Einfach erleuchtet sein. Im spirituellen Lotto gewinnen. Wie einfach geht Erleuchtung? Ein direkter Weg zur Erkenntnis, das geheime Mantra, die spezielle Erfahrung, mit der dir alles auf magische Weise zufällt – davon träumen viele. Saraswati klärt dich auf. Aber Vorsicht: Deine spirituelle Seifenblase könnte zerplatzen.
Größer als Ishvara?
„Ich bin bereits reif und habe die Erkenntnis erlangt. Meine wahre Natur ist grenzenloses Bewusstsein, daher spielt es keine Rolle, wenn ich vor Wut explodiere. Es ist lediglich der Geist, der wütend wird. All das berührt mich nicht. Warum sollte ich überhaupt ein Gebet sprechen? Ishvara existiert nur in einer abhängigen Realität, während ich als reines Bewusstsein darüber erhaben bin.
Schau dir nur all diese naiven Anhänger an, wie sie sich bemühen, Ishvara zufriedenzustellen. Und was soll ich zu diesen uninspirierten Akademikern sagen? Sie lernen Sanskrit, studieren Schriften und rezitieren sie sogar, um ihre Ignoranz zu beseitigen. Dabei ist es doch so offensichtlich: Alles ist nur Wasser und diese Fische schwimmen im Ozean, ohne seine Essenz zu erkennen.“
So sprach mein Freund Arun, mit dem ich gemeinsam in einer Online-Studiengruppe die Bhagavad Gita studierte. Arun war nicht nur ein erfolgreicher Unternehmer und Kandidat für das kalifornische Gouverneursamt, sondern hatte auch das verzweifelte Bedürfnis, immer zu den Siegern zu gehören. Jedoch missfiel ihm, dass Vedanta ein Wissen war, das sich einem nicht unmittelbar erschloss und für das man normalerweise jahrelange Vorbereitung, Hingabe, Demut und gewissenhafte Arbeit an sich selbst benötigte.
„Erleuchtung ganz einfach“- existiert ein direkter Weg?
Eines Tages brachte er mich wirklich zum Nachdenken. Wenn ich bereits jetzt Sat Chit Ananda (Sein-Wissen-Unbegrenztheit) bin, warum verbringe ich dann einen Großteil meiner freien Zeit mit vorbereitenden Praktiken wie Yoga, Rezitation und Sanskrit? Wäre es nicht eleganter, direkt zur intuitiven Erkenntnis meiner wahren Natur zu gelangen und darauf zu warten, dass alles andere mir auf magische Weise zufällt?
Bald darauf konfrontierte ich meine gute Freundin und Vedanta-Lehrerin Saraswati Devi mit diesen Bedenken. Ihre übliche heitere Jovialität wich einer ernsten Dringlichkeit. Sie sprach mich an: „Dein Geist kann dir vieles vormachen, sogar dass du deine wahre Natur als Brahman verstanden hast. Wenn du dich bereits unter den Erleuchteten wähnst, ohne die Wahrheit wirklich gesehen zu haben, beraubst du dich jeglicher Möglichkeit für weiteres emotionales Wachstum.“
Sie fuhr fort: „Sag mir nicht, dass du Vedanta verstanden hast und nur ab und zu deine wahre Natur vergisst. Das würde bedeuten, dass du immer noch Brahman mit den Veränderungen des Geistes verbindest. Wenn du es wirklich verstanden hättest, könntest du es genauso wenig vergessen wie deinen eigenen Namen.“

Ein direkter Weg zur Bergspitze?
Gab es eine Abkürzung zur Erleuchtung oder war diese Frage nur der schnellste Weg zur Vergeblichkeit? Vor einigen Jahren las ich die Bücher von Eckhart Tolle und war auch sehr beeindruckt von der Geschichte Sri Ramana Maharshis. Die Möglichkeit eines direkten Weges zur Erkenntnis faszinierte mich. Es war wie ein spiritueller Lottogewinn.
„Das Problem liegt darin, dass das Unterrichten von „tat tvam asi“, der höchsten Lehre des Advaita Vedanta, ohne die Anwendung ihrer traditionellen Methodologie vergleichbar mit dem Versuch ist, Einsteins berühmte Gleichung E = mc2 zu unterrichten, ohne grundlegende mathematische und physikalische Kenntnisse zu besitzen.“ Saraswati äußerte sich nüchtern und fügte hinzu: „Es gibt keinen direkten Pfad. Wenn du den Weg zur Bergspitze über den Berghang wählst, besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass du auf dem Weg verunglückst.“
Erkenntnis erfolgt nur über Ishvara
„Saraswati, wenn ich Brahman bin und Ishvara von meiner Existenz abhängt, wieso sollte ich dann Gebete sprechen?“
Ob es Dir gefällt oder nicht: Ishvara ist hier der Boss, nicht Du. Ishvara ist die Allmacht und Allwissenheit, von der dein ganzes Leben abhängt. Von Brahman kommt nichts, alles kommt von Ishvara. Es hält dich am Leben, bringt dich zum Denken, Handeln, Entscheiden. Ohne Ishvara passiert gar nichts.“
Irgendwie erschien mir das paradox. Ich fragte nach: „Wenn mein endgültiges Ziel Brahman ist, wieso sollte ich mich dann an Ishvara wenden?“. Saraswati lächelte geduldig und sagte: „Jegliches Wissen kommt von Ishvara und findet innerhalb von Ishvaras Ordnung statt. Mit dieser Ordnung kannst du arbeiten. Du kannst keine Beziehung zu Brahman aufbauen, weil es kein Objekt ist.“
Langsam wurde mir klar, dass ich die Ebenen der Realität vertauschte, wenn ich mich als Person in meiner Vorstellung über Ishvara positionierte. Ishvara hatte eine Schlüsselposition für das Verständnis der Schriften inne. Die Erkenntnis von Brahman als meiner eigenen Natur war zwar das Ziel, doch ich musste es als die Wahrheit von Ishvara begreifen. Ich war wie die Welle, die nur über die Kontemplation ihrer essenziellen Einheit mit dem Ozean ihrer Natur als Wasser gewahr sein konnte. Und das brauchte seine Zeit.

Kavi Daniel Roth
Kavi ist leidenschaftlicher Astrologe und begeistert von vedischer Rezitation und Advaita Vedanta. Er hat intensiv in der Dayananda-Tradition studiert und verfügt über mehrere Jahre Erfahrung im Integrationsbereich als Sprachwissenschaftler. Nach 9 Monaten als Sevaka in Bad Meinberg machte er sich nun erfolgreich als Berater selbstständig.
Und Du liebe Leserin, sehnst Du Dich auch nach Klarheit, Selbsterkenntnis und einer vollständigen Spiritualisierung deines Alltags? Dann wende dich an einen unserer erfahrenen Vedanta Lehrer:innen, wie z.B. Sita Devi Hindrichs oder Vedamurti Dr. Olaf Schönert.
