Steine sind die neuen Eier!? – Ein veganes Osterritual

Ich habe es nie geschafft mit Ostern im Reinen zu sein: entweder ich feiere den Frühling oder das Opfer und die Auferstehung Jesu. Possierliche Hoppelhäschen mit Wiedergeburt und Foltertod mit Auferstehung – an einem Wochenende? Wieder ein Spagat, der nicht klappen will! Wenn es dir genausogeht, hilft dir vielleicht mein veganes Osterritual aus der Bredouille.

Osterrituale meiner Kindheit

In meiner Kindheit im Schwäbischen war der Ruf ‘Gagaaack, gagaaack, d’ Haas hat glegt!’ meines Vaters das Zeichen, mein Körbchen zu schnappen und nach draußen zu stürmen. Mein älterer Bruder kam mir stets zuvor und fand das meiste, was der Osterhase gelegt hatte.

‘ Unser’ Osterhase liebte schwierige Verstecke, die er Gottseisgedankt immer meinem Vater verriet. Mit ‘es wird heißer’ und ‘kälter, kalt’ wurden wir von ihm zur richtigen Stelle gelotst, zumindest an die, an die er sich noch erinnern konnte. 

Ostern war für mich immer ein anstrengendes, seltsames Fest.

Zum einen: Kein Erwachsener konnte stimmig erklären, was es denn mit dem Osterhasen auf sich hat, warum er 1. Eier legt und 2. warum bunte und 3. wo denn die Schokolade und die Geschenke herkommen – es gab dazu keine Geschichten! 

Zum anderen: Nach dem Eierrsuchen ging es in die Kirche, wo man dann allerhand verstörende Geschichten über Verrat, Verleugnung, Folter, Tod und Auferstehung zu hören bekam. Das Ganze, um schonmal für meinen sicheren Sündenfall zu ‘bezahlen’.

Als wäre das nicht schon verstörend genug, ging man nach all den Geschichten über Entbehrung und Entsagung wieder nach Hause. Saß an der Oster-Sonntagstafel, die mit Häschen und Kücken und bunten Eiern geschmückt war und die Völlerei begann.

Auch ein aus Kuchenteig gebackenes Osterlamm gab es manchmal. Dieses hab ich allerdings nur widerwillig angerührt. Wie bei Hostien hatte ich immer das Gefühl, den netten Herrn Jesu zu essen. Ausgerechnet den, der für meine Sünden auf so unangenehme Weise gestorben ist. Unsere Art Ostern zu begehen finde ich bis heute – schräg.

Eier schreiben – ein Osterritual mit langer Tradition

Einen alten, in Osteuropa noch heute praktizierten Osterbrauch möchte ich euch zu Ostara in einer veganen Form vorstellen, mit dem der Übergang vom Winter, der dunklen, nach innen gerichteten Zeit zu den längeren und wärmeren Tagen und der nach oben, außen drängenden Lebenskraft auch spirituell und geistig leichter vonstatten geht.

Eier haben in Ritualen der Naturreligionen immer eine wichtige Rolle gespielt, sei es als Opfergabe, als Bestandteil in den Farben der rituellen Malerei oder gar als Leseobjekt beim Vorhersagen der Zukunft.

Die Kunst des Eierschreibens, des „Pysanky“ (ukrainisch „schreiben“) wird noch heute in Osteuropa praktiziert und soll bis auf das Jahr 1300 v. Chr. zurückgehen. Die dabei traditionell aufs Ei eingeschriebenen Symbole wurzeln in der Cucuteni-Tripolje-Kultur, einer vermutlich matriarchalischen Gesellschaft, die Mutter Erde verehrte und vor 6000 Jahren in Osteuropa blühte.

Während wir hier in allen Regenbogenfarben gefärbte Eier im Supermarkt mal eben so kaufen können, ist das ‘Eierschreiben‘ ein aufwendiger Prozess. Ein Gebet und ein magisches Ritual zugleich, bei dem heilige Symbole und Gebete kunstvoll auf das Ei „geschrieben“ werden, um es dann Mutter Erde zu schenken.

