Selbstreflexion im Yoga

Selbstreflexion ist eine wichtige Eigenschaft und Handlung im Yoga

Das Ziel vieler Yogis ist die Selbsterkenntnis. Egal wie nah oder weit weg wir jetzt grade sind, Swami Sivananda hat immer betont, dass sie jeder in diesem Leben erreichen kann. Um dort hinzukommen, braucht es auf kurz oder lang eine Selbstreflexion. Die kann uns allerdings auch schon vorher eine Menge über uns verraten. Immerhin: Wie soll man das wahre Selbst erkennen, wenn es nichts gibt, auf dem es sich zeigen kann. Wollen wir unserem höheren Selbst also eine Fläche zur Projektion bieten, müssen wir auch hinschauen. Je mehr wir unser ganzes Sein verstehen wollen, desto wichtiger ist diese Innenschau. Hier also einige Grundgedanken, eine praktische Anleitung und weiterführende Tipps.

Als Selbstreflexion bezeichnet man die Fähigkeit des Menschen, über die eigene Situation nachzudenken. Reflexionen von äußeren oder inneren Beobachtungen können als Chancen zum Erkennen von Problemen und Ansatzpunkten für Veränderungen angesehen werden. Selbstreflexion setzt das Vermögen zur differenzierten Selbstbeobachtung und eine gewisse Distanz zu sich selbst voraus.

Stangl, 2021

Es geht bei der Selbstreflexion darum, aus sich selbst schlau zu werden. Sobald es um die Arbeit am Selbst geht, und das bedeutet das Anschauen für viele schnell, brauchen wir Geduld. Normalerweise würde hier stehen, dass bis jetzt noch kein Heiliger vom Himmel gefallen ist, allerdings sind die indischen Mythen recht umfassend und wer weiß… Eventuell ist eine Inkarnation von Vishnu auf die Erde gefallen. Allerdings ist das bei den meisten von uns nicht der Fall. Wollen wir echte Veränderung sehen, dauert es meistens eine ganze Zeit. So auch mit der Praxis der Selbstreflexion. Bis wir unseren passenden Rhythmus und Weg gefunden haben, braucht es manchmal einige Versuche.

Wege zur Selbstreflexion

Es gibt ganz unterschiedliche Herangehensweisen an die Reflexion über das eigene Selbst im Yoga. Je nachdem, welcher Yogaweg einem am nächsten liegt, lohnt es sich, einen Blick auf unterschiedliche Methoden zu werfen. Die ganz Klassische aus dem Raja Yoga ist die Meditation. Wir nehmen unser selbst als Meditationsgegenstand, horchen in uns rein und schauen, was alles zu uns zählt. Welche Gedanken uns aus machen, welche Gefühle in der Stille hochkommen und, wenn wir die Technik der Meditation erfolgreich im Alltag integriert haben, auch wie wir auf welche Situation reagieren.

Selbstreflexion heißt, das Nachdenken über sich selbst. Selbstreflexion heißt, aus der Identifikation herauszukommen. Selbstreflexion heißt, einen Schritt wegzugehen von dem Alltag, einen Schritt herauszutreten aus seinem normalen Denken und Fühlen und darüber nachdenken.

Sukadev

Yoga Vidya ist auch bekannt für die effektive Selbstreflexion im Hatha Yoga. Dazu gibt es jedes Jahr mehrere Seminare und Workshops. In der Hatha Yogaselbstreflexion nehmen wir bestimmte Positionen, Asanas genannt ein, um über ein bestimmtes Thema nachzudenken. Geleitet werden solche Stunden meistens von psychologischen Yogatherapeuten, um die Sprache des Körpers wahrzunehmen. Assoziationen und innere Dialoge lernen wir in den Haltungen kennen durch Achtsamkeit. Wenn du mehr darüber erfahren möchtest, dann besuche gerne eins unserer Seminare, das Thema ist sehr komplex und würde den Rahmen dieses Artikels sprengen.

Die Asanas haben oft Tiernamen oder Namen von Dingen aus der Natur, damit wir uns sie besser vorstellen können und anhand ihrer Bezüge zu uns erstellen. Denn Selbstreflexion heißt, dass da etwas ist, auf das reflektiert wird, wie eingangs erklärt.

