Vier Schüler sprechen über ihren Lehrer

Wenn man wissen möchte, wie Swami Sivananda so war und wie er gelebt hat, fliegt man nach Rishikesh. Wenn man wissen möchte, wie Swami Vishnu-devananda so war, hört man am besten den Erzählungen seiner Schüler zu. Swami Vishnu-devananda wird liebevoll von seinen Schülern einfach nur “Swami Vishnu” genannt oder “Vishnu Swami”. Und so hatten wir die riesengroße Freude, Samstagabend des 19. Yoga Kongresses im Sivananda Saal in Bad Meinberg gleich vier seiner Schüler zu hören, wie sie “ihren” Swami Vishnu so in Erinnerung haben.

Swami Saradananda, Leela Mata, Shanmug und Sukadev beantworten Fragen über Swami Vishnu. Man kann erkennen, wie sie voller Liebe, Respekt und Ehrfurcht über ihren Lehrer sprechen, ihre Sichtweise darstellen und zusammen eine neue Perspektive auf ihn eröffnen, die von Vertrautheit und Nähe bestimmt ist. Swami Vishnu wird durch ihre Worte lebendig, spürbar, fast greifbar.

Wie war die erste Begegnung?

Swami Saradananda hat Swami Vishnu-devananda am längsten gekannt. Sie war von 1969 bis 1992 bei ihm als seine Schülerin und persönliche Assistentin. Sie war so um die 20 Jahre alt und ging im New Yorker Sivananda Yoga Zentrum ein und aus. Die Leitung hatte zu der Zeit eine für sie damals “ältere” Dame (um die 50) namens Swami Ramananda. Es wurde ein Retreat mit Swami Vishnu-devananda organisiert und jemand sollte ihn vom Flughafen abholen.

Swami Saradananda, die zu jenem Zeitpunkt natürlich noch keine Swami war, hat sich dafür gemeldet, Swami Ramananda zum Flughafen zu fahren. Da es viel zu organisieren gab und alles ein bisschen trubelig lief, fanden sie sich am falschen Flughafen ein, um Swami Vishnu-devananda abzuholen. Sie mussten zur Rushhour quer durch die Stadt und zu einem anderen Flughafen, wo er schon hin- und herlaufend auf sie wartete. Sie waren eine Stunde zu spät dran und hatten eine dreistündige Fahrt vor sich, während der Swami Vishnu seinem Unmut lautstark Luft machte – und zwar die ganzen drei Stunden lang.

Swami Saradananda saß am Steuer und Swami Ramananda saß hinten neben Swami Vishnu und weinte die ganze Fahrt lang. Jedes Mal wenn Swami Saradananda sich auch nur gedanklich erlaubt hatte, sich eine Meinung zu der Situation zu bilden, ermahnte Swami Vishnu sie strengstens, einfach nur weiter zu fahren. Sie musste sich immer wieder fragen: “Wer ist dieser Typ eigentlich? Und benehmen Yogis sich so? … und auch einer älteren Frau gegenüber?

Swami Vishnu war zu der Zeit 45 Jahre alt, sah aber aus wie 25. Nun ja, das war ihre erste Begegnung mit ihm. Und sie hat sich eine ganze Weile vor ihm versteckt, bis sie anfing, sein Verhalten zu verstehen. Er wollte nicht, dass Menschen in irgendeiner Form mit ihm verhaftet waren, weil er ja ein Swami war. Die ältere Dame, Swami Ramananda, war sehr stark mit ihm verhaftet und er wollte sie einfach davon “heilen”. Hinter seinem Gebrüll war sehr viel Liebe. Er wollte einfach nur lehren.

forum-am-samstagabend

Die erste Begegnung von Shanmug mit Swami Vishnu war ziemlich unspektakulär. Swami Vishnu hat ihn einfach dazu aufgefordert, der Sannyas-Bewegung beizutreten. Das Spektakuläre war eher, dass er es einfach getan hat, in den Ashram gezogen ist und sich als Sannyas hat weihen lassen.

