Die Yoga-Philosophie kennen lernen 101

Wer das erste Mal ins Ashram kommt, ist oft überfordert mit den vielen fremdartigen Eindrücken. Besonders die Philosophie des Yogas ist keine leichte Kost. Mit der Antwort auf die erste Frage entstehen meistens fünf neue Fragezeichen. Die Themen an sich sind für „Neue“ schon fragwürdig genug, aber hinzu kommt noch, dass sich viele immer wieder an drei Punkten scheuer: Warum sagt ihr nicht einfach, wie es ist? Wofür diese vielen Ebenen und warum zum Shanti sollen Menschen noch etwas lernen, wenn es angeblich nichts zu lernen gibt?

Meistens wollen viele Menschen, die tiefer in der Materie sind, gerne Fragen von Unerfahrenen beantworten. Allerdings verstehen sie oft die Frage anders und die Yoga-Neulinge die Antwort nur in Ansätzen. Sie leben einfach in verschiedenen Welten. Es bleibt aber nicht so. Jeder, der jetzt tief drin ist, war selber mal Anfänger. Das heißt es muss Antworten auf die Fragen geben.

Fangen wir bei den Fragen von hinten an:

Warum sollen wir etwas lernen, was es nicht zu lernen gibt?

Es mag jetzt etwas komisch klingen, aber ließ den Artikel bitte bis zum Ende, dann macht er mehr Sinn. Es gibt einen schönen Vergleich aus den Veden. Das Bildnis kommt vertraut vor und ist tausende von Jahren alt. Kennst du das Höhlengleichnis von Plato? Der springende Punkt ist, dass wir die Dinge an sich einfach nicht sehen können.

Wir sitzen vor einer Wand, sehen Schatten an uns vorbei huschen und denken, dass es die Realität ist. Aus einer entfernten Perspektive wird allerdings klar, es sind nur Schatten. Ein Licht wirft Schatten von Gegenständen, die hinter uns stehen an die Wand vor uns. Die „echten“ Sachen, sehen wir nicht. Auch riechen, tasten, schmecken oder anders wahrnehmen funktioniert einfach nicht. Aber trotzdem gibt es die Dinge an sich schon und wir müssen sie nicht erfinden.

Für Vollzeityogis sieht unsere Realität genauso aus, nur das wir schon wissen, dass wir „nur“ Schatten sehen. Die Welt existiert schon, wir müssen nur unseren Kopf drehen. In anderen Worten: Wir können nichts Neues lernen, sondern nur unsere Perspektive verändern.

Fast so als hätten wir vergessen, dass es die Sonne gibt, nur weil sich eine Wolke davorgeschoben hat und wir nun lernen wollen Wolken zu verschieben, um die Sonne zu entdecken.
Dieses Bild stammt übrigens aus den Veden, nicht mehr von Plato. Im Yoga geht es nicht um eine konkrete Erfahrung oder eine bestimmte Stellung, sondern um ein Wissen, dass auch bei bewölktem Himmel noch in uns ist und nicht vergessen wurde. So gesehen besteht Yoga nun doch einfach aus komischen Verrenkungen, allerdings auf einer anderen Ebene als zunächst angenommen.

Damit kommen wir auch direkt zur zweiten Frage: Wofür diese vielen Ebenen?

Wieder zurück beim Plato-Gleichnis: Wir können nicht lernen, die Dinge so zu sehen, wie sie sind. Aber wir können die Voraussetzungen schaffen. Das Sehen an sich ist nicht lernbar, den Kopf zu drehen schon. Und genau dafür gibt es Yoga.

