Asanas der Yoga Vidya Grundreihe: Garbhasana – die Stellung des Kindes

Ein Text von Angelika Jüngst:

Als ausgleichende Gegenbewegung nach den rückwärtsbeugenden Stellungen entspannt sich in der Stellung des Kindes (Garbhasana) die Wirbelsäule in einer gekrümmten Haltung, so wie sie es im Mutterleib gewohnt war. Der Körper ganz klein gebogen, mit angezogenen Beinen und an den Körper angelegten Armen und Händen.

Schultern, Arme und Nacken können ganz loslassen, keine Spannung ist fühlbar, alle Muskeln sind locker und weich, das Gesicht der Erde zugewandt.

Ganz klein sind wir in der Stellung des Kindes, zu einem runden Päckchen zusammengerollt, in der sichersten Position von allen: Wie ein Igel haben wir den Rücken nach außen gewandt, die Rippenbögen unter der Haut verborgen als wirksamer Schutz unseres Innersten, alle lebenswichtigen Organe verborgen in der gekrümmten Vorderseite, auch die Kehle, das Gesicht – nichts ist erkennbar, verwundbar.

Ganz in uns selber ruhen wir. Die Aufmerksamkeit verweigert sich den Außenreizen. Zum Halten der Stellung ist keine Konzentration, keine Anspannung notwendig. Der Körper findet von ganz allein zu seiner allerersten Haltung zurück. Er hat oft ein ausgeprägteres Gedächtnis als unser Geist, erinnert sich an die paradiesischen Anfänge seiner Existenz: Die Zeiten des Geborgenseins, des Versorgtseins, der Verschmelzung mit einem anderen, größeren Wesen, das nährt und schützt, trägt und bewegt.

Ein Gefühl der ständigen Zufriedenheit, denn es gibt noch keinen Hunger, keinen Durst, keine Kälte, keine Anstrengung. Alles, was der Organismus braucht, umgibt ihn oder fließt durch die Nabelschnur in ihn, da ist keine Trennung zwischen dem ich und der Mutter, zwischen innen und außen, Individuum und Menschheit.

Alles ist eins, nur der eigene Herzschlag schlägt schon im individuellen Rhythmus: schneller und feiner als der, in der Umgebung hörbare, Herzschlag der Mutter.

Dieses Gefühl der Verbindung mit einem anderen Wesen, vielleicht mit allen Wesen, vielleicht mit allem ohne die Unterscheidung: „wo höre ich auf, wo fängt der andere (das andere) an“, ist für immer in uns verankert. Vielleicht ist dieses Gefühl eine der Triebfedern für die Suche nach Verschmelzung, mit einem anderen, einem höheren Selbst.

Dieses Gefühl von Einheit stellt sich für manchen in der Stellung des Kindes viel anstrengungsloser ein als in einem Meditationssitz, fordert die Stellung doch weit weniger Übung und weniger Beweglichkeit, als beispielsweise der Lotossitz.

Bescheiden und demütig ist sie, voller Hingabe, voller Urvertrauen.

Wie ein Kind sitzen wir vor dem großen Wunder des Lebens, vor dem Großen Unbegreifbaren Allmächtigen Absoluten.

Unter der Kategorie „Hatha Yoga“ findest du die anderen Beiträge von Angelika Jüngst,
zu den verschiedenen Asanas der Yoga Vidya Grundreihe.

Über die Autorin:

Om Namah Shivaya!

Mein Name ist Angelika Jüngst, ich bin 1963 geboren und habe schon immer gern geschrieben. Mein Germanistikstudium habe ich allerdings schon nach einem Semester abgebrochen und lieber mein Diplom in Betriebspsychologie gemacht, dieses Studium erschien mir zum Bestreiten meines Lebensunterhalts besser geeignet. Berufserfahrungen sammeln konnte ich in den Bereichen Eigungsdiagnostik für Azubis, Organisations- und Personalentwicklung. Bis zur Geburt meines ersten Kindes habe ich einen Unternehmensberater, der vor allem als Coach bekannt ist, in einem Buchprojekt unterstützt. Klingt alles rund, aber die Sinnfrage stellte sich mir immer deutlicher, je mehr Ziele erreicht schienen. Nach Heirat, drei Kindern, vielen Sorgen um ihr Wohlergehen und gesundheitlichen Problemen kam ich 2009 endlich zum Yoga. Hier fand sich alles zusammen: Antworten auf meine Fragen nach dem Sinn des Lebens und dem Wesen des Menschen, eigene Weiterentwicklungsmöglichkeiten und Herausforderungen, ein Gefühl von Angekommensein. Und es ergab sich eine für mich unglaublich befriedigende Tätigkeit: Anderen Menschen Yoga nahezubringen.

Die Anfrage, etwas über die Asanas der Yoga Vidya Grundreihe zu schreiben, hat mich gleich angesprochen.

Meine erste Erfahrung mit Yoga fand in einer Turnhalle statt. Die Bewegungen gingen dynamisch ineinander über und ich war als Anfängerin völlig überfordert. Angesagt wurden die Stellungen, aber nicht, wie ich sie am besten einnehme („und jetzt kommt ihr von der schleckenden Katze in den nach unten schauenden Hund“).
So saß ich mit Blick zur Leiterin oder den fortgeschrittenen Teilnehmerinnen schiefhalsig da und versuchte zeitverzögert die Stellungen zu imitieren. Aber selbst so machte mir Yoga Spaß. Als ich hörte, dass man bei Yoga Vidya Hatha Yoga mit genauer Anleitung und mit Hilfestellungen richtig erlernt, die Übungsreihe aus nur 12 Grundstellungen besteht und der Kursleiter selbst nicht mitpraktiziert, sondern ganz für seine Schüler da ist, wusste ich, dass ich bei Yoga Vidya richtig bin. Trotz gesundheitlicher Einschränkungen fühlte ich meine Kraft, meine Beweglichkeit und meine Koordinationsfähigkeit wachsen – als früherer bekennender Sportmuffel ein Wunder.

Kein Wunder war, dass ich neugierig wurde. Wie kann das funktionieren? Was steckt dahinter? In den zwei Jahren der Yogalehrer-Ausbildung wurden zwar viele Fragen beantwortet, aber je intensiver ich mich mit Yoga beschäftige, desto mehr staune ich über die Vielschichtigkeit der Wirkungen.

Sicher habt ihr eigene Assoziationen, Erfahrungen, Einsichten oder gar Eingebungen gehabt, während ihr selbst die Yoga Vidya Grundreihe praktiziert oder unterrichtet. Ich verstehe meine Texte nur als Anregungen und hoffe, euch oder eure Schüler damit zu inspirieren.

Om Shanti!

2 Kommentare zu “Asanas der Yoga Vidya Grundreihe: Garbhasana – die Stellung des Kindes

  1. Wunderschön. Danke für diese gute Artikel-Reihe!

  2. Wunderschön – DANKE ♥

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