Sei ein Yogi – Bhagavad Gita VI 46

Kurzvortrag über die Bhagavad Gita von Sukadev von Yoga Vidya Bad Meinberg. Hier klicken für weitere Infos zu: Seminare bei Yoga Vidya, Meditation, Ayurveda, Yogalehrer Ausbildung . Alle täglichen Inspirationen mp3 mit Player zum Anhören

Sei ein Yogi – so fordert Krishna den Arjuna auf. Als Yogi wächst du auch in Krisen – und erfährst die höchste Einheit.

1 Kommentar zu “Sei ein Yogi – Bhagavad Gita VI 46

  1. Ich finde diese Geschichte passt gut zum inspirierenden Vortrag von Sukadev.
    🙂
    Yoga-Geschichten
    von Sukadev Bretz https://www.yoga-vidya.de/Yoga–Buch/Geschichten/1Vorwort.htm

    Chudula und Shikidwaja

    Es waren einmal ein König namens Shikidwaja und eine Königin namens Chudala. Der König war ein rechtschaffener König, ein guter König, ein gerechter König, aber doch ein König, der es auch liebte, im Luxus zu leben und berühmt zu sein: Als der Größte aller Könige wollte er in die Geschichte eingehen.
    Chudala, seine Frau, war eine große Yogini, also eine selbstverwirklichte Yogameisterin. Sie wusste kraft ihrer yogischen Kräfte, dass der König spirituelle Samskaras, Eindrücke aus früheren Leben, hatte, die im Unterbewusstsein gespeichert waren. Es heißt, wenn man in diesem Leben ernsthaft den spirituellen Weg geht, dann ist das ein Zeichen dafür, dass man sich im früheren Leben schon einmal etwas höher auf der spirituellen Leiter befunden hat. Und es heißt auch, dass große Meister oder Meisterinnen diese Vergangenheit in den Schülern erkennen können.
    Von Ramakrishna, einem der größten Meister des 19. Jahrhunderts, wird eine solche Geschichte erzählt. Zu ihm kam eines Tages ein junger Student namens Naren, der spätere Swami Vivekananda. Als der Student ankam, hielt Ramakrishna gerade einen Vortrag vor einer großen Menge von Zuhörern. Er sah Naren von weitem und rief ihm zu: „Endlich bist du gekommen! Warum hast du mich so lange warten lassen?“ Der junge Naren war gar nicht erbaut davon, dass ein Fremder ihn derart freudestrahlend begrüßte. Aber auf dem Weg der Selbstverwirklichung schritt er dann schnell voran.
    So wusste auch die Königin, der König wäre eigentlich bereit für tiefe Yogapraxis und sagte: „O König, das Königreich zu regieren ist nicht alles, du musst auch für deine spirituelle Praxis etwas tun.“
    Nun, Männer hören selten auf Frauen, insbesondere nicht auf die eigene, und früher mag das noch weniger der Fall gewesen sein als heute.
    „Ach, lass mich mit diesem Unsinn in Ruhe“, erwiderte der König. „Ich praktiziere, ein rechtschaffener König zu sein, um berühmt zu werden, und das genügt. Du kannst ja machen, was du willst.“
    Was blieb der Königin anderes übrig, als eine kleine List zu er-sinnen?
    Einige Wochen später sagte sie zum König: „O König, die edelsten Pferde hast du und die gelehrigsten Elefanten und neben vielen anderen schönen Gebäuden in deinem Königreich den herrlichsten Palast und die besten Krankenhäuser, eines aber fehlt dir noch.“
    „Und was soll das sein?“
    „Die großartigste Debatte der berühmtesten Gelehrten.“
    Im alten Indien, wo das Wissen hoch geschätzt wurde, war es üblich, Meinungsverschiedenheiten durch Debatten auszutragen, die wochen- und monatelang dauern konnten. Es galt, den oder die Gegner von den eigenen Ansichten zu überzeugen. Ein neutraler Schiedsrichter verkündete am Schluss den Sieger. Das war im Vergleich zu vielen anderen Kulturen, wo Meinungsverschie-denheiten meist auf dem Schlachtfeld ausgetragen wurden, durchaus eine Errungenschaft von Zivilisation und Toleranz. In Europa galt damals vielleicht noch mehr als heute: Wer das stärkere Heer und die spitzeren Waffen besaß, auf dessen Seite war auch das Recht.
