Das Geheimnis des Yoga Vidya Stils

Um die 300 Teilnehmer waren beim 19. Yoga Kongress von Yoga Vidya in Bad Meinberg. Das Thema des Kongresses lautete: Erfolgreich Yoga unterrichten – Das Geheimnis, die Tiefenwirkung und Bandbreite des Yoga Vidya Stils.

Leicht neigt man dazu, den Yoga Vidya Stil auf die Yoga Vidya Grundreihe zu reduzieren. Aber damit würde man dem Yoga Vidya Stil bei Weitem nicht gerecht werden, man würde auch Yoga an sich damit nicht gerecht werden, denn Yoga ist weit mehr als nur Hatha Yoga mit seinen Körperübungen.

Man würde noch nicht einmal Hatha Yoga innerhalb des Yoga Vidya Stils gerecht werden, denn im Yoga Vidya Stil gehören zu Hatha Yoga auch noch Tiefenentspannung, Atemübungen, yogische Ernährung und Meditation dazu. Was macht denn nun den Yoga Vidya Stil aus? Was ist das „Geheimnis“ des Yoga Vidya Stils?

Das Geheimnis ist im Grunde ganz einfach: Es ist die bescheidene Einstimmung auf die Lehrer der Tradition und das Loslassen des vermeintlich Eigenen. Es ist die Einsicht, dass der Yogalehrer nur Instrument ist und es zulässt, dass die Meister durch ihn wirken. Die Tradition geht weiter als die zwei Lehrer, über die bei Yoga Vidya am häufigsten gesprochen wird: Swami Sivananda und Swami Vishnu-devananda. Yoga hat eine jahrtausendelange Tradition, viele Lehrer, viele Schüler, viel Energie ist in diese Tradition schon hineingeflossen. Die Lehrer sind nicht mehr sichtbar manifest und wer glaubt heutzutage wirklich an Energie, an Einstimmung auf Energie?

Der skeptische Geist, der alles besser zu wissen glaubt, fragt sich vielleicht: „Was soll dieser ganze Hokuspokus?“ Der skeptische Geist glaubt nur an das, was er sieht und empirisch untersuchen kann. Yoga Vidya engagiert sich auch im Bereich der wissenschaftlichen Untersuchungen von Yoga in all seinen Aspekten, denn Yoga Vidya geht es darum, Yoga zu verbreiten, Menschen zu erreichen und sie in die Tiefe des großen Geheimnisses einzuführen.

Die Tiefenwirkung von Yoga, Tiefenentspannung, Meditation, Mantras sind erforscht, aber um wieviel tiefer kann Yoga wirken, wenn man bereit ist für das große Geheimnis, wenn man bereit ist, sich für die Lehre und die Lehrer zu öffnen, wenn man bereit ist für das, was man nicht untersuchen kann – bereit, zutiefst zu vertrauen? Wenn man nämlich als Yogalehrer glaubt, dass man selber es tut – das Unterrichten – dann hat man „es verloren“ – so bereitete Swami Vishnu-devananda Sukadev darauf vor, mit 20 seine erste Yogalehrer Ausbildung zu leiten. Er sollte einfach nur loslassen und die Lehrer durch sich wirken lassen. Das ist gleichzeitig die schwierigste Übung – das Loslassen.

Da Yoga Vidya am liebsten jeden Menschen erreichen möchte, ihm Yoga nahe bringen möchte, gibt es eine sehr große Bandbreite im Yoga Vidya Stil. Es gibt unterschiedliche Prinzipien, die den Yoga Vidya Stil prägen. Zum einen ist es der Aufbau nach der schon erwähnten Yoga Vidya Grundreihe mit den vielfältigen Wirkungen der Asanas auf unterschiedlichen Ebenen.

Ein zweites entscheidendes Prinzip ist die Anpassung an die Zielgruppe, an die Bedürfnisse der Teilnehmer. So kann eine Yogastunde im Yoga Vidya Stil nach der entsprechenden Anpassung geeignet sein für einen Yoga-Anfänger, für jemanden, der schon etwas länger praktiziert, für jemanden, der sich besonders fordern möchte, für jemanden mit speziellen körperlichen Bedürfnissen wie Schwangerschaft, Rückenleiden, Kopfschmerzen oder sonstige Beschwerden. Der Yoga Vidya Stil kann auch angepasst werden für jedes Lebensalter, für jede soziologisch-demographische Herkunft. Er kann sportlich ausgerichtet sein oder mehr die Entspannung fördern.

Der Yoga Vidya Stil ist offen für die Vielheit, strebt aber nach dem Geheimnis der Einheit. Deswegen ist ein wichtiges Prinzip, dass eine Asana länger statisch gehalten wird, was im Grunde die Bedeutung des Wortes „Asana“ ist. Wenn eine Asana länger gehalten wird – zumindest zehn Atemzüge lang – man sich dabei auf den Atem konzentriert, fängt man an, in der Asana zu entspannen, in die Tiefe zu gehen und mehr im Hier und Jetzt anzukommen.

Im Yoga Vidya Stil ist es viel wichtiger, dass Körpergefühl des Übenden zu fördern, die Spürgenauigkeit, als nach einer äußeren Ausrichtung zu streben. Es geht also nicht darum, das der Übende ein genaues Bild davon hat, wie eine Asana aussehen muss, es geht vielmehr darum, dass der Teilnehmer ein Gefühl für seinen Körper und dessen Grenzen bekommt, ein Gefühl dafür, diese Grenzen zu akzeptieren oder zu überschreiten, je nachdem wofür er sich selbst entscheidet.

Leicht kann man auch im Hatha Yoga in die Leistungsfalle tappen, höher, schneller, weiter kommen zu wollen. Das kann auch mal schön sein, aber im Yoga Vidya Stil ist Hatha Yoga nur einer von sechs Wegen. Die anderen fünf Wege beschäftigen sich mit anderen Ebenen des menschlichen Seins, mit der Beherrschung der Sinne und des Geistes. Deswegen wäre es wichtig, dass wir bei allem Körperkult, diese andere Ebene von uns nicht vergessen und uns viel häufiger daran erinnern – am besten mindestens fünf Mal so häufig als an Hatha Yoga. Im Grunde geht es im Yoga Vidya Stil genau darum, um das Geheimnis im tiefsten Inneren, das sogar jenseits von Geist ist, das jenseits von allem ist – alles oder nichts.

Die Lehrer unserer Tradition, die dieses Geheimnis für sich herausgefunden haben, stehen uns als Helfer zur Verfügung, wenn wir ihnen die Möglichkeit dazu geben – uns auf sie einstimmen und loslassen. Denn dann werden wir wie Swami Saradananda am Samstagabend des Yoga Kongresses sagte, Dinge wissen, von denen wir gar nicht wussten, dass wir sie wissen.

So will der Yoga Vidya Stil am liebsten jeden in sein Geheimnis einweihen, der bereit ist, sich darauf einzulassen und dabei los zu lassen. Swami Vishnu pflegte zu sagen „Just do it.“ – „Tu es einfach.“ Das gilt für jede Aufgabe und jede Übung, die wir uns vornehmen. Wenn ein Kind nicht den ersten Schritt tut, wird es niemals gehen lernen. Und so müssen auch wir gehen lernen, nicht nach der spektakulären Erfahrung zu suchen, sondern nach dem einfachen Augenblick, nach dem einfachen Sein, in aller Bescheidenheit und Offenheit für die Lehrer und die Lehre. Dann wird „deine Anwesenheit beredter sein als deine Worte.“ (Sivananda Upanishad)

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