Interview mit Sundaram: Nada Brahma – Die Welt ist Klang

Ein Mantra ist eine mystische Klangschwingung und bedeutet Manas trayate – „Den Geist befreien“. Swami Sivananda sagt: „Nada (Klang) fängt den Geist. Der Geist erreicht Laya (Auflösung) durch süßen Nada.“

Mantra Yoga gehört zum Nada Yoga, dem Yoga des Klanges. Seit 5000 Jahren ist er der älteste Weg in der Yogatradition überhaupt und integraler Bestandteil verschiedener Yogawege. Er basiert auf dem Konzept, dass die gesamte Schöpfung aus Schwingung hervorgegangen ist.

Diese Schwingungen können wir als inneren und äußeren Klang erfahren, der alle Ebenen unseres Seins verbindet und alle Schichten durchdringt. In unserem Körper pulsiert das Blut, wir hören unseren Herzschlag. Wenn wir unsere Muskeln anspannen, beginnen wir tatsächlich zu vibrieren. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass unsere Zellen tönen.

In der Nada Bindu Upanishad heißt es:

Die karmischen Neigungen von Geist und Prana werden durch ununterbrochene Konzentration auf Nada zerstört.

In den letzten Jahren werden Mantras mehr und mehr in den Yogastunden bewusst genutzt. Mantra- und Klangyogastunden werden immer populärer. Auch Yoga Vidya bietet Aus- und Weiterbildungen zum/zur Mantra Yogalehrer/in an, die u.a. auch von Sundaram mit geleitet werden.

Sundaram, vielen bekannt durch seine Mantra-Konzerte, Workshops, Seminare und Mantra-Yogastunden bei Yoga Vidya, Festivals und andere Events, ist einer der ersten, der vor ca. 10 Jahren Mantra-Yogastunden entwickelt hat. Ausgebildet wurde Sundaram als klassischer Musiker an den Musikhochschulen in Würzburg, Frankfurt und London.

Durch seine Yogapraxis kam er in Kontakt mit den indischen Mantras und Bhajans. Sundaram schafft es, mit seiner klaren und hingebungsvollen Stimme eine Brücke zu bauen, durch die der Hörer das Wahre hinter dem Mantra erkennen kann. Seine Spezialität ist eine nahezu mystische Verbindung von Asana, Affirmation und Mantra, so dass sich Herz und Geist öffnen für Inspiration und Intuition. Alle Ebenen werden tief berührt.

Unsere Fragen an Sundaram

Lieber Sundaram, wann hast du den Schatz deiner Stimme entdeckt?

Sundaram: Das Singen begleitet mich seit meiner frühesten Kindheit in der Familie. Ich kann mich noch gut erinnern, wie wir als Kinder zusammen mit meiner Mutter an Weihnachten zu alten Menschen gegangen sind und ihnen Weihnachtslieder vorgesungen haben. Als Kinder fanden wir das natürlich nicht so spannend, aber im Nachhinein war es eine wertvolle Erfahrung, für die ich meiner Mutter sehr dankbar bin. So richtig entdeckt habe ich den Schatz aber erst in der Verbindung mit den Mantras. Und ich kann nur jeden ermuntern, dies auch zu tun.

Fühlst du dich als Kanal, wenn du die Mantren singst, oder wie spürst du das?

Sundaram: Ich fühle mich eigentlich eher als Schale, die sich immer mehr anfüllt mit der Musik und dem Klang und dann aus der Fülle heraus überfließen kann. Natürlich beinhaltet die Vorstellung eines Kanals letztendlich genau dasselbe, aber es besteht die Gefahr, dass man nichts für sich selbst zurück behält. Ich finde es aber wichtig, aus dem inneren Reichtum heraus zu geben.

Was ist für dich das Besondere am gemeinsamen Mantra- Singen?

Sundaram: Wir alle haben ja zwei grundsätzliche Herzensbedürfnisse: einerseits das Bedürfnis nach Geborgenheit und Vertrautheit und andererseits das Bedürfnis nach Entwicklung und Freiheit. Und diese beiden Bedürfnisse scheinen sich im Leben oft auszuschließen. Das gemeinsame spirituelle Singen ist für mich eine wunderbare Möglichkeit, beide Grundbedürfnisse in einem Augenblick zu erfüllen. Ich bin bei mir, spüre, dass ich selbst das Instrument bin, nehme die Vibration wahr. Ich kann auch eine zweite Stimme dazu singen und so etwas Eigenes, Wahrnehmbares beitragen. Aber gleichzeitig bin ich aufgehoben in dem Gesamtklang und bade sozusagen in der gemeinsamen Schwingung, die den Raum erfüllt.

Kannst Du dich an den Moment erinnern, als Du zum ersten Mal mit Mantra und Yoga in Kontakt gekommen bist?

