43 Coole Gelassenheit

Gelassenheit Entwickeln - Podcast für mehr Gelassenheit im Alltag

Sukadev beschreibt seine Phase der “Coolen Gelassenheit”: Durch die Praxis von Jnana Yoga und Vedanta lernte er die Einstellung eines Beobachters einzunehmen. So berührte ihn das Leben weniger – und er spürte keinen Leistungsdruck. Vierte autobiografische Podcast-Folge.

43. Folge des Yoga Vidya Gelassenheits-Podcast.

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In meinem Leben war die nächste Phase auf dem Weg zur Gelassenheit der Jnana-Yoga-Standpunkt, der Beobachterstandpunkt, die so genannte coole Gelassenheit. Das war eine wichtige Phase meiner spirituellen Entwicklung und zugegebenermaßen auch eine, die ich heute häufig weiter anwende. Wie ich eben festgestellt hatte, ist es schwierig, den Geist vollständig zu kontrollieren, denn das Bekämpfte, das Negierte, Unterdrückte kommt einem oft wieder entgegen, und wenn es gelingt, das weitestgehend zu beherrschen, dann entsteht oft ein schales Gefühl der Mittelmäßigkeit. Und die vollständige Gotteserfahrung war trotz vieler Jahre intensiver Bemühungen so leicht nicht erreichbar. Also hatte ich gedacht, es muss eine Abkürzung geben und so bin ich zum Jnana-Yogaweg gekommen. Es stimmt natürlich nicht, dass ich erst dann zum Jnana-Yogaweg gekommen bin, ich habe ja schon mit siebzehn die Upanishaden gelesen, die Werke von Shankaracharya, die hatten mich auch fasziniert und immer wieder bin ich auch den Jnana-Yogaweg gegangen. Aber in einer bestimmten Phase war dann der Jnana-Yogaweg für mich besonders wichtig: Beobachte alles, identifiziere dich mit nichts. Verstehe alles, du brauchst nichts zu ändern. Sei im Hier und Jetzt. Es gibt keine Notwendigkeit, irgendetwas zu beherrschen. Es gibt keine Notwendigkeit, irgendetwas zu ändern.

Jetzt und in diesem Moment gilt: Satchidananda Swarupoham. Deine wahre Natur ist Sein, Wissen und Glückseligkeit und zwar jetzt. Über diese Prinzipien habe ich ja ausführlich gesprochen. Und dass ich das so ausführlich getan habe, da spricht sicherlich meine Faszination daraus. Und als einen Aspekt meiner spirituellen Praxis und meines Lehrens schätze ich diesen Jnana-Yogaaspekt wirklich sehr. Ich meine zwar heute, er muss noch ergänzt werden durch anderes, aber das ist eine einfache Technik. Du brauchst gar nichts so sehr zu beherrschen, eine gewisse Beherrschung ist hilfreich, aber es ist nicht notwendig, eine vollständige Beherrschung zu haben. Du brauchst nur den Geist bis zu einem gewissen Grad zu beherrschen, dass er in der Lage ist, so zu denken, wie es im Jnana Yoga üblich ist. Sei es, entweder zu beobachten. Beobachten – du beobachtest deine Gefühle, du beobachtest deine Emotionen, du beobachtest deine Gedanken, du beobachtest das Kommen und Gehen des Atems, du beobachtest das Kommen und Gehen von Gedanken, du beobachtest das Kommen und Gehen von Gefühlen, du beobachtest das Kommen und Gehen von Wünschen, du beobachtest das Kommen und Gehen von körperlichen Empfindungen. Du kannst alles beobachten, du brauchst nichts zu ändern. Du kannst alles verstehen, du brauchst nichts zu tun. Du weißt, dass deine wahre Natur Sein, Wissen und Glückseligkeit ist, du musst sie dir nicht verdienen. Wenn es dir gelingt, dich zu lösen vom Beobachtbaren, dann kannst du den Geist richten auf das, was du wirklich bist, und du bist Satchidananda Swarupoham. Und das ist etwas sehr Befreiendes, du kannst im Hier und Jetzt diese höchste Erfahrung mindestens erahnen.