Es klingt hoch-spirituell und ist schon wieder eins von diesen Gleichnissen, aber zur Erklärung scheint es sehr brauchbar. Im Yoga ist das „Ziel“ die Selbsterkenntnis. Das Selbst müssen wir nicht mehr schaffen, es existiert schon. Es kann uns auch von außen niemand zeigen, was oder wer wir sind. Da das Wissen in uns existiert, sind wir mehr oder weniger auf uns allein gestellt. Aber zum Glück gibt es einige „Best Practice“ Beispiele von mehreren tausend Generationen an Menschen mit demselben Ziel. Verschiedene Meditationen, Mantras oder auch Gottheiten haben schon Millionen von Menschen näher zu sich selbst geführt. Diese Techniken können wir im Höhlengleichnis mit dem „Kopf-Drehen“ vergleichen. Allerdings ist es unrealistisch sein Leben lang nicht den Kopf zu bewegen und auf einmal eine ganze Umdrehung zu schaffen.

Vielmehr muss die Funktion jedes einzelnen Muskels erklärt werden. Jeder Wirbel, jede Sehne und jede Faser haben eine andere Funktion. So braucht es nicht nur eine tiefe Atemübung, eine Gottheit oder das eine Mantra und wir haben gelernt uns zu bewegen. Einzelne Weisheiten auf verschiedenen Ebenen wirken in uns an verschiedenen Stellen und so kann es dieses enorm große, komplexe System für etwas brauchen, was eigentlich so leicht ist wie eine Kopfdrehung (Um bei Platos Höhlengleichnis zu bleiben). Aber eben nur, wenn man darauf vorbereitet ist. Yoga ist die Vorbereitung auf die Kopfdrehung als Zusammenspiel von vielen kleinen Erkenntnissen. Nicht jeder Mensch braucht jede Erklärung. Manche Bewegungen können wir intuitiv ausführen. Aber Yoga ist so komplex, weil es für jeden von uns eine detaillierte Anleitung ohne Lücken liefern will. Die Anleitung muss allerdings jeder selbst lesen.


Das bringt uns auch direkt zur ersten Frage: Warum sagt ihr nicht einfach, wie es ist?

Die vielen Gleichnisse sind zwar schön zum Einschlafen und für Nachmittage vor dem Kamin, aber zu Anfang scheinen sie nicht mehr zu sein. Neue Gäste hören gerne zu, nicken freundlich und denken sich ihren Teil. Irgendwann fangen sie dann an darüber nachzudenken. Dieses „Wissen“, von dem alle reden, wird von Generation zu Generation weitergegeben. Sprache ändert sich noch viel schneller als wir reden können. Hätten die alten Inder direkte Worte gewählt, wäre ihre Bedeutung verloren gegangen. Bilder hingegen, lassen sich immer deuten. Auch die Bedeutung von Gleichnissen kann sich ändern, dass steht außer Frage. Die Chance, dass die Idee weiterlebt, ist jedoch viel höher.


Mit den sprachlichen Bildern schleicht sich natürlich das Problem der Auslegungssache ein. Viele gute Ideen haben schon durch „böse“ Menschen viel Schaden angerichtet. Eventuell schwebt deshalb über der ganzen Yogaphilosophie Swami Sivanandas Worte „Ein Gramm Praxis ist besser als Tonnen von Theorie“. Die besten Bilder bringen uns nichts, wenn wir sie nicht zu sehen vermögen.

Alles in allem fällt also rückblickend auf, dass einige viel zu ungeduldig waren. Yoga zu lernen dauert länger als uns lieb ist und greift tiefer als uns angenehm ist. Man muss am Anfang viel vertrauen und dann viel selbst denken. Um wieder in einem Bild zu bleiben: Am Anfang kriegst du viele einzelne Puzzleteile. Jeder gibt dir ein anderes Stück und erklärt dir seine Bedeutung. Trotzdem kannst du es nicht direkt an die richtige Stelle legen. Erst wenn du einige zusammengesammelt hast, musst du selbst denken und sie langsam zusammensetzten, in dem Wissen, dass jeden Tag ein neues Teil kommen könnte, dass alles auf den Kopf stellt, was du bis jetzt zu wissen geglaubt hast.

Yoga Vidya wünscht dir viel Geduld, Gleichmütigkeit und eine Prise Beweglichkeit für deinen weiteren Weg. Hari Om.

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