Warum sich Yoga Vidya von Swami Vishnudevananda distanziert hat

In Mitgliederversammlungen am 17. und 18.12.2019 hat der Yoga Vidya e.V. beschlossen, die Bilder von Swami Vishnudevananda von allen Altären zu entfernen, den Namen von Swami Vishnudevananda nicht mehr in Ritualen und Anrufungen zu verwenden und seine Bücher nicht mehr als Pflichtlektüre zu verwenden.

Folgendes sind die Hintergründe dazu:

Yoga Vidya wurde 1992 gegründet von Sukadev Volker Bretz (geb. 1963). Dieser lernte 1980-1991 in den von Swami Vishnudevananda gegründeten Sivananda Yoga Vedanta Zentren, war 1988 Assistent von Swami Vishnu, 1989-1991 im Vorstand („EBM“) der Sivananda Yoga Vedanta Zentren. Nach Dissenz mit Swami Vishnudevananda, insbesondere in Bezug auf Mönchsgelübde, Sozialversicherung der Gemeinschaftsmitglieder, demokratische vs. autoritäre/willkürliche Entscheidungen trennte er sich 1991 von seinem Meister und den Sivananda Yoga Vedanta Zentren. Nach einigen Monaten Reisen und Nachdenken und tiefen Meditationserfahrungen in Indien gründete Sukadev im Juni 1992 das erste Yoga Vidya Center in Frankfurt, um einen lebensnahen Yoga zu lehren, klassischen Yoga in seiner ganzen Bandbreite (säkular bis spirituell, körperlich bis geistig, entspannend bis sportlich). Dabei war Anliegen, Yoga zu verbinden mit humanistischer Psychologie, mit demokratischen Entscheidungsprozessen sowie klaren Regeln gegen jegliche Ausnutzung von Verantwortungsposition/Lehrerposition. Bei allen Differenzen zu Swami Vishnudevananda wollte Sukadev das Gute seiner Lehren dankbar weitergeben und behielt einen hohen Respekt zu seinem Lehrer, was ab Ende der 1990er Jahre (und nach dem Tod von Swami Vishnu) dazu führte, dass Swami Vishnus Bilder in den Yoga Vidya Zentren und Ashrams aufgehängt und sein Name in Verehrungsritualen mit einbezogen wurde. Diese Praxis wurde am 17.12.2019 aus folgenden Gründen abgeschafft:

Am 10.12.2019 hat die Assistentin von Swami Vishnudevananda auf Facebook gepostet, dass sie während ihrer 11-jährigen Assistenzzeit (1982-1993) bei Vishnudevananda 3 Jahre (1984-1987) sexuelle Beziehungen zu ihm hatte, was sie heute als sexuelle Übergriffe („sexual abuse“) bezeichnet. 2 andere Frauen haben von sexuellen Beziehungen zu ihm in den 1970er Jahren berichtet, die sie heute als sexuelle Übergriffe ansehen. Dieser Post wurde viel geteilt und kommentiert. Sukadev Bretz, Gründer und 1. Vorsitzender des Yoga Vidya e.V. hatte dazu 2 Tage später ein Video-Statement veröffentlich, in dem er seine Betroffenheit zum Ausdruck gebracht hat.

Statement des Vorstands des Yoga Vidya e.V. – 18.12.2019

Hier nimmt der Vorstand des Yoga Vidya e.V. Stellung zu diesen Vorwürfen und begründet die Konsequenzen, die Yoga Vidya ergriffen hat.

