Yoga für jedes Alter

Yoga kann von Menschen jeden Alters geübt werden – von der Empfängnis bis zum Tod, ja sogar darüber hinaus… Das ist ja das Großartige am Yoga: es kann das Leben von jedem Menschen bereichern, eine neue Tiefe geben, eine neue Dimension eröffnen.

Bei Lebensübergängen und Herausforderungen ist die Frage nie: Kann ich jetzt noch Yoga machen? Vielmehr ist die Frage: Wie kann ich Yoga üben? Wie kann ich meine Yoga Praxis so gestalten, dass sie mir hilfreich ist? Und wer sich mal in einer „Yogakrise“ befindet, kann sich fragen: Will Yoga vielleicht anders geübt werden? Wäre es an der Zeit, andere Aspekte des Yoga zu entdecken, zu erleben?

Was ist Yoga?

Yoga heißt Einheit. Yoga heißt Vereinigung. Yoga heißt Verbindung, Harmonie. Yoga ist vor allem ein Übungssystem für Körper, Geist und Seele.

Die 3 Wirkungsebenen des Yoga

Yoga wirkt auf 3 Ebenen: (1) Harmonie (2) Erweckung (3) Spiritualität

Harmonie:

Viele Menschen verbinden Yoga heute mit dem Wunsch nach Harmonie, was auch Gesundheit, Gelassenheit, innere Ruhe und Entspannung mit einschließt. Wenn Menschen an einer Yogastunde teilnehmen, erleben sie oft als Erstes ein tiefes, oft vorher noch nie gekanntes Erleben von Entspannung, Ruhe und Gelassenheit.

Erweckung:

Wer Yoga eine Weile übt, wird merken, dass sich in ihm einiges entwickelt, einiges Neues manifestiert: Menschen werden feinfühliger, energiegeladener. Yoga Übende spüren ihre Kreativität, die Inspiration etwas Neues zu beginnen. Manche trauen sich plötzlich zu, eine Führungsposition anzugehen. Andere gründen eine Familie. Wieder andere spüren die Kraft für eine neue berufliche Karriere, evtl. eine Selbständigkeit, evtl. auch als Yogalehrer/in. Andere wiederum bekommen den Mut, das aufzugeben, was nicht zu ihnen passt. Für viele öffnen sich neue Dimensionen, Zugang zu anderen Wirklichkeiten, eine neue Schönheit und Tiefe des Universums und des Seins, eine noch nicht gekannte Freude und Liebe.

Spiritualität:

Die vornehmste Wirkung des Yoga ist die spirituelle Erfahrung. Als spirituelle Erfahrung kann man jedes Erleben bezeichnen, das über das individuelle Ich hinausgeht. Yoga lässt das Göttliche, das Kosmische, eine Höhere Wirklichkeit, erfahrbar machen. Aus dieser Erfahrung kommt eine tiefe Gewissheit und letztlich ein tieferer Sinn im Leben. Wer einmal die Großartigkeit einer überbewussten Erfahrung erlebt hat, einmal in die Höhere Wirklichkeit eingetaucht ist, der spürt ein Aufgehobensein in diesem übergeordneten Ganzen – und will auch nach dem Abklingen dieses Erlebens weiterhin sein Leben darauf ausrichten.

Die Yoga Praktiken

Yoga kennt viele Praktiken. Yoga ist ja zuallererst ein Übungssystem, ein Praxissystem. Die meisten Menschen im Westen lernen Yoga als Hatha Yoga kennen, also als Körperübungen (Asanas), Atemübungen (Pranayama) und Tiefenentspannung (Shavasana). Aber zum Yoga gehört auch mehr:

(1) Zum Hatha Yoga gehören neben Asana, Pranayama, Shavasana, auch Reinigungsübungen (Kriyas), Ratschläge zur Ernährung sowie ein reiner Lebensstil

(2) Zum Raja Yoga, dem psychologischen Yoga, gehören insbesondere Meditation, verschiedene Bewusstseinsübungen, Training der Achtsamkeit sowie Psychotechniken wie Affirmation, Visualisierung, Selbsthypnose, Kultivierung von Selbstakzeptanz, Mitgefühl (Maitri) und ethischem Verhalten (Yamas und Niyamas). Vor allem gehört zum Raja Yoga auch, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen, zum Herrscher (Raja) über sein Leben zu werden – und dann auch wieder loszulassen (Ishwara Pranidhana)

(3) Zum Bhakti Yoga gehören Kultivierung der Gottesliebe, Singen von Mantras, Ausführen von Ritualen wie Arati (Lichtzeremonie), Gebet und die bewusste Wahrnehmung von Schönheit und Großartigkeit in der Welt

(4) Karma Yoga ist das verhaftungslose Wirken und das uneigennützige Handeln. Wer anderen dient, der übt Karma Yoga.