    Der König sagte: „Ja, das stimmt, das fehlt noch. Du kennst doch all diese Gelehrten und Intellektuellen, wähle du die aus, die kommen sollen. Ich setze den höchsten Preis aus, der jemals dem Gewinner einer Debatte gezahlt wurde: Fünftausend Goldmünzen und hundert…, nein, was sage ich, tausend Kühe.“
    Chudala sagte: „Gern richte ich die Debatte aus. Die weisesten Leute aller Königreiche in weitem Umfeld werde ich einladen und ich werde auch das Thema bestimmen.“
    Sie wählte als Thema Vairagya. (Vairagya heißt Nicht-Anhaften, Leidenschaftslosigkeit, Entsagung.) Als aufmerksamer Leser wirst du sofort erkannt haben, dass eine derartige Debatte und ein solches Thema ein Widerspruch in sich war, denn einerseits sollten sich die Schriftgelehrten um Leidenschaftslosigkeit und Entsagung streiten, andererseits würde der Sieger der Redeschlacht Tausende Goldmünzen und Kühe erhalten und sich außerdem mit dem zweifelhaften Ruhm schmücken, der weiseste Mensch aus mehreren Königreichen zu sein.
    Prunkvoll reisten die Pandits, die Schriftgelehrten, von weit her an.
    Chudala sagte zu ihrem Mann: „Du selbst musst während der Veranstaltung anwesend sein, sonst ist das eine Beleidigung für alle.“
    Er jedoch fragte: „Reicht es nicht, wenn du dabei bist? Du bist doch die Königin.“
    „Nein“, sagte sie, „das reicht nicht. Die Leute erwarten dich.“
    „Gut“, seufzte er.
    Ja, ja, was tut man nicht alles für den Ruhm des Königreiches und vor allem für den eigenen!
    Als Erster trat ein Pandit auf, der sprach: „O König, alles Leben ist Leiden. Geboren zu werden, ist Leiden, denn kein Kind kommt lachend auf die Welt, sondern ein jedes schreit mit den ersten Atemzügen. Hilflos sind die Kinder danach für Jahre, die ihnen endlos erscheinen. Als ältere Kinder sodann wollen sie schnellstens erwachsen werden. Erinnere dich, o König, eine der schlimmsten Drohungen aus der Kindheit ist: Wenn du jetzt nicht brav bist, wirst du nicht groß und stark.’ Und auch die Jugendlichen wollen möglichst schnell selbständig und erwachsen werden, aber zäh verrinnen die Jahre. So voller Emotionen sind die Heranwachsenden, dass sie nicht wissen, was mit ihnen geschieht. Der Erwachsene verbringt dann das ganze Leben in der Familie und im Beruf. Und der alte Mensch schließlich bedauert, dass er in seinem Leben nicht das gemacht hat, was er eigentlich hätte machen sollen oder wollen. Eine Krankheit nach der anderen befällt ihn und zum Schluss ist er tot. Oh König, alles Leben ist Leiden.“
    Nach ihm ergriff der nächste Schriftgelehrte das Wort: „O König“, sagte er, „alle Wünsche führen zum Leiden. Es gibt nämlich drei Möglichkeiten: Entweder, man will etwas und bekommt es nicht – die Konsequenz ist Leiden. Oder man will etwas und bekommt es und dann verliert man es wieder – die Konsequenz ist: noch mehr Leiden. Und das Dritte ist, man will etwas und man bekommt es und es bleibt mit einem – Konsequenz: Es mag ein paar Tage Freude bereiten, aber dann ist doch wieder Leiden, denn man erkennt, man wird nicht so glücklich damit, wie man es sich eigentlich vorgestellt hat.“
    Dann trat ein nächster Gelehrter auf: „O König, alle Menschen denken, dass andere glücklicher sind als sie selbst. Die Menschen auf dem Lande denken, dass die Menschen in der Stadt glückli-cher sind. Die Menschen in der Stadt denken, dass die Reichen glücklicher sind. Die Reichen denken, dass die Mächtigen glücklicher sind. Die Mächtigen denken, dass du, o König, am glücklichsten bist. Aber ich glaube nicht, dass du glücklich bist, o König; keiner ist glücklich auf dieser Welt.“
    In dieser Art wurde die Debatte weitergeführt. Schließlich aber betrat ein Weiser den Saal, stellte sich vor den König und sagte: „Om na karmana na prajaya dhanena tyagenaike amritatwa ma-nusuh.“
    Alles klar?