Hier meine vereinfachte, vegane Version, die du alleine oder im Kreis deiner Lieben zelebrieren kannst. 

Veganes Osterritual

1. Schritt Osterritual: Klärung deiner Intention

Im Frühling wird der Same für die Ernte im Herbst gelegt. Damit auch für Projekte, Ziele, Neuausrichtung, Veränderungen im Lebensstil. Spüre hinein, was welche Früchte tragen könnte, was jetzt Vorrang hat. Dies ist keine Bestellung, mehr ein Einläuten von Veränderung in einem energetischen Prozess.

Bist du in einer Beziehung unglücklich, geht es zum Beispiel nicht darum zu bitten, dass etwas Neues kommt. Zuerst muss sich das Alte klären und bereinigen, damit das Neue überhaupt einen Platz finden kann. So könntest du um Klarheit für alle Beteiligten bitten, auf dass Friede und Freude ihren angestammten Platz in euren Herzen einnehmen können.

2. Schritt Osterritual: Finde deinen Wunschträger

Statt einem Ei nehme ich – Achtung, aufgepasst- einen Stein. Supervegan. Aber nimm’ was dich intuitiv anspricht. Ein Kürbis, eine Kartoffel, Salzteig, Pappmaché… alles mögliche kann der Träger deines Wunsches sein. Der Fantasie sind hier keine Grenzen gesetzt. Achte aber darauf, dass die Materialien, die du benutzt, ökologisch gut abbaubar sind.

Ich suche mir den richtigen Stein: das Großväterchen, das Großmütterchen, das zu meiner Intention passt und mitkommen will, also meine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Dann wird der Stein sacht gebadet und abgetrocknet und findet erst mal einen Ehrenplatz auf meinem Altar.

3. Schritt Osterritual: Gestaltung

Welche Symbole, Farben könnten deine Intention ausdrücken? Dazu könntest du ein wenig vor dich hin krakeln, während du über das Thema sinnierst. Als Anregung ein paar klassische Symbole des Pysanky: Gleichschenkliges Kreuz (verbindet die vier Richtungen männlich und weiblich und Himmel und Erde, stellt Harmonie her, entstört), Punkte (Einheit, die Kraft des Anfangs), geschlossene Linie, Kreis (Ewigkeit, Werden und Vergehen als durchgehender Prozess)

Materialien können sein: Wachsstifte, deren Spitze du an einer Kerzenflamme erwärmst, öko-Acrylfarben, Tusche, Wasserfarben. Dir fällt bestimmt noch mehr ein. Um die Farben hinterher zum Leuchten zu bringen, werde ich den Stein vorsichtig einölen. 

Wenn man ein Ei ‘aussetzt’, stellt man natürlich auch Nahrung bereit, deshalb werde ich meinen Stein in ein kleines Nest mit Nüssen und Obst setzen. Arbeitest du mit Pappmaché oder Salzteig, könntest du einen kleinen Korb oder ein Gefäß machen. Dies kann dann Nest und Wunschträger in einem sein.

4. Schritt Osterritual: Das Besprechen

Hat jeder seinen Wunschträger fertig bemalt, nimmt sich jeder die Zeit, seinen Wunschträger noch einmal zu besprechen. Halte dazu den Wunschträger in den Händen, dicht vor den Lippen und besprich ihn leise (oder im Geist), formuliere die Aufgabe und dann danke und segne alle Beteiligten.

Bei Herzensangelegenheiten hältst du den Wunschträger dann noch ans Herz, bei Krankheiten an die Stelle, an der es wehtut. Du kannst den Stein auch am ganzen Körper entlang rollen, wenn es z.B. um transformatorische Prozesse geht. Mit ‘So sei es‘ oder ‘Hari om tat sat‘ beendest du diesen Schritt.

5. Schritt: Den Wunsch freigeben

Draußen in der Natur findet sich dann noch eine gute Stelle, wo dein Wunschträger samt (biologisch abbaubaren) Gaben platziert wird. Mit einem Gebet, Kirtan oder sonstigem Gesang wird allen Beteiligten Dank und Segen getönt.

