71 Wie ein Meister Gelassenheit lehrt

Gelassenheit Entwickeln - Podcast für mehr Gelassenheit im Alltag

Der Yoga-Meister Swami Vishnu-devananda hatte eigene und sehr effektive Weisen, seinen Schülern tiefe Gelassenheit beizubringen – und zwar durch Aufgaben im Alltag. Sukadev erzählt ein paar der Lektionen, mit denen Swami Vishnu-devananda ihn gelehrt hat: (1) Denke groß, aber sein mit kleinem zufrieden (2) Mache das, was du nicht magst, solange, bis du es magst – und nimm es dir vor, es zu mögen: „Learn to love it“. (3) Hänge nicht am Ergebnis. Handle klug, sei aber nicht verhaftet. So wird es sehr plastisch, wie ein Meister seine Schüler lehrt. Du kannst aber auch ohne Meister dich dazu inspirieren zu lassen, diese Lektionen anzunehmen und im Alltag zu leben.

Dies ist die 71. Folge des Yoga Vidya Gelassenheits-Podcast von und mit Sukadev Bretz, Gründer und Leiter von Yoga Vidya. Dies ist ein Mitschnitt eines Vortrags im Rahmen eines Satsangs während des SeminarsGelassenheit entwickeln“ bei Yoga Vidya Bad Meinberg.

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Heute Anekdoten über Swami Vishnudevananda und wie Swami Vishnu-devananda mir Lektionen erteilt hat in Gelassenheit. Swami Vishnu-devananda war ein Yogameister, der von 1927 bis 1993 gelebt hatte. Ich habe zwölf Jahre bei ihm gelebt in seinen Centren und Ashrams, habe viel von ihm gelernt und insbesondere hat er mich auch in Gelassenheit ausgebildet. Er hat mich gelehrt, engagiert zu leben und gelassen zu sein. Er hat mich gelehrt, groß zu denken, mit Kleinem zufrieden zu sein. Er hat mir geholfen, effektiv zu sein, aber nicht an Effizienz zu hängen. Und vor allem hat er mich gelehrt, dass letztlich eine höhere Kraft für alles verantwortlich ist und ich mich einfach als inneres Instrument zur Verfügung stellen sollte.
Ich möchte heute Abend sprechen über Swami Vishnudevananda und über Gelassenheit. Und Swami Vishnu hat sehr viel gelehrt, einfach durch das Tun und eben durch Karma Yoga, also er hat seine Schüler dazu angeleitet, zu tun und über das Tun haben wir Gelassenheit gelernt. Swami Vishnu hat auch viele Vorträge gegeben, aber er hatte so seine Standardvorträge und er hat gar nicht mal so extrem viel Verschiedenes erzählt, im Grunde genommen ging es um ähnliche Sachen: „Du bist das unsterbliche Selbst. In dir ist die unendliche Energie, erwecke sie und liebe Gott. Und sei mutig im Alltag.“ Gut, es gibt noch eine ganze Menge mehr, er hat ja die ganze Vierwochen-Yogalehrerausbildung konzipiert. Und so ein paar dieser Lektionen, die ich von ihm gelernt habe, will ich euch hier so ein bisschen versuchen, zu schildern. Ein großer Aspekt von Swami Vishnu war: „Denke groß und sei mit Kleinem zufrieden. Tue, was du kannst, so gut, wie du es kannst und, dann übergib es Gott.“

Ich kann mich erinnern, 1987 war die Hundertjahrfeier von Swami Sivananda. Swami Vishnu kam gerade von einer Europatournee. Er kam voller Begeisterung und hat gesagt, bald ist Hundertjahrfeier von Swami Sivananda, jedes europäische Zentrum soll einen Jumbojet chartern und mit fünfhundert Menschen nach Indien gehen. Das wäre eine angemessene Weise, um Swami Sivanandas Geburtstag dort zu feiern. Gut, ich habe erst mal gedacht: „Wie sollen wir das zustande kriegen? Ich wäre schon froh, wenn wir so viele Teilnehmer pro Woche überhaupt für Yogastunden haben könnten.“ Dann sollte jedes Zentrum einen Jumbojet chartern. Aber glücklicherweise war ich nicht verantwortlich für die europäischen Zentren und die dafür zuständige hatte jemanden, an den sie es delegiert hatte, und der hat dann jemanden in einem Reisebüro gefunden, dass er dann tatsächlich ein Flugzeug chartern konnte von Paris, von Genf, von London und noch so ein paar andere Städten. Als der Swami Vishnu das gehört hat, war er sehr, sehr zufrieden. Nachher hat er nur noch gesagt: „Make sure, you can cancel it also. Aber vergewissert euch, dass ihr die Buchung auch annullieren könnt für den Jumbojet.“ Die Vorstellung war, eine ganze Gruppe fährt mit einem gecharterten Flugzeug, dann können wir auch unterwegs Mantras singen und alles. Gut, zum Schluss sind, glaube ich, siebzig Teilnehmer zustande gekommen in allen europäischen Zentren zusammen, aber wir haben es probiert. Bzw. ich habe es nicht probiert, aber ich habe versucht, ein paar Leute dafür zu begeistern. Und was danach herausgekommen ist, wir hatten nachher ein gutes Reisebüro, welches günstige Flüge buchen konnte und endlich wurde es dann einfacher, nach Kanada und nach Indien und nach Amerika und die Bahamas in die Ashrams zu fahren.

