Ishvara Pranidhana: Hingabe – Niyama (Teil 10)

Ishvara Pranidhana

Ishvara Pranidhana ist vermutliche die abstrakteste Regel, nach der sich spirituelle Aspiranten richten sollen. Kaum in Worte zu fassen und auch von Patanjali nur sehr knapp beschrieben, will dieses Prinzip unsere ganze Welt umfassen. Sukadev übersetzt Ishwara Pranidhana als Hingabe an Gott. Sie führt zur Fähigkeit, Samadhi zu erreichen, also die Verbindung mit Gott. Hier liegt auch der Grund für die kargen Worte. Gott sieht für jeden von uns anders aus und Yoga will nicht nur für eine Religion passen. Der Anspruch ist allen Menschen auf ihrem Weg zu helfen und das schafft Patanjali auch durch diese Regel wie immer mit Bravour.

Hier gehts zur Übersicht der Yamas und Niyamas.

Ishvara Pranidhana erwähnt Patanjali drei Mal in seinen Yogasutras und drei Mal erklärt er es nicht genauer. Sukadev erklärt, dass dies der Fall ist, um Streitigkeiten unter den verschiedenen Formen des Hinduismus zu verhindert. Für Anhänger von Shiva sieht Gott anders aus als für Anhänger von Vishnu. Auch Krishna– und Devi-Anhänger würden ihre persönliche Verbindung ganz anders beschreiben. Eins ist jedoch für alle Anhänger gleich in allen bekannten Religionen der Welt. Am Ende eines guten Lebens steht der Himmel, das Nirwana oder ein anderes Sinnbild für die Verbindung und das nahe Sein mit Gott. Im Yoga können wir es sogar schon auf der Erde erfahren.

Ishvara Pranidhana- Wann, wo, wie, was

Die Essenz des Bhaktiyoga macht Ishvara Pranidhana aus. Der Yoga der Hingabe übt sich täglich darin, das Leben als Einheit mit Gott zu erleben. Im Kriya des Raja Yoga ist Ishvara Pranidhana ein fester Bestandteil der Praxis, genau so wie im Jnana Yoga als Erkenntnis des Studiums der Schriften. Im Karma Yoga erleben wir es als das nicht Anhaften an die Ergebnisse unserer Taten. Ishvara Pranidhana finden wir also in jedem einzelnen Yogaweg und das immer ganz am Ende. So auch als letztes Niyama im Yoga Sutra. All unsere vorherigen Bemühungen um einen friedvollen Umgang, Reinigung und Selbsterkenntnis münden in dem Verständnis der Einheit mit Gott.

Ishvara Pranidhana

Die Einheit mit Gott ist, wie schon erwähnt, schwer zu beschreiben. Manche Dinge lassen sich einfach nicht angemessen in Worten ausdrücken. Besonders in östlichen Kulturen haben Worte deshalb nicht so eine große Bedeutung wie in westlichen Kulturen. (Eine tolle Erklärung und Herleitung dazu findet man in “How the world thinks” von Julian Baggini.) Versuchen wir uns dennoch daran, Ishvara Pranidhana zu erklären, so könnten wir vermutlich am besten auf ein Gefühl verweisen. Erinnere dich einmal zurück an einen Moment, in dem du im Flow warst. Das heißt ein Moment, in dem du gehandelt hast, ohne darüber nachzudenken und mehr aus dem Gefühl heraus „zu wissen“ was richtig ist. Wenn dann etwas schiefgeht oder genau das rauskommt, was du wolltest, dann freust du dich nicht oder bist sauer, sondern du machst einfach weiter. Gleichmütig, nicht gleichgültig.

Samadhi

Mit der Selbstaufgabe kommt das Erlangen von Samadhi, dem überbewussten Zustand. Hingabe des Selbst sollte frei, vollkommen, bedingungslos und bereitwillig erfolgen. Dann wird Samadhi von alleine kommen.