Viele Menschen nutzen gerne einen Spiegel, um über sich selbst nachzudenken. Das hat den ganz einfachen Grund, dass es einen Anhaltspunkt gibt. Wenn dir jetzt die Aufgabe gestellt wird, über dich selbst zu reflektieren, dann wärst du vermutlich erst mal überfordert. Sagt dir allerdings jemand „Ich glaube, die bist ein Optimist„, dann hast du einen Anhaltspunkt, um über dein eigenes Wesen nachzudenken. Genau so helfen auch oft Persönlichkeitstest oder ayurvedische Persönlichkeitstypen, um Gedanken über das eigene Selbst anzustellen.

Eigenschaft oder Handlung

Die Selbstreflexion kommt in zwei Geschmacksrichtungen. Wie das Tugendlexikon von Yoga Vidya erklärt, kann sie durchaus als Eigenschaft verstanden werden. Beispielsweise ist jemand besonders selbstreflektiert, wenn sie oder er sich jeden Abend fragt, wie der Tag erlebt wurde, was im Inneren vorgegangen ist und sich auch der Makel und Fähigkeiten bewusst ist. In diesem Fall würden wir von einer Eigenschaft sprechen.

Selbstreflexion geschieht auch im Tagebuch

Auf der anderen Seite ist die Selbstreflexion auch eine ganze konkrete Handlung. Tagebuch schreiben, vor den Spiegel setzten und Nachdenken oder auch Asanas einnehmen, um zu schauen, was dort ist, sind ganz konkrete Handlungen, die wir im Alltag einbauen können. Auch zu besonderen Ereignissen wie Geburtstagen oder Neujahr nutzen viele die Gelegenheit für eine aktive Selbstreflexion.

Das Besondere an Selbstreflexion ist, dass wir so viel aus uns selbst lernen können, was uns wiederum hilft, uns selbst mehr zu akzeptieren. Hast du beispielsweise einmal festgestellt, dass du jeden Mittag ein Tief hast, musst du dich nun nicht mehr ärgern, wenn das der Fall ist. Du kannst damit planen und es als ein Teil von dir akzeptieren. Ähnlich ist es mit Eigenschaften, Handlungs- und Denkmuster. Haben wir sie einmal gesehen und verstanden, können wir uns überlegen, wie wir damit umgehen wollen. Wir kriegen quasi ein wenig Kontrolle über uns selbst. Auch wenn die erkannten Dinge nicht geändert werden können, so liegt es doch in unserer Hand, wie wir damit umgehen. Und genau dafür ist Yoga da. Wir lernen, was in uns ist, und wie wir damit besser umgehen können. Kennen wir uns erst einmal vollkommen, ist das Leben ein Kinderspiel, weil wir Sicherheit gewonnen haben über uns selbst.

Mut zur Selbstreflexion

Manchmal ist es gar nicht so leicht, sich ehrlich selber anzuschauen. Da sind Eigenschaften, die man lieber nicht hätte und Gedanken, die wir lieber ignorieren. Allerdings bringt uns das nicht weiter. Im Yoga wissen wir, dass alles angeschaut werden will und dann zieht es von alleine weiter. Sobald wir allerdings etwas unterdrücken, schaffen wir eine Anhaftung und es begleitet uns weiter. In diesem Sinne ist die Geschichte von Mohini und dem Nektar der Unsterblichkeit oft hilfreich. Die ganze Geschichte findest du hier. Was wir allerdings daraus lernen können ist, dass wir auch unsere „negativen“ Eigenschaften brauchen, um unsere Ziele zu erreichen. Wir brauchen manchmal Ehrgeiz, manchmal Sturheit und manchmal Wut. Wie Kant so schön formuliert hat „Der Schmerz ist der Stachel einer jeden Tätigkeit“.

Erkennen wir unsere eher ungewünschten Teile an, können wir sie in etwas Schönes verwandeln. Wir können entweder durch Affirmationen das Gegenteil kultivieren oder die Eigenschaft für etwas Gutes einsetzten. Was auch immer wir mit der Erkenntnis machen, wir brauchen uns nicht vor uns selbst zu schämen und verstecken. Je mehr wir von uns wissen, desto besser verstehen wir Gefühle, Gedanken und Wünsche und desto selbst bestimmter können wir handeln.

Hier gehts zur Selbstreflexion im Hathayoga→

Literaturverzeichnis

Stangl, W. (2021). Stichwort: ‚Selbstreflexion – Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik‘. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik.
WWW: https://lexikon.stangl.eu/7084/selbstreflexion (2021-03-08)

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