Achte auf die Natur! Oft spürt man gleich, dass alles in guten Händen ist. Ein Windhauch, ein aufsteigender Vogelschwarm sind Zeichen, dass deine ‘Anfrage’ bereits unterwegs ist.

Hari om tat sat.


Der Frühling steht in den Startlöchern und mir ihm Ostern vor unserer Tür. Wer es liebt, dieses Fest ganz klassisch mit seiner Familie zu verbringen, kann mit Kind und Kegel in die Yoga Vidya Ashrams kommen.

Zu Ostern bieten wir dort immer ein hübsches kleines Programm mit besonderen Osterkonzerten sowie das Kinderprogramm “Yoga mit dem Osterhasen” an. Mehr dazu in unserem Yoga Vidya Osterprogramm. Wer allein kommen möchte, den schließt unsere große spirituelle Familie herzlich in ihre Arme!

Seminare rund um Naturspiritualität findest du hier

14 Kommentare zu “Steine sind die neuen Eier!? – Ein veganes Osterritual

  1. Anna Sprinz

    Hallo ich sammle beim Spaziergang Steine, die male ich an so wie sie mir in der
    Fantasie erscheinen. Da kommen ganz seltsame Gesichter zum Vorschein.
    Auch habe ich Holzteile die ich gefunden habe angemalt und es kam Jesu auf dem Kreuz heraus. Schön anzusehen. Es macht mir Freude und jetzt weiß ich auch warum ich das mache. Dank Eurer Hilfe.
    Wünsche ein schönes feierliches Osterfest.

    • Liebe Anna, wie schön. Danke fürs teilen! Das wünschen wir dir auch. Von Herzen, hu

  2. Tanja Kreim

    Super schön 🥰 Danke dafür

  3. Was für ein wunderschönes Ritual,
    Vielen Dank für diese Inspiration. Und auch dem benennen der Wirrungen aus der katholischen Tradition. Ein sehr gelungener Beitrag. DANKE!

    • Liebe Gudrun, ich danke für dein Danke! Da wird mir wieder bewußt, dass das Entwirren am besten gelingt mit der Feststellung einer Verwirrung. Frohe Ostern! :herz:hu

  4. Padmavati

    Vielen Dank für diesen wunderschönen Bericht. Im ersten Teil musste ich sehr Lachen darüber, wie irritierend Du das Osterfest als Kind erlebt hast. Du warst ein sehr aufmerksames Kind. Wenn man es so zusammengefasst liest ist es wirklich schräg, die Verkopplung von Frühljngsritual und Christlichem Auferstehungsfest.
    Im zweiten Teil vereinst Du diese in zusammenhängenden Fedtteile. Das beschriebene Ritual habe ich in ähnlicher Form kürzlich als Erdritual bei einem Besuch im Ashram gemacht. Es hat mich sehr, sehr berührt und ich bin dankbar mit Deiner Anleitung in Eigenregie und mit meiner Familie so ein schönes Ritual machen zu können. Herzlichen Dank und frühlingshafte Grüße von Padmavati aus Mainz

    • Liebe Padmavati, wie schön das ich amüsieren und inspirieren konnte! So schön deine Rückmeldung, das ihr euer eigenes Ritual plant! Danke von Herzen, hu

  5. Dank von Herzen für diesen Beitrag voller Leichtigkeit, Lebensfreude und Mutmacher. Hari Om tatsat

  6. Angelika kluge

    Grossen Dank für diese sehr humorvolle Darstellung einer kindheitserinnerung. Dies spricht mir aus dem Herzen.
    Und danke für die wunderbare Anregung rknes anderen Rituals.
    Namaste

    • Ich danke dir Angelika, frohen Frühling oder frohe Ostern oder frohe …, wofür auch immer du dich entscheidest. Liebe Grüße hu

  7. Anne Rhiemeier

    Dein Ritual finde ich phantastisch.
    Ich werde es mit meinem Besuch durchführen.
    Ganz lieben österlichen Dank an …
    Herzlichst Anne

Schreibe einen Kommentar