Wie wir durch Hingabe an einen Guru wachsen können

Am 8./9. Juli 2017 feiern wir Guru Purnima, das Fest an dem traditionellerweise der spirituelle Lehrer verehrt wird. Was es mit einem Guru auf sich hat und welche positive Wirkung eine Guru-Schüler Beziehung auf unser Leben haben kann, erfährst du in diesem Beitrag.

Wer oder was ist ein Guru?

“Der Guru ist Gott selbst, der sich in einer persönlichen Gestalt manifestiert, um den Aspiranten zu führen…. Er ist ein Wesen, welches sich von Diesem zu Jenem erhoben hat und so freien Zugang in beide Regionen hat. Er steht an der Schwelle der Unsterblichkeit; und indem er sich bückt, zieht er die sich bemühenden Individuen mit einer Hand nach oben, und mit der anderen Hand erhebt er sie in das Reich unvergänglicher Seligkeit und unendlicher Wahrheit.” (Swami Sivananda)

Sinngemäß übersetzt, bedeutet Guru „der, der Licht in die Dunkelheit bringt“. Damit ist der persönliche, spirituelle Lehrer gemeint, der uns auf unserem Weg begleitet. Dies ist klassischerweise ein selbstverwirklichter Meister, wie z.B. Swami Sivananda, der uns mit seinem Bewusstseinszustand daran erinnern soll, dass Selbstverwirklichung möglich ist.

Natürlich können wir auch unsere Intuition und Herzensweisheit, sowie das Leben selbst mit allen Erfahrungen, die es für uns bereit hält, als Guru ansehen. Zu Guru Purnima, wollen wir uns allerdings mit dem Guru als spirituellen Lehrer etwas näher beschäftigen.

Als der Schüler noch bei seinem Meister lebte…

Yoga ist eine Einweihungstradition, in der es traditionellerweise eine Lehrer-Schüler (Guru-Shishya) Beziehung gibt. In der Frühzeit des Yoga wurden die Lehren mündlich überliefert. Der Meister suchte sich seinen Schüler sehr gut aus und es war normal, dass der Schüler über viele Jahre hinweg bei seinem Guru lebte.

Heutzutage sieht es anders aus. Es gibt nur noch wenige Traditionen, in denen Wissen geheim gehalten wird. Man braucht keine besonderen Qualifikationen, um eine Yogalehrer Ausbildung zu absolvieren. Auch sind spirituelle Ambitionen nicht notwendig, um regelmäßig Asanas zu praktizieren.

Der Ursprung des Yoga ist allerdings in einem spirituellen Konzept zu finden, bei dem es um Transformation und Selbsterfahrung geht. Anna Trökes beschreibt dies wunderbar in ihrem Buch „Die sieben Schätze des Yoga“. Hier ein Auszug:

In kaum einem Buch, Artikel oder Kurs wird jedoch darauf hingewiesen, dass Yoga eigentlich ein Übungsweg ist, bei dem es darum geht, sich selbst zu erfahren und das eigene Wesen zu entwickeln und zu entfalten…. Einen tieferen Sinn und eine innere Ausrichtung bekommen all die vielen Yogaübungen aber erst dadurch, dass sie in Verbindung zu der Philosophie gesetzt werden, aus deren Erkenntnissen heraus sie einst entwickelt wurde. Und um die Philosophie nicht nur zu vermitteln, sondern vor allem auch durch das eigene Beispiel erfahrbar werden zu lassen, sind Yogalehrer und -meister vonnöten. (Anna Trökes)

Die Angst vor Abhängigkeit

Während es in Indien völlig normal ist, einen Guru zu haben, wird dieses Konzept bei uns im Westen oft kritisch gesehen. Viele Menschen haben Angst von einem Guru abhängig und ausgenutzt zu werden.

→ In Anbetracht der Tatsache, dass es durchaus Fake-Gurus gibt, macht es Sinn unseren gesunden Menschenverstand zu benutzen und den spirituellen Lehrer unserer Wahl hinsichtlich seiner Ethik und Moral in seinen Handlungen zu überprüfen.

Während meiner Zeit in Indien ist mir außerdem bewusst geworden, wie viel Einfluss unsere Sozialisation darauf hat, inwieweit wir offen für ein Guru-Schüler Konzept sind. Obwohl ich mich schon einige Jahre auf dem Yogaweg befand, wurde mir vor Ort bewusst, dass das spirituelle Verständnis, in dem ich sozialisiert wurde, nicht beinhaltete, dass jeder von uns die potentielle Möglichkeit besitzt, Selbstverwirklichung zu erreichen. Auch leben wir nicht in einer Kultur, in der es allseits bekannt und akzeptiert ist, dass immer wieder selbstverwirklichte Meister inkarnieren, die uns auf unserem Weg begleiten und uns zu unseren wahren Natur führen. Die Rituale und der Umgang mit einem Guru, der Gehorsam und die Disziplin, die