  • Zunächst möchten wir den Menschen, die durch Swami Vishnu-devananda tiefes Leid erfahren, nochmals ausdrücklich unser Mitgefühl aussprechen. Wir haben Respekt und Hochachtung vor Juli Salter, die am 10. Dezember mutig genug geworden war, das ihr wiederfahrene Leid öffentlich zu machen. Obwohl ein Teil von uns immer noch hofft, dass Swami Vishnu-devananda weder sie noch andere Personen sexuell missbraucht hat, erscheinen uns ihre Schilderungen als glaubwürdig.
  • Als Gemeinschaft basieren wir auf grundlegenden Werten, die für uns alle gelten, egal ob als Mithelfer, Sevaka (Gemeinschaftsmitglied) oder Vereinsmitglied auf Leitungsposition. Wir müssen aufgrund der Äußerungen der Betroffenen den Eindruck gewinnen, das Vishnudevananda  einige dieser Grundwerte – zumindest zeitweise – verletzt hat, darunter Ahimsa (Nichtverletzen), Satya (Ehrlichkeit), und Brahmacharya, das Vermeiden sexuellen Verhaltens. Dies stände dann im eklatanten Widerspruch sowohl zu seinem Mönchsgelübde als auch dem, was wir als Gemeinschaft im Umgang miteinander gut heißen können. Übergriffiges Verhalten jeglicher Art lehnen wir, egal auf welcher Ebene – entschieden ab. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei ungleichen, abhängigen Beziehungen, die durch hierarchische Strukturen, unterschiedliche Positionen zwischen Leitern, Lehrern und Lernenden, aber auch durch spirituelle Rahmenbedingungen geschaffen werden können.
  • Wie wir erfahren haben, werden die Sivananda Yoga Zentren eine unabhängige Kommission einrichten, die die bestehenden Vorwürfe untersuchen wird. Inwiefern hierdurch der Wahrheitsgehalt festgestellt werden kann, bleibt abzuwarten. Auch wir wünschen uns so viel Offenheit, Ehrlichkeit und Transparenz aller Beteiligten wie möglich.
  • Wir wünschen den Betroffenen, dass sie die vollumfängliche Unterstützung finden, die eine heilsame Verarbeitung der Geschehnisse möglich macht. Mögen Sie genug Kraft finden, die jetzt benötigt wird, um mit allem, was nun womöglich noch auf sie zukommt, umzugehen.
  • Die Bilder von Vishnu-devananda werden in allen Ashrams und Stadtzentren von den Altären und anderen Orten der Verehrung abgehängt
  • Sein Name wird aus allen Mantren, Stotras und Shlokas gestrichen
  • Sein Name wird ebf. aus dem obgligatorischen Gruß an die Meister entfernt
  • Seine Bücher sind nicht mehr verpflichtende Lektüre in Yogalehrerausbildungen. Alternative Bücher werden empfohlen
  • Yoga Vidya geht seit seiner Gründung einen eigenen Weg der Yoga-Lehre. Dieser Weg gründet sich auf die Yoga Vedanta-Tradition Shankaracaryas und Swami Sivanandas. Orientiert an den zentralen Schriften des Hatha-, Jnana-, Kundalini-, Raja-, Karma- und Bhakti Yogas und am Erfahrungswissen der vorangehenden Meister, von denen auch Swami Vishnudevananda ein Teil ist, entwickelt er ursprüngliche Lehrtraditionen weiter, nimmt andere Einflüsse mit auf und grenzt sich dort ab, wo dies unserem Verständnis eines gewaltfreien, demokratisch-humanistischem, achtsamen Umgang untereinander widerspricht. Die jetzt getroffenen Entscheidungen sind auch Ausdruck unserer ganz eigenständigen Suchbewegung nach dem richtigen, guten Weg hin zu dem höchsten Ziel, nach dem wir alle streben: der Erfahrung von Einheit als allumfassendes Sein, höchstes Bewusstsein und tiefster Freude.

    Statement von Sukadev vom 14.12.2019

    Hier Auszüge aus der Transkription des ersten Video Statements von Sukadev:

    „Ich bin tief getroffen und weiß noch nicht, wie ich innerlich damit umgehen soll. Die Vorwürfe nach 30 beziehungsweise 40 Jahren sind nicht auf Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Allerdings steht zu befürchten, dass mindestens die Vorwürfe seiner Assistentin korrekt sind. Ich kannte Julie recht gut und schätzte sie sehr. So lange wie ich Swami Vishnudevananda kannte, war sie Assistentin bei ihm. Mein Bild von ihm wurde entscheidend vorn ihren Aussagen geprägt. Nachdem Swami Vishnudevananda durch einen Schlaganfall (1990) zum Pflegefall geworden war, pflegte sie ihn mit großer Hingabe 3 Jahre lang. 1990- 1999 war sie im Vorstand der International Sivananda Yoga Vedanta Centers, von 1993 eine der Nachfolgerinnen von Swami Vishnudevananda und Leiterin des Hauptsitzes, Sivananda Yoga Vedanta Camp. Mein Mitgefühl geht zu den Frauen, die fast 30 beziehungsweise über 40 Jahre gebraucht haben, um genügend Mut zu bekommen, damit an die Öffentlichkeit zu gehen.

