Shatkriyas – yogische Reinigungsübungen

In der Hatha Yoga Pradipika werden sechs (“Shat”) Kriyas beschrieben, die wichtigsten der Kriyas, von denen es aber noch unzählige weitere gibt. Die Shatkriyas werden auch als Shatkarmas bezeichnet. Diese sind die vereinfachten Variationen von Panchakarma, die wichtigste körperliche Reinigungsmethode im Ayurveda. Die verschiedenen Anwendungen einer Panchakarma Kur reinigen den Körper bis in die tiefsten Gewebeschichten. Die Anwendungen helfen auch bei psychischen Problemen, die von einem Ungkeichgewicht in den Doshas oder Emotionen herrühren.

Du findest in diesem Artikel genaue Beschreibungen der einzelnen Reinigungsübungen, Hinweise für die Häufigkeit der Anwendung und Tipps von Sukadev für die regelmäßige Ausführung der Kriyas für ernsthafte Aspiranten.

 Weshalb sollten wir die Shatkriyas praktizieren?

dreieckDie Shatkriyas, die Reinigungsübungen aus dem Hatha Yoga reinigen den physischen Körper, indem sie dessen Ausscheidungsfunktionen unterstützen. Der menschliche Körper ist keine Maschine, die regelmäßige Reinigung benötigt. Vielmehr ist der Körper ein sich selbst reinigendes System. Durch Ansammlung von Schadstoffen, durch ungesunde Ernährung, Stress u.s.w. kann es passieren, dass der Körper nicht alle Stoffwechselprodukte, Schlacken, Fremdkörper u.s.w. ausscheiden kann und im Gewebe zwischen lagert. Kriyas sind dann besonders hilfreich, um Schlackenstoffe auszuleiten. Viele Autoimmunerkrankungen, Allergien etc. können auch mit nicht funktionierenden Ausscheidungs- und Abwehrsystemen zusammenhängen.


Kriyas sind in folgenden Fällen besonders wichtig:

  • Ernährungsumstellung: Kriyas unterstützen Entgiftungsprozesse und reduzieren Umstellungsschwierigkeiten.
  • Beginn intensiver Yoga-Praxis: Die Reinigung des physischen Körpers durch die Kriyas lässt die Yoga-Übungen schneller wirken und lässt das Prana besser fließen. Gerade zu Beginn einer intensiven Pranayama-Praxis ist das Ausführen der Kriyas besonders wirkungsvoll.
  • Geistige Trägheit, Faulheit, Müdigkeit, Antriebslosigkeit, Depression: körperliche Vergiftung kann geistige Irritationen auslösen und reinigende Übungen bewirken gesteigerte geistige Klarheit und Positivität
  • Alle Arten von Krankheiten: Es gibt in Indien Kliniken, die hauptsächlich mit Kriyas heilen, da nach der ayurvedischen Gesundheitslehre hauptsächlich das im Körper gesammelte Ama (Schlackenstoffe) Krankheiten verursachen.
  • Ungleichgewicht der Doshas: Ein Übermaß an Kapha Dosha kann durch Reinigungstechniken gut behoben werden und auch Ungleichgewichte in anderen Doshas werden durch Kriyas ausgeglichen. Durch Kriyas gelangt man von der Vikriti zurück zur Prakriti. Kriyas bauen Amas, Unreinheiten bzw. Blockaden ab
  • Wenn man energetische Ungleichgewichte spürt, sind Kriyas sehr hilfreich, z.b. bei innerer Unruhe oder Zuckungen

Beschreibungen der 6 Shatkriyas

Tratak

Tratak ist in der einfachsten Variation Kerzenstarren aus ca. 1-5 m Entfernung. Beginne mit 1 Minute und steigere dich bis auf 30 Minuten: schaue auf eine Kerzenflamme, dann schließe die Augen und beobachte das Nachbild. Wiederhole die Übung ca. 1-5 Mal. Tratak reinigt die Augen und entwickelt die Sehkraft, beseitigt Müdigkeit, entwickelt die Konzentration und öffnet das dritte Auge (Trikuti; Ajna Chakra) . Eine Variation der Übung ist das starren auf die Nasenspitze, sie aktiviert Ajna Chakra. Tratak mit Shambhavi Mudra (starren zum Punkt zwischen den Augenbrauen) aktiviert Ajna Chakra und entwickelt Hellsichtigkeit.

Vorsicht: Tratak nur ausführen, wenn auch die anderen Augenübungen regelmäßig gemacht werden. Nicht übertreiben.Tratak

Neti – Nasenreinigung

  • Jala Neti – Salzwasser-Reinigung. Mit Neti-Kännchen (Lota) lauwarmes Salzwasser (1/2 Teelöffel Salz auf 0,2 l) durch die Nase rinnen lassen. Variation: Kaltes Wasser aus hohler Hand hochziehen.
  • Sutra Neti – Faden-Reinigung. In Wachs getränkten Baumwollfaden durch die Nase schieben und aus der Kehle herausziehen. Dazu kann auch ein dünner Katheter verwendet werden. Sutra Neti stimuliert die Selbstreinigung und aktiviert die Reflexzonen in den Nasendurchgängen. Aktiviert Ajna Chakra.

Kapalabhati Kapalabhati ist die Schnellatmung, wird auch Feueratmung genannt. 20-200 Mal schnell und kräftig aus- und passiv wieder einatmen. Kapalabhati reinigt die Lungen und löst Ablagerungen auf den Alveolen, erhöht den Sauerstoffgehalt im Blut und reinigt damit alle Zellen des Körpers. Regeneriert, lädt auf und verjüngt. Aktiviert das Sonnengeflecht und macht einen klaren Kopf.

