Der Yoga des Erwachens und der Entwicklung

von Swami Bodhichitananda, übersetzt von Solveig Meister

Aufwachen, aufwachsen, aufräumen, „auftauchen“ – wake up, grow up, clean up, show up – ist ein ganzheitlicher Ansatz, um die verschiedenen Bereiche menschlichen Wachstums zu verstehen.

Für eine harmonische geistige Entwicklung müssen all diese Bereiche gleichsam berücksichtigt werden. Obwohl wir sie hier in gewisser Weise einzeln nacheinander behandeln, müssen sie doch alle zusammen laufen, um ein einseitiges Wachstum oder die Vernachlässigung von Teilen unserer Psyche zu vermeiden, während wir auf dem Pfad des Yogas voranschreiten und spirituell wachsen.

Wake up – Aufwachen

Aufwachen ist die Fähigkeit zur Transzendenz des eigenen Selbst, der Bewegung hin zu einem Zustand jenseits einer aus der Enge geprägten, narzisstischen Selbstverstrickung, einer beschränkten oder vom Ego gelenkten Persona, die sich mit unserem Körper und Geist identifiziert, hinein in die direkte nicht-duale Erfahrung des Absoluten, der Göttlichen Realität, Gottes oder des Höheren Selbst.

In diesem Seinszustand verstehen wir das als ein auftauchendes Prinzip der Realität, das mit dem Urgrund des Seins und der Ganzheit an sich verbunden ist. Wir werden uns unserer Verwurzelung im Urgrund allen Seins vollständig gewahr und agieren unser relatives Selbst aus diesem Gefühl der Ganzheit des Seins oder des Transzendenten Selbst heraus aus.

Das Erwachen kann mit verschieden tief gehenden Erfahrungen einhergehen, dementsprechend mit einem mehr oder weniger ausgeprägten Gefühl von Freiheit, glückseliger Freude, Fülle des Seins usw.

Das Erwachen ist nicht nur ein Zustand zeitlich vorübergehender Erfahrung, sondern kann durch regelmäßiges Sadhana oder der täglichen Praxis von Swami Sivanandas integralem Yoga trainiert und so als dauerhafte Erfahrung etabliert werden.

Das Aufwachen muss also nicht nur ein Gipfelerlebnis bleiben, sondern kann, wenn die Fähigkeit der Stabilisierung jener Erfahrung durch Übung vertieft wird, zur beständigen, dauerhaften Sicht der Realität werden, einem ständigen Wissen und Verwirklichen des Selbst als nichts anderem als eins zu sein mit der nicht-dualen Realität oder Brahman, als Satchidananda (Sein, Bewusstsein, Glückseligkeit).

In einer der Traditionen der amerikanischen Ureinwohner wird von klein auf den Kindern gelehrt, Gegenstände nicht nur als Berg, Hund, Person usw. zu identifizieren, sondern als der Eine Geist, der sich als Berg, Hund, Person usw. manifestiert.

Auf diese Weise lehren und lernen sie von klein auf die Ganzheit und Verbundenheit primär in ihrer ursprünglichen wörtlichen Bedeutung und deren Seinszustand (Ontologie) kennen, und sekundär den jeweiligen einzigartigen Ausdruck als Objektivierung wahrzunehmen.

Die Ganzheit oder Einheit wird als die primäre Wahrnehmung gelehrt und die Dualität als Ausdruck oder Manifestation des Einen Geistes. Dieses Prinzip des Erwachens kann in unsere Sprache und Kultur eingebaut werden, als eine Weltanschauung von klein auf.

Grow up – Aufwachsen

Aufwachsen bezieht sich auf die psychologische Entwicklung durch die verschiedenen, dem menschlichen System inhärenten, Entwicklungsstufen menschlichen Wachstums, zunächst beginnend mit der Entwicklung vom Säuglings- bis hin zum Erwachsenenalter, und später durch die verschiedenen Weltanschauungen oder Sichtweisen und die verschiedenen Stränge der darin enthaltenen Intelligenz, wie die kognitive, emotionale, zwischenmenschliche, moralische Intelligenz usw.

Bis vor kurzem glaubte man in spirituellen Traditionen, dass das Aufwachen nicht nur eine freudige Erfahrung unseres eigenen Selbst sei, sondern auch all unsere persönlichen weltlichen Probleme löse. Die direkte nicht-duale Erfahrung des Selbst oder des Absoluten kann aus jeder Weltsicht heraus oder auf jeder Entwicklungsstufe des persönlichen Egos passieren; sie wird dann dementsprechend erfahren und interpretiert.