    „Ich selbst wusste von diesen Vorfällen nichts während meiner Zeit bei Sivananda Yoga Vedanta. Es gab Gerüchte, dass Vishnudevananda in den 1970er Jahren sich nicht an sein Swami-Brahmacharya-Gelübde (Zöilbats-Gelübde) gehalten hätte. Es wurden auch Namen angedeutet. Allerdings haben die Frauen, die ich dann gefragt hatte, verneint. Auch andere, die ich aus der damaligen Zeit kannte, darunter damalige Vorstandskollegen, sagten mir, sie hätten nichts davon gewusst.

    „Yoga Vidya ist ja ursprünglich in Abgrenzung von Swami Vishnudevananda gegründet worden. Die ersten Jahre war er auch nicht auf dem Altar, wurde auch nicht besungen. Gründe waren damals nicht sexuelle Übergriffe sondern andere Enttäuschungen, die ich im Nachhinein für mich innerlich relativiert habe. So habe ich im Lauf von 26 Jahren meine eigene Bhakti (Ehrerbietung) zu Vishnudevananda schrittweise erhöht  und vermehrt dazu angeleitet, ihn zu verehren. Ich muss mir heute vorwerfen, dass ich andere dazu veranlasst haben, einen Menschen zu verehren, dem die Yoga Bewegung auf der einen Seite viel verdankt, der aber auf der anderen Seite menschliche Schwächen hatte, die Leid erzeugt haben. Dafür bitte ich aus tiefstem Herzen um Entschuldigung.“

Auszüge Rede Sukadevs auf der Sevaka Versammlung am 17.12.2019

„Swami Vishnu sagte immer wieder, dass er kein Heiliger sei, dass er jeden Tag darum betet, ein besserer Mensch zu werden.

Eventuell sind die vielen Retreats, die er ab Mitte der 1970er Jahre machte, auch als Sühne zu verstehen bzw. als Versuch, über seine Verfehlungen hinauszuwachsen. Hier nur ein paar Beispiele: 1981 ging Swami Vishnu Mai-Dezember allein in eine Höhle in Gangotri, 1985 (oder 1986) wollte er den ganzen Winter in der Höhle verbringen (ihm froren dabei die Zehen ab). 1986 und 1987 verbrachte er jeweils 2-3 Monate im Schweigen, 1988 ein ganzes Jahr (im Juli/August unterbrach er sein Schweigen täglich für 1 Stunde). Das sind nur einige der Retreatzeiten, die er machte. Im christlich geprägten Westen macht man nach Verfehlungen öffentliches Bekenntnis, spricht seine Reue aus und nimmt dann Bestrafung an. In diesem Sinn hätte Swami Vishnu seine Fehler bekennen müssen, seine Gelübde ablegen müssen, eventuell heiraten sollen, eventuell Therapie suchen müssen. Und er hätte es nicht erlauben dürfen, dass sein Bild auf den Altar gestellt und sein Name im Jaya Ganesha erwähnt wird.
Im indischen Kontext übt man Tapas (Askese), Dana (Wohltätigkeit, Yajna (u.a. Sühnerituale), um Paapas (Sünden) zu sühnen.

Nach ziemlichem Gefühlschaos habe ich weiterhin eine gewisse Hochachtung vor Swami Vishnu, der sein Leben der Verbreitung des Yoga gewidmet hat. Ohne ihn gäbe es die weltweite Yoga Bewegung nicht so wie sie ist – und Yoga Vidya überhaupt nicht.

  1. Verdienste von Swami Vishnudevananda

Unabhängig von seinen Verfehlungen und dem Leid, dass Swami Vishnudevananda einzelnen zugefügt hat, bleiben auch seine Verdienste:

Verbreitung des Yoga: Swami Vishnu widmete sein Leben der Verbreitung von Yoga. Er war in vielerlei Hinsicht Pionier und ermöglichte überhaupt die große Verbreitung des Yoga, die wir heute kennen, auch weil Lehrende anderer Traditionen seine Konzepte übernahmen. Hier ein paar Beispiele:

