Svadhyaya: Selbststudium – Niyama (Teil 9)

Svadhyaya, die Selbsterkenntnis ist wichtiger Schritt der Niyamas, auf den wir gut vorbereitet sein sollten

Alle Niyamas sind wie Versprechen formuliert. Direkte Handlungsanweisungen á la: Tu dies und du bekommst das. Svadhyaya heißt Selbststudium und Patanjali verspricht uns, dass es zur Verbindung mit der persönlichen Gottheit führt. Gott zu erkennen oder den Sinn hinter dem großen Ganzen sehen ist das Ziel vieler spiritueller Aspiranten und ist ein wichtiger Motor für sie. Wir merken also langsam, dass wir am Ende des spirituellen Wegs ankommen. Es wird immer abstrakter und die Versprechen beziehen sich mehr auf Dinge in der geistigen Welt, die uns hier konkret erfahrbar sind. Ein Grund mehr, jetzt durchzuhalten!

Hier gehts zur Übersicht der Yamas und Niyamas.

Während wir erst in den Yamas gelernt haben, richtig mit anderen umzugehen und auch uns selbst nicht zu schaden, war alles sehr praktisch formuliert. Durch Ahimsa, dem nicht verletzten, bekommen wir Frieden. Durch nicht stehlen, Asteya, kommen alle Kostbarkeiten von ganz allein zu uns. Das sind alles sehr materielle und greifbare Ziele. Auch bei den Niyamas ging es sehr direkt los. Reinheit von Körper und Geist für geistige Klarheit. Genügsamkeit für zu Zufriedenheit, auch das ist in gewisser Weise noch sehr praktisch erlebbar. Mit Tapas sammeln wir nun unsere Kräfte und reinigen ein letztes Mal den Körper für die zwei großen Aufgaben, die nun vor uns stehen. Sind wir nicht adäquat darauf vorbereitet, lange zu meditieren und Selbststudium zu betreiben, fällt es uns eventuell sehr schwer. Wir legen erst alle Hindernisse wie schädliche Gedankenmuster ab, um nicht zufällig unser Ego für einen Gott zu halten.

Yogaweg

Aber haben wir es dann geschafft, dürfen wir uns ganz dem Wissen zuwenden. Alle Yogawege kommen zusammen. Der Karma-Yogaweg aus den Yamas, der Hatha-Yogaweg aus der Reinigung (Sauca), der energieerweckende Kundalini-Yogaweg aus den Tapas. Wir brauchen alle 6 Yogawege, um uns dem Selbststudium vollkommen zu widmen. Das Außen und Innen wurde vorbereitet und fühlt sich gut an. Der Mensch braucht wenig Aufwand, um gesund und in Gemeinschaft zu leben. Also geht die Suche nach dem göttlichen Kern richtig los, denn genau das ist das Selbststudium.

Volle Fahrt voraus

Svadhyaya betont ganz besonders das SELBST Studium. Alte und neue Schriften von Meistern lesen kann ein sehr guter Anfang sein. Allerdings soll das Wissen dann in das eigene Leben integriert werden. In seinem Buch „Die zehn Lebensempfehlungen des Yoga“ vergleicht Alexander Kobs das Selbststudium wie mit einem Menü im Restaurant. Wir können nichts essen, ohne die Karte zu lesen. Aber wir werden auch nicht satt, ohne wirklich selbst zu essen. Das Schriftstudium ist somit nur ein Schritt in die erleuchtete Richtung. Der Lichtschalter ist da, nun müssen wir ihn auch drücken.

Praktisch schaut das Ganze allerdings etwas weniger spektakulär aus. Der Jnana-Yoga kommt zu seiner vollen Entfaltung und wir nehmen die Meditationshaltung ein, die für uns am besten funktioniert. Eine andere Übersetzung für Swadhyaya ist laut Sukadev Introspektion. Wir schauen auf unsere Gefühle, Gedanken und Empfindungen in den verschiedenen Situationen oder auch in der Stille, um zu erfahren, wer wir eigentlich sind. Vor uns selbst lassen wir alle Hüllen fallen. Wir sind ehrlich auf Fragen wie: Was sind meine Motive, warum reagiere ich in einer bestimmten Situation auf eine bestimmte Art?

Hilfestellungen zu Svadhyaya

Ein spirituelles Tagebuch kann viele versteckte Erkenntnisse bewusst werden lassen. Wie in der modernen Wissenschaft können wir uns bestimmte Methoden zur Hilfe nehmen. Viele Wissenschaftler forschen beispielsweise anhand einer Forschungshypothese. Im spirituellen Kontext könnte das beispielsweise eine bestimmte Erkenntnis zu gewinnen sein. Wir könnten uns hinsetzten und herausfinden wollen, warum wir so und so handeln. Wir könnten reinspüren wollen, warum unser Rücken wehtut.

Selbsterkenntnis ist ein wichtiger Teil mit Svadhyaya

Je tiefer wir in das Selbst eintauchen, desto mehr können wir von uns selbst wahrnehmen und das ist gar nicht so einfach. Manchmal haben wir Eigenschaften, auf die wir nicht stolz sind. Nun gilt es, diese vollkommen zu erkennen und dann festzustellen: Ich bin nicht diese Eigenschaft. Auch wenn wir das theoretisch wissen, fühlt es sich oft nicht so an. Deshalb ist es für viele hilfreich, sich vor Augen zu halten, warum sie etwas tun. Wir praktizieren, um stärker zu werden. Wir meditieren, um ruhiger zu werden. Und wir studieren uns selbst, um entscheiden zu können.

Hat jemand erkannt, dass er in bestimmten Situationen wegen eines Reizes auf eine bestimmte Art und Weise reagiert, ist dieser Mensch frei, sein Verhalten zu ändern. Es gibt uns eine gewisse Kontrolle über unser selbst, wenn wir uns besser verstehen. Im Yoga glauben wir, dass wir mehr und mehr erfahren, dass wir alle eins sind. Wir sind wie Wellen auf einem Ozean. Jede für sich denkt, sie ist das Universum, und erst wenn sie sich als eine Welle erkannt hat, merkt sie, dass sie immer mit dem Ozean verbunden war. Das geht nicht von heute auf morgen und so ist Svadhyaya begleitet von einer regelmäßigen Praxis, Ausdauer und fortwährendes Wiederholen.

Von Svadhyaya zu Ishvara Pranidhana

Das Studium der Schriften und der eigenen Person bereit uns darauf vor, das Göttlich in uns zu erfahren. Wir lassen alte Glaubensmuster los, bereiten uns auf Neues vor und öffnen uns Stück für Stück der Idee Gottes. Das, was uns das Selbststudium schenkt, ist Achtsamkeit. Wir lernen uns selbst achtsam zu beobachten. Unsere Gedanken wandeln nicht mehr in der Vergangenheit und noch nicht in der Zukunft. Dadurch fällt es uns viel leichter, das Göttliche wahrzunehmen. Dieser Schritt kommt allerdings erst im nächsten Kapitel dem Ishvara Pranidhana.

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