Die 8 Stufen des Raja Yoga (Teil 4)

In den 8 Stufen des Raja Yoga Sutras von Patanjali, zeigt Patanjali uns den Weg zur Befreiung auf.

Im vierten Teil der Serie geht es um Pranayama und Pratyahara. Mit Pranayama und Pratyahara kommen wir nun in der Mitte der acht Stufen des Raja Yoga an.

Leider erreichen nur wenige Asana-Praktizierende diese Stufen, denn für sehr viele ist Yoga ein Synonym für Asanas. Nach der Definition von Patanjali ist Yoga jedoch der Geisteszustand, in dem die Bewegungen der Gedanken gänzlich zur Ruhe gekommen sind.

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Dies ist der Zustand von Samadhi, also die achte Stufe. Alle Techniken und Methoden, die Patanjali uns auf den vorherigen Stufen anbietet, dienen dazu, diesen Zustand von Yoga zu erreichen.

Nicht mehr und nicht weniger. Damit ist Asana eine Praxis, die uns auf Pranayama und die folgenden Stufen vorbereitet und nicht Yoga an sich.

An keiner Stelle wird gesagt, dass man durch reine Asana-Praxis die Erleuchtung erreichen könnte. Sie ist jedoch notwendig, um den Körper auf die folgenden Techniken vorzubereiten.

Stellen wir uns unseren Körper vor, als ein Fahrzeug, mit dem wir ein Ziel (Samadhi) erreichen wollen. Der Weg zum Ziel ist steil, steinig und stellt hohe Anforderungen an uns. Wir müssen uns voll auf diesen Weg konzentrieren.

Auf unserem Weg vorankommen

Was für ein Fahrzeug brauchen wir? Eines, dass ständig unsere Aufmerksamkeit fordert, weil es schwächelt, krank ist, irgendwelche Pillen braucht, zum Arzt muss, eine Massage möchte oder schön gemacht werden will für das nächste Foto?

Wohl eher nicht. Wenn wir auf unserem Weg voran kommen möchten, brauchen wir ein robustes Fahrzeug, das einfach funktioniert, ohne dass wir uns zu sehr damit auseinandersetzen müssen.

Also halten wir unseren Körper durch Asanas gesund, flexibel und fit. Auch Kriyas wie Kapalabhati und Nauli gehören dazu.

«Im Zustand von Yoga löst sich die Identifikation mit dem Körper auf.»

Eine Asana-Praxis, die diese Identifikation stärkt, geht schlichtweg in die falsche Richtung. Körperkult und Schönheitswahn haben mit Yoga nichts zu tun.

Es geht im Hatha-Yoga darum, dass wir ein gesundes Verhältnis zu unserem Körper schaffen, in dem es möglich wird, die Identifikation mit ihm zu lösen.

Natürlich kann es am Anfang, wenn man mit Yoga beginnt, zunächst anders sein, weil gesundheitsschädliche Verhaltensweisen geändert werden müssen. Dies erfordert zunächst mehr Aufmerksamkeit für den Körper und seine Bedürfnisse. Dies sollte sich nach einiger Zeit jedoch wieder ändern.

Was ist Pranayama?

Das Wort Pranayama setzte sich aus zwei Teilen zusammen: prana – Lebensenergie und ayama – Ausweitung, Erweiterung. Es bedeutet also eine Ausweitung der Lebensenergie, wird aber von vielen Kommentatoren auch als Kontrolle oder Lenkung der Lebensenergie übersetzt.

Es ist wichtig zu wissen, dass das Prana, unsere Lebensenergie mit dem Atem einerseits und mit dem Geist andererseits zusammenhängt und sich alle drei gegenseitig beeinflussen. Ist der Geist unruhig, so ist das Prana unruhig und unser Atem wird unregelmäßig.

Ungesunde Atemgewohnheiten

Viele Menschen in unserer Gesellschaft, die ständigem Stress ausgesetzt sind, entwickeln ungesunde Atemgewohnheiten wie z.B. einen schnellen, flachen Atem und beatmen dabei nur die obersten Bereiche der Lungenflügel.