  • Gruppenunterricht: Traditionellerweise wird Yoga im Einzelunterricht weitergegeben. Swami Vishnu erkannte, dass für die Verbreitung des Yoga Yogastunden und Kurse in Gruppen wichtig sein würde
  • Verbindung des Hatha Yoga mit Karma Yoga Konzepten: Kein britischer Militärdrillstil, wie es andere Yogalehrer seit den 1940er/1950er Jahren lehrten, sondern: Hören auf seinen Körper, so weit gehen wie angenehm, dabei Konzentration auf Atmung, Entspannung und Bewusstheit
  • Entwicklung von systematisch aufgebauten Yogakursen, in denen Yoga Anfänger gut Fortschritte machen können
  • Gründung von Yogazentren, in denen Yoga in Abendkursen gelehrt wird (traditionellerweise mussten Schüler beim Yogameister einige Monate leben, um Unterricht zu bekommen)
  • Konzept von Yoga Ashrams im Westen
  • Yoga Lehrbuch mit vielen Fotos zum Selbstüben: „Complete Illustrated Book of Yoga“, Millionenauflage in den 1960er/1970er Jahren
  • Entwicklung von systematischen Yogalehrer Intensivkursen (erst 6 Wochen, später 4 Wochen): Bis heute bildet keine Institution jedes Jahr so viele Yogalehrer aus wie Sivananda Yoga Vedanta. Gerade weil Swami Vishnu das Unterrichtswissen so frei weitergab, konnte sich Yoga so entwickeln – auch weil es viele „Nachahmer“ gegeben hat, die eigenständige Ausbildungen in ihrer Yoga Tradition entwickeln. Vor Swami Vishnu gab es kein Konzept, wie man systematisch Menschen zum Yoga Unterrichten qualifizieren kann

Gleichbehandlung von Geschlechtern, Kulturen, Religionen: In den Zentren und Ashrams von Swami Vishnu gab (und gibt) es vollständige Gleichberechtigung von Männern und Frauen: Männer und Frauen leiten Yoga Zentren, Yoga Ashrams, Yoga Ausbildungen, können Swami (Mönch/Nonne) werden. Im Vorstand waren und sind in etwa gleich viele Männder und Frauen. Im Vorstand gibt es große Diversität: katholisch Aufgewachsene, protestantisch, jüdisch, hinduistisch oder atheistisch aufgewachsene. Menschen aus einfachen Verhältnissen mit einfacher Schulbildung und Universitätsabsolventen, aus armen Verhältnissen und wohlhabendem Elternhaus. In den Ashrams erlebte und erlebt man „United Nations“, Menschen aus den verschiedenen Ländern und Kulturen, harmonisch zusammen.

Einsatz für den Weltfrieden: Bekannt sind Swami Vishnudevanandas Missionen für den Weltfrieden: Friedensflüge von Israel nach Ägypten (ca. 1972), Friedensmarsch durch „No-Go-Areas“ in Belfast mit dem Schauspieler Peter Sellers (1970er Jahre), Friedensflüge im Indo-pakistanischen Krieg 1971, Mediationsversuche in den Hindu-Sikh-Unruhen 1984, Kopfstände für den Frieden vor vielen Parlaments- und Regierungsgebäuden vieler Staaten. In Deutschland am bekanntesten sein Flug über die Berliner Mauer 1983. Swami Vishnu setzte immer wieder sein Leben für Friedensaktionen auf’s Spiel.

Einsatz für Ökologie, Vegetarismus: Swami Vishnudevananda organisierte schon in den 1970er und 1980er Jahren Kongresse für Ökologie, propagierte vegetarische Ernährung und nachhaltigen Lebensstil.

Interreligiöser Dialog: Swami Vishnu hatte Freunde bzw. enge Bekannte unter jüdischen Rabbis und christlichen Priestern. Sein Credo findet sich in einem seiner Lieblingslieder: Namen sind viele, aber Gott ist eins, liebe deinen Nächsten wie dich selbst. („Names are many but God is one. Love Thy neighbour as thyself“). Angehörige verschiedenster Traditionen hielten Reden, Vorträge und Gottesdienste auf Kongressen und an Feiertagen.