Schamanen, die mit dem Stammesbewusstsein auf die Welt schauen, erfahren oft Zustände nicht dualen Gewahrseins, und führen eventuell dann ihren Stamm in einen Krieg mit benachbarten Stämmen, töten andere. Heilige innerhalb traditioneller Religionen zeigen oft stark ethnozentrische Ansichten, sehen diejenigen der eigenen Religion als „uns“ und die einer anderen Religion als „andere“, nicht wert desselben Mitgefühls und derselben Rücksichtnahme.

Mit ansteigender Komplexität in der Welt und dem Rückgang geographischer Barrieren zugunsten einer globaleren Gemeinschaft ist es uns möglich, ein viel nuancierteres Verständnis unserer Umwelt aufzunehmen und zu verstoffwechseln, das von einem ganz egozentrischen Bewusstsein über das Bewusstsein der Großfamilie, der Gemeinschaft oder dem Stammesbewusstsein zu einem weltzentrischen, die ganze Menschheit einschließenden Bewusstsein und in eine kosmozentrische Weltsicht übergeht, die alle fühlenden Wesen einschließt.

Diese Fähigkeit, die innere Sichtweise des anderen wahrzunehmen, erweitert sich ständig. Wir entwickeln immer mehr Aufgeschlossenheit, Einfühlungsvermögen und Mitgefühl.

Clean up – Aufräumen

Aufräumen beschreibt im Wesentlichen die Schattenarbeit, die sich mit all den unterdrückten Elementen in unserem Unterbewusstsein befasst: Mittels lichtvollem Gewahrsein geht es darum, Licht in die Schatten des Halbbewussten und ins tiefe instinktbasierte und geprägte Unbewusste unseres tierischen Geistes zu bringen und fragmentierte Aspekte unseres eigenen Selbst zurückzufordern und wieder zu integrieren.

Yoga, die großen Religionen und spirituelle Ansätze konzentrieren sich in erster Linie auf das Erwachen, die Transzendenz oder die Befreiung von dieser weltlichen Welt der Vergänglichkeit.

Sie sind als solche im Allgemeinen nicht gut gerüstet, um die psychologische Entwicklung des Individuums durch die ihm inne-wohnenden Wachstumsstadien zu verstehen, vom Säuglings- bis zum Erwachsenenalter, von der ursprünglichen Vereinigung von Subjekt und Objekt im Kindesalter über die Trennung zwischen dem sich entwickelnden Ego und der objektiven Welt von der Kindheit bis zum Erwachsenenalter bis zur Wiedervereinigung von Subjekt, „Ich“, und der objektiven Welt, wenn das eingeengte egobasierte Selbst beginnt, sich spirituell in Richtung der Freiheit des Selbst auszudehnen.

Indem der Fokus in erster Linie auf der Transzendenz liegt, womit ein unzureichendes Verständnis für die Entwicklung des gesunden individuellen Selbstgefühls, eines gesunden Egos, einhergeht, kann es dazu kommen, dass im Yoga und in den anderen großen spirituellen Traditionen Aspekte unserer Psyche oder unseres Ego-Selbst durch traumatische Ereignisse oder religiöse Unterdrückung fragmentiert und unterdrückt werden.

Dadurch entstehen unterbewusste Schatten, die auch einen Teil unserer Prana- oder Lebensenergie abziehen und unter für sie günstigen Bedingungen ins Bewusstsein aufsteigen und ungesunde Verhaltensweisen auslösen.

Die meisten spirituellen Traditionen betonen die Konzentration auf reines, undifferenziertes Gewahrsein oder Bewusstsein in der Meditation und vermeiden im Allgemeinen jedweden Fokus auf den Geist selbst und auf Themen, die aus dem Unbewussten ins Bewusstsein aufsteigen können.

Infolgedessen verbleiben viele Schatten im Unbewussten, werden nicht in angemessener Weise behandelt und im Allgemeinen verdrängt, anstatt sie als eine Stimme aus dem tiefsten Inneren mit wirklichen Themen, mit denen es sich auf gesunde Weise auseinanderzusetzen gilt, zu verstehen. In den Religionen werden diese als „Sünde“ oder im Yoga bestenfalls als geistige Verunreinigungen (kleshas) bezeichnet.

Viele der unbewussten und im Unterbewusstsein liegenden Emotionen sind instinktive Emotionen, die grundlegenden Bausteine des tierischen Geistes und dementsprechend auch für die höhere Entwicklung des Geistes relevant.

Obwohl viele spirituelle Lehrer im Yoga und in anderen Traditionen in vielerlei Hinsicht hoch entwickelt sind, ist es oft so, dass der Fokus fast ausschließlich auf das nicht-duale Erwachen gerichtet ist und eine gesunde psychologische Entwicklung sowie die Heilung und Integration fragmentierter Aspekte unseres Selbst in das Unterbewusstsein vernachlässigt werden.

Deshalb landen wir oft bei „Gurus und spirituellen Lehrern“, die für sich selbst nicht alles angeschaut und geklärt haben, und bei denen sich dann diese ungelösten Dinge unter gewissen Umständen in ihrem Verhalten zu manifestieren beginnen.