Brustkorb und Zwerchfell werden manchmal gar nicht mehr miteinbezogen. Andersherum fließen Prana und Atem ruhig und gleichmäßig, wenn der Geist ruhig ist.

Da wir keinen direkten Zugriff auf Prana und den Strom der Gedanken haben, ist der Atem unser Schlüsselwerkzeug, um Prana zu lenken und den Geist zu beruhigen.

Patanjali verwendet fünf Sutras für Pranayama, während es für Asana drei waren. Man könnte also evtl. auf die Idee kommen, dass ihm Pranayama etwas wichtiger ist….

Zunächst sagt Patanjali, dass Pranayama dann geübt wird, wenn Asana gemeistert ist.

Nur wann ist Asana gemeistert?

Dies scheint ein Punkt zu sein, den er den direkten Lehrern überlassen möchte.

Sie sollen entscheiden, wann es für eine/n SchülerIn an der Zeit ist, mit Pranayama zu beginnen, da es eine sehr individuelle Sache ist. Klar ist jedoch, dass Pranayama in Asana (im Sinne von Sitzhaltung) eingefügt wird, so wie danach auch die Meditation in Pranayama eingefügt wird.

«So fügen sich die Techniken wie russische Puppen ineinander.»

Wie auch bei Asana beschreibt Patanjali keine Pranayama-Techniken im Detail. Er beschreibt Pranayama als Einatmung, Ausatmung und Anhalten des Atems.

Dabei beobachtet man den Ort,wo man atmet oder wo man anhält – z.B. durch das linke Nasenloch einatmen zum Punkt zwischen den Augenbrauen und dort den Atem anhalten, wie lange man atmet und den Atem anhält sowie die Anzahl der Wiederholungen.

Diese Beschreibung enthält alle Pranayama-Techniken. Welche Techniken einem/r SchülerIn genau vermittelt werden, überlässt Patanjali den direkten Lehrern, da das sehr individuell ist und nicht aus einem Buch erlernt werden kann.

Wer schon einmal eine Yoga-Klasse unterrichtet hat, weiß, dass es zu einer Ansage, wie eine Haltung oder eine Atemübung ausgeführt werden soll, so viele Interpretationen wie SchülerInnen im Raum geben kann.

Deshalb ist es notwendig zu schauen, wie die TeilnehmerInnen das Gesagte umsetzen und es ggf. nochmal anders zu erklären oder individuell zu korrigieren. Das kann ein Buch (oder eine DVD oder YouTube Video) nicht leisten.

Pranayama hat nun einen sich selbst verstärkenden Effekt. Durch die verlangsamte und gleichmäßige Atmung verringern sich die Bewegungen von Prana und der Gedankenwellen im
Geist. Gleichzeitig konzentrieren wir uns auf den Atem, indem wir die Ein- und Ausatmung lenken, die Dauer des Anhaltens beobachten und die Wiederholungen zählen.

Zurückziehen der Sinne

Die ist bereits eine Form von Pratyahara (Zurückziehen der Sinne), wodurch der Geist noch ruhiger wird. Dadurch verlangsamt sich wiederum der Atem usw. Es kann dazu kommen, dass sich nach dem Üben einer Pranayama-Technik wie z.B. Nadi Shodhana kevala kumbhaka einstellt.

In kevala kumbhaka wird der Atem so fein, dass es scheint, als würde man gar nicht mehr atmen. In diesem Zustand, der so wie die Meditation, nicht willentlich herbei geführt werden kann, sondern spontan von selbst auftritt, sind Prana und Geist ganz ruhig.

Patanjali beschreibt, dass durch Pranayama die Verhüllung des Lichts aufgelöst wird. Dies bedeutet nicht, dass in diesem Zustand bereits Samadhi erreicht ist, sondern nur, dass sich unterbewusste Muster und Konditionierungen auflösen.

Den Schleier lichten

Der Schleier der Täuschung wird durch Pranayama durchbrochen und der Geist wird klar und damit bereit für die höheren Stufen von Konzentration und Meditation.