Swami Sivananda über Musik

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch „Göttliche Erkenntnis“ von Swami Sivananda.

Musik

Musik ist Gandharva Vidja. Sie ist die älteste aller Künste. Ravana besänftigte Gott Shiva durch Musik. Musik ist ein Medium zum Ausdruck von Gefühlen. Musik entfacht Liebe und erfüllt mit Hoffnung. Sie hat unzählige Stimmen und Instrumente. Musik ist im Herzen aller Männer und Frauen. Musik ist auf ihren Lippen.

Das Wesen der Musik

Musik ist im Wind und in den Wellen. Musik ist in der Nachtigall. Sie ist in den Filmstars und Musikern. Sie ist im Konzert, im Orchester und in den Theatern. Es ist Musik in den fließenden Bächen. Es ist Musik im Weinen von Kindern. Es ist Musik in allem, wenn du Ohren hast zu hören.

Die Macht der Musik

Klang ist die erste Manifestation des Absoluten. Klang ist überreich erfüllt mit transzendenter Seelenkraft und in der gesamten Schöpfung präsent als das eine mächtige Prinzip, das alle anderen Manifestationen wirksam beeinflußt und kontrolliert. Viele Beispiele können genannt werden, um diesen Anspruch des Klanges zu bezeugen, sowohl was das Individuum als auch was den Kosmos betrifft.

Wir haben gehört, wie Tansen in der Lage war, es durch Megha Raga regnen zu lassen, und wie er eine Lampe anzündete, indem er Dipaka Raga sang. Es gibt auch bestimmte Berichte über die tibetischen Lamas, die berichten, wie die Lamas Regenwolken vertrieben und auflösten oder die Wolken sammelten und sie regnen ließen, indem sie die Hörner und Trompeten bliesen und die Trommeln schlugen.

Wir haben auch gehört, wie der Hirsch durch liebliche Musik in die Falle gelockt wird, und wie die Kobra durch süße Musik verzaubert wird. Raga und Punnagavarali bezaubern die Kobra. Nada fängt den Geist. Der Geist erlangt Laya im lieblichen Nada.

Sieh die Kraft von sanften lieblichen Klängen: Sa, Ri, Ga, Ma, Pa, Dha, Ni, Sa. Die Musik hat den Zauber, einen wilden Tiger zu zähmen. Sie läßt Steine erweichen und beugt den Banyan Baum. Sie entzückt, beruhigt und stärkt. Sie erhebt, inspiriert, stärkt und kräftigt. Sie schwingt in der Erinnerung. Sie heilt unheilbare Krankheiten.

Musik erfüllt den Geist mit Sattva. Musik schafft Harmonie im Herzen. Musik bringt das härteste Herz zum Schmelzen. Musik erweicht die grausame Natur des Menschen. Musik tröstet, beruhigt und erfreut Menschen, wenn sie in Bedrängnis sind. Sie tröstet den Einsamen und Verzweifelten. Musik beseitigt Sorgen, Kummer und Ängste. Sie läßt dich die Welt vergessen. Der Mensch wünscht sich Musik, die ihn entspannt und erhebt.

Der fromme Mensch setzt sich mit seiner Ektar Tambura hin, um seinen Geist in der Stille in seinem Herrn aufzulösen. Narada Rishi streift mit der Tambura in der Hand durch die drei Welten und singt Sriman Narayana Narayana. Musik hilft dem Frommen, mit dem Herrn in Verbindung zu treten. Sie macht den Geist rasch einpünktig. Musik bringt Bhava Samadhi. Thyagaraja, Purandara Das, Mira und Tukaram, sie alle haben Gott durch Musik verwirklicht.

