Rückbildungsyoga für verwaiste Mütter – Interview mit Julia Schmidt

Der Berufsverband der Yoga Vidya LehrerInnen e.V. (BYV) hat zum dritten Mal den Yoga Vidya Innovations- und Nachhaltigkeitspreis 2018 für ganz besonders innovative und nachhaltige Yoga-Projekte verliehen.

Die Herzenswärme der Gewinnerin Julia Schmidt und ihr Projekt „Rückbildungsyoga für verwaiste Mütter“ berührten viele der Anwesenden und so freuen wir uns besonders, dass wir sie interviewen durften.

Mit ihrem ehrenamtlichen Einsatz im „Rückbildungsyoga für verwaiste Mütter“, hat Julia Schmidt ein Yoga Angebot ins Leben gerufen, dass unter den Bewerbern in Einfühlsamkeit und Liebe nicht zu überbieten war.

Die Gewinnerin des 3. Yoga Vidya Vidya Innovations- und Nachhaltigkeitspreis 2018 schuf damit ein Angebot für Mütter, die nach einer Fehlgeburt oder Schwangerschaftsabbrüchen, ihre Gefühle zulassen, überwinden und wieder zurück zu einem freudevollen Leben finden möchten. Die liebevoll geborgene Atmosphäre, die sie dabei für ihre Teilnehmerinnen schafft, gibt Sicherheit und Geborgenheit sich zu öffnen. In ihrer Yoga-Klasse darf alles da sein. Kann heilen. Eine Selbsthilfegruppe die ihresgleichen sucht.

Liebe Julia, was ist nun genau Rückbildungsyoga für verwaiste Mütter?

Rückbildungsyoga ist darauf abgestimmt, Mütter, die ihr Kind/ihre Kinder in der Schwangerschaft, bei der Geburt oder in den ersten Lebensmonaten wieder aus diesem Leben in den Tod verabschieden mussten, zu begleiten. Es geht dabei weniger um eine genau strukturierte Stunde, die immer denselben Verlauf hat. Inhalt ist vielmehr, immer wieder aufs Neue zu schauen, was die Frauen in der Zeit der Ohnmacht, Trauer und Perspektivlosigkeit brauchen.

Was hat dich inspiriert, so ein sensibles Thema anzusprechen?

Ich selbst bin betroffen. Mein Sohn starb im Alter von drei Wochen. Ich bin also selbst durch all diese Prozesse gegangen, die ich jetzt begleiten darf. Es gibt Wege zum Überleben einer solch tiefen Verlusterfahrung. Im Inneren kann es in dieser Zeit so dunkel sein, dass es wohltut, eine Begleitung zur Seite zu haben. Impulse, die zunächst von außen angestoßen werden, können Wegbereiter sein.

Ganz wichtig: positive, bejahende Impulse ohne den Frauen zu vermitteln, dass alles halb so schlimm ist, oder im Gegenteil, dass alles so schlimm ist, dass es nicht möglich erscheint, wieder gerne zu leben. Die Balance zwischen beiden Polen ist ungemein wichtig.

Wie sieht Rückbildungsyoga für verwaiste Mütter in der Praxis aus?

Den Beginn einer Stunde symbolisiert das Entzünden einer Kerze für alle verstorbenen Kinder und alle betroffenen Mütter dieser Welt. Jede Frau kann dann für ihr Kind/ihre Kinder und sich ebenso eine Kerze entzünden. Darauf folgt eine Anfangsentspannung, je nach Stimmungslage. Aus dieser begeben wir uns in eine Atemübung und von dort in die Asanapraxis, die ganz unterschiedlich ausfallen kann. Zum Abschluss üben wir die Tiefenentspannung in Savasana (Totenstellung).

Auch hier können die Inhalte stark variieren. Von Klangreisen über Körperspüren bis Phantasiereisen ist alles möglich. Den Abschied gestalten wir über das dreimalige Om und im Anschluss daran gibt es die Möglichkeit, mit dem verstorbenen Kind oder sich selbst für einige Momente des Innehaltens in Zwiesprache zu treten. Nach der Yogapraxis gibt es immer die Möglichkeit, miteinander zu sprechen und sich auszutauschen.

Welche Übungen würdest du besonders empfehlen?