(5) Kundalini Yoga ist der Yoga der Energie. Chakra (Energiezentrum) Arbeit, Prana Aktivierung, Öffnen der Nadis (Energiekanäle), all das gelingt durch die verschiedenen Praktiken des Kundalini Yoga

(6) Jnana Yoga ist der Yoga des Wissens, der Yoga der philosophisch- metaphysischen Ergründung der tiefen Fragen des Lebens: Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich? Was ist das Ziel des Lebens? Was war vor der Geburt? Was kommt nach dem Tod? Gibt es eine Höhere Wirklichkeit? Ist diese erfahrbar und wenn ja, wie komme ich da hin? Jnana Yoga ist auch nicht reine Philosophie: Durch spezielle Meditationstechniken und Bewusstseinsübungen kommen die Antworten auf diese Fragen fast von selbst.

Yoga in jedem Alter

Was heißt das jetzt für unser Thema, Yoga in jedem Alter? Grundsätzlich können alle Aspekte des Yoga, oder auch nur ein Aspekt, in jedem Lebensalter geübt werden:

Yoga im Mutterleib

Yoga im Mutterleib ist eine Art passives Yoga: Die sich inkarnierende Seele, der Embryo, bekommt mit, was Mutter (und Vater) macht. Gute Gewohnheiten werden im Mutterleib geschaffen. Es ist also wünschenswert, dass die werdende Mutter sich gesund ernährt, täglich meditiert, liebevoll mit sich und anderen umgeht. Gerade die Hatha Yoga Übungen sind auch für das Kind gut: Die Asanas sind sanfte Massagen und Stimulierungen und fördern die Entwicklung des Embryos, insbesondere das Nervensystem und das Gehirn. Wenn der Embryo einen ruhigen Tagesablauf erfährt, Liebe erfährt, dann kann er mit einem Urvertrauen auf die Welt kommen. Und wer in der Schwangerschaft in einen Ashram geht, Mantras singt oder beim Mantra singen dabei ist, stärkt die spirituellen Tendenzen (Samskaras) des werdenden Kindes.

Yoga für Säuglinge und Babys

Auch für Säuglinge ist Yoga ein passives Yoga. Auch hier gilt: Gesundes Leben und spirituelles Leben von Mutter und Vater sind für die Entwicklung und für die gesunden Gewohnheiten sehr wichtig. Ein liebevoller Umgang der Partner insbesondere in der Gegenwart des Kindes sowie mit dem Baby sind sehr hilfreich für die Zukunft. Wenn die Mutter täglich zu gleichen Zeiten meditiert und ihre Yoga Übungen macht, auch wenn die Zeiten sich typischerweise verkürzen, wird sie bemerken, dass das auch dem Baby nutzt. Manche Eltern halten bei Meditation und Pranayama das Baby am Körper. Ab einem gewissen Alter beginnen Babys die eine oder andere Yoga Übung mitzumachen, in die Kobra zu krabbeln, oder sich bewusst an die Mutter in den Yoga Übungen und in der Meditation anzukuscheln. Die Mutter kann das liebevoll geschehen lassen, ohne allzu viel auf das Baby einzugehen. Babys lieben auch die Ayurveda Babymassage – auch das ist eine Form von Yoga.

Yoga für Kleinkinder

Im Kindergartenalter können Kinder anfangen, Yoga selbst zu üben. Oft werden Kinder dabei sein, wenn ihre Eltern Yoga üben – und manche der Übungen nachmachen. Im Kindergartenalter kann es auch schon richtige Kinderyogastunden geben. Kinderyoga ist dabei typischerweise spielerisch, vermittelt Körpergefühl und Spaß.

Yoga für Kinder im Grundschulalter und in der Orientierungsstufe (6-11 Jahre)

Auch im Grundschulalter ist der Yoga Unterricht weiterhin spielerisch. Er muss abwechslungsreich sein. Es wäre wünschenswert, wenn Kinderyoga in den Regelunterricht der Grundschule eingeführt würde: Kinderyoga führt zu einem gesunden Körpergefühl. Wer im Grundschulalter Yoga übt, hat, auch später als Teenager, weniger Rückenprobleme, Kopfschmerzen, Asthma etc. Gerade in der heutigen Zeit, in der Kinder sich so wenig bewegen, braucht es eine Körperübungspraxis, die alle Muskeln dehnt, fordert, dabei das Körpergefühl und die Freude an der Bewegung und für sich selbst kultiviert. Im Grundschulalter folgen Kinder auch weiterhin fast von selbst der Spiritualität der Eltern, beginnen neugierig zu sein für spirituelle Fragen, haben Freude am Mantra singen, an Ritualen wie Puja und Arati.