Pranava – die Quelle aller Musik

Woher nimmt die Musik diese mächtige Kraft? Aus der höchsten Musik Brahmans, dem heiligen Pranava. Höre die Schwingung der Tambura oder der Veena: hörst du das majestätische Pranava Nada? Alle Musiknoten sind in diesem Pranava auf wunderbare Weise vereint. Alle Musiknoten entspringen aus diesem Pranava. Musik ist dazu bestimmt, dieses Pranava Nada in deinem Herzen widerhallen zu lassen. Denn Om, das Pranava, ist dein wahrer Name, dein wahres Svarupa. Deshalb hörst du gerne Musik, welche nichts anderes ist als die melodiöseste Intonation deines wirklichen Namens. Wenn der Geist diese Anziehung erfährt und eins wird mit der wahren Natur, quillt die große Macht Gottes, die dort gespeichert ist, im Inneren auf und heilt Körper und Geist.

Bhava Samadhi und überintuitives Wissen

Wer Sangita macht, vergißt Körper und Welt. Sangita beseitigt Dehadhyasa, die Identifikation mit dem Körper. Der Bhakta betritt Bhava Samadhi, indem er Musik zur Gottesverehrung singt. Er sieht das größten Lager von Erkenntnis und Weisheit, Ananada, höchste Wonne, von Angesicht zu Angesicht. Daher taucht er aus diesem Samadhi als Jnani auf und strahlt Frieden, Wonne und Weisheit überall um sich herum aus.

Tukaram war ein Landarbeiter. Er konnte nicht einmal seinen Namen schreiben. Er machte immer Sankirtan vom Namen Shri Krishnas Vitthala, Vitthala mit Zimbeln in der Hand. Er hatte den Darshan Shri Krishnas in physischer Form. Sein inneres Auge, Divya Drishti, wurde durch Sankirtan geöffnet. Seine inspirierenden Abhangas sind Texte für Studenten an der Universität von Bombay. Woher nahm der ungebildete Tukaram sein Wissen ? Er zapfte den Brunnen der Erkenntnis durch Sankirtan an. Er drang ein in die göttliche Quelle durch Bhava Samadhi, den er durch tiefes Sankirtan erreichte.

Musik ist spirituell

Musik ist nicht dazu da, um die Nerven zu erregen oder die Sinne zu befriedigen; sie ist Yoga Sadhana, das dich zu Atma Sakshatkara führt. Es ist die erste Pflicht aller Musiker und aller Institutionen, die sich mit der Verbreitung von Musik beschäftigen, das große Ideal und die ursprüngliche Reinheit, die zur Musik gehören, zu bewahren.

Der heilige Thyagaraja, Purandara Das und andere haben das immer wieder gezeigt; und durch ihr Leben der Entsagung und der Hingabe haben sie betont, daß Musik als Yoga angesehen werden muß, und daß wahre Musik nur von dem genossen werden kann, der sich von allen Spuren der Weltlichkeit befreit hat und Musik als Sadhana zur Selbstverwirklichung ausführt.

Thyagaraja verehrte Gott Rama. Die meisten seiner Andachtslieder preisen Gott Rama. Er hatte zu verschiedenen Gelegenheiten den direkten Darshan von Gott Rama. Purandara Das verehrte Gott Vitthala und brachte vierzig Jahre damit zu, Bhakti durch seine Lieder im ganzen Land zu verbreiten. Er hörte die Musik der Seele im Inneren und brachte so seine betörende Musik nach außen. Mira sah Krishna von Angesicht zu Angesicht. Sie sprach mit Krishna, ihrem Geliebten. Sie trank Krishna Prema Rasa. Sie sang aus tiefstem Herzen die Musik ihrer Seele, die Musik ihres Geliebten, ihrer einzigartigen spirituellen Erfahrungen. Ihre Sprache der Liebe ist so stark, daß selbst ein eingefleischter Atheist von ihren hingebungsvollen Liedern bewegt wird. Syama Sastrigal war ein großer Verehrer der Devi.

Er erfreute sich der übergroßen Gnade von Mutter Kamakshi. Muthuswami Dikshitar, der große Nada Jyotis, betrachtete Gott Subrahmanya Selbst als seinen höchsten Guru, und alle seine Kompositionen tragen das Mudra Guruguha.