Die erste Begegnung von Leela Mata mit Swami Vishnu war auf den Bahamas. Sie hatte ihren damaligen Lebensgefährten, Yogi Hari, vorgeschickt. Beim ersten Mal kam er zu dem Schluss, dass er besser Bescheid wüsste über Hatha Yoga als jene, die da lebten. Beim zweiten Mal bestand Swami Vishnu darauf, dass er Swami Nadabrahmananda kennenlernte. Und diese Begegnung war so beeindruckend, dass Yogi Hari der möglicherweise scherzhaften Aufforderung von Swami Vishnu, in den Ashram zu ziehen, nachgehen wollte. Seine ganze Familie, Frau und vier Kinder sollten ihm folgen. Nur kurze Zeit später begannen sie, ihren Lebensraum aufzulösen und Leela Mata setzte mit den vier Kindern per Schiff auf die Bahamas über, wo sie sieben Jahre lang im Ashram lebten. Swami Saradananda erinnerte sich noch daran, dass Leela noch nicht einmal ihren Koffer abgestellt hatte und schon fragte, ob sie helfen konnte.

Sukadev hat Swami Vishnu zum ersten Mal 1986 getroffen. Er war zu der Zeit 18 Jahre alt und er fand, dass die Selbsterleuchtung so langsam eintreten sollte. Nach “langer” Suche fand er schließlich im Sivananda Yoga Zentrum in München ein spirituelles Zuhause mit Götterbildern und Räucherstäbchen. Beim ersten Satsang im Zentrum ging ihm ein Licht auf an der Stelle, wo man so das Dritte Auge vermutet. Dieses Licht hielt einige Tage an und er brachte es ganz besonders mit Swami Vishnu in Verbindung, vermutete in ihm seinen Guru.

Als es dann hieß, dass Swami Vishnu kommen würde, hat er eine Woche lang die Uni geschwänzt, um sich intensiv auf seinen Guru vorzubereiten. (Wenn Sukadev die Geschichte erzählt, schwingt sehr viel Selbstironie mit.) Als Swami Vishnu dann kam, hat er alle begrüßt und ihn einfach ignoriert. Zunächst war er ziemlich geknickt, hatte er doch gehofft, von seinem Lehrer erkannt zu werden und eine entsprechende Begrüßung zu bekommen.

Die Enttäuschung ging weiter, denn an Stelle der Erleuchtung stellte sich eine hektische Suche nach einem Flugzeug ein, mit dem Swami Vishnu über die Tschechoslowakei fliegen wollte. Was sollte das bringen? Als das Angebot für ein Flugzeug da war, lehnte Swami Vishnu es ab, weil zu teuer. Er wollte es später noch einmal probieren und dann über Berlin fliegen. Der kritische Teil im damaligen Sukadev konnte nur innerlich die Stirn runzeln. Die ganzen Aktionen wurden nicht vernünftiger, denn als nächstes, wollte Swami Vishnu mit allen Menschen aus dem Zentrum zum Münchner Marktplatz gehen, damit sie dort für den Frieden auf dem Kopf stehen und Mantras singen sollten. Sukadev hatte so seine Schwierigkeiten zu verstehen, was das mit dem Weltfrieden zu tun haben sollte, denn eigentlich wollte er “nur” die Erleuchtung. Wie auch immer, er hat alles mitgemacht und wollte so schnell nicht aufgeben. Dafür war ihm das Licht in seinem Dritten Auge noch zu gegenwärtig.

Dann stand noch ein Wochenendseminar mit Swami Vishnu an, das zunächst auch keine Erleuchtung für Sukadev mit sich brachte, noch nicht einmal seine Kundalini wurde erweckt. Als er schließlich resigniert für sich feststellte, dass er wahrscheinlich weiter nach einem Guru suchen musste, war er wohl innerlich bereit, seine Erwartungen loszulassen. Und plötzlich merkte er, was wirklich möglich war, denn eine grundlose Herzensfreude hatte sich in ihm breit gemacht. Sein Lehrer hatte ihm den Weg bereitet und Sukadev war bereit, ihm weiter zu folgen.