Also, etwas Gutes ist dabei herausgekommen. Und so zwischendurch habe ich dann auch die Lektion verstanden: „Denke weit und dann sei zufrieden, was dabei herauskommt.“ Für die Hundertjahrfeier hat der Swami Vishnu sich noch eine weitere Sache einfallen lassen. Er sagte: „Wir wollen Om Namo Narayanaya singen für den Weltfrieden und dazu werden wir eine große Menschenkette bilden von Rishikesh bis Kanyakumari.“ Kanyakumari ist die Südspitze Indiens, Rishikesh ist im Norden, über 3000 Kilometer. Da dort Wüsten sind und man die irgendwie umgehen muss, wären da etwa 5.000.000 Menschen nötig dafür gewesen. Und die sollten dann gleichzeitig „Om Namo Narayanaya“ singen. Und damit wurden dann die Leiter der indischen Ashrams beauftragt, worüber ich sehr zufrieden war. Und vorübergehend schien es auch, als ob es möglich wäre. In Indien gibt es ja auch große Hindu-Organisationen und die fanden das auch gut, die größte Menschenkette der Weltgeschichte und alle zusammen „Om Namo Narayanaya“. Und der Swami Vishnu, der hat dann auch noch darauf bestanden, man soll noch ein Mahatma Gandhi Lied singen, das so etwa heißt: „Ishwara Allah Tere Nam Saba Ko Sanmati De Bhagavam. Ishwara, Allah sind Namen des gleichen Gottes. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Da wollte er dann noch ein paar mehr Zeilen, zum Thema Einheit der Religionen, und dann hat die Hindu-Organisation gesagt: „Nein. Für die Einheit der Religionen werden wir jetzt nicht 5.000.000 Millionen Menschen organisieren.“ Das wäre auch für die ein großer Aufwand gewesen.

Swami Vishnu hat noch anderes probiert und mit allen möglichen spirituellen Gemeinschaften und auch mit anderen Ashrams gesprochen. Die Zeit war allerdings recht kurz. Irgendwie ist er auf die Idee gekommen im April und im September sollte es gemacht sein. Normalerweise haben solche Sachen zwei Jahre Vorlauf, aber so lange hat der Swami Vishnu nicht gedacht. Gut, und nachher ist dann dabei herausgekommen, dass man eben von Rishikesh bis Delhi eine Menschenkette hatte. Das war jetzt das Paradoxe, es war auch eine große Menschenkette, es waren einige Zigtausend Menschen und die haben alle zum gleichen Zeitpunkt gesungen „Om Namo Narayanaya“. Da waren Hindus, Sikhs, Moslems, Christen, Parsis und Eingeborenenreligionen, Adivasis hat er auch noch ein paar dazubekommen. Und das war auch eine große Sache. Aber irgendwo, keiner war wirklich stolz darauf. Das war auch einen Weise, das Ego nicht großwerden zu lassen. Riesengroß denken und dann letztlich zufrieden zu sein mit dem Kleinen und dann war es eine große Erfahrung des Friedens. Gut, und zwischendurch haben sie auch Seile gespannt. Gerade die längeren Wüsten, dann hat man doch gesagt, auch von Rishikesh bis Delhi gibt es irgendwo etwas, was so ein bisschen schwieriger ist. Und auch nach Kanyakumari haben sie auch noch ein paar Dutzend Kilometer – auch eine große Strecke, also an die Südspitze – und dazwischen wurden dann besondere Priester beauftragt, mit Mantras die Verbindung herzustellen vom Süden bis zum Norden, so dass es eine energetische tatsächliche Linie war. Also auch eine kreative Lösung. Und das war so gewissermaßen auch Swami Vishnus Weise der Gelassenheit, groß denken, enthusiastisch sprechen und dann schauen, was dabei herauskommt und zum Schluss zufrieden sein mit dem, was passiert.