Sundaram: Mitte/Ende der 90-er Jahre habe ich Gopi Bretz im damals noch einzigen Yoga Vidya Center in Frankfurt kennengelernt. Ihr habe ich viel zu verdanken. Als dann 2001 das Yoga Vidya Center in Mainz entstanden ist, haben wir gemeinsam begonnen zu experimentieren, indem wir ihre große Kompetenz als Yogalehrerin und meine musikalische Kompetenz zusammenfließen ließen. Explizite Mantra-Yogastunden gab es damals noch nicht. Wir haben einfach ausprobiert, was es für Auswirkungen hat, wenn man zu den Asanas bestimmte Mantras oder Kirtans singt. Diese Yogastunden kamen bei den Teilnehmern sofort sehr gut an und von da aus hat sich alles dann weiter entwickelt.

Was macht für dich eine Yogastunde zu einer guten Yogastunde?

Sundaram: Eine Yogastunde sollte alle drei Ebenen unseres Seins berühren. Sie sollte die körperliche Ebene berühren, indem sie unseren Körper stärkt, dehnt und flexibilisiert, sie sollte die mentale Ebene berühren, indem sie unseren Geist zur Ruhe bringt und klar werden lässt. Und sie sollte unsere emotionale Ebene, unser Herz positiv berühren, weil nur so wirkliches Nachvollziehen stattfinden kann. (Stichwort Belohnungszentrum im Gehirn = Lernzentrum).

Menschen, die in deiner Yogastunde waren, berichten von dem Gefühl des Aufgehobenseins und sie fühlen sich von dir in der Yogastunde optimal unterstützt und geleitet. Welche Rolle spielt die Musik deiner Meinung nach dabei?

Sundaram: Gerade wenn wir schon länger Yoga praktizieren, besteht die Gefahr, dass zwar unser Körper perfekt in der Asana ‚Fisch‘ ist, unser Geist sich aber im Supermarkt befindet, bei den Einkäufen, die wir später erledigen wollen. Dabei gehen uns wichtige Ebenen verloren. Beim Yoga geht es ja nicht in erster Linie darum, möglichst fortgeschritten zu praktizieren, sondern bewusst zu praktizieren. Die Musik im Allgemeinen und die Mantras im Besonderen sind dafür ein wunderbares Werkzeug, weil sie den Mandelkern im Gehirn herunterregeln und gleichzeitig das Wohlfühlzentrum aktivieren. Auch die Ausschüttung von Oxytocin (zentrales Hormon für Liebes- und Bindungsfähigkeit) wird verstärkt, das heißt, wir werden entstresst und können dadurch die Asanas länger und müheloser halten.

Seminare mit Sundaram bei Yoga Vidya →

Woran orientierst du dich bei der Mantra-Auswahl?

Sundaram: Asana, Affirmation und Mantra sollten aufeinander abgestimmt sein und einen Dreiklang bilden, der sich gegenseitig inspiriert. Durch ein speziell ausgewähltes Mantra wird der Geist gelenkt, es wird ihm zumindest schwerer gemacht, das zu tun, was er immer gerne macht: er reist in die Vergangenheit oder er reist in die Zukunft, oder – wenn er im Moment ist – er beschwert sich. Durch die Musik wird er beschäftigt und fühlt sich so wohler. Ich finde es aber sehr wichtig, dass wir die Musik nicht zur Berieselung einsetzen, sondern als Werkzeug zur Vertiefung der Praxis.

Worin besteht die Gefahr, wenn Mantra und Asana nicht gut aufeinander abgestimmt sind?

Sundaram: Wenn wir einfach nur eine Musik spielen, dann trägt uns das wieder weg von uns. Yoga ist aber ein Instrument zur Begegnung mit uns selbst. Dabei spielt die Affirmation eine entscheidende Rolle als Verbindungsglied zwischen Asana und Mantra. Die von der Musik ausgelösten Emotionen sind sehr wertvoll. Sie helfen uns, die Erfahrung bis in unser Zellbewusstsein, dort wo wirkliches Lernen sich manifestiert, vordringen zu lassen.

Kannst du ein Beispiel nennen?

Sundaram: Wenn wir z.B. den Fisch nehmen: Man muss ja kein fortgeschrittener Yogi sein, um zu spüren: beim Fisch wird der Brustkorb gedehnt und geweitet. Dadurch hat das Herz, sagen wir mal, einen Millimeter mehr Platz. Das genügt schon, damit die Durchblutung des Herzens leichter vonstatten geht. Man sagt ja auch „das Herz fließt über“. Wenn wir jetzt zu der Asana ein herzöffnendes Mantra z.B. mit dem Aspekt Krishna oder Hanuman spielen, dann verstärkt sich dieser Effekt, insbesondere dann, wenn die Affirmation gezielt darauf hinweist und wenn der/die Praktizierende einen emotionalen Bezug zu Krishna oder Hanuman aufbauen kann.

In deinen Seminaren geht es darum, die heilende Kraft der Stimme zu entdecken und zu entfalten. Mit deiner Jahresgruppe begleitest du Teilnehmer über ein Jahr, damit sie ihre Talente und ihre Kreativität entwickeln können. Kannst du hier von deinen Erfahrungen berichten?

