Yoga Vidya Grundreihe: Matsyasana – Wie ein Fisch im Wasser

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Über verschiedene Kulturen hinweg bedeutet der Fisch mal Glück, mal Bewahrung vor Unheil, oder tritt auch als Lehrer in Erscheinung. Besonders häufig symbolisiert der Fisch jedoch Aufopferung, wie beispielsweise im Christentum. Und so ist Matsyasana eine Stellung, in der wir aufmachen und unser Herz gänzlich und unverfälscht darbieten.

Wie ein Fisch im Wasser: Ein Loblied auf die große Stärke, die Symbolik und die Botschaft des Fisches. Mit praktischer Anleitung zum korrekten Ausführen Matsyasanas sowie zum Üben in meditativer Haltung oder als Variation, mit Selbstreflexionen.

Fisch – Symbolik und Bedeutung

Als Kind fand ich Fische immer unheimlich. Starrten sie nicht bewegunslos aus ihren großen, wie ich fand, seelenlosen Augen, so bewegten sie sich unberechnbar, mal gewandt, dann wieder schnappend und zuckend, schwebend im bodenlosen Nichts. Heute hingegen inspiriert mich die bloße und schnörkelose Gestalt des Fisches dazu, emotional aufzumachen, Blockaden zu überwinden – loszulassen eben.

Eigenschaften des Fisches

Wer die Natur beobachtet, der mag von ihr lernen. Der Fisch vereint in beeindruckender Weise einen äußerst kräftigen Körper mit der Flexibilität seiner zarten Wirbelsäule. Stärke und Wendigkeit verhelfen ihm so zu größter Beweglichkeit in einem Lebensraum, auf dem er perfekt angepasst ist. Eine Umwelt bevölkert von Fressfeinden, wie Vögeln, Säugetieren und natürlich die jeweils größeren Fische.

Katzenfisch
Ein empfindsames Wesen

Dabei nützt dem Fisch nicht nur seine Physis im Überlebenskampf, sondern auch seine empfindsamen Sinne. Sein ausgeprägter Geschmacks– und Berührungssinn sowie sein 6. Sinn für Vibrationen, verleihen dem Fisch feine Antennen, um in einer feindlichen Umwelt zu überleben.

Doch nicht nur Feinde, auch viele Freunde hat der Fisch. Ist er kein Einzelgänger, so ermöglicht ihm sein feines Gespür das Leben in der Gemeinschaft. Innerhalb der Schwarmintelligenz stimmt der Fisch sein Tun auf die übergeordneten Bedüfnisse der Gruppe ab. Wie wir also sehen ist der Fisch wohl kaum eine seelenlose Sardinenbüchse, sondern vielmehr ein sensibler Zeitgenosse, verbunden in der Gruppe mit dem großen Ganzen.

Was wir vom Fisch lernen können

In Matsyasana, der Asana des Fisches, vergegenwärtigen wir uns die Qualitäten unseres nassen Zeitgenossen. Und was sehen wir? Nun zunächst einmal können wir uns klar machen, dass pure Kraft und gleichzeitig hohe Flexibilität einander nicht ausschließen. Auf emotionaler Ebene können wir stark und verwundbar sein, nein vielmehr noch, stark sein, weil wir verwundbar sind.

Stark und flexibel zugleich

Wie viel Ballast trägst du mit dir rum, aus dem Wunsch heraus stark zu sein? Als soziales Wesen fallen wir Menschen nunmal ungern aus der Gruppe hinaus, lassen uns Dinge gefallen, die wehtun können und tun sie dann mit einem Lachen ab. Oder noch schlimmer, passiv aggressivem Schmollen, oder richtigem Rumgepoltere.

Wir können lernen, uns frei wie ein Fisch im Wasser, im Meer der göttlichen Weisheit zu bewegen. Solange wir uns noch darum bemühen, sind wir noch nicht Teil davon geworden. Der kleine Tropfen unseres Bewusstseins verlangt danach, sich mit den Weltenmeeren zu verbinden.

Swami Sivananda Radha

Vielleicht sind uns unsere wahren Gefühle auch peinlich, die Angst zu groß als hypersensible Schneeflocke abgetan zu werden. Möglicherweise ist es also auch mal Zeit, wie der Fisch “aufzumachen” und sich verwundbar zu zeigen.

Traue dich dein authentisches Selbst zu leben

Er wenn wir bereit sind, unsere wahren authentischen Bedürfnisse und Emotionen zu zeigen, bekommen wir auch das Privileg, Menschen anzuziehen, die sich genauso zeigen, wie sie sind. Auf diese Weise wird die Verwundbarkeit des Fisches zur Quelle von Resonanz. Sie schafft den Nährboden, sich mit anderen zu verbinden, mit dem Schwarm, mit dem Leben.

