Kongressbericht 2015 – Yoga in Therapie und Prävention

Vom 13. bis 15.11.2015 fand bei Yoga Vidya Bad Meinberg der Yogakongress mit dem Schwerpunkt “Yoga in Therapie und Prävention” statt. Hier der Kongressbericht von Christine Endris (BYV):

Freitag, 13.11.2015

Acht Uhr morgens im großen Vorraum zum Sivananda-Saal. Die Veranstaltungslisten für den Yogakongress sind zum Eintragen ausgelegt. Nun heißt es sich entscheiden! Die Auswahl ist groß und fällt schwer: Workshops, Yogastunden, Vorträge, wer sind die Referenten, was ist förderlich für mein Yogalehrer-Dasein und was will ich?

Zur Eröffnung des Kongresses sind Landrat und Bürgermeister gekommen. Sie erweisen sich als Kenner des Yoga, auch der traditionellen Philosophie, und wissen die therapeutischen Wirkungen zu  schätzen. In den Rehabilitationseinrichtungen des Kurortes hat Yoga schon längst Einzug gehalten. Yoga Vidya hat seit 2003 vier Klinikgebäude in Bad Meinberg erworben und die Stadt ist froh darüber, kann doch mit Yoga und Ayurveda der Gesundheitssektor und der Kurbetrieb bestens weiter entwickelt werden.

Die Abgesandte des indischen Botschafters in Berlin, Frau Manjistha Mukherjee Bhatt, geht mit viel Wissen auf die Wirkungen des Yoga auf Körper, Geist und Seele ein, von der Entgiftung bis zur Erfahrung der Einheit. Sie erwähnt den Weltyogatag, der alljährlich am 21. Juni stattfindet von der UNESCO gefördert wird und unterstreicht ihre Freude, endlich in Bad Meinberg zu sein. Sie hatte schon viel von Yoga Vidya gehört.

Bei seiner Begrüßung meint Sukadev, dass Yoga in vielerlei Hinsicht Teil der Schulmedizin geworden ist. Es existieren inzwischen Tausende von Studien über Prävention und Therapie und auch über die Grenzen der Möglichkeiten von Yoga. Alle Referenten sind ehrenamtlich tätig und setzen sich ein für Heilung, Verständigung und Frieden. Ein Lichtfeld gehe von diesem Kongress in die Welt. Sukadev bezieht in diesen Gedankengang bewusst das Thema Flüchtlinge ein.

Sein Vortrag „Der Yogatherapeut als Kümmerer, Heiler, Präventologe, adjuvanter und eigenständiger Therapeut“ soll aufzeigen, wo Yogalehrer und Yogatherapeuten „andocken“ können. In der Yogastunde erhalten die Schüler ganz praktische Anleitungen für das eigenverantwortliche Üben zu Hause. In der Gruppe entwickelt sich eine Empfindung der Spiritualität und der Einheit mit allem. Durch die Konzentration auf das Gegenwärtige wird der Geist still, die Wahrnehmung sehr viel bewusster. Am Ende gehen die Teilnehmer leicht und entspannt nach Hause.

Das Wort Therapeut kommt aus dem Griechischen und bedeutet Diener, Pfleger und Kümmerer. Heiler (hole) meint das Helfen zum Ganzwerden. Bei der Yogatherapie wird Yoga oft im Einzelunterricht gegeben, mit persönlichen Gesprächen, der Erörterung von Ernährung und Lebensstil, dem Hinterfragen von Schmerzen und Gesundheitsproblemen, der Frage nach dem Sinn. Zusammen mit sanften Übungen und der Vermittlung einer positiven Herangehensweise an die Dinge des Lebens kann der Klient wieder heil werden.

Yogalehrern steht dafür ein riesiges Methodenspektrum zur Verfügung. Die Krankenkassenfinanzierung findet bei besonders qualifizierten Yogalehrern bereits statt. Der BDY hat sich hierfür mit Yoga Vidya zusammen engagiert eingesetzt. Heute führen Gesundheitsfachkräfte aus, was der Arzt verordnet hat. Dazu gehören Ernährungsberatung, Physio- und Sporttherapie – so gut wie alle Leistungen in Rehakliniken. Seit Jahren fließen auch Yogatechniken in diese Bereiche ein. Es werden noch mehr Studien zur Wirkung von Yoga gebraucht, insbesondere bei bestimmten Krankheitsbildern, damit die Krankenkassen auch diese ganz finanzieren. Die verschiedenen Yogaverbände sollten mehr zusammenarbeiten, um dieses Ziel gemeinsam zu erreichen, meint Sukadev. In 15 bis 20 Jahren werde Yoga ein selbstverständlicher Teil der Schulmedizin sein.