Verbindung von Komplementärmedizin mit Schulmedizin, Naturwissenschaft, Ayurveda und Yoga: Swami Vishnu förderte die empirische Untersuchung der Wirkungen des Yoga. Ihm war die wissenschaftliche Überprüfung von klassischen Aussagen wichtig. Er sah in der Verbindung von Komplementärmedizin mit Schulmedizin, Naturwissenschaft, Ayurveda und Yoga die Gesundheitswissenschaft der Zukunft.

Letztlich stand Swami Vishnudevananda für Verbindung von Yoga mit Gleichberechtigung, Völkerverständigung, Friedfertigkeit unter den Religionen, Pazifismus, Ökologie, sozialem Ausgleich, Wissenschaft, Medizin, Psychologie, andere soziale, spirituelle und ökologische Bewegungen. Er lehrte Ahimsa (Nichtverletzen) und Satya (Wahrhaftigkeit) als Grundlage aller Ethik und yogischem Verhalten.

Umso tragischer ist es, dass Swami Vishnudevananda seinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht wurde, wahrscheinlich Schülerinnen gegenüber sexuell übergriffig wurde.

Gerade weil er so ein charismatischer Mensch war, muss das Leiden der Opfer umso größer gewesen sein. Ihnen gilt unser Mitgefühl. Mögen sie Heilung erfahren. Möge dieser Prozess des Offenlegens der Verfehlungen von Swami Vishnudevananda nach all diesen Jahrzehnten ihnen helfen.

Yoga Vidya und Sivananda Yoga Vedanta

Yoga Vidya ist in Abgrenzung von Sivananda Yoga Vedanta entstanden. Gerade Sivananda Yoga Vedanta lehnte eine Zusammenarbeit mit Yoga Vidya seit 1992, von kurzen Versuchen ca. 2003-2009 abgesehen, immer wieder ab.

Yoga Vidya würde sich wünschen, dass Sivananda Yoga Vedanta offen und ehrlich das Fehlverhalten von Swami Vishnudevananda benennen und so das Leiden der Opfer anerkennen und zu ihrer Heilung beitragen würde. Allerdings erkennt Yoga Vidya auch an, dass Sivananda Yoga Vedanta, welches sich so sehr auf Swami Vishnudevananda bezieht, da ganz andere Identitätsprobleme hat als Yoga Vidya.

Viele Yoga Vidyaner haben weiterhin tiefe Verehrung und Dankbarkeit gegenüber Swami Sivananda (1887-1963), von dessen Ashram und Gemeinschaft („Divine Life Society“) sich Swami Vishnu 1957 abgesetzt und mit Gründung der „International Sivananda Yoga Vedanta Centers“ unabhängig gemacht hatte.

Demokratische und ethische Prinzipien bei Yoga Vidya

Yoga Vidya lehrt klassisches Yoga in all seinen Aspekten, für Gesundheit, Wohlbefinden, mehr Energie, Persönlichkeitsentwicklung und spirituelle Entwicklung. Uralte bewährte Prinzipien werden kombiniert mit modernen Erkenntnissen, Einsichten und Techniken.

Klassische indische Ashramprinzipien und traditionelle Yoga Didaktik werden mit modernen demokratischen, humanistischen, modern-berufsethischen Prinzipien sowie Techniken aus der gewaltfreien Kommunikation ergänzt. Insbesondere werden traditionelle hierarchische Strukturen durch basisdemokratische Elemente ersetzt soweit praktikabel und sinnvoll.

Dabei ist Yoga Vidya e.V. einem humanistisch-spirituellen Welt- und Menschenbild verpflichtet, das von Respekt zu allen Menschen unabhängig ihrer religiösen, kulturellen, ethnischen Herkunft geprägt ist und steht auf der Basis des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland und der freiheitlich-demokratischen Grundordnung.

Traditionelles Yoga mit modernen Prinzipien

Bei Yoga Vidya werden Yoga Übungen und Praktiken angepasst gemäß medizinischen, sportwissenschaftlichen und psychologischen Studien sowie ergänzt mit Techniken aus anderen Traditionen.

Anders als rein traditionelle Yoga Bewegungen geht Yoga Vidya nicht davon aus, dass bei Konflikten und Problemen das Ego des Schülers die Ursache ist, sondern dass Konflikte zum Leben dazu gehören, Wachstumschancen für alle bieten und im Zweifelsfall die diversen Bedürfnisse des Yoga Übenden besondere Wichtigkeit haben.