Atmen, immer wieder atmen. Ganz tief bis in den Bauch hinein, bis zur Gebärmutter, in den Unterleib, Körper spüren – progressive Muskelentspannung nach Jacobson. Bei den Übungen muss immer die körperliche Belastbarkeit vorrangig sein. War die Geburt spontan, gibt es noch Verletzungen, war es ein Kaiserschnitt, wie sieht es mit der Brust aus, ist die von der Muttermilch noch geschwollen, liegt eine Rektusdiastase vor – also eine Auseinanderschiebung der geraden Bauchmuskulatur?

Ansonsten: mit den Bandhas (Körperverschlüsse) arbeiten – Mula und Uddiyana; Übungen für den Beckenboden; Weite, Raum im Körper schaffen durch Dehnungen; Muskulatur aufbauen durch Muskelkettenarbeit bei Standhaltungen; langsame, behutsame Arbeit am Brustraum und im Schultergürtel; Körpermitte aktivieren, wenn es an der Zeit ist. Und ganz wichtig: gemütliches Savasana mit allen Möglichkeiten zur Unterstützung – Kissen, Decken, Klötze… Liegen, da sein, geschehen lassen.

Gibst du Kurse oder Seminare in Rückbildungsyoga, oder können Betroffene zu offenen Stunden kommen?

Ich gebe an zwei unterschiedlichen Standorten das Jahr über durchlaufende Kurse. Sie haben den Charakter von offenen Stunden. Die Frauen nehmen Kontakt zu mir, zu unserem Verein (siehe weiter unten) auf. Sie können die Stunden so lange besuchen, wie sie es für sich selber richtig und wichtig finden. Es gibt von Seite der Frauen keine Verpflichtung, zu kommen. Die Konstante bin ich, die Frauen die Variablen. Es genügt, bis kurz vorher abzusagen, d.h. bis zu zwei Stunden vorher – auch ohne Grund. In der Trauer muss in keinem Fall funktioniert werden. Erklärungen, Festlegungen o.ä. sind für einige Betroffene sehr anstrengend und deshalb nicht nötig. Die Stunden sind für die Frauen kostenfrei, die entstehenden Kosten trägt der Verein „Neunkirchner Steine e.V.

 Seit wann bist du mit Yoga Vidya verbunden und praktizierst selbst Yoga?

Yoga Vidya Frankfurt war das erste Yogastudio, welches ich jemals besucht habe. Dort liegen die Anfänge. Das war 2011. Im Jahr 2013 entschied ich mich zu einer traditionsübergreifenden YogalehrerInnenausbildung bei Shiva-Yoga in Frankfurt am Main. Verbunden blieb ich aber auch in dieser Zeit mit Yoga-Vidya. Eine meiner zwei großartigen Ausbildungsleiterinnen war Amba Popiel- Hofmann von Yoga-Vidya. Ihre radikal liebevolle Hinwendung an die Weiblichkeit habe ich als große Bereicherung in meinem persönlichen Leben, aber auch in Bezug auf meine Tätigkeit als Yogalehrerin wahrgenommen. An einigen Tagen habe ich das Gefühl: „Oh, da spricht ja wieder Amba aus mir…“ und das ist ein zutiefst beruhigendes, ermutigendes und verbundenes Gefühl. Auf diesem Weg: Danke Amba!

Hast du dein eigenes Yogastudio?

Ja, ein kleines, feines Yogastudio auf der Neunkircher Höhe im Odenwald. Platz ist dort für 8 Menschen pro Kurs. Wer Genaueres wissen möchte: www.yoga-auf-dem-berg.de

Wie bist du auf die Preisverleihung aufmerksam geworden und war sofort klar, dass du dich bewerben wirst?

Bei Yoga Vidya in Dortmund war im Juli 2018 Surinder Singh zu Gast, einer meiner hochgeschätzten Yogalehrer aus Rishikesh. In der Pause lag auf dem Tisch ausgebreitet u. a. der Informationsflyer des Innovations- und Nachhaltigkeitspreises 2018. Eine Art Geschenk.

Was hast du gefühlt, als du vom 1. Platz erfahren hast?

Emotion pur – zwischen überwältigender Freude und Überforderung!

Gibt es Rituale, Techniken, die du Müttern zusätzlich zum Yoga an die Hand geben würdest, um mit der Trauer umzugehen?