Ein Problem damit war, es wird etwas zu cool. Alles beobachten, dich von nichts berühren zu lassen, Emotionen kommen und gehen und sind nicht weiter erheblich, Gedanken kommen und gehen und sind nicht weiter erheblich. Wünsche, etwas Gutes zu bewirken, selbst das kommt und geht und ist nicht weiter erheblich. Auch wenn es mir gelungen ist, diese Jnana-Yoga-Gelassenheit eine Weile zu leben und Abstand zu nehmen von bewusster Beherrschung, und selbst wenn es mir immer wieder auch gelungen ist, dabei mein inneres Selbst zu spüren und Verbundenheit zu spüren, merkte ich auch wieder zwei Probleme.

Das eine Problem bei mir war, das innere Engagement wurde weniger, die Lebendigkeit wurde weniger und auch die Fähigkeit, etwas zu tun und zu ändern, wurde weniger. Ich war ja inzwischen auch Ashramleiter, ich war inzwischen jemand, der viel Verantwortung hatte, aber eine gewisse Gleichmut, fast Gleichgültigkeit war zwischendurch die Folge. Insbesondere auch dann die Worte: „Brahma Satyam. Brahman ist wirklich. Jagan Mithya. Die Welt, wie wir sie wahrnehmen, ist unwirklich. Jivo brahmaiva naparah. Das Individuum ist eins mit Brahman.“ Wozu etwas tun, wenn alles Brahman ist, wenn das Relative nur Täuschung ist? Und da es mir wirklich gelungen ist, mich von allem zu lösen und das alles wie einen Traum vorbeiziehen zu lassen, wie geht es weiter? Da war auch wieder das Interessante: Ja, es ist möglich, die Gelassenheit zu haben und es ist auch ein schöner Zustand, aber es fehlt wiederum etwas, es ist irgendwie zu cool. Und beim Unterrichten habe ich auch wieder festgestellt, diese Beobachterrolle einzunehmen bewirkt bei manchen Menschen, die introvertiert sind, dass sie noch introvertierter werden. Und manche Menschen, die schon von Natur aus nicht so engagiert sind, werden vielleicht noch weniger engagiert. Und manche Menschen, die eine Neigung haben, sich von der Welt zurückzuziehen, diese Weltflucht wird weiter gefördert. Wenn wir etwas in der Welt voranbringen wollen, brauchen wir alle Kräfte, brauchen wir auch inneres Feuer.

Bei den meisten, denen ich diese Jnana-Yogalehren gelehrt habe, habe ich auch festgestellt, für eine Weile können das Menschen durchhalten, der Mehrheit sagt diese Jnana Yoga coole Gelassenheit auf die Dauer doch nicht so viel. Nach einer Weile merken sie, sie wollen etwas anderes leben. Du kannst jetzt aber selbst überlegen, ist für dich vielleicht doch diese Jnana Yoga Gelassenheit hilfreich? Und ich meine, es ist eine wichtige Phase und auch eine sehr wichtige Technik, auch eine Technik, die nachher wichtig sein wird vor dem Hintergrund des Königswegs, bei dem ich jetzt momentan bin und den ich für sehr genial halte, wichtig halte, sofort wirksam halte. Der braucht als Grundlage die Fähigkeit der Nicht-Identifikation. Und vielleicht willst du dieses ja auch die nächste Woche nochmals besonders üben. Bewusst zu sein: „Ich bin nicht die Erfahrung, ich bin der Erfahrende.“

Du kannst dir in der nächsten Woche besonders zur Aufgabe machen, wie du es ja schon gehört hast, beobachten aber nicht identifizieren. Eine einfache Form von Gelassenheit. Jnana Yoga ist wie eine Abkürzung. Du brauchst nicht dich vollständig zu beherrschen, alles ist in Ordnung, du kannst dich nur lösen, beobachten und zwischendurch deinen Beobachterstatus genießen, dich selbst erfahren als Satchidananda Swarupoham. Wenn du dann dein Karma abgearbeitet hast, das heißt, alle anderen Erfahrungen gemacht hast, wenn du dein Dharma erfüllt hast, also die Dinge getan hast, die du in diesem Leben zu bewirken hast, dann kannst du zur vollständigen Verwirklichung kommen, Satchidananda Swarupoham.

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