Hier einige Beispiele dafür:

Demokratische Organe und Rechtsprinzipien

Yoga Vidya e.V. hat über 4000 Mitglieder aller Altersgruppen. Der Vorstand wird von der Mitgliederversammlung für 3 Jahre gewählt. Sie beschließt über Satzungsänderungen, große Projekte etc.

Die Gemeinschaftsmitglieder, die in den Ashrams und Zentren leben, treffen sich wöchentlich zur Sevaka-Versammlung, in der alle wichtigen Beschlüsse für das Gemeinschaftsleben per Stimm-Votum gefasst werden.

Mitglieder in Verantwortungspositionen werden von allen Sevakas oder den Team-, Center-, Ashram, Bereichsleiter*innen des betreffenden Teams gewählt bzw. abgewählt. In Schulungen durch externe Coaches werden sie u.a. in gewaltfreier Kommunikation geschult und können Supervision in Anspruch nehmen. Neue Mitglieder in der Gemeinschaft werden von der Sevaka-Versammlung gewählt bzw. ausgeschlossen.

Gewaltprävention

Zur Gewalt-/Missbrauchsprävention wählen die Gemeinschaftsmitglieder entsprechend geschulte Vertrauenspersonen. Schriftliche Richtlinien erleichtern den Umgang mit Konflikten. Verbale, physische, psychische oder sexuelle Gewalt, die schwerwiegend gegen die allgemein geltenden Gesetze verstoßen, werden zur Anzeige gebracht. Dazu gehören alle Formen von körperlichen Misshandlungen, mutwillige oder gezielte Zerstörung von Gegenständen und der Übergriff auf Tiere.

Auch Fälle psychischer Gewalt in Form von emotionaler Schädigung, verbalen Drohungen, Beleidigungen, Ausnutzung einer Machtposition oder einschüchterndes kontrollierendes Verhalten werden geahndet. Gleiches gilt für nicht einvernehmliche sexuelle Handlungen, wie Belästigung, unerwünschte Berührungen und wiederholt anzügliche Bemerkungen.

Jede Form von Gewalt gegen Kinder wird als besonders schwerwiegend betrachtet, dem Jugendamt gemeldet und ggf. angezeigt. Bei Gewaltausübung gegen Tiere wird der Tierschutz hinzugezogen.

Zur Gewaltprävention werden für alle Sevakas und Angestellte in Verantwortungspositionen regelmäßige Schulungen zum Thema Ahimsa/Himsa und Konfliktlösung durchgeführt. Die Teilnahme ist für alle Gemeinschaftsmitglieder verpflichtend.

Verhaltensempfehlungen bei Vorstufen von Gewalt

Den Gemeinschaftsmitgliedern empfiehlt Yoga Vidya eine klare Kommunikation, was als unerwünscht bzw. als Regelverstoß empfunden wird. Jeder ist in der Verantwortung, seine Grenzen freundlich, aber unmissverständlich aufzuzeigen.

Für aufklärungsbedürftige Situationen sollte eine Person, die das Vertrauen des/der Betroffenen genießt, hinzugezogen oder sich an die offiziell gewählten Vertrauenspersonen gewandt werden.

Scheitern Aufklärung oder Schlichtung, sollte sich die/der Betroffene an das Sevabüro, Team-, Bereichs-, Ashramleiter*innen, die dafür bestimmte externe Ahimsa-Beauftragte und/oder Polizei/Staatsanwaltschaft wenden.

Die Ahimsa-Beauftragte ist im Umgang mit allen Formen von körperlicher, psychischer oder sexualisierter Gewalt geschult und kann jederzeit angerufen werden.

Der Shanti-Rat

Der alle 2 Jahre neu gewählte Shanti-Rat ist eine Berufungsinstanz für Sevakas, die mit einer Entscheidung nicht einverstanden sind. Dies können Entscheidungen zur Unterstützungskasse, Konsequenzen bei Gewaltausübung, Ausschluss aus der Gemeinschaft, Hausverbote, ungerechte Behandlung durch Team- oder Bereichsleiter*innen u.a. sein.

Dabei wählt der Shanti-Rat – nachgeschaltet zu den unmittelbar zuständigen Gremien ‑  Mittel der Schlichtung/Anhörung. Er ist nicht zuständig für Beschwerden von Gästen und Teilnehmer*innen.