    „Om na karmana na prajaya dhanena tyagenaike amritatwa manusuh.“
    Jetzt klar?
    „Nicht durch irgendwelche Werke, nicht durch irgendwelche Praktiken, nicht durch irgendwelche Rituale wird Unsterblichkeit erreicht, sondern allein durch Entsagung.“
    Der König versank in Gedanken. Irgendwie hatte all dieses, was gesagt worden war, einen Nerv in ihm getroffen. Er war zwar noch körperlich anwesend, aber er hörte dem Gespräch gar nicht mehr zu. Schließlich sagte er zu seiner Frau: „Sag schon, wer gewonnen hat. Gib ihm den Preis.“
    Die ganze Nacht konnte er nicht schlafen. Er überlegte und dachte nach und am nächsten Morgen war sein Entschluss gefasst: Er wollte allem entsagen und das Königreich verlassen.
    Das war nun nicht gerade das, was die Königin hatte bewirken wollen. Sie rief aus: „Aber das ist nicht der Sinn des spirituellen Lebens! Bleibe im Königreich, regiere, erfülle deine Pflichten und erkenne, dass sich hinter allem noch etwas anderes verbirgt. Wer wegläuft, erreicht nicht die Selbstverwirklichung.“
    Hörte der König jetzt auf seine Frau?
    Natürlich nicht. „Weißt du“, sagte er, „du bist noch nicht so weit. Ich übergebe dir das Königreich, regiere es, und wenn du auch so weit gekommen bist wie ich, dann entsage ebenfalls.“
    Hier eine kleine Bitte an den Leser. Sag’ niemals irgendeinem Menschen: „Du bist noch nicht so weit!“, es sei denn, du willst in deiner Partnerschaft eine große Krise erzeugen oder jemand so vor den Kopf stoßen, dass er nie wieder mit dir spricht. Dieser Ausspruch ist die höchste Form von Arroganz, die es gibt. Nie-mand weiß, wie „weit“ jemand ist oder nicht ist. Vieles kann Illusion sein.
    Der König sagte also zu seiner Frau: „Du bist noch nicht so weit, ich verlasse jetzt das Königreich.“
    Und er tat, was er angekündigt hatte. An der Grenze der Stadt ließ er seine Kleider fallen, und betrat nackt den Urwald. Viele, viele Kilometer wanderte er, um sich schließlich mitten im Urwald an einer Stelle, wo er wusste, dass dort Bananen, Mangos und andere Früchte wuchsen, eine Hütte zu bauen. Damals gehörte Überlebenstraining zur Ausbildung eines Kindes, deshalb kannte er sich mit all diesen Dingen aus. Leicht ging ihm die Arbeit trotzdem nicht von der Hand. Mühselig errichtete er sich aus umgestürzten Bäumen mit Hilfe von Lianen und Bast eine notdürftige Hütte. Aus Bast fertigte er sich auch Kleider. Jetzt war er angekommen, hatte sich eingerichtet, und es war gar nicht so unangenehm, im Wald zu leben: Keiner, der ihn ständig etwas fragte, keiner, den er beeindrucken musste. Ab und zu hatte er vielleicht für ein paar Tage nichts zu essen, weil keine Mango und keine Bananenstaude reif waren, aber insgesamt war das Leben durchaus angenehm. Das unendliche Glück jedoch, die Unsterblichkeit, ließ auf sich warten; in seinem Bewusstseinszustand konnte er keine grundlegende Veränderung erkennen. Irgendetwas, dachte er, muss ich jetzt tun und so begann er zu meditieren.