Musik ist Nada Yoga. Die verschiedenen Musiknoten haben jeweils ihre entsprechenden Nadis oder subtilen Kanäle in den Kundalini Chakras; Musik läßt diese Nadis schwingen, reinigt sie und erweckt die psychische und spirituelle Kraft, die in ihnen schlummert. Die Reinigung der Nadis bringt nicht nur Frieden und Glück des Geistes, sondern macht einen langen Weg im Yoga Sadhana und hilft dem Aspiranten, sein Lebensziel sehr rasch zu erreichen.

 

Der Einfluß der Musik auf Körper und Geist

Eine liebliche Melodie hat einen starken Einfluß auf den Geist und auf das physische Wesen jedes Lebewesens. Der rätselhafte Geist mit seinen tausenden Vasanas und Vrittis ist gefangen in der Musik und liegt ruhig im Schoß des Sadhakas; und er kann ihn zu seiner Melodie tanzen lassen, ihn nach seinem Willen beherrschen und ihn formen, wie es ihm gefällt. Der Geist, das Werkzeug Satans im Menschen, der Zauberstab der Maya und der Schrecken aller spirituell Suchenden, befindet sich in den Händen des Musikyogis unter vollkommener Kontrolle. Das Wunder der Wunder bei diesem Musik Yoga ist, daß nicht nur der Geist des Musizierenden auf diese Weise beherrscht wird, sondern auch die Geiste all derer, die der Musik lauschen. Sie werden ruhig, friedlich und wonnevoll. Deshalb flochten große Heilige wie Mira Bai, Tukaram, Kabir Das, Shri Thyagaraja, Purandara Das und andere ihr Upadesha in süße Musik ein; mit der lieblichen Musik drangen die erhabenen Gedanken leicht in das Herz des Zuhörers ein, das ansonsten ängstlich von der giftigen Kobra der Weltlichkeit bewacht wird.

Die Rishis von einst haben ihre inspirierenden Arbeiten entweder in Vers- oder in Liedform verfaßt. Alle unsere Schriften – Veden, Smritis, Puranas, usw. – sind vertont worden und in Versform verfaßt. Sie haben Rhythmus, Versmaß und Melodie. Im besonderen der Sama Veda ist in seiner Musikalität unerreicht.

Musik ist hilfreich in der Behandlung von Krankheiten. Weise behaupten, daß viele Krankheiten durch den melodiösen Klang einer Flöte, Geige, Veena oder Sarangi geheilt werden können. Sie behaupten, daß in der Musik eine ungeheure Kraft über Krankheiten liegt. Harmonische Rhythmen lieblicher Musik besitzen einen Magnetismus. Sie ziehen die Krankheit heraus. Die Krankheit kommt heraus, um die Musikwelle zu treffen. Die beiden vermischen sich und verschwinden im Raum.

Musik lockert Nervenanspannungen und läßt Körperteile, die unter Anspannung stehen, ihre Normalfunktionen wiederaufnehmen. In Amerika behandeln Ärzte Patienten, die Nervenleiden haben, mit Musik. Im alten Ägypten wurde Musik bei der Heilung von Nervenleiden in Tempeln verwendet.

Sangita oder Kirtan ist die beste Medizin und das beste Stärkungsmittel, wenn alle anderen Medizinsysteme eine Krankheit nicht heilen konnten. Kirtan wirkt Wunder. Kirtan ist die einzige Zuflucht und der Notanker in der Behandlung chronischer unheilbarer Krankheiten. Versuche diese einzigartige Medizin, und erkenne ihren wunderbaren Nutzen. Mache Kirtan am Bett eines Kranken. Er wird bald von seiner Krankheit geheilt werden.

Kirtana Bhakti

Kirtan ist das Besingen der Herrlichkeiten des Herrn. Der Gläubige wird von göttlichem Gefühl durchdrungen. Er verliert sich in der Liebe zu Gott. Sein Körper erschaudert in extremer Liebe zu Gott. Seine Stimme erstickt, und er fliegt in einen Zustand göttlichen Bhavas.

