Die Geschichte vom Schriftgelehrten und dem Apfel

Ein ehrwürdiger Schriftgelehrter pilgerte einst quer durch das Land. Auf einem Marktplatz inmitten eines kleinen Dorfes angekommen, kam er zum Stehen. Der kluge Mann beobachtete, wie zwei Kinder miteinander um einen vom Marktstand herabgefallenen Apfel stritten.

Da sprach der Gelehrte: „Heh da, ihr Zwei! Wisst ihr nicht um die großartige Einheit des Ganzen? Um das Allesdurchdringende, Göttliche? Um die Fülle, aus der jedes Ding kommt und in die alles wieder zurückkehrt? Die Welt ist wie ein Traum. Wozu da so bitterlich streiten um nichtige Angelegenheiten, um wertlose Dinge, um so ein lächerliches Nichts wie diesen Apfel dort?“

Die beiden Knaben schauten den Mann verwundert an. Einer von ihnen sprach: „Oh Weiser, weißt du nicht, dass sich das Erhabene, Unendliche, nicht teilbare göttliche Ganze in dieser Welt gleichfalls als Verblendung, Habsucht und Zwist manifestiert? Was ist es, das du jetzt und jederzeit erfährst? Wer ist es, der selbst in der Einheit noch Trennung sieht, obwohl er gelehrt ist und meint, zu verstehen?“

Den Gelehrten durchfuhr es wie ein Blitz. Es offenbarte sich ihm, dass das allgegenwärtig Göttliche in Gestalt zweier zankender Kinder ihm augenblicklich diese wichtige Lektion zu verstehen gab:

Meinen, zu wissen, ist nicht Weisheit. Die rechte Einsicht kommt zu gegebener Zeit. Auf deinem Weg als Sucher nach Weisheit meide eitlen Stolz und lasse dich von Bescheidenheit, Aufrichtigkeit und Wertschätzung gegenüber allen Wesen leiten.

Sodann verneigte sich der Mann vor den Kindern und ging seines Weges.

~dg

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