So eine Herzöffnung sollte dennoch mit Sorgfalt vonstatten gehen. Zeigen wir unser tiefstes Selbst, ist immer auch das Potenzial vorhanden tief verletzt zu werden. Bist du sehr misstrauisch und angstvoll, dann öffne dich langsam. Frage dich also beständig: Was kann ich mir heute selbst zumuten? Wem kann ich mich zumuten? Herzöffnung ist Schmerzöffnung.

Sei klar in der Strömung deiner Emotionen

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Matsyasana in der Yoga Vidya Grundreihe

Es ist spannend, dass der Fisch im Wasser lebt, einem Element, das in der Chakralehre mit dem Swadhisthana Chakra in Verbindung gebracht wird, dem Sitz der Emotionen. Leben wir authentischer und im Fluss mit unserem wahren Selbst, können wir freier und intuitiver handeln. Quasi aus dem Herzen heraus.

Mithin bleibt für uns die Herausforderung bestehen, nicht im Strom unserer Emotionen unterzugehen. Gleichzeitig sollten wir also nicht aufgeben zuweilen innezuhalten und die emotionale Farbe aufkommender Gedanken und Gefühle zu hinterfragen.

Ausführung des Fisches

In der Yoga Vidya Grundreihe ist der Fisch die 5. Asana von insgesamt 12 Übungen. Neben der korrekten Ausführung der Bewegung ist dabei, wie immer im Yoga, die Achtsamkeit auf dein Selbst entscheidend. Erst das bewusste Atmen und Spüren machen aus einer Fitnessübung eine Asana.

Schritt für Schritt in den Fisch

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Alle Bewegungen in den Fisch geschehen sanft, bedächtig und fließend:

  1. Ausgangsposition ist die Rückenlage. Die Beine sind geschlossen und ausgestreckt.
  2. Nun schiebe deine Arme unter den Rücken, sodass die Handflächen unter deinem Gesäß auf dem Boden aufliegen und die Ellbogen dicht zusammen kommen.
  3. Beim Einatmen hebst du den Oberkörper und den Kopf an. Der Blick ist nach vorne gerichtet und das Gewicht ist auf den Ellbogen und Unterarmen.
  4. Mit der Ausatmung legst du den Hinterkopf oder den Scheitel sanft auf dem Boden ab.
  5. Das Gewicht deines Oberkörpers bleibt dabei auf den Armen, sodass der Nacken Raum hat und die Belastung nicht zu groß ist.

Um aus dem Fisch heraus zu kommen, hebe mit der Einatmung wieder den Kopf und mit der Ausatmung legst du den Rücken wieder auf dem Boden ab. Befreie dann die Arme vom Körpergewicht und spüre einige Atemzüge lang der Wirkung der Asana nach.

Meditatives Halten im Fisch

Es kann nur immer wieder betont werden: der Yoga Vidya Stil ist spirituelles Yoga, die Asanas werden gehalten und das solange wie möglich. Halten Anfänger noch eine Asana für wenige Atemzüge, so verharren fortgeschrittenere Yogis minuten- ja manchmal sogar stundenlang in einer Yoga Stellung. Nicht umsonst leitet sich “Asana” aus dem Sanskrit für “Sitz” ab, eine vornehmlich ruhende Haltung.

Denn was passiert in der Ruhe? Die Aktivität des Geistes folgt unweigerlich der Aktivität des Körpers. Sind wir fest verankert in der Ruhe einer Asana, so bringen wir auch den Geist zur Ruhe. Zur Intensivierung dieses friedlichen Zustandes nutzen wir darüber hinaus Techniken wie Mantra Rezitation, oder eben auch die bewusste Wahrnehmung der Atmung. Können wir auch das loslassen, wird es ganz still und freudig.

Bist du das nächste mal im Fisch, so achte doch mal ganz bewusst auf die Qualität deiner Atmung, insbesondere auf den weit ausgedehnten Brustbereich. Die Ausdehnung des Atems scheint dabei die Brust wie von alleine zu öffnen.

Selbstreflexions-Übungen im Fisch

Daneben kann man den Geist auch mit bewusster Reflexion in eine Asana führen und dort verweilen. Diese Strömung der Selbstreflexion im Hatha Yoga aus der Yogatherapie, sieht eine Brücke zwischen der körperlichen Haltung einer Asana und ihrer Symbolik. Das Prinzip ist simpel: Gehe in eine Asana, lausche auf deinen Körper und vernehme seine Botschaften.