Es gibt so unterschiedliche und vielfältige Arten, mit Trauer umzugehen, wie es Menschen gibt, die das tun müssen. Jeder muss den für ihn/sie stimmigen Weg finden. Dabei gibt es Menschen wie mich, denen die Natur viel zu geben vermag. Andere bevorzugen andere Rahmenbedingungen, die ihr Herz erreichen. Wichtig allein erscheint mir, sich auf den Weg zu begeben. Die Trauer zuzulassen, wenn sie kommt und sich aktiv umzuschauen nach Menschen, Tieren, Dingen, Worten, die für den Moment hilfreich erscheinen. Es ist ein Gehen von ganz kleinen Schritten, wie laufen lernen.

Gibt es weiterführende Bücher und Institutionen, die du empfiehlst?

Natürlich empfehle ich von Herzen unseren Verein. Auf der Seite: neunkirchner-steine.de könnt ihr euch über andere Hilfsangebote und auch Literatur informieren. Ein großes Anliegen unseres Vereins ist es, die breite Palette von Möglichkeiten, die es gibt, sichtbar zu machen, um mit der Trauer um ein Kind umzugehen. Über weitere Tipps und Hinweise auf andere Projekte – vor allem regional – freuen wir uns sehr.

Wie fängst du starke Emotionen von Teilnehmerinnen auf?

Zulassen, zulassen, zulassen … und da sein.

Wie hat dich die Zusammenarbeit mit verwaisten Müttern /die Auseinandersetzung mit diesem Thema verändert?

Ich habe eine andere Perspektive aufs Leben entwickelt. Ich sehe mich, uns, alles, was lebt, mehr denn je in einen größeren Zusammenhang eingebettet. In den natürlichen Zyklus der Natur von Werden und Vergehen. Und ich erlebe mich, uns alle angebunden an eine große Quelle, an etwas, das uns führt und lenkt, wenn wir nur darauf vertrauen und uns hineingeben in dieses Leben.

Zeitmaschine – X Jahre zurück … Was würdest du noch einmal anders machen?

Gar nichts. Vielmehr übe ich jeden Tag Dankbarkeit und bitte darum, alle gemachten Erfahrungen mit der Qualität des Annehmens und der Liebe in mein Leben integrieren zu können. Alle bisherigen Erlebnisse bedürfen der Würdigung und Anerkennung, denn sie bereiten den Boden, auf dem ich in diesem Leben stehe. Negiere ich sie, entziehe ich meinem Boden mehr und mehr Wurzeln und stehe unsicher.

Trauer mit all seinen Facetten und Phasen ist ja eine sehr kraftvolle, intensive Emotion… Wie schöpfst du jeden Tag deine Kraft für die Arbeit mit diesem Thema?

Ich schöpfe durch die gute Verbindung zu meinem verstorbenen Sohn immer wieder Kraft und Mut für diese Arbeit. Außerdem habe ich das Glück, eine wunderbare Großfamilie … Mann, Eltern, Geschwister, Neffen, Tanten, Cousinen, Freunde … und einen lieben Hund um mich versammelt zu wissen. Ein oft turbulenter, aber höchst erfüllter Alltag mit entsprechenden Auszeiten: Einsame Spaziergänge, Sauna, Massagen, Yoga und Meditation geben mir alles, was dazu nötig ist.

Wirst du auch bei Yoga Vidya Workshops zum Thema anbieten?

Wenn gewünscht, sehr gerne!

Julia Schmidt Yogalehrerin, Dipl.-Sozialarbeiterin, erlebnisorientierte Beraterin und Pädagogin; seit 2015 eigenes Yogastudio „Yoga auf dem Berg“ auf der Neunkircher Höhe, Kreis Darmstadt/Dieburg, seit 2017 Vereinsvorsitzende des Vereins „Neunkirchner Steine e.V.“, Inhalt der Vereinsarbeit ist die zur Heilung beitragende Auseinandersetzung eines jeden mit dem Tod, auf der Grundlage eines tiefen „JA“ zum Leben; seit 2018 Yogakurse für „verwaiste Mütter“.

 

Dieser Artikel ist erschienen im Yoga Vidya Journal – Ausgabe Nr. 38.

 

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