Eine weitere Sache, an die ich mich erinnere, das war, Swami Vishnu hatte irgendwann die Idee gehabt, er will eine große spirituelle Stadt gründen, ausgerechnet direkt neben dem Ashram in Kanada. Im Winter minus vierzig bis minus fünfzig Grad, fern ab vom Schuss, gut fünfundvierzig Minuten von Montreal. Er nannte das dann Sama Community. Das ist abgeleitet zum einen von Samadhi, zum anderen heißt Sama auch Gleichmut und Gelassenheit. Sama hieß aber auch Sivananda Ashram Members Association und die sollten sich dann alle Blockhäuser, hundert Prozent ökologische Häuser, bauen. Und wo man schon dabei war, wurde auch gleich geplant, einen Flughafen dort einzurichten, sogar die Landebahn wurde gebaut. Manche hatte die Theorie, die hat er nicht dafür gebaut, sondern für irgendwelche Außerirdischen, die dort landen sollten… Swami Vishnu hat durchaus auch über Ufos gesprochen. Gut, schließlich hat es zwanzig Jahre gedauert, bis die ersten eingezogen sind und letztlich gab es dann dreißig Blockhütten, aber eine ökologische Gemeinschaft, aber Selbstversorgen geht in dem Teil von Kanada nicht, mindestens nicht für Vegetarier, aber in vielerlei Hinsicht war die Gemeinschaft autark. Und auf eine gewisse Weise, dieses Ideal von Swami Vishnu, dass dort Menschen auch wohnen können in einem Ashram, die eigener Erwerbstätigkeit nachkommen, mit Kindern und allem, ist so ein bisschen die Grundlage dafür, was wir ja hier mit den Shanti Vasis hier in Bad Meinberg haben und auch das Projekt „Yogastadt“ ist auf eine gewisse Weise auch etwas, was daraus weiter wächst. Da glaube ich, da ist auch Swami Vishnus Segen dahinter und vielleicht manifestiert es sich dann auch noch. Vielleicht nicht ganz romantisch in Blockhütten, nahe am Polarkreis, zumindest hat es sich so angefühlt, nachts minus vierzig, fünfzig Grad im Winter. Vom Projekt „Kailash“ das dort inzwischen ist, steht ja noch einiges, da könnten auch noch hundert Menschen einziehen, eigentlich hundert Menschen mit Familie und allem. Das kann alles entstehen. Eine weitere Sache, die er überlegt hatte – und da könnt ihr auch sehen, vieles von dem, was er so gedacht hatte, groß gedacht, wurde nachher kleiner umgesetzt, aber er war auch damit zufrieden, er hat niemandem einen Vorwurf gemacht, solange wir uns alle bemüht haben. Das war wichtig.

