Wer sich eingehend mit Yoga beschäftigt, kommt früher oder später mit diversen klassischen Schriften in Berührung. So hört oder liest man bspw. von der Bhagavad Gita, den Veden, dem Yoga Sutra oder den Upanishaden.
Es wäre verwunderlich, wenn man zu Beginn nicht verwirrt ist, angesichts der Vielzahl an Schriften und all deren befremdlicher Namen. Sorge dich deswegen also nicht weiter. Mit diesem Artikel wollen wir dir einen kleinen Überblick über die zahlreichen Grundlagentexte geben, jedoch ohne zu behaupten, dass sich danach mehr Klarheit einstellt.

Veden, auch Shrutis (Offenbarungen) genannt
Rig Veda, Sama Veda, Yajur Veda, Atharva Veda
Jeder Veda besteht aus vier Teilen:
- Samhita (Hymnen)
- Brahmana (rituelle Erläuterungen)
- Aranyaka (Erklärungen)
- Upanishad (philosophische Aussagen)
Nach westlicher Orientalistik sind die Veden etwa zwischen 1500 und 800 v. Chr. entstanden. Nach klassisch indischer Auffassung wurden sie 3227 v. Chr. von Vyasa niedergeschrieben, nachdem sie zuvor über viele Jahrtausende mündlich überliefert worden waren.
Die Upanishaden bilden die Grundlage desJnana Yoga und der Vedanta-Philosophie. Sie beschäftigen sich mit den großen Fragen: Wer bin ich? Was ist die höchste Wirklichkeit? Was ist Brahman? Und wie kann der Mensch seine wahre Natur erkennen?
Smritis (Gesetzestexte & Verhaltensregeln)
Die Smritis enthalten Verhaltensregeln für alle Lebenslagen. Sie geben Hinweise dazu, wie Menschen in verschiedenen Lebensphasen, gesellschaftlichen Zusammenhängen und spirituellen Kontexten handeln können.
Im Unterschied zu den Shrutis gelten die Smritis als Texte, die über die Jahrhunderte hinweg an die jeweiligen gesellschaftlichen und ökonomischen Umstände angepasst werden können.
Puranas (Göttergeschichten)
Es gibt insgesamt achtzehn Puranas. Sie enthalten mythologische Geschichten über die verschiedenen Aspekte und Inkarnationen Gottes.
Zu den bekanntesten Puranas gehören zum Beispiel:
- Shiva Purana
- Vishnu Purana
- Bhagavatam
Die Puranas vermitteln spirituelle Weisheiten nicht in abstrakter philosophischer Sprache, sondern durch Erzählungen, Bilder, Symbole und Geschichten. Dadurch machen sie komplexe Wahrheiten oft leichter zugänglich – manchmal sogar auf wunderbar poetische Weise.

Itihasas (Heldenepen)
Die Itihasas sind große Epen, die die Weisheit der Veden in erzählerischer Form verständlicher machen.
Die wichtigsten Itihasas sind:
Die Bhagavad Gita, eines der wichtigsten Grundlagenwerke für Karma Yoga und Bhakti Yoga, ist Teil des Mahabharata. In ihr wird das Gespräch zwischen Krishna und Arjuna auf dem Schlachtfeld von Kurukshetra geschildert – ein äußerer Konflikt, der zugleich als Sinnbild für die inneren Kämpfe des Menschen verstanden werden kann.
Sutras (Leitfäden, Aphorismen)
Sutras sind stark zusammengefasste Leitsätze. Sie bringen komplexe spirituelle und philosophische Inhalte in sehr knapper Form auf den Punkt.
Besonders wichtig sind:
- Yoga Sutra von Patanjali – Grundlagenwerk des Raja Yoga
- Brahma Sutras von Vyasa – Grundlagenwerk des Jnana Yoga
Gerade das Yoga Sutra von Patanjali ist für viele Yogapraktizierende bis heute von großer Bedeutung. Es beschreibt den Weg zur Kontrolle des Geistes und zur Erfahrung des wahren Selbst – kurz, präzise und manchmal so kompakt, dass man sich beim Lesen fast wünscht, Patanjali hätte ein paar Fußnoten mehr hinterlassen.
Agamas
Die Agamas sind Schriften zur Verehrung eines bestimmten Aspektes Gottes.
Im Hinduismus gibt es drei Hauptströmungen, die jeweils eigene Agamas haben:
- Vaishnavas – Verehrer:innen von Vishnu; sie haben die Vishnu Agamas
- Shaivas – Verehrer:innen von Shiva; sie haben die Shiva Agamas
- Shaktas – Verehrer:innen des höchsten Göttlichen in Form von Shakti oder Devi, der kosmischen Energie beziehungsweise der göttlichen Mutter; sie haben die Shakti Agamas, auch Tantras genannt
Die Agamas sind größtenteils im Mittelalter entstanden. Sie enthalten unter anderem Anleitungen zu Ritualen, Tempelverehrung, Mantras, Meditation und spiritueller Praxis.
Hatha Yoga Schriften
Die Hatha Yoga Schriften sind Teil der Tantras, also der Shakti Agamas. Für die Praxis des Hatha Yoga sind sie besonders wichtig.
Zu den bedeutenden Hatha Yoga Schriften gehören:
- Shiva Samhita
- Goraksha Shataka
- Gheranda Samhita
- Hatha Yoga Pradipika
Die von Swatmarama geschriebene Hatha Yoga Pradipika gilt als die wichtigste Schrift des Hatha Yoga. Diese Texte wurden etwa zwischen dem 12. und 18. Jahrhundert niedergeschrieben.
Sie beschreiben unter anderem Asanas, Pranayama, Mudras, Bandhas, Reinigungstechniken und Meditation. Dabei geht es im Hatha Yoga nicht nur um körperliche Übungen, sondern um die Reinigung und Harmonisierung von Körper, Energie und Geist – als Vorbereitung auf höhere Bewusstseinszustände.
Ein kleiner Überblick
Diese Aufzählung zeigt: Die klassischen indischen Schriften bilden ein riesiges, faszinierendes und teilweise auch ziemlich unübersichtliches Feld. Manche Texte sind philosophisch, andere mythologisch, wieder andere praktisch, rituell oder poetisch.
Für den Anfang musst du nicht alles einordnen oder verstehen. Oft reicht es, einem Begriff nach dem anderen zu begegnen, sich langsam vertraut zu machen und zu spüren, welche Schrift dich gerade besonders anspricht.
Vielleicht ist es die praktische Klarheit des Yoga Sutra. Vielleicht die Hingabe der Bhagavad Gita. Vielleicht die tiefe Weisheit der Upanishaden. Oder vielleicht zunächst einfach die beruhigende Erkenntnis: Es ist völlig normal, bei all den Namen erst einmal den Überblick zu verlieren.

Wenn du nach diesem Überblick Lust bekommen hast, tiefer in die Welt der klassischen indischen Schriften einzutauchen, findest du in unserem Shop viele inspirierende Bücher rund um Yoga, Vedanta, Bhagavad Gita, Upanishaden, Hatha Yoga und spirituelle Philosophie.
Wenn du die Schriften nicht nur lesen, sondern lebendig verstehen möchtest, sind unsere Jnana Yoga Seminare eine wunderbare Möglichkeit. Gemeinsam mit erfahrenen Yogalehrer:innen tauchst du tiefer ein in Vedanta, Selbsterkenntnis und die großen Fragen des Lebens.
- Beitrag von Dennis Brändle überarbeitet von Svenja Bade