Pratyahara – Das Zurückziehen der Sinne

Pratyahara ist das fünfte von den acht Gliedern im Yoga nach Patanjali. Die ersten vier Glieder; Yama, Niyama, Asana und Pranayama, beschäftigen sich mit der äußeren, der körperlichen Welt. Sie geben uns praktische Ratschläge für das Leben und den Anfang unserer spirituellen Praxis.

Die letzten drei Glieder des Raja Yoga, Dharana, Dhyana und Samadhi, zielen auf die innere Welt, auf die nicht-physische, unmanifestierte Welt. Von ihnen sagt man, dass sie von selbst eintreten, wenn die Umstände stimmen.

Pratyahara nimmt in der Abfolge der acht Glieder eine besondere Stellung ein, da es den Übergang vom Äußeren zum Inneren, vom Manifesten zum Unmanifesten darstellt. Erst sind wir mit unseren Handlungen beschäftigt, mit unseren Gedanken, dem Körper und dem Atem. Wir justieren die äußeren, mit den Sinnen wahrnehmbaren Umstände so, dass sie harmonisch sind – rein. Sobald das erreicht ist, vergessen wir sie und widmen uns unserem inneren Wesen.

Einfach gesagt bedeutetet Pratyahara, unsere Aufmerksamkeit auf die Welt zu lenken, die in uns liegt. Es ist eine Übung, durch die wir unser innerstes Wesen wahrnehmen können, das frei von den Ablenkungen der äußeren Welt und den Sinneseindrücken ist. Pratyahara ist so für jeden Menschen von großer Bedeutung, nicht nur für den Yogi, da wir anders keinen wirklichen Frieden und keine wirkliche Stille erfahren können.

Wenn er, so wie die Schildkröte, die ihre Glieder an allen Seiten einzieht, seine Sinne von den Sinnesobjekten zurückzieht, wird seine Weisheit unerschütterlich.

Bhagavad Gita Kapitel 2, Vers 58

Die fünf Sinnesorgane

Pratyahara heißt »das Zurückziehen der Sinne«, doch genau genommen ziehen wir nicht die Sinne zurück. Sehen, Hören, Riechen, Fühlen, Schmecken; das bleibt alles wie es ist. Jedoch ziehen wir unsere Aufmerksamkeit von diesen Eindrücken zurück und lassen sie dort ruhen, wo sie Zuhause ist.

Die fünf Sinne sind wie Filter, durch die wir die Welt wahrnehmen. Unser Bewusstsein geht durch diese Filter und nimmt dann eine Welt mit Formen und Farben, Klängen und Gerüchen wahr. Durch die Sinne erscheint die Welt für uns so, wie sie es eben tut.

Das Ziel von Pratyahara ist, einfach kein Bewusstsein mehr durch diese Filter zu schicken, also den Sinnen die Aufmerksamkeit zu entziehen. Wenn unser Bewusstsein oder Geist, citta, getrennt von den Sinnesorganen ist, dann sind wir bereit uns den weiteren Gliedern des Raja Yoga zu widmen und wirklich zu meditieren.

Nach Innen wenden

Die äußere Welt ist wie eine Zentrifuge, die durch ihre Kraft alle dichten Objekte von ihrem Zentrum wegbewegt. Bleiben wir mit unserer Aufmerksamkeit auf diesen äußersten Strom gerichtet, dann werden wir immer abgelenkt – von einem groben Objekt zum nächsten.

Wenn wir uns jedoch den kleineren Partikeln zuwenden, die von der Zentrifugalkraft nach Innen zum Zentrum geleitet werden, dann ist es uns möglich, dieses Zentrum zu erreichen – Atman oder unser wahres Selbst.

Solange da jedoch Anhaftung an die Welt ist, Anhaftung an die groben Partikel, die sich nur am äußeren Rand der Realität bewegen, solange wird es uns schwerfallen, uns den subtileren Partikeln in unserem Inneren zuzuwenden. Der Weg nach Innen erfordert daher großen Mut und Losgelöstheit/Leidenschaftslosigkeit.

Die Praxis von Pratyahara

Um mit Pratyahara zu beginnen, reicht es schon, alle Sinneseindrücke und Erfahrungen – innere und äußere – einfach zu beobachten. Wenn wir die Beobachterposition einnehmen, dann bauen wir automatisch eine Distanz zu den Sinnen und deren Welt auf und entdecken, dass es da noch mehr gibt als das Sichtbare; nämlich die stille unsichtbare Präsenz, die all das wahrnimmt.

Es mag kontraintuitiv erscheinen, durch das Beobachten der Sinne die Sinne zurückziehen zu können, jedoch ist dies nur der erste Schritt »nach innen«. Indem wir unsere Stellung als das beobachtende Bewusstsein einnehmen, das alle körperlichen und geistigen Phänomene wahrnimmt, aber unberührt von ihnen bleibt, finden wir eine tiefe Quelle in uns.

Es ist diese Quelle, diese Präsenz, in der wir dann verweilen können und durch die sich die Aufmerksamkeit automatisch von den äußeren Sinnen zurückzieht. Anstatt von äußeren Quellen entziehen wir unser Lebensgefühl dann von dieser inneren Quelle.

