Die Bedeutung des Selbst für das 21. Jahrhundert

In einem kürzlich erschienen Buch stellte uns der Philosoph Tristan Garcia ein sehr ergreifendes Bild des westlichen Antriebs vor. Es ist nicht nur klar, dass unsere Sinne nach außen gerichtet sind, um die Welt aufzunehmen, auch sind wir Wesen der Erfahrung. Was bedeutet das?

Um das Leben, seine Intensität, zu fühlen, sind wir zu Erfahrungen hingezogen, um zu lernen und das Leben richtig zu leben. Und bis vor einigen Jahrhunderten war das in Ordnung so.

Als die Menschheit die Türen der Moderne öffnete und in der Lage war, die meisten ihrer Grundbedürfnisse zu sichern – Schutz, Nahrung, Freizeit –, verringerte sich die Intensität des Lebens, die mit dem Überleben verbunden war, und allmählich verlor die westliche Menschheit den Kontakt zu ihrem inneren Selbst – es fällt auch zusammen mit dem Desinteresse an Spiritualität.

Ein Gefühl von Verlorenheit und Langeweile entsprang in uns, wodurch das “Zeitalter der Elektrizität”, des “Stromschlags”, begann.

Die Wiedererweckung und die Sucht

Um sich lebendig zu fühlen, strebt man danach, dieses innere Gefühl der Lebendigkeit, die fehlende Intensität des Lebens wiederzuerwecken. Tristan Garcia präsentiert uns ein wunderbares Beispiel aus dem späten 18. Jahrhundert: “Der elektrische Kuss von Leipzig”.

Für den Philosophen beginnt hier die unaufhörliche Suche nach dem nächsten Nervenkitzel, der nächsten Erfahrung, die das Adrenalin und das Gefühl, am Leben zu sein, erschüttern wird.

Es ist gar nicht nötig zu erwähnen, welche Auswirkungen dies auf die westliche Gesellschaft und ihre vielen Bereiche hatte, von sozialem – sexuellen Verhalten bis zu Mode und Drogen – Technologie und Information – soziale Medien, die Verbesserung der Idee von Erfahrung selbst – Wirtschaft – den Nervenkitzel des Konsums, die nächste Million Euro oder Dollar – Kultur – wer oder was das nächste große Ding ist; und so weiter.

Eines der Probleme, wie du sicherlich bereits bemerkt hast, ist, dass dieser Schock eine Art Sucht hervorruft. Jede Erfahrung, die dich schockierte und erschütterte, ist wie ein Schritt auf einer Leiter irgendwohin. Man spürt wieder die Intensität des Lebens, aber seine Wiederholung einen geringeren Einfluss als zuvor. Also erhöhen wir die “Dosierung”, die Gefahr. Wir radikalisieren die Erfahrung.

Je intensiver, desto unbesiegbarer und nachlässiger fühlen wir uns. Hybris ist immer ein Untergang. Du springst und öffnest den Fallschirm jedes Mal eine Sekunde später, einen Meter kürzer; du kletterst mit weniger Seilen, du gehst höher und höher.

Du suchst nach der nächsten Hatha Yoga Stunde oder dem nächsten Lehrer, der dir diesen Kick von Serotonin gibt, das Aufsteigen der Kundalini, die Meditation, die dir in 3 Tagen Samadhi gibt, und solange es einen ausgefallen Namen hat, ist es sicherlich gut! Wiederholung ist langweilig, genau wie mein Herzschlag … oder?

Nun, gibt es ein Problem mit der Erfahrung? Nein. Der Inhalt einer Erfahrung macht sie nicht intensiv. Eine leichte Temperaturschwankung, unbemerkt, nur nicht für dein Unterbewusstsein, ist selbst eine Erfahrung. Intensität kommt allein von unserem Ego, unserer Subjektivität.

Raga-Dvesha – Mögen und Nichtmögen

Was Garcia zu klären versucht, ist das, was Yoga und Vedanta bereits bekannt ist. Dieses Suchen nach bestimmten Erfahrungen und daher das Negieren anderer Erfahrungen zeigt sich in dem Verhältnis von Raga-Dvesha und in der Frage nach der Identifikation mit dem Körper und seinen Schleiern oder Hüllen.

In anderen Worten: Wie Tristan Garcia es ausdrückt, gibt es “einen mysteriösen Grad an Intensität des Selbst an sich”, der es ablehnt, auf körperliche Reize reduziert zu werden. “Es ist das Gefühl mehr oder weniger man selbst zu sein”.

Dies ist äußert wichtig und verursacht viel Bedrängnis. Das Gefühl der Lebensintensität zu verlieren führt nicht zu einer Loslösung, sondern zu einer scheinbaren Leere. Du befindest dich nicht nur mitten in deinem Ego-Wutanfall von Vorlieben und Abneigungen, sondern vermisst auch die Quelle der Intensität des Lebens selbst und wendest dich Objekten und Erfahrungen zu, um diese “Leere” zu füllen. Du lässt sich von dem Geist leiten, der stark mit deinem Jiva verbunden ist.

Was du jedoch übersiehst, ist, dass jede Erfahrung und jedes Objekt die unendliche Quelle der Glückseligkeit anzapft, welche du bist und welche scheint. Jenseits der körperlichen Erregung und nach ihrem Ende liegt die Glückseligkeit darin, dass du sie bist.

Wie verwirklichen wir das? Was können wir tun, um diese “Sucht” zu überkommen?

Es ist nicht einfach; es ist eine lebenslange und tägliche Praxis ohne freie Tage. Tut mir leid, dir das sagen zu müssen. Aber es gibt zwei Verse aus der Bhagavad Gita, die du immer an deiner Seite halten, auswendig lernen und über sie meditieren kannst:

Der Mensch möge durch das Selbst nur erhoben werden; er erniedriege sich nicht selbst; denn allein das Selbst ist sein Freund und allein das Selbst ist sei Feind.

Das Selbst ist der Freund des Menschen, der sich selbst durch das Selbst bezwungen hat; für den Menschen jedoch, der sich selbst nicht bezwungen hat, ist dieses Selbst ebenso ein Feind wie ein (äußerer) Widersacher.

Bhagavad Gita Kapitel 6, Vers 5-6

Du allein bist für dein Leben verantwortlich. Je näher du deinem wahren Selbst kommst – nicht dem, von dem du glaubst, dass du es bist; dem, von dem du dir selbst und anderen erzählst, denn dein wahres Selbst unterscheidet sich von nichts, insbesondere nicht von der Person, mit der du sprichst und erklärst “wer du bist” – was bedeutet, je weniger Identifikation du hast, desto “näher” bist du der einfachen, gewöhnlichen Unendlichkeit, Brahman, Satcidānanda, das alles ist.

Fernando

Über den Autor

Fernando Machado Silva ist Yogalehrer (BYV), Vedantakursleiter und Vedanta Meditationskursleiter. Er hat Theaterwissenschaft (Abschluss), Literatur (Master) und Philosophie (Doktorat) studiert und für 12 Jahre als Schauspieler und Regieassistent gearbeitet. Er hat mit vielen professionellen Künstlern und Techniken praktiziert (z. B. BioMechanics, Butoh Tanz, Clown, Contact Improvisation, Tai Chi, Chi Gong und Yoga).

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