Berufsethische Prinzipien des BYV

Der Berufsverband für Yogalehrende (BYV) ist von der Mitgliederzahl her der zweitgrößte YogalehrerInnen-Verband Deutschlands und bildet jährlich um die 1000 YogalehrerInnen aus.

Hier Auszüge aus den Ethikrichtlinien des BYV:

Verhältnis LehrerIn/AnbieterIn – SchülerIn/ NachfragerIn

Die Mitglieder des BYV sind sich ihrer Verantwortung gegenüber ihren SchülerInnen/ TeilnehmerInnen bewusst und verpflichten sich:

  • 7. die Würde, Entscheidungsfreiheit, Eigenverantwortung und Persönlichkeit der SchülerInnen/- TeilnehmerInnen zu achten und zu respektieren;
  • 8. zur Gleichbehandlung aller Personen ungeachtet ihres Geschlechts, ethnischen Ursprungs oder nationaler Zugehörigkeit
  • 9. alle Techniken zu unterlassen, die auf eine manipulative Beeinflussung des Willens anderer abzielen
  • 10. auf jede Art von materieller, psychischer oder sozialer Ausnutzung zu verzichten
  • 11. das Wissen über die SchülerInnen/TeilnehmerInnen vertraulich zu behandeln und nicht an Dritte weiterzugeben
  • 12. zur Toleranz gegenüber anderen Lebens- und Weltanschauungen, politischen oder religiösen Überzeugungen

Tätigkeits- und Selbstverständnis

Die Mitglieder des BYV sind sich ihrer Verantwortung gegenüber ihrem Berufsstand bzw. ihrer Arbeitsmethode bewusst und verpflichten sich

  • 13. sich fortzubilden und für ihre Weiterentwicklung zu sorgen
  • 14. nur solche Strategien und Methoden anzuwenden und anzubieten, in denen sie Kompetenz und/oder berufliche Qualifikation erworben haben
  • 15. andere Methoden und Arbeitsansätze zu achten, sowie ihren Kollegen mit Respekt und Aufrichtigkeit zu begegnen
  • 16. die Freiheit, Eigenverantwortlichkeit und Gesundheit des Einzelnen zu fördern und zu erhalten
  • 17. zur Ausrichtung auf Gewaltfreiheit

Die Mitglieder des BYV grenzen sich von allen totalitären, autoritären und solchen Tendenzen ab, die die Entfaltungsfreiheit oder die Würde des Menschen bedrohen oder verletzen. Sie teilen eine ganzheitliche Sichtweise.

Auszüge aus „Richtlinien für Seminarleiter/innen und Yogalehrer/innen in den Yoga Vidya Zentren und Ashrams

Präambel des Yoga Vidya e.V.
Der Yoga Vidya e.V. ist einem humanistisch-spirituellen Welt- und Menschenbild verpflichtet, das von Respekt zu allen Menschen unabhängig ihrer religiösen, kulturellen, ethnischen Herkunft und sexuellen Orientierung geprägt ist und steht auf der Basis des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland und der freiheitlich-demokratischen Grundordnung.

In Umsetzung der Präambel der Satzung des Yoga Vidya e.V. halte dich bitte bei deiner Unterrichtstätigkeit in einem der Yoga Vidya Ashrams und Center folgende Richtlinien:

Keine sexuellen Annährungsversuche und sexuelle Beziehungen zu Schülern/-innen, Teilnehmern/-innen
Wir möchten dich bitten, keine sexuellen Annährungsversuche und sexuelle Beziehungen zu Schülern/-innen, Teilnehmern/-innen während der Seminare/Ausbildungen anzustreben oder aufzunehmen. Belästige
eine/n Seminarteilnehmer/in niemals sexuell.
Ein sexuell intendiertes Verhalten hat nach unserem Verständnis im Rahmen eines Seminars zwischen Seminarleitung und Teilnehmern keinen Platz. Insofern bitten wir um die konsequente Umsetzung von
Brahmacharya im engeren Sinne zwischen Seminarleitung und den Teilnehmer*innen. Wir bitten von gegenseitigen Besuchen auf den Zimmern abzusehen. Ausnahme ist Fürsorge bei Krankheit.
Wir bitten, von unüblichen Berührungen, auch bei den Asana Hilfestellungen, abzusehen.

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