Sundaram: Ich halte es für sehr wichtig, dass wir unseren Fokus auf eine nachhaltige Entwicklung legen. Bezogen auf die Jahresgruppe bedeutet Nachhaltigkeit, die Dinge schrittweise zu „ent-wikkeln“. Dabei ist die Stimme ein Schlüssel zu uns selbst. Jedes Jahr formiert sich eine neue Gruppe, die sich mehrmals im Jahr trifft. So kann Vertrauen und ein Gefühl der Geborgenheit schrittweise entstehen. Oft fehlt am Anfang der Mut, aber wenn wir uns in der Gruppe gegenseitig unterstützen, ist wahnsinnig viel möglich. Man sagt immer, man soll seine Schwächen annehmen. Ja, aber die Stärken und eigenen Potentiale zu erkennen und anzunehmen, ist wohl auch ein wichtiger Punkt. So kann man z.B. seine Stimme entdecken oder auch ein Instrument lernen.

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Müssen denn die Teilnehmer musikalische Vorkenntnisse mitbringen?

Sundaram: Nein, es gibt zwar konkrete Inhalte, es gibt Stimmbildung, Rhythmusworkshops, Sanskritunterricht etc., aber die Jahresgruppe ist kein Musikleistungskurs. Letztendlich ist das alles nur ein Werkzeug, um die eigene Entwicklung geschehen zu lassen. Das kann nicht an einem Wochenende passieren, sondern braucht Zeit. Ich begleite diesen Prozess in der Gruppe. Hier darf alles sein: Hier kannst du lachen, hier kannst du weinen, hier kannst du tanzen. Und es berührt mich sehr, wenn ich sehe, dass Freundschaften entstehen, die auch über das Jahr hinaus bestehen.

Warum ist dir nachhaltige Entwicklung so wichtig? Wo siehst du die Hindernisse auf dem spirituellen Weg, wenn dieser keiner nachhaltigen Entwicklung folgt?

Sundaram: In meiner mittlerweile über zehnjährigen Workshop- und Seminarerfahrung habe ich den Eindruck gewonnen, dass das Konzept der Erleuchtung, so wahr und wunderbar es sein mag, so wie es oft aufgefasst wird, eines der größten Hindernisse darstellt. Man sagt oft „der Weg ist das Ziel“. Häufig ist es aber umgekehrt: Das Ziel ist im Weg! Denn es besteht die Gefahr, dass wir Erleuchtung als ein linear zu erreichendes Ziel begreifen, wie das Ende eines Marathonlaufs. Verbunden damit ist die Vorstellung, dass es auf diesem Lauf bestimmte Wegmarken gibt und damit zwangsläufig Menschen, die diese Wegmarken schon passiert haben und andere, die diese Wegmarken noch nicht passiert haben. So ordnen wir uns und andere auf dieser Geraden ein. Damit ändern wir nur das Ziel, nicht aber die Art und Weise, wie wir unser Leben führen. Wir sagen jetzt nicht mehr: Mein Haus, mein Auto, meine Kinder, sondern wir sagen jetzt: Meine Yogalehrerausbildung, meine Erleuchtung etc. Die spirituelle Suche ist kein Wettbewerb und kein Highway. Viele der Dinge, die wirklich wertvoll sind, können wir nicht auf Vorrat tun. Wir können nicht auf Vorrat atmen, unser Herz schlägt nicht auf Vorrat, wir können auch nicht unser Herz auf Vorrat öffnen, und Inspiration können wir auch nicht auf Vorrat sammeln. Das brauchen wir auch nicht.

Du sagst es geht darum, achtsam zu leben. Wie setzt du das für dich um?

Sundaram: Hm, das ist eine schwierige Frage: Es ist und bleibt ein Versuch. Natürlich spielt konkret die ökologisch-vegetarische Ernährung eine unabdingbare Rolle in meinem Leben, auch die Entscheidung, kein eigenes Auto zu besitzen; und Strom und Gas aus erneuerbaren Quellen zu beziehen. Aber vor allen Dingen geht es natürlich um einen achtsamen Umgang mit dem, was mich gerade umgibt. Es ist selbstverständlich wichtig, die Umgebung so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte. Es ist aber auch wichtig, sich selbst so zu behandeln, wie man gerne von der Umgebung behandelt werden möchte. Es ist und bleibt ein Versuch, der Versuch immer wieder in den Zuhörmodus zu kommen.

Vielen Dank für das Interview!

Das Interview ist im Yoga Vidya Journal Nr. 27

Nähere Informationen zu Sundaram und zur Teilnahme an seiner Jahresgruppe findest du unter www.sundaram.de und info@sundaram.de

Alle Seminare mit ihm bei Yoga Vidya unter www.yoga-vidya.de/seminare/leiter/sundaram

Weitere Infos

 

1 Kommentar zu “Interview mit Sundaram: Nada Brahma – Die Welt ist Klang

  1. Volker Grötzinger

    das liest sich fein und ist eine großartige Erinnerung bzw eben auch Inspiration um nachhaltig am Ball zu bleiben ohne daraus einen Wettbewerb zu machen …

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