Dhauti – Magenreinigung Dhauti ist die Magenreinigung. Es gibt zwei Hauptformen von Dhauti:

  • Hrid Dhauti (Tuchreinigung): Mullbinde von 4-5 cm Breite und bis zu 5 m Länge schlucken und langsam wieder hinausziehen. Braucht einige Übung, um beherrscht zu werden. Reinigt Speiseröhre, beugt Erkältung und Husten vor, reinigt den Magen. Nur mit leerem Magen ausführen.
  • Kunjar Kriya (Wasser-Reinigung): 1-2 l lauwarmes Salzwasser (1 gestrichener Esslöffel auf 1 l Wasser) trinken. Zwei Finger in den Hals geben und Wasser erbrechen. Nur mit leerem Magen machen. Reinigt den Magen. Hilft allen Verdauungsorganen. Normalisiert die Funktion aller Schleimhäute.

Nauli (Darmreinigung) Vorübung für Nauli sind Uddhiyana Bandha und Agni Sara. Um Nauli zu üben, beginne wie bei Uddhyiana Bandha: mit vollständig geleerten Lungen stützt du dich auf den Oberschenkeln auf und schiebst die geraden Bauchmuskeln als zentraler Bauchmuskelwulst nach vorne. Abwechselnd nach rechts und nach links schieben.

Basti Basti ist die Enddarmreinigung: Eingefettetes dünnes Darmrohr in den Anus stecken. In hüfthohes Wasser gehen. Mit Uddhiyana Bandha und zentralem Nauli Wasser in den Enddarm einsaugen. Mit Agni Sara im Dickdarm verteilen. Mit Uddhiyana Bandha bei vollen Lungen Wasser wieder herauspressen (eventuell auch Kapalabhati machen). Reinigt Enddarm. Gut gegen Verstopfung. Alternativ kannst du auch für die Enddarmreinigung einen Einlauf mit Einlaufgerät durchführen.

Häufigkeit der Anwendung

Es ist günstig, alle Kriyas eine Weile lang (ca. 3-6 Monate) sehr regelmäßig zu machen. Anschließend kann man sie je nach individuellem Bedarf reduzieren:

  • Tratak: Täglich.
  • Neti: Jala Neti und Sutra Neti täglich.
  • Kapalabhati: 3-5 Runden täglich.
  • Dhauti: Hrid Dhauti täglich üben, um Würg-Reflex zu überwinden. Dann auf 1 Mal pro Woche reduzieren.
  • Kunjar Kriya einmal pro Woche.
  • Uddhiyana Bandha: Täglich 3 Runden.
  • Agni Sara: Täglich drei Runden im Anschluss an Uddhiyana Bandha.
  • Nauli: 3 Runden im Anschluss an Agni Sara. Wer Nauli vollständig beherrscht, kann Uddhiyana Bandha und Agni Sara auf 1-2 Runden reduzieren und Nauli auf 3-5 Runden steigern.
  • Basti: Echtes Basti: 1 Mal pro Woche. Oder Einlauf 1 Mal pro Monat. Wichtig: Wer Einlauf macht, sollte auch Agni Sara und Kunjar Kriya regelmäßig machen, eventuell auch Ashwini Mudra (mehrmaliges Zusammenziehen der Anus Sphincter-Muskeln), um den Darm nicht träge zu machen.

Beim Fasten: Alle Kriyas täglich oder fast täglich auszuführen, erhöht die Effizienz des Fastens beträchtlich.

Nebenkriyas

Neben den Shatkriyas gibt es zahllose weitere Kriyas:

  • Zungenreinigung: Zunge schaben mit Löffel oder Zungenschaber.
  • Kehlreinigung: Mit Salzwasser gurgeln.
  • Reinigung der Zähne und des Zahnfleisches: Zähne mit Finger putzen und Zahnfleisch massieren mit einer Mischung aus Olivenöl und Salz.
  • Reinigung der Kehle und der Luftröhre: Bhramari (Biene) ist zwar hauptsächlich ein Pranayama (Atemübung), hilft aber auch Kehle und Luftröhre zu reinigen: Schnarchend einatmen und summend ausatmen.

 

Kriyas bei Yoga Vidya: Sukadevs Empfehlung für ernsthafte Aspiranten

Sukadev empfiehlt ernsthaften Yoga Aspiranten, sich ein Jahr lang sehr gründlich zu reinigen durch sehr sattwige Ernährung, sehr systematisch ausgeführten Kriyas und natürlich täglichen Asanas, Pranayama, Meditation, Mantrasingen. Besonders hilfreich ist es, während diesen Jahres täglich Jala Neti, Sutra Neti, Kapalabhati, Tratak und Nauli bzw. Agni Sara zu üben, ein Mal pro Woche Kunjar Kriya, ein Mal pro Monat Basti bzw. Einlauf, 2 Mal im Jahr Shank Prakshalana und zusätzlich 2 Mal im Jahr 5 Tage Fasten, wobei dort die Kriyas besonders intensiv praktiziert werden sollten. Nach diesem Jahr intensiver Reinigung können die Kriyas etwas reduziert werden. Sobald aber eine Erkältung im Anmarsch ist, kann das Ausführen der Kriyas oft dazu führen, dass die Erkältung gar nicht erst ausbricht. Auch bei Beginn einer müden oder trägen Phase bzw. bei Antriebslosigkeit können Kriyas Wunder wirken.

Sieh dir hier ein Video mit Anleitung für die Zungenreinigung an:

 

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