Wenn er eine große Idee hatte und alle haben nur blockiert, dann konnte er auch mal schimpfen. Er wollte groß denken, dann sich engagieren, dann sich zum Instrument machen von dem, was kommen soll, und dann neugierig sein, was klappt. Also, da habe ich viel daraus gelernt. Ich gehörte – wahrscheinlich würde man sagen, typisch deutsch – zu denen, die dann oft den Geist nicht ganz so weit geöffnet haben, aber es hat eine Weile gedauert und ein bisschen habe ich doch davon angenommen. Dann ein weiteres, was Swami Vishnu uns auch gelehrt hat bezüglich Gelassenheit, das war: „Learn to love it. Lerne es zu lieben.“ Swami Vishnu hatte manchen seiner Schüler, insbesondere mir, gesagt: „Wenn es irgendwas gibt, was du nicht magst, dann mache es so lange, bis du es magst. Solange es ethisch verantwortbar ist oder korrekt ist.“ Natürlich, man soll nichts Unethisches machen, auch wenn man es nicht mag, das ist dann gesunde Abneigung. Und so hat er mich immer wieder herausgefordert. Swami Vishnu hat mich alles Mögliche machen lassen. Angefangen damit, seine Bibliothek zu klassifizieren. Auf jedem Buch dort eine Marke darauf zu kleben und das Ganze logisch zu sortieren. Ich habe dem Swami Vishnu das alles erläutert und erklärt und er fand das ganz toll. Nächsten Sommer war ich wieder da, hoffnungsloses Durcheinander. Aber der Swami Vishnu brauchte das auch nicht. Wenn er ein Buch haben wollte, ist er einfach hin und hat es gegriffen, das wusste er. Aber irgendwo war es für mich die Aufgabe, ich sollte mal systematisch und logisch vorgehen, und dann im nächsten Sommer schauen, was noch davon da ist, und wenn das System nicht mehr erkennbar ist, bleibe ich gleichmütig.
Ein anderes Mal wollte er mich zum Schreiner erziehen. Dann hat er mich eine Treppe bauen lassen, eine Außentreppe auf die Veranda seines Häuschens, wo er öfters auch Leute eingeladen hat, wo er dann auch mit den Menschen gesprochen hat. Da gab es auch Hot Chocolate, heiße Schokolade, für die, die dorthin gekommen sind und die es sonst im Ashram eben nicht gab. Schokolade gab es da nicht, aber bei Swami Vishnu konnte man die kriegen. Zu Anfang habe ich dem Swami Vishnu noch gesagt: „Ich habe keine Schreinerfähigkeiten.“ Der hat mich nur schräg angeguckt, mehr musste er nicht machen. Gut, am nächsten Tag bin ich mit zwei anderen Karma Yogis dort angerückt, habe mir das erklären lassen. Der Swami Vishnu hat sich das angeschaut. Ich fand das irgendwie ganz toll, endlich mal nicht an irgendwelchen Schreibtischen und Papier wälzen und Leuten irgendwas erzählen, sondern richtig hämmern zu können. Als es fertig war, hat der Swami Vishnu die Treppe wieder abreißen lassen, sie hat sicher nicht den Sicherheitsbestimmungen entsprochen. Dann hat es jemand anderes gemacht. Aber ich habe festgestellt, Handwerksarbeit macht mir auch Spaß. Und das war es wert.

Vielleicht meine schwierigste dieser Lektionen, aber die zukunftsträchtigste war, ich war ja immer schon ein Bücherwurm gewesen und habe mich – es gibt ja die Naturwissenschaftler und die Geisteswissenschaftler – als Geisteswissenschaftler gefühlt. Ich war zwar auch nicht schlecht in Mathe usw., aber vom Interesse her, was soll diese ganze Logik. Und ich konnte mich auch durch das Betriebswirtschaftsstudium hindurchmogeln, war vermutlich noch der letzte Jahrgang, wo es halbwegs möglich war, Computer vollständig zu vermeiden. Das war für einen BWL-ler außergewöhnlich, mit einem kleinen Taschenrechner konnte man da noch umgehen. Und dann wurde ich versetzt, 1985 war das, nach Los Angeles, und da kam ich hin und da stand dort ein Computer, ein PC. Und die gesamte Adressdatei war da drin, die Broschüren waren da drin, die Handouts waren da drin. Und ich bin dort hingeschickt worden, weil, dem Zentrum ging es nicht gut und es gab eine finanzielle Krise. Ich wollte jetzt schnell eine Aussendung machen, eine neue Broschüre und ich saß dort und da war diese Kiste und kein Mensch wusste, wie die funktioniert und ich erst recht nicht. Dann habe ich einen mehrseitigen Brief geschickt, warum ich ausgerechnet hier sitzen würde mit dieser Aufgabe… Gut, irgendjemand konnte mir dann erzählen, wie das geht, und ich habe es mir dann irgendwo doch halbwegs beigebracht. Aber ich habe nur vor dem Ding dort gesessen und gedacht: „Was soll das?“ Und dann habe ich einen langen Brief geschrieben an Headquater, den Hauptsitz, warum in einem Yogazentrum ein Computer nichts zu suchen hat. Anstatt mit Menschen zu sprechen, hockt der Centrumsleiter vor diesem Computer, stundenlang und starrt drauf. Swami Vishnu hat nur zurückgeschrieben: „Learn to love it. Lerne, es zu lieben.“ Gut, der Guru hatte gesprochen, also habe ich überlegt: „Wie kann ich jetzt das umsetzen, was mein Meister sagt?“ Erst mal Bücher kaufen. Also ein paar Bücher über Computer und dann habe ich so langsam verstanden, wie die Dinger funktionieren und irgendwie habe ich festgestellt, es macht mir sogar Spaß. Und ich habe festgestellt, ich konnte mich sogar gut hineinversetzen in die Computer und dann wurde ich beauftragt, in allen Centren Computer einzurichten und ich wurde der Computerspezialist der Centren und der Computer Support wurde ich dann auch. Es war noch die Zeit, wenn jemand gefragt hat, musste man als erstes fragen: „Ist der Stecker auch drin? Hast du vielleicht gestaubsaugt und den Stecker raus? Hast du die Floppy Disk richtig herum rein? Und hast du auch den Monitor angestellt?“ Achtzig Prozent der Probleme waren damit schon mal behoben, denn bei einer mechanischen Schreibmaschine brauchte man das alles nicht zu tun.