Beim Satsang am Abend erinnert Swami Nirgunananda daran, dass unser Meister Swami Sivananda Arzt war, der gar nicht anders helfen und heilen konnte als im Bewusstsein der Ganzheitlichkeit des Menschen. Er sagt: Gesundheit ist ein positiver Zustand, denn alle Organe arbeiten in vollkommener Harmonie miteinander. Der Geist sei heiter – ein unübertroffenes billiges Spezialmittel für das gesunde, glückliche Leben!

Danach der Vortrag „Wirkmechanismen von Yoga in Prävention und Therapie“ von Prof. Dr. Marcus Stück. Marcus Stück erforscht seit 1994 die Themenbereiche Gesundheit, Yoga, Meditation und menschliche Psyche. Er ist Diplompsychologe, Psychotherapeut, praktizierender Yogi, Gründer des Zentrums für Bildungsgesundheit in Leipzig (www.bildungsgesundheit.de) und arbeitet mit Pädagogen, Erwachsenen und Kindern. Autor zahlreicher Bücher.

Der Begriff Prävention ist schon negativ besetzt, er geht von der Möglichkeit zu erkranken aus. Statt dessen steht für die Wissenschaftler das Thema Gesundheitsförderung ganz vorne, im privaten wie im öffentlichen Bereich. Wo gefährden die Verhältnisse unsere Gesundheit, wo ist unser eigenes Verhalten gesundheitsgefährdend, wie wird Arbeitsschutz gestaltet? Auch in der Meditation gibt es Schwankungen zwischen Synchronisierung und Desynchronisierung – wann treten diese Krisen auf? Wie steht es mit unserer Belastungsfähigkeit (Resilienz)? Trancezustände im Wasser werden untersucht hinsichtlich Zeitwahrnehmung und Physiologie, beides hängt eng zusammen.

Die Wirkfaktoren des Yoga müssen interdisziplinär erforscht werden unter Aspekten wie Hormonsystem, Nervensystem, Sensibilität, physischer Körper (Beispiel Umkehrhaltungen), Immunsystem, Achtsamkeit, Fähigkeit zu entspannen u.v.m.. Natürlich ist Yoga heute auch Verhaltensprävention, immer mit dem Blick auf die Verhältnisse. Der Mensch soll in seiner eigenen Integrität ruhen können in einem Wertesystem von Mitgefühl und Liebesfähigkeit. Entspannung und Präsenz sind ein Weg dorthin – also Yoga! Marcus Stück empfiehlt für die Yogalehrerausbildung ein Modul mit diesen Inhalten.

Diese hochinteressanten Forschungen umfassen alle Bereiche unseres Daseins, wir hören gespannt zu. Jeder Einzelne trägt dazu bei, wie sich die Welt weiter entwickelt, wie Frieden entsteht und die Menschheit ein bisschen glücklicher werden kann. Er erinnert aber auch daran, dass Mitstreiter und Multiplikatoren gebraucht werden, Yogalehrer, Wissenschaftler, Ärzte, Krankenkassen.

Auch der zweite Abendvortrag „Der Einfluss von Yoga und Meditation auf die Alterung von Geist und Gehirn“ von Dr. Tim Gard befasst sich mit Forschungsergebnissen. Er ist Neurowissenschaftler und  untersucht in den USA, in Holland und in Deutschland die neuronalen Mechanismen von Achtsamkeit und Yoga in verschiedenen Kontexten.

Die Metaanalyse von 15 wissenschaftlichen Studien hat ergeben, dass ab dem Alter von 20 Jahren  die fluide Intelligenz des Menschen bereits nachlässt, es fällt ihm zunehmend schwerer, für ihn neuartige Probleme zu lösen. Die gute Nachricht: Nicht so bei Yoga Praktizierenden! Danach bei Meditierenden und dann folgen die sog. Normalos. Entscheidend ist dabei die Korrelation zwischen rechter und linker Gehirnhälfte, alles ist verbunden und kommuniziert. MRT-Messungen haben gezeigt, dass sich die Pfadlängen verkürzen bei kontinuierlicher Yogapraxis, Meditation und Achtsamkeit. Es gelingt Yogis besser, im gegenwärtigen Moment zu sein und diesen ohne sofortige Bewertung wahrzunehmen. Das befähigt zu einer unvoreingenommenen Betrachtungsweise der Dinge und häufig zum Loslassen derselben, wenn sie „unwichtig“ sind. Und: Bei Schlaganfällen ist die Resilienz (psychische Widerstandsfähigkeit) von Yogis höher. Neueste Untersuchungen ergaben: Wer langzeitig Yoga und Meditation praktiziert, verliert weniger graue Substanz.

Mir fällt unser Meister