    Als Kind hatte er das ein wenig gelernt. Später, als Jugendlicher, hatte er es aufgegeben und als Erwachsener kaum noch daran gedacht. Nun meditierte er also wieder. Er erinnerte sich an ein Mantra und notdürftig rief er sich ein paar Atemübungen und Asanas (Yogaübungen) ins Gedächtnis. Zwar bekam er so einige schöne Energieerfahrungen, die Unsterblichkeit aber ließ weiter auf sich warten.
    Schließlich begriff er, allein käme er nicht ans Ziel, sondern er bräuchte einen Guru, einen spirituellen Lehrer. Tief aus dem Innersten betete er: „O Gott, ich weiß nicht, was ich machen soll, denn so komme ich auf meinem Weg nicht weiter. Ich brauche einen Guru, bitte schicke mir einen spirituellen Lehrer.“
    Eine alte Aussage besagt: „Ist der Schüler bereit, ist der Lehrer nicht weit.“
    Chudala, mit ihrem geistigen Auge – es heißt, dass große Meister und Meisterinnen große telepathische und sonstige Fähigkeiten haben, und gleich werdet ihr von noch wunderbareren hören -, Chudala hatte mit ihrem geistigen Auge den Fortschritt ihres Mannes verfolgt. Sie wusste, jetzt ist er bereit. Aber da sie erfah-ren hatte, von ihr würde er keine Ratschläge annehmen, ersann sie eine weitere List. Zu ihren Ministern sagte sie: „Bitte stört mich nicht während der nächsten Stunden, ich werde jetzt meditieren. Unter keinen Umständen dürft ihr mich stören.“ Und sie verschloss ihre Kammer, ging in tiefe Meditation und verließ mit ihrem Astralkörper ihren physischen Körper. So reiste sie zu König Shikidwaja und manifestierte sich als Swami Kumbha in orangenen Gewändern, mit einem langen, wallenden, weißen Bart, einen Meter über dem Boden schwebend.
    Der König betete gerade: „Bitte, lieber Gott, schick mir einen Gu-ru, einen Meister, ich komme allein nicht weiter!“
    Als er die Augen öffnete, sah er, wie aus fünfzig Meter Entfer-nung ein Guru, in orangenen Gewändern, mit langem, weißem Bart im vollen Lotussitz auf ihn zu schwebte. Zwei Meter vor ihm hielt der Guru an, immer noch schwebend.
    Der Guru schaute sehr ernst, hob den Zeigefinger und sagte: „Om na karmana na prajaya dhanena tyagenaike amritatwa manusuh!“ Weder gegrüßt hatte er, noch sich eingeführt. „Nicht durch irgendwelche Werke, nicht durch irgendwelche Praktiken, nicht durch irgendwelche Rituale wird Unsterblichkeit erreicht, son-dern allein durch Entsagung.“
    Der König verneigte sich.
    „Ehrwürdiger Swami (selbstverwirklichter Meister), ich habe allem entsagt: Meinem Königreich habe ich entsagt, nackt habe ich diesen Urwald betreten, trotzdem merke ich nichts von ir-gendeiner Unsterblichkeit.“
    Swami Kumba sprach: „D e i n e m, d e i n e m Königreich hast du entsagt?“
    „Ja, meinem Königreich!“