Noch eine weitere Geschichte. Das nächste, was er mir auch beigebracht hat, ist: „Hänge nicht am Ergebnis deiner Handlungen.“ Eine Geschichte, die manche von euch kennen, aber eben viele auch nicht. Es war eine recht radikale. Da muss ich sagen, da bin ich jenseits der Grenzen des Erträglichen und der Gelassenheit gekommen. Irgendwann 1988 bin ich in den Hauptsitz versetzt worden. Irgendwo gab es so eine Geschichte, dem Ashram ging es finanziell sehr schlecht, alle Centren mussten all ihre Überschüsse dorthin geben, dass der überleben konnte. Dann hat Swami Vishnu alle seine engeren Schüler gebeten, irgendwelche Vorschläge zu machen. Es war nur einer dumm genug, Vorschläge zu machen. Prompt wurde ich dann nach Kanada versetzt, im Winter, minus vierzig Grad. Und dann habe ich versucht, all die Ideen umzusetzen. Wir haben Tage der offenen Tür gehabt und Leute aus Toronto und Montreal dorthin eingeladen bei zwei Metern Schnee. Das hat auch geklappt und wir haben sehr schnell ein Programm auf die Beine gestellt. Dann für die neue Sommersaison haben wir eine Broschüre konzipiert, die nicht vierfarbig war, die haben die ganzen Jahre diese vierfarbigen Drucke, die so teuer waren, gehabt. Heute sind sie ja nicht mehr so teuer, aber damals, haben sie kaum was bewirkt und ich fand die Broschüre grässlich. Ich habe gedacht, machen wir eine günstigere Broschüre, kostet vielleicht nur ein Drittel und dafür ist sie effektiver. Ich habe sie auch dem Swami Vishnu gezeigt, der hat geschrieben: „Very good work.“ Ein paar Wochen später kam die Broschüre, 200.000 Exemplare. Der Swami Vishnu hat die sich angeguckt, der war damals eigentlich im Schweigen gewesen, er hat geschrieben: „Who made this brochure? It’s horrible. Wer hat diese Broschüre gemacht? Sie ist grässlich.“ Und dann einen Tag später: „Dump it in the garbage. Wirf die gesamte Broschüre in den Müll.“ Und das nächste: „Und derjenige, der die letzten Jahre diese Broschüre gemacht hat, der soll schnell eine neue Broschüre machen, dass man die losschickt.“ Ich habe innerlich gebrannt, gekocht, geraucht. All das, was wir so angefangen haben, umsonst, es wird wieder eine schlimme Sommersaison, wir werden die gleichen Probleme wie vorher haben. Ich habe doch vorher gezeigt, dieses Broschürenkonzept wirkt, wir haben es doch schon in Montreal und Toronto ausprobiert. Die Leute sind gekommen. Nur, Swami Vishnu wollte mir beibringen, es geht im Yoga nicht hauptsächlich um Effizienz, es geht nicht hauptsächlich darum. Und irgendwann habe ich dann gesagt, ok, ich bin ja nur Instrument, das habe ich dann doch verstanden, dann kommt Swami Vishnus Verantwortung, Gottes Verantwortung, dann soll es halt so sein. Und wenn der Ashram Pleite geht, dann geht er halt Pleite, aber das ist jetzt schon so viele Jahre her, dreißig Jahre, der Swami Vishnu wird auch wissen, was er macht, und der Sivananda weiß es auch, also habe ich gesagt, ok. Und so wie ich das innerlich gesagt habe, kam dann die nächste Nachricht vom Swami Vishnu. Wir hatten die Broschüren schon vollständig weggepackt – das war ein riesen Karton. Es ist ökologisch unverantwortbar, das ging mir so gegen den Strich, jede Phase, aber wir haben es halt gemacht, wir hatten das Ding dort draußen, es sollte am nächsten Tag abgeholt werden zum Altpapier. Und dann, sowie ich dann gesagt habe, „ok, lasse ich los, lasse ich los, lasse ich los“, dann kam die nächste Nachricht von Swami Vishnu: „You can send it. Ihr könnt es losschicken.“ Und die Broschüre war dann ja auch sehr erfolgreich, sie war auch im Versand sehr viel günstiger als die andere, weil sie kleiner war und hat doppelt so viele Teilnehmer in den Ashram geholt in der Sommersaison als im Jahr vorher. Aber es war eine wichtige Lektion, eine Lektion auch wiederum von Gleichmut. Großes Engagement ist gut, klug zu denken, ist gut, da hat der Swami Vishnu mich ja auch dazu angeleitet und er hat ja auch öfters gesagt: „Nutze dein Hirn, um was zu machen. Nutze all deine Talente. Sprich mit den anderen, do brainstorming.“ Also, er hat uns zu all dem, was man halt macht, um zu guten Entscheidungen und Ideen zu kommen, ermutigt, und mich dann ja auch bei einzelnen Schritten ermutigt. Nur dann, als mein Geist in dieser Effizienzschleife war und irgendwo sich damit identifiziert hat und gedacht hat, „ja, jetzt klappt es“, dann hat er mich wieder raus geholt. Das war die wertvollste Lektion dabei: „Du bist nicht der Handelnde und es geht nicht darum, sondern lasse los.“