Yoga für Jugendliche (12-18 Jahre)

Dies ist die Zeit, in der die Jugendlichen durch verschiedene Umstellungsprozesse hindurchgehen. In dieser Zeit kann Yoga all diese Umstellungsprozesse erheblich vereinfachen. Jugendliche, die Yoga üben, haben ein stärkeres Einfühlungsvermögen für sich selbst und andere. Die hormonellen Veränderungen, die Umorganisation im Gehirn, die Veränderung im Energiesystem, all das geht besser vonstatten, wenn Jugendliche Asana, Pranayama, Tiefenentspannung und Meditation üben. In der heutigen Zeit werden Jugendliche in der Schule ganz außergewöhnlich gefordert. Yoga und Meditation sind da ein wichtiger Ausgleich. In diesem Alter können Jugendliche im Wesentlichen schon üben wie Erwachsene. Der/die Yogalehrer/in muss aber darauf achten, dass der Yoga Unterricht interessant ist, auf tiefe und intensive Erfahrungen ausgerichtet ist. Und die Jugendlichen machen schnellere Fortschritte in den Asanas als 40-Jährige. Vor allem wollen sie sich nicht langweilen.

Yoga im Erwachsenenalter

Die Zeit 19-50 Jahre ist die Zeit, in welchem Yoga „ganz normal“ geübt werden kann. Je nach inneren Bedürfnissen kann die Yoga Praxis entspannter oder fordernder, meditativer oder dynamischer, körperbetonter oder spiritueller geübt werden. Wer jüngere Gruppen unterrichtet, sollte sich bewusst sein, dass die Teilnehmenden schnellere Fortschritte machen – und dementsprechend auch zu fortgeschritteneren Asanas angeleitet werden wollen. Wer Yoga immer sehr sanft unterrichtet und immer darauf hinweist, dass man bestimmte Übungen bei bestimmten körperlichen Problemen nicht machen kann, braucht sich nicht zu wundern, wenn in seinen/ ihren Yogagruppen das Durchschnittsalter auf die 60 Jahre ansteigt… Man kann es nicht allen recht machen: Wer jüngere Teilnehmer/innen unterrichten will, sollte seinen Yoga Unterricht auch entsprechend körperlich fordernd gestalten, und die Übenden dazu anleiten, über bisher gedachte körperliche Grenzen hinauszugelangen. Viele gründen zwischen 20 und 30 Jahren eine Familie. Hier gilt es, sich trotzdem Zeit zu nehmen für seine Yoga Praktiken: So bekommt man die Entspannung und die Energie für die Mehrfachherausforderung Beruf, Kinder, später oft pflegebedürftige Eltern. In der Zeit zwischen 18 und 70 ist Karma Yoga, der Yoga des verhaftungslosen uneigennützigen Wirkens, von besonderer Wichtigkeit in seiner Gestalt als Transformation des Alltags in spirituelle Praxis.

Yoga ab 50

Ab 50 Jahre stellen sich bei manchen körperliche Beschwerden ein, die zu einem ständigen oder immer wiederkehrenden Begleiter werden. Es gilt, die Yogapraxis darauf einzustellen. Zwar machen auch Menschen, die mit 65 Jahren mit Yoga beginnen, schnell große Fortschritte in Entspannung, Körpergefühl, Flexibilität und Kraft. Aber die Fortschritte gehen meist nicht so weit wie bei den 20-Jährigen. Andererseits fällt es ab 50 Jahren leichter zu meditieren – auch wenn der kreuzbeinige Sitz oft nicht mehr so einfach ist. Wichtig ist aber, dass auch 60-Jährige sich körperlich fordern: Der menschliche Körper ist ein Organismus, der sich an die Herausforderungen der Umwelt anpasst. Wer zwischen 50-70 seinen Körper gut fordert und sich sehr gesund ernährt, der wird im Alter ab 70 wacher, gesünder und körperlich und geistig fit bleiben. Es gilt also gerade in diesem Alter, den inneren Schweinehund zu überwinden, nicht zu bequem zu werden oder sich gar ganz auf die Meditation zurückzuziehen. Gerade bei Frauen in den Wechseljahren hat sich gezeigt, dass diese Zeit der hormonellen und psychischen Umstellung mit Yoga zu einer intensiv positiv erlebbaren Lebensphase wird.