Es ist ein einfacher und wundervoller Prozess, der nicht viel Mühe erfordert. Tatsächlich funktioniert es besser, je müheloser und losgelöster wir sind und einfach nur beobachten. Sind wir dann vertraut mit dem Zustand das beobachtende Bewusstsein zu sein, können wir der Welt und den äußeren Sinnen mehr und mehr Aufmerksamkeit entziehen und in dieser einfachen und stillen Präsenz ruhen lassen.

Pratyahara ist erreicht, wenn wir vollständig bewusst bleiben können, ohne eine Beziehung mit oder Idee von einer »Welt da draußen« zu haben.

Wenn der Geist getrennt von den fünf Sinnesorganen ist, tritt Pratyahara ein.

Patanjali, Yoga Sutra 2.54

Das beobachtende Bewusstsein erfahren

Eine gute Übung, um Pratyahara zu üben und die Beobachterposition einzunehmen ist, alle Sinneseindrücke voneinander getrennt zu erkunden.

Du kannst die Übung immer praktizieren, aber für den Anfang ist es am einfachsten, wenn du dir ein ruhiges Plätzchen suchst, wo du für die nächste Zeit ungestört sitzen kannst. Setze dich dann bequem und aufrecht hin, schließe deine Augen und beobachte für einige Momente deinen Atem.

Richte deine Aufmerksamkeit dann vollständig auf das, was du siehst. Lasse deine Augen geschlossen und beobachte, welche visuellen Eindrücke sich in diesem Moment zeigen. Vielleicht ist es nicht viel, aber das ist in Ordnung. Es geht nicht um die Eindrücke an sich, sondern um die Beziehung zwischen dir und diesen Eindrücken.

Gehe dann weiter zum nächsten Sinn und wiederhole denselben Vorgang für das Hören, Riechen, Schmecken und Fühlen. Lasse dir dafür ruhig etwas Zeit, deine Aufmerksamkeit voll auf den einen Sinn zu richten, bevor du zum nächsten übergehst.

Was wir mit dieser Übung entdecken wollen, ist, dass egal was wir wahrnehmen, der Wahrnehmende und das Wahrnehmen selbst immer gleich sind. Sinneseindrücke und Erfahrungen können sich in den unterschiedlichsten Arten und Weisen offenbaren, aber letztlich spielen die Erscheinungen keine Rolle. Das, in dem sie erscheinen und das, was sie wahrnimmt, ist das, was zählt.

Überflüssige Sinnesreize vermeiden

Eine weitere gute Möglichkeit Pratyahara zu praktizieren ist, Sinneseindrücke einfach zu vermeiden. Heutzutage sind wir ständig irgendwelchen Reizen ausgesetzt – Musik, Autolärm, Baustellen, Filme, geschmacksintensives Essen und so weiter. Wenn wir uns davon zurückziehen und die äußeren Eindrücke auf ein Minimum beschränken, dann wird sich unser Geist automatisch nach Innen wenden.

Langeweile kann dafür ein guter Wegweiser sein. Wenn uns langweilig ist, suchen wir uns für gewöhnlich irgendeine Aktivität, mit der wir uns ablenken können. Anstatt das zu tun, können wir uns mal ganz gezielt der Langeweile aussetzen oder sie sogar ganz bewusst herbeirufen.

Auch hier ist das Ergebnis, dass sich der Geist irgendwann von selbst nach Innen wendet. Vielleicht sehnt er sich erst nach Musik, dann nach einem Gespräch, dann nach einem Buch, dann nach einem Spaziergang … Aber wenn wir ihm das alles verwehren, dann werden seine Bestrebungen immer subtiler, bis er nichts anderes findet als das Innere.

Jeder von uns hat Pratyahara schon erfahren

Pratyahara zu erfahren ist nichts Außergewöhnliches oder Besonderes. Jeder von uns hat es schon erlebt, hat aber vielleicht einfach keinen Namen dafür oder kann es nicht zuordnen.

Ein gutes Beispiel für Pratyahara ist die Tiefenentspannung nach einer Hatha Yogastunde. Dort ziehen sich die Sinne meist von selbst zurück, da Körper und Geist einfach nur ruhen möchten. Wird dies mit einer Traumreise oder passenden Affirmationen verbunden, fällt es noch leichter, von der äußeren Welt loszulassen.

Um diesen Zustand noch tiefer zu erforschen, bietet sich zum Beispiel Yoga Nidra an – der Schlaf des Yogis. Dabei werden alle Sinne zurückgezogen und die Aufmerksamkeit auf die innere Welt gelenkt, ähnlich wie beim Träumen. Offene Yoga Nidra Stunden finden im Ashram in Bad Meinberg wöchentlich statt und werden auch live auf unserem YouTube-Kanal übertragen.

Letztlich ist Pratyahara eine wichtige Übung und ein großer Schritt auf dem Weg eines jeden Aspiranten. Durch Pratyahara können wir das Unwirkliche als solches erkennen und der Realität, also uns selbst, näher sein.

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