Eine letzte Lektion von Swami Vishnu – die ist jetzt kürzer als die anderen. Irgendwann mal wurde im Ashram geklaut. Und der Swami Vishnu hatte davon gehört und hat erst mal gefragt: „Haben wir alles gemacht, was zu tun war?“ Also, abgeschlossen, auch Büros müssen abgeschlossen sein, und da, wo Geld drinnen ist, muss abgeschlossen sein, die Kasse an der Rezeption muss weg sein. Das hat er alles gefragt, ist alles gemacht gewesen. Es war alles gemacht und all diese Sicherheitsmaßnahmen waren getroffen worden, es war halt jemand, der sehr geschickt war. Und dann hat Swami Vishnu gelächelt und hat gesagt, wir sollten lernen von der Geschicktheit dieses Diebs. Und dann hat er gesagt, aber wir müssen geschickter sein als der Dieb beim nächsten Mal. Und dann hat er noch gesagt, und wir sollten uns jetzt keine Sorgen machen. Er hat noch gesagt: „Theft is forced charity. Diebstahl ist erzwungene Wohltätigkeit.“ Er meinte, wahrscheinlich musste der Dieb irgendein Bedürfnis gehabt haben und so hat er, was er braucht, bekommen. Und dann hat er noch gesagt, und wir sollen froh sein, vielleicht haben wir eine karmische Schuld ihm gegenüber gehabt, die haben wir jetzt nicht mehr. Aber zu allererst hat er alles gefragt. Und ich habe mir das so gemerkt, was er so alles gesagt hat. Und am Anfang im Ashram waren wir sehr blauäugig, inzwischen haben wir alles umgesetzt, was der Swami Vishnu dort nachgehakt hat. Also, erst mal gucken, macht jeder seine Aufgabe. Gut, und danach die Geschicktheit derjenigen bewundern, die einem übel mitgespielt haben. Er hat irgendwo noch eine Schrift zitiert und irgendwo heißt es: „Gott ist auch die Geschicktheit im Dieb.“ Als zweites eben: „Theft is forced charity. Diebstahl ist erzwungene Wohltätigkeit.“ Und das dritte ist, wir haben jetzt eine karmische Schuld beglichen, da können wir froh sein, das ist auch abgetragen.

Vielleicht kannst du selbst überlegen, was das vielleicht für dich heißt. Kannst du auch lernen, größer zu denken und dann mit Kleinem zufrieden zu sein? Kannst du auch lernen, das zu lieben, was du bisher nicht magst? Du kannst überlegen, welche Sachen magst du nicht und du kannst systematisch daran arbeiten, zu lernen, diese zu mögen. Gibt es etwas, wo du dran hängst? Und wo könntest du dort loslassen? Vielleicht gibt es noch andere Dinge, die dich inspiriert haben, berührt haben. Es ist immer wichtig, das, was du hörst über den spirituellen Weg, auch im Alltag umzusetzen.

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