Swami Sivananda*

Wenn wir auf diese Situation nun unser spirituelles Bewusstsein anwenden, sind wir schon recht nah an dem, was Ishvara Pranidhana beschreiben will. Wir handeln in dem tiefen Wissen, dass Gott in uns und wir in Gott sind. Dass es keine Grenzen zwischen „ihm“ und „uns“ gibt, sondern die ganze Welt eins ist. Jede Blume, jeder Vogel, jeder noch so kleine Kieselstein gehört dazu und hat seinen Platz als Form von Gott.

Ein Niyama

Manch einer mag sich jetzt fragen, warum es ein Gebot für das „ich“ sein soll. Die Niyamas beschreiben Dinge, die wir tun oder lassen sollen für uns selbst. Ishvara Pranidhana beschreibt das “nicht am Ego haften” in höchstem Maß. Das Ich wird so weit ausgedehnt, dass es die gesamte Welt mit einschließt. Für manche mag es so klingen, als gäbe es kein Ich mehr, für andere so, als wäre alles mit enthalten und wieder andere, als hätte das Ich einfach seinen Platz gefunden. Und alles davon ist richtig. Wie auch immer „Einheit“ für dich aussieht, so kann Ishvara Pranidhana aussehen. Stellst du dir eher eine Gruppe vor, die sich umarmt, magst du deinen Platz gefunden haben in diesem Zustand. Stellst du dir eher einen Kreis ohne Einheiten vor, gibt es das Wort Ich eventuell nicht mehr.

Dabei ist Ishvara Pranidhana immer noch nicht das Ziel, sondern nur das letzte von uns forcierbare Ziel. Samahdi, die tatsächliche Einheit mit Gott, folgt aus der gefühlten Einheit mit Gott. Haben wir einmal erkannt, dass wir eins sind, können wir wieder komplett werden. Dieser Zustand ist allerdings nicht von uns produzierbar oder erfahrbar. Erst wenn wir lockerlassen, uns ganz auf die Wirklichkeit einlassen, dann fällt die Illusion Maya ganz von uns ab. Wir lassen nicht mehr an ihr fest und deshalb kann sie von alleine gehen.

Ishvara Pranidhana im Alltag

Um diese Einheit mehr im Alltag zu spüren, können wir in jedem einzelnen Yogaweg etwas tun. Im Karma Yoga lernen wir vollkommen von den Ergebnissen unserer Handlungen gelöst zu sein. Lob und Tadel perlen an uns ab, weil wir wissen, dass wir ein Instrument Gottes sind. Im Jnana Yoga erkennen wir, dass der Autor und der Leser der Texte eins sind. Im Raja Yoga lassen wir von allen Verhaftungen los und konzentrieren uns vollkommen auf das hier und jetzt. Im Bhakti Yoga leben wir Ishvara Pranidhana, indem wir unser Selbst ganz loslassen. Wir schwingen mit den Mantren oder leben mit der Puja als eins. In diesem Sinn heißt Ishvara Pranidhana Selbstaufgabe.

Kleine Schritte könnten beispielsweise sein, gemeinnützig aktiv zu werden, ohne Lob zu wollen. Auch eine tiefe Meditation in vollkommener Konzentration auf Herzensöffnung kann uns näher zu Ishvara Pranidhana bringen. Jeder ist eingeladen herauszufinden, was für sich selbst Hingabe an Gott bedeutet. Die anderen Yamas und Niyamas haben uns auf diesen Moment vorbereitet und ermächtigt uns selbst loszulassen. Wir dürfen in vollkommenem Vertrauen auf Gott leben und ihn durch uns wirken lassen.

Die Yamas und Niyamas von Patanjali verraten uns eine ganze Mengen über das gute Leben

Hoffentlich hat dir der Ausflug mit uns durch die Yamas und Niyamas gefallen. Wir wünschen dir viel Kraft und Energie auf deinem spirituellen Weg und bei Fragen kannst du uns jeder Zeit schreiben.

Hari Om Tatsat.

Literaturverzeichnis

*Auszug aus dem Buch „Tantra Yoga, Nada Yoga and Kriya Yoga“ von Swami Sivananda, Buch I – Tantra Yoga, 5. Auflage, 2000, Shivanandanagar, S. 141 – 143. Divine Life Society

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