese Zucker-Fettgemische bringen Menschen aus der Ruhe. Warum? Man wird fett davon. Und wenn man fett wird, ist es zum einen nicht ästhetisch in unserer heutigen Kultur, aber auch nicht gesund. Du hast einen erhöhten Cholesterinspiegel, du wirst schneller Bluthochdruck bekommen, Menschen mit starkem Übergewicht, insbesondere wenn sie noch körperlich nicht aktiv sind, sterben früher, haben häufiger Herzinfarkte usw. Also nehmen Menschen sich vor, abnehmen zu wollen. Dann stellen sie fest, es ist nicht so leicht. Und dann, nachdem sie beim Frühstück aufgepasst haben, beim Mittagessen aufgepasst haben, plötzlich entdecken sie, dass sie sich am Nachmittag drei Stück Kuchen in den Mund stopfen und vielleicht eine Tafel Schokolade dazu. Das ärgert sie, dann sind sie ärgerlich über sich selbst. Diese Gier nach Zucker-Fettgemischen ist jetzt nicht schlecht, ist auch kein Zeichen von Willensschwäche, sondern