Kirtan ist das Singen des göttlichen Namens mit Gefühl, Liebe und Vertrauen. Beim Sankirtan finden sich Menschen zusammen und singen an einem öffentlichen Ort gemeinsam den Namen Gottes. Sie werden begleitet von Musikinstrumenten wie Harmonium, Violine, Zimbeln, Mridanga oder Khol, usw. Die Christen singen in der Kirche Loblieder vom Klavier begleitet. Das ist auch Sankirtan. Kirtan ist eine der neun Formen von Bhakti. Sankirtan ist eine genaue Wissenschaft. Man kann Gott verwirklichen allein durch Kirtan. Das ist die einfachste Methode, um Gottesbewußtsein zu erreichen. Große göttliche Menschen wie Narada, Valmiki und Suka in früheren Zeiten, und Gouranga, Nanak, Tulsidas, Suradas, usw. in relativ jüngerer Zeit haben alle allein durch Kirtana Bhakti Vollkommenheit erlangt.

Die harmonischen Schwingungen, die durch das Singen der Namen des Herrn erzeugt werden, helfen den Gläubigen, ihren Geist auf einfache Weise zu kontrollieren. Sie haben einen positiven Einfluß auf den Geist. Sie erheben den Geist sofort aus seinen alten Geleisen und Furchen zu wunderbaren Höhen göttlichen Glanzes und göttlicher Herrlichkeit. Wenn man aus tiefstem Herzen Sankirtan macht, mit vollem Bhava und Prem

Die Psychologie in Kirtana Bhakti

Kirtan ist auch aus einem weiteren Grund eine sehr wirkungsvolle Methode der Hingabe. Der Mensch ist ein sinnliches Wesen. Er liebt und liebt. Er kann nicht anders, als Dinge der Welt zu lieben; aber seine Liebe ist nur Leidenschaft und nicht reine göttliche Liebe. Er möchte liebliche Musik hören, schöne Dinge bewundern und einen Tanz sehen. Musik läßt auch das Herz eines hartherzigen Menschen schmelzen. Wenn es auf dieser Welt überhaupt etwas gibt, das das Herz eines Menschen sehr rasch verändern kann, dann sind es Musik und Tanz. Eben dieser Methode bedient man sich im Kirtana Bhakti; aber es wird zu Gott gelenkt anstatt zu den Sinnesobjekten. Die sinnliche Emotion wird zu Göttlichkeit gelenkt und die Liebe zu Musik und Gesang wird nicht zerstört; denn das plötzliche Zerstören eines solchen Gefühls, das dem Menschen sehr lieb ist, kann ihm nicht zu Vollkommenheit verhelfen. Kirtan ist süß und angenehm und verändert leicht das Herz.

Kirtan ist auch für Eheleute die beste Methode. Er erfreut den Geist und reinigt gleichzeitig das Herz. Das hat eine Doppelwirkung.

Mache täglich Sankirtan. Verbreite Sankirtana Bhakti nah und fern. Entwickle Visva Prem durch Sankirtan. Richte überall Sankirtan Mandalis ein. Bringe Vaikuntha auf die Erde – in jedes Haus – indem du Sankirtan pflegst! Verwirkliche deinen Sat-Chid-Ananda Zustand!!

 


 


„Göttliche Erkenntnis“ ist in seiner englischen Ausgabe, „Bliss Divine“, eine der populärsten Schriften Swami Sivanandas. Es ist eine Sammlung von alphabetisch geordneten Auszügen aus seinen zahlreichen Büchern. Es ist in vorzüglicher Weise geeignet, dem Ratsuchenden Hilfe auf seinem Weg zu geben. Sowohl Anfänger als auch Fortgeschrittene finden Inspiration und wertvolle Anleitung. Viele Praktizierende benutzen dieses Buch auch als tägliche Inspiration, um einen Leitgedanken für den Tag zu bekommen.
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