Häufig sind spirituelle Lehrer bezüglich ihrer Schüler und Studierenden in Autoritätspositionen und so bleibt ihr Verhalten, das sie mit ihrer überzeugenden Präsenz gegebenenfalls rechtfertigen können, weitestgehend unkontrolliert.

Ein solides Verständnis der Stufe psychologischen Wachstums, auf der das jeweilige Individuum steht, mit der starken Betonung spirituellen Erwachens und der Transzendenz des eigenen Selbst in Einklang zu bringen, ist die Herausforderung, vor dem der Yoga nach wie vor steht.

Um ein gesundes individuelles Wachstum zu unterstützen und jene Mängel, die regelmäßig Ursache von Fehlverhalten sind, und das Vertrauen und den Glauben in Yoga-Gemeinschaften zwischen den spirituellen Lehrern und Schülern schwächen, muss der Yoga möglicherweise durch Entwicklungspsychologie und Psychotherapie aus der westlichen Psychologie ergänzt werden.

In den Seminaren, die ich bei Yoga Vidya unterrichte, sowohl in Seminaren der „evolutionären Spiritualität & des Big Mind“ als auch in „Geheimnisse der Geisteskontrolle“, biete ich eine hervorragende erfahrungsorientierte Lehre an: „Big Mind, Big Heart“(großer Geist, großes Herz), in der ich die Schüler durch den Dialog mit vielen ihrer Ich-Personen führe, um ein Verständnis für diese Persönlichkeiten, ihre Funktionen und ihre Bedürfnisse zu entwickeln, um so ihr Vertrauen darin zu gewinnen, tiefer in subtilere Aspekte der Ich-Persönlichkeiten zu gehen, bis so schließlich das Nicht-Duale Selbst als vollständige Freiheit erfahren wird.

Dies ist nicht nur ein Weg, Freiheit von den Ich-Persönlichkeiten zu erlangen, sondern auch die direkte Erfahrung von Befreiung oder Selbst-Transzendenz innerhalb kurzer Zeit.

Show up – „Auftauchen“/in Erscheinung treten

Ohne gründliche Reinigung der unbewussten Schatten im Unbewussten oder ohne die Integration fragmentierter Aspekte des Selbst, die sich während des Heranwachsens von unserem gesunden bewussten Selbst abgespalten haben, können wir nicht vollständig, mit einem gesunden, integrierten Gefühl und Verständnis des Selbst in Erscheinung treten, wir können nicht vollständig als unser eigenes Selbst mit voller Freude und Vitalität präsent sein.

Wenn wir aber unser ganzes Wesen heilen und in das Licht der Freiheit integrieren, werden wir zur wahren Heilung für die Welt; mit unserem ganzen Wesen werden wir allen, denen wir begegnen, wahrhaft gegenwärtig. Dies ist die wahre und vollständige Verwirklichung des Ideals und Ziels des Yoga.

Über Swami Bodhichitananda

Swami Bodhichitananda ist ein Kriya Yogi, der seit 1991 im indischen Himalaya lebt. Er war von 1987 bis 1991 Mönch der „Self Realization Fellowship“ in Kalifornien, die von Paramahansa Yogananda gegründet worden war. Danach trat er dem Sivananda Ashram (The Divine Life Society) in Rishikesh bei und legte im Jahr 1999 seine letzten Gelübde ab. Er erhielt die Weihe zum Swami von H.H. Swami Chidananda Saraswati, Nachfolger von Swami Sivananda. Er war von 1991 bis 2003 der persönliche Assistent von Swami Chidananda und Yogacharya in der Divine Life Society. Sein Kriya Yoga Meister, der ihn autorisierte, Kriya Yoga Einweihungen zu geben, ist ein Kriya Yogi aus dem Himalaya, Swami Jnanananda Giri. Dieser war 1952 nach Indien gekommen, nachdem er die Autobiographie eines Yogi gelesen hatte. Swami Jnanananda Giri war Swami der indischen Yogananda Organisation (Yogoda Satsang Society) und hatte sich zuletzt in die Abgeschiedenheit des Himalaya zurückgezogen. Swami Bodhichitananda unterrichtet vor allem den Kriya Yoga nach Babaji, den Integralen Yoga nach Swami Sivananda und die evolutionäre Spiritualität. Er ist Gründer der Himalaya Eremitage, einem umweltfreundlichen spirituellen Rückzugsort, 25 km von Rishikesh entfernt. Seine 35-jährige Yoga Erfahrung gibt ihm viel inneres Wissen, das er auf einfache und freudige Weise mit allen Schülern teilt.

Dieser Artikel ist erschienen im Yoga Vidya